Unreparierbare Jahressplitter – XII

Eine Schnipsel-Melange – Dezember

Abschlusslesung – Die Widerborstigkeit der Wörter

Noch eine Lesung. Noch ein Text. Ein Jahresrückblick wäre schön. Gern unterhaltsam. Ein bisschen witzig wäre auch toll. Aber der Text sollte natürlich zudem dem gehobenen Anspruch des durchaus kritischen Fachpublikums genügen.

Nichts leichter als das, denke ich und beginne sogleich erste Ideen und mögliche Handlungsfäden zu entwickeln, spinne Tag für Tag meinen Text fort, wäge im Gedanken diese oder jene Wendung ab. Schließlich gelingt es mir im Laufe der Wochen durch intensivste Kopfarbeit den Text am Abend vor der Lesung zu vollenden – zumindest in meinem Hirn. Dass ich noch keinen einzigen Satz zu Papier gebracht habe, empfinde ich als nebensächlich.

Kein Grund zur Panik, sage ich mir, der Text ist ja schon in deinem Kopf, da kann nichts mehr schiefgehen, das Ganze muss bloß noch runtergeschrieben werden.

Mit diesem Gedanken beruhige ich mich, lege mich ins Bett und versinke im seligen Schlummer.

Am nächsten Morgen bin ich bereit für die Vollendung meines Textes, wärme mich mit vier Tassen Kaffee und einer zweistündigen Zeitungslektüre auf, bevor ich schließlich loslege!

Ich beginne mit dem ersten Satz, den ich ja bereits im Kopf fertig vorformuliert habe, der sich nun allerdings dagegen sträubt, exakt so zu Papier gebracht zu werden.

Schwarz auf Weiß vermag nicht mehr jedes Wort vollständig zu überzeugen, überhaupt scheint mir der komplette Satz bei näherer Betrachtung arg grobschlächtig skizziert; einige Wörter scheinen schlampig gewählt, manche wirken blass, andere reiben sich an ihren unmittelbaren Nachbarn; wiederum andere wollen sich nicht mit jenen vertragen, die weit vorne oder hinten im Satz einen Platz ergattert haben.

Diese Widerborstigkeit der Wörter zwingt mich dazu, nach Synonymen zu suchen, an Formulierungen zu feilen, Halbsätze hin- und herzuschieben, Wörter zu tilgen und über die Harmonie stiftende Wirkung von Satzzeichen nachzugrübeln.

Stunden später liegt ein Trümmerhaufen vor mir. Lauter Schnipsel, die sich innerhalb der nächsten zwei Stunden vor der Lesung niemals zu einem Ganzen fügen werden.

Aber wer sagt eigentlich, dass ein Text eine in sich geschlossene Konstruktion sein muss?

Also nehme ich meinen Schnipselhaufen, füge die einzelnen Teile irgendwie zusammen und nenne das Ganze Montage – oder noch besser: Melange.

Das klingt zumindest irgendwie originell.

Und tatsächlich, siehe da: Am Ende ergeben die Schnipsel offenbar ein Ganzes, denn nach der Lesung klatscht das Publikum. Und das Publikum kann sich nicht irren – irrt sich niemals.

Und so endet das Jahr, das mit der Apokalypse begonnen hat, schließlich mit Applaus!

3 Kommentare

Eingeordnet unter Schnipsel

3 Antworten zu “Unreparierbare Jahressplitter – XII

  1. Cora Koltes

    So ist es ☺
    Applaus, Applaus! Das war ein unterhaltsamer Jahresabschluss.
    Wünsche einen guten Start in das neue Jahr und dass es fröhlich und unterhaltsam weitergeht ☺

    Gefällt 1 Person

  2. Cora Koltes

    Danke 🙂

    Gefällt mir

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