Tee trinken und Haikus schreiben

In ihrem Roman „Die Kieferninseln“ schickt die Schriftstellerin Marion Poschmann einen kriselnden Bartforscher nach Japan

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, hat geträumt, und zwar von seiner Frau. Nach diesem nächtlichen Traum ist er sich sicher, dass Mathilda ihn betrügt. Entschlossen stellt er sie zur Rede, klagt sie an, beleidigt sie und glaubt sie sogleich überführt, da sie alles abstreitet. Zutiefst gekränkt fährt er zum Flughafen, kauft sich in einer Kurzschlussreaktion ein Ticket für den nächstbesten Interkontinentalflug und landet einen Tag später in Tokyo. Ohne zu wissen, was er dort soll, und mit einer tiefen Abneigung gegen alle „Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum“.

Das ist die Ausgangssituation in Marion Poschmanns vierten Roman „Die Kieferninseln“, der auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Vier Jahre nach ihrem viel gelobten sowie mehrfach prämierten Roman „Die Sonnenposition“ stellt die 1969 in Essen geborene Lyrikerin ein weiteres Mal unter Beweis, dass sie auch in der Prosa eine virtuose Könnerin ist. Mit einem feinen Sinn für Humor und einem genauen Blick für die japanische Kultur schickt sie ihren Protagonisten auf eine Entdeckungstour, die inspiriert ist von der Pilgerreise Matsuo Bashōs, des großen Erneuerers des japanischen Haikus. Dessen Reisebeschreibungen dienen Gilbert als Anleitung für „sein Projekt der Abwendung“, dem er sich in Japan widmen will.

Allerdings kommt ihm rasch ein zweites Projekt dazwischen, und zwar in Form des Studenten Yosa, der mit einer Reiselektüre der anderen Art unterwegs ist – mit dem „Complete Manual of Suicide“. In diesem (tatsächlich real existierenden) Werk werden mehrere Orte beschrieben, die sich für einen Selbstmord besonders eignen. Kurz entschlossen begleitet Gilbert den lebensmüden Studenten bei seiner Suche nach dem passenden Schauplatz für einen Suizid. Und so klappern sie gemeinsam empfohlene Orte ab, übernachten in einem Selbstmörder-Wald, trinken diverse Tassen Tee, schreiben zusammen Haikus über Kirschblüten, Kiefern und Vulkansteine und verlieren sich schließlich aus den Augen. Wobei sich gegen Ende die Frage stellt, ob Poschmann ihre Leser nicht eventuell hinters Licht führt und der sich vor Geistern fürchtende Yosa gar selbst ein Geist sein könnte. Doch wer weiß das schon so genau zu sagen. Am besten selbst nachlesen und bei einer Tasse Matcha-Tee anschließend darüber nachsinnen, worin genau der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit besteht.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp, Berlin. 167 Seiten, 20,- €

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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