Schlagwort-Archive: Leipzig

Kermani. Ein Plädoyer für den Dialog – Buchmessensplitter III

Navid Kermani plädiert für den Dialog. Die Haltung, man wisse alles besser und die anderen müssten auch so werden, verstärke letztlich nur die Abwehr. So werde man nicht zusammenkommen. Er bricht eine Lanze fürs Zuhören und den Austausch und sagt von sich: „Ich bin viel neugieriger auf die, die nicht meiner Meinung sind als auf jene, die sowieso die gleiche Meinung haben.“

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Die Žižek-Show. Für eine neue Linke und gegen das Glück – Buchmessensplitter II

Wenn Slavoj Žižek auf dem Blauen Sofa erst einmal loslegt, kommt der Moderator kaum noch zu Wort. Ständig in Bewegung, auf dem Sitz hin- und herrutschend, mit dem Oberkörper vor- und zurückwippend und mit den Armen wild gestikulierend gibt der Philosoph den Alleinunterhalter. Glaube und Sex hätten eine Gemeinsamkeit, sagt er, beide strebten nach dem Höchsten. Munter teilt er gegen die Linke und die sozialdemokratischen Parteien Europas aus, die es aufgrund ihres neoliberalen Kurses ermöglicht hätten, dass rechte Populisten ihre Ideen klauen konnten. Der Aufstieg der rechten Parteien sei eine Folge des Scheiterns der Linken. Es brauche eine neue Linke. Da kann man noch ganz gut mitgehen. Sind ja auch nicht so ganz neu diese Thesen.

Doch gegen Ende des 30-minütigen Monologs läuft Žižek so richtig heiß, antwortet auf die rasch eingeworfene Zwischenfrage des Moderators, was er vom Glück halte: „Ich bin absolut gegen das Glück.“ Die Suche nach dem Glück sei nicht sinnvoll, sie sei eine Kategorie für Feiglinge. „Sie werden mich vermutlich für einen Nazi halten, aber ich würde diese ganzen Bücher über das Glück verbrennen.“ Und dann legt er – mit seiner Lust an der polemischen Provokation – nach: „Ich bin gegen Goebbels, aber weil er die falschen Bücher verbrannt hat.“

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Sperrige Literatur. Nicht für jedermann! – Buchmessensplitter I

Nachdem die Bahn mich mit knapp anderthalbstündiger Verspätung und doppeltem Zugwechsel am Helmstedter Bahnhof in Leipzig abgesetzt hat, ist die Preisverleihung auf der Buchmesse bereits gelaufen. Zumindest die letzten 10 Interview-Minuten der Preisträgerin Esther Kinsky (in der Kategorie Belletristik) auf dem Blauen Sofa bekomme ich noch mit. „Hain. Geländeroman“ wurde also ausgezeichnet.

Tatsächlich hatte ich vorab auf Kinsky getippt, obwohl ich es vorab noch nicht gelesen hatte. Aber es schien mir – nach allem, was ich darüber gelesen und gehört hatte – ein Buch, für das sich eine Jury begeistern könnte. Ein schwieriges, ein sperriges Buch, das nicht für jeden sei und dass man langsam lesen müsse, hieß es von Seiten der Jury dann auch.

Mal schauen, ob man damit die abhanden gekommenen Leser*innen zurückgewinnen kann. Beherrschendes Gesprächsthema wird dieser Geländeroman in den kommenden Wochen vermutlich nicht sein. Und genau das sei ein Problem, meint der Soziologe Heinz Bude während eines Gesprächs auf der Messe: „Das Buch ist kein Konversationsthema mehr“.

 

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Bunt und weltoffen trotz rechter Ecke

Wenn in Leipzig Buchmesse ist, dann feiert fast die ganze Stadt ein Literaturfest

Überfüllte Straßenbahnen und Straßenbahnfahrer, die es mit Humor nehmen („Willkommen in der Leipziger Kuschelbahn!“). Tausende vor allem junge Besucher, die in aufwendigen Kostümen trotz heftigen Wintereinbruchs als bunte Comicfiguren verkleidet durch die Stadt und die sechs Messehallen flanieren. Dicke Kondenswassertropfen, die vom Dach der zentralen Glashalle auf die Gäste, die Bücher und die vorlesenden Autoren klatschen. Etliche bekannte Schriftsteller wie Bernhard Schlink, Jojo Moyes, Sebastian Fitzek oder Klaus Modick, die ihre neuen Werke vorstellen, und zahllose unbekannte Schreiberlinge, die bei den bekannten Kollegen und den Ständen der Verlage, mit ihren Manuskripten hausieren gehen – in der Hoffnung jemand möge auch ihren Roman veröffentlichen.

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Unreparierbare Jahressplitter – III

Eine Schnipsel-Melange – März

Buchmesse – Die ewige Wiederkehr der Nichtleser

Ankunft in Leipzig. Vor dem Bahnhof scheint mir die Mittagssonne ins Gesicht. Buchmessevorfreude. An der Ampel vor der Straßenbahnhaltestelle steht eine junge Frau und verteilt kostenlos kleine gelbe Büchlein. Eines davon hält sie dem Mann vor mir hin.

Der schüttelt den Kopf, sagt: „Nein danke, ich lese nicht!“, und geht weiter.

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Bin ein Schreiberling

Einer der Höhepunkte auf der Buchmesse: Peter Wawerzinek in Aktion – lesend, labernd, gestikulierend. Ein goldiges Original, gefüllt mit Witz, Verve und Poesie. „Bin ein Schreiberling“ – so der programmatische Titel seines neuen Buchs. Und was für einer!

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Im Schatten

In seinem Erzählungsband bewegt sich Clemens Meyer erneut am Rand der Gesellschaft

Als „Türsteher der neuen sozialen Literatur“ wurde der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer bezeichnet. Das liegt zum einen an den Milieus, in denen seine Geschichten spielen, und zum anderen an seinem nüchternen bis harten Ton. Ob in seinem Debüt „Als wir träumten“, seinem (2008 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten) ersten Erzählungsband „Die Nacht, die Lichter“ oder seinem (2014 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichneten) Roman „Im Stein“ – stets rückt Meyer Figuren ins Rampenlicht, die sonst auf der Schattenseite leben.

So gesehen bleibt sich der 39-Jährige in seinem zweiten Erzählungsband „Die stillen Trabanten“ treu. Dieses Mal sind es zwar keine Arbeitslosen, Kriminellen oder Prostituierten, denen sich Meyer zuwendet, aber es sind jene, die sich in meist schlecht bezahlten Jobs abmühen und dennoch auf keinen grünen Zweig kommen. Da ist zum Beispiel ein Wachmann, der seit vielen Jahren seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und an die Zeit zurückdenkt, als sich eine zarte Romanze mit einer der Bewohnerinnen zu entwickeln begann – bis sie plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Oder der Imbissbudenbesitzer, der eine Freundschaft mit seinem streng muslimischen Nachbarn pflegt und sich zugleich in dessen Freundin verliebt.

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