Schlagwort-Archive: Selbstmord

Ego-Gesellschaft ohne Herz

Juli Zeh hält in ihrem Politthriller „Leere Herzen“ der Gegenwart den Spiegel vor

Wir schreiben das Jahr 2025. In Deutschland ist die rechtspopulistische Besorgte-Bürger-Bewegung (BBB) an der Macht, die in sogenannten Effizienzpaketen nach und nach die Demokratie abbaut. Manche sind darüber empört, andere schimpfen nur halbherzig, da die BBB zwar nicht sehr demokratisch agiere, aber dennoch gute Ideen habe – und der Mehrheit ist es sowieso egal, da sie sich längst von der Politik abgewandt hat und eher auf ihr Wahlrecht als auf ihre Waschmaschine verzichten würde.

Zynische Geschäfte mit Selbstmordgefährdeten

So sieht die Zukunft aus in Juli Zehs Politthriller „Leere Herzen“. Eine trist anmutende Gesellschaft, die sich indes ideal eignet für ein zynisches Geschäftsmodell, wie es Britta Söldner und Babak Hamwi betreiben. Die extrem ehrgeizige Akademikerin und der IT-Nerd haben innerhalb weniger Jahre ihre Firma „Die Brücke“ aufgezogen, eine äußerst spezielle Heilpraxis. Mithilfe eines Algorithmus spüren sie Suizidgefährdete auf und lassen sie ein mehrstufiges Verfahren durchlaufen, um zu testen, ob sie wirklich tief durchdrungen sind von ihrem Selbstmordwunsch. Neunzig Prozent der Kandidaten werden im Laufe des Verfahrens geheilt und kehren dankbar in ihr Leben zurück. Die restlichen zehn Prozent vermittelt „Die Brücke“ für Geld an islamistische Terrorgruppen oder radikale Ökoaktivisten, damit sie in deren Namen Selbstmordattentate verüben. Das Geschäft mit den Suizidalen läuft bestens, bis sich eines Tages eine ominöse, auch nicht vor Gewalt zurückschreckende Gruppe namens „Empty Hearts“ für das Geschäftsmodell der „Brücke“ zu interessieren beginnt.

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Tee trinken und Haikus schreiben

In ihrem Roman „Die Kieferninseln“ schickt die Schriftstellerin Marion Poschmann einen kriselnden Bartforscher nach Japan

Gilbert Silvester, Privatdozent und Bartforscher im Rahmen eines Drittmittelprojekts, hat geträumt, und zwar von seiner Frau. Nach diesem nächtlichen Traum ist er sich sicher, dass Mathilda ihn betrügt. Entschlossen stellt er sie zur Rede, klagt sie an, beleidigt sie und glaubt sie sogleich überführt, da sie alles abstreitet. Zutiefst gekränkt fährt er zum Flughafen, kauft sich in einer Kurzschlussreaktion ein Ticket für den nächstbesten Interkontinentalflug und landet einen Tag später in Tokyo. Ohne zu wissen, was er dort soll, und mit einer tiefen Abneigung gegen alle „Länder mit überdurchschnittlichem Teekonsum“.

Das ist die Ausgangssituation in Marion Poschmanns vierten Roman „Die Kieferninseln“, der auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Vier Jahre nach ihrem viel gelobten sowie mehrfach prämierten Roman „Die Sonnenposition“ stellt die 1969 in Essen geborene Lyrikerin ein weiteres Mal unter Beweis, dass sie auch in der Prosa eine virtuose Könnerin ist. Mit einem feinen Sinn für Humor und einem genauen Blick für die japanische Kultur schickt sie ihren Protagonisten auf eine Entdeckungstour, die inspiriert ist von der Pilgerreise Matsuo Bashōs, des großen Erneuerers des japanischen Haikus. Dessen Reisebeschreibungen dienen Gilbert als Anleitung für „sein Projekt der Abwendung“, dem er sich in Japan widmen will.

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