Eugenik statt Sozialismus

Uwe Timm setzt sich in seinem Roman „Ikarien“ mit dem Eugeniker Alfred Ploetz auseinander

April 1945. Die Nazis sind besiegt und der junge Germanist Michael Hansen kehrt als amerikanischer Leutnant in das Land seiner frühen Kindheit zurück. Dort erhält er den Auftrag, einen Dissidenten namens Karl Wagner zu befragen – und zwar zu dessen einstigem Freund Alfred Ploetz. Ploetz war unter den Nazis zu einem der führenden Eugeniker avanciert, der mit seinen Forschungen die Ideen der Rassenhygiene zu untermauern versuchte. Ursprünglich waren der Sozialist Wagner und der spätere Rassentheoretiker Ploetz verbunden durch die gemeinsame Vision, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Doch während Wagner das über grundlegende politische Veränderungen zu erreichen hoffte, zweifelte Ploetz immer stärker an der menschlichen Beschaffenheit an sich; bis er schließlich davon überzeugt war, dass sich die ideale Gesellschaft nur über die Optimierung des Menschen verwirklichen ließe.

In seinem aktuellen Roman „Ikarien“ hat Uwe Timm sich – nach Büchern wie „Morenga“ oder „Am Beispiel meines Bruders“ – erneut der deutschen Geschichte angenommen, die zugleich verknüpft ist mit seiner eigenen Biografie, denn der Mediziner Alfred Ploetz war der Großvater seiner Frau Dagmar Ploetz. Die Biografie und die Theorien dieses Mitbegründers der Eugenik stellt Timm geschickterweise nicht durchgehend ins Zentrum seines wuchtigen Romans. Durch die Erfindung des ehemaligen Weggefährten Wagner und die Interviews, die der ebenso fiktive Hansen mit ihm führt, entwickelt sich zugleich eine alternative Biografie, nämlich die des Sozialutopisten Wagner. Und so entsteht das Doppelporträt zweier Männer, die einst als Freunde den gleichen Traum hatten und im Laufe ihres Lebens extrem unterschiedliche Wege einschlugen, um ihn zu verwirklichen.

Uwe Timm: Ikarien. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 512 Seiten, 24,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2017

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