Engel und Liebende

Olga Martynova erzählt von den Problemen der Liebe

Als Olga Martynova 2013 in einem Interview gefragt wurde, worum es in ihrem prämierten Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gehe, fiel ihr die Antwort nicht leicht. Es gehe um Vieles, meinte die deutsch-russische Autorin schließlich, aber vor allem um die Liebe. Gleiches ließe sich über ihren Roman „Der Engelherd“ sagen. Auch hier geht es um dies und das, jedoch vor allem um das ganz große Gefühl. Zum Beispiel um die Liebe zwischen dem in die Jahre gekommenen Erfolgsschriftsteller Caspar Waidegger und der etwa halb so alten Doktorandin Laura, die über Waideggers Werk promoviert. Ob Laura tatsächlich den Mann liebt oder vielleicht doch nur sein Werk, weiß sie selbst nicht so genau. Der Autor hingegen scheint bloß seine Ruhe haben zu wollen und die Möglichkeit, bei Bedarf über Laura zu verfügen. Erst als diese sich von ihm zu lösen beginnt, spürt er, dass er mehr für sie empfindet – doch die entscheidenden Worte bleiben ungesagt.

Auch Waideggers Liebe zu seiner behinderten Tochter Maria ist problematisch. Er hat sie früh in ein Pflegeheim gegeben – zwar im Glauben, dass es für sie und für ihn selbst am besten sei, aber die Zweifel nagen dennoch an ihm. Maria jedoch liebt ihren Vater und tauscht sich darüber mit den Engeln aus, die nicht nur sie, sondern alle Romanfiguren umgeben. Die recht sonderbaren Gespräche dieser Engel finden sich in einem Journal, das eine zweite Romanebene bildet. Und als wäre das noch nicht genug, hat Martynova eine weitere Ebene eingebaut: Das Manuskript des Romans, an dem Waidegger arbeitet und in dem er die Gesichte einer Schauspielerin erzählt, deren ebenfalls behinderte Tochter von einem Nazi-Arzt ermordet wird.

Die 1962 in Sibirien geborene Martynova, die ihre Lyrik auf Russisch und ihre Prosa auf Deutsch verfasst, weiß virtuos mit Sprache umzugehen. Das beweist sie auch in ihrem dritten Roman, der allerdings ein wenig überambitioniert und überfrachtet daherkommt. Letztlich wäre das Buch genauso gut mit ein oder zwei Handlungssträngen weniger ausgekommen – aber vielleicht wäre eine reine Liebesgeschichte zwischen einem alternden Schriftsteller und einer Doktorandin auch ein wenig zu banal.

Olga Martynova: Der Engelherd. S. Fischer, Frankfurt am Main. 368 Seiten, 23,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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