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Kunst oder Familie

Das Bremer Theater arbeitet weiter daran, Karl Ove Knausgårds Romanzyklus „Min Kamp“ nach und nach auf die Bühne zu bringen. Die Inszenierung des zweiten Teils („Lieben“) vermittelt eine Ahnung davon, was Millionen von Lesern in den Bann gezogen haben könnte.

Wenn Karl Ove zu erzählen beginnt, dann gibt es kein Halten mehr. Voller Leidenschaft berichtet er von seinem Leben, seinem Schreiben und von Linda, in die sich der eigentlich bereits liierte Schriftsteller während eines Schreibworkshops verliebt hat – und die ihn durch einen Korb in eine existenzielle Krise stürzt. Nichts von seinen Gefühlen, seinen Abstürzen und seiner Scham verschweigt Karl Ove. Alles muss raus!

Der Mann, um den es hier geht, ist natürlich der norwegische Erfolgsschriftsteller Karl Ove Knausgård, der mit seinem sechsbändigen autobiografischen Erzählprojekt „Min Kamp“ zu einer Art Popstar der Literatur avanciert ist und weltweit die Massen fasziniert. Eine Faszination, die auch der Regisseur Frank Abt zu teilen scheint. Nachdem er den ersten Band („Sterben“) von Knausgårds Erzählprojekt in Bremen auf die Bühne gebracht hat, hat nun seine Inszenierung des zweiten Bandes („Lieben“) im Schauspielhaus Premiere gefeiert. Wie schon im ersten Teil setzt Abt auf Reduktion und ein kleines Ensemble. Auf der Bühne sieht man eine schlauchartig enge Wohnung, die sich aus drei Bereichen zusammensetzt (Bühnenbild: Susanne Schuboth). Da ist das Wohnzimmer mit Flügel und Stehlampe zur Linken, die Küchenzeile im Zentrum und zur Rechten der Arbeitsbereich von Karl Ove – ein Tisch und ein Stuhl.

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Eingeordnet unter Bremen, Zusatzstoffe

Bezaubert in den Abgrund

In seinem Roman „Hagard“ lässt Lukas Bärfuss einen erfolgreichen Geschäftsmann virtuos in den Abgrund einer plötzlich entfachten Leidenschaft stürzen und übt dabei deutliche Kritik an dem von Pragmatismus und Technikgläubigkeit geprägten modernen Leben

Philip ist ein erfolgreicher Immobilienhändler, der mitten im Leben steht. In Zürich hat er sein Büro mit einer Sekretärin und seine Wohnung mit einer Hausangestellten, die sich auch um seinen Sohn kümmert. Philip ist elegant gekleidet, fährt einen dunkelblauen BMW und agiert mit gesundem Selbstbewusstsein. „Es war unwahrscheinlich, dass jemand wie dieser Philip sich ein anderes Schicksal wählen und sich innerhalb weniger Tage, um nicht zu sagen, Stunden, von einem soliden, gesicherten Dasein an den Rand der eigenen Vernichtung bringen würde.“

Und doch passiert genau das! Dieser Philip verfällt aus dem Nichts heraus einer fremden Frau, die er in einem Kaufhaus erblickt, während er auf einen potenziellen Geschäftspartner wartet, der einen lukrativen Deal verspricht. Als Erstes erblickt Philip bloß die Schuhe der Fremden – pflaumenblaue Ballerinas – und plötzlich ist er im Bann dieser Frau. Zuerst folgt er ihr offenbar allein aus spielerischer Neugier heraus durch die Stadt; doch diese Neugier wird nach und nach zu einer Obsession, zu einem zwanghaften Begehren, das ihm letztlich zum Verhängnis wird.

Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag.“

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

Engel und Liebende

Olga Martynova erzählt von den Problemen der Liebe

Als Olga Martynova 2013 in einem Interview gefragt wurde, worum es in ihrem prämierten Roman „Mörikes Schlüsselbein“ gehe, fiel ihr die Antwort nicht leicht. Es gehe um Vieles, meinte die deutsch-russische Autorin schließlich, aber vor allem um die Liebe. Gleiches ließe sich über ihren Roman „Der Engelherd“ sagen. Auch hier geht es um dies und das, jedoch vor allem um das ganz große Gefühl. Zum Beispiel um die Liebe zwischen dem in die Jahre gekommenen Erfolgsschriftsteller Caspar Waidegger und der etwa halb so alten Doktorandin Laura, die über Waideggers Werk promoviert. Ob Laura tatsächlich den Mann liebt oder vielleicht doch nur sein Werk, weiß sie selbst nicht so genau. Der Autor hingegen scheint bloß seine Ruhe haben zu wollen und die Möglichkeit, bei Bedarf über Laura zu verfügen. Erst als diese sich von ihm zu lösen beginnt, spürt er, dass er mehr für sie empfindet – doch die entscheidenden Worte bleiben ungesagt.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

Liebe statt Koks

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Alkohol, Koks und Sex gibt es jede Menge im neuen Roman des Österreichers Thomas Glavinic. Zum Glück jedoch bietet „Der Jonas-Komplex“ neben den Drogeneskapaden eines taumelnden Egozentrikers auch noch eine Adoleszenz-, eine Liebes- und eine Abenteuergeschichte, die zusammen für ausgefallenere Unterhaltung sorgen.

Von Schreib- und Identitätskrisen geplagte Schriftsteller, die deutlich mehr Flaschen leeren als Seiten mit Text füllen, finden sich zuhauf in der Literaturgeschichte. Liegt ja auch nahe, die eigene Krise zu einem literarischen Stoff zu verarbeiten. Originell ist das indes nicht unbedingt und auf Dauer meist ziemlich öde, weshalb sich nach den ersten 100 der insgesamt 750 Seiten von Thomas Glavinics Roman „Der Jonas-Komplex“ die Sorge einschleicht, dass es endlos weitergehen könnte mit Linien ziehen, Schnäpse kippen und Potenzproblemen. Geht es dann zum Teil auch, allerdings nur auf jener einen Handlungsebene, in der die Story des Berufsliteraten erzählt wird, der durchaus das Alter Ego von Glavinic sein könnte, denn die beiden haben über Beruf, Alter und Herkunft hinaus noch einiges gemein (schließlich gilt der 43-jährige Wiener als Enfant terrible der Literaturszene).

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

Holterdiepolter in die Krise

SBerg-sw

Liebe oder Sex heißt die Frage bei Sibylle Berg

Altern ist nichts für Feiglinge. Dieser Gedanke drängt sich auf beim Lesen von Sibylle Bergs neuem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. In dessen Handlungsverlauf kämpft sich ein alterndes Paar durch eine existenzielle Krise. Chloe und Rasmus sind beide Ende vierzig und seit 20 Jahren einander innig verbunden. Sie lieben den jeweils anderen, weil es mit ihm bequem ist. Im Bett läuft zwar schon lange nichts mehr, aber man kann nicht alles haben, und überhaupt halten beide Sex für überbewertet.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2015

LIEBESLÖFFEL

Vor ein paar Tagen traf ich in der Innenstadt zufällig einen ehemaligen Studienkollegen, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte. Früher hatten wir beide oft stundenlang in Kneipen die Köpfe zusammengesteckt, über Projekten gebrütet oder einander von unseren meist armseligen Frauengeschichten berichtet; doch nach dem Studium hatten wir uns peu à peu aus den Augen verloren.

Nun stand er wieder vor mir, trübte meine Wiedersehensfreude jedoch dadurch, dass er mich in ein sonderbar anmutendes Small Talk-Geplänkel verwickelte. Nach einer minutenlangen Oberflächenerkundung kam er schließlich zur Sache und verkündete stolz, dass er vor wenigen Tagen geheiratet habe.

Wir passen wirklich gut zueinander“, sagte er. „Wir benutzen beide beim Frühstück einen Extralöffel für die Marmelade.“

Ich stutzte. In all den Jahren der Partnersuche hatte ich mich auf Kriterien wie Charakter, Intelligenz und Humor konzentriert, darüber hinaus hatten des Öfteren auch Gesicht, Frisur oder Körperbau einen gewissen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt ausgeübt – das Benutzen eines Extralöffels für die Marmelade indes hatte nie eine Rolle gespielt.

Leicht irritiert kommentierte ich den Satz meines Bekannten mit einem spärlichen „Aha“, mehr wusste ich nicht zu sagen. Das schien meinem Gegenüber keine angemessene Reaktion zu sein, jedenfalls musterte er mich kurz, eröffnete mir dann, dass er nun dringend weiter müsse, drehte sich um und schritt davon.

Ich ohrfeigte mich innerlich für mein fehlendes Einfühlungsvermögen; und um zumindest im Nachhinein einen Hauch von Empathie aufzubringen, versuchte ich, mir in einer Art Gedankenexperiment die Situation meines Bekannten bildlich mit liebevollen Details auszumalen, indem ich mir folgendes Szenario zusammenfantasierte:

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Eingeordnet unter Storys