Kunst oder Familie

Das Bremer Theater arbeitet weiter daran, Karl Ove Knausgårds Romanzyklus „Min Kamp“ nach und nach auf die Bühne zu bringen. Die Inszenierung des zweiten Teils („Lieben“) vermittelt eine Ahnung davon, was Millionen von Lesern in den Bann gezogen haben könnte.

Wenn Karl Ove zu erzählen beginnt, dann gibt es kein Halten mehr. Voller Leidenschaft berichtet er von seinem Leben, seinem Schreiben und von Linda, in die sich der eigentlich bereits liierte Schriftsteller während eines Schreibworkshops verliebt hat – und die ihn durch einen Korb in eine existenzielle Krise stürzt. Nichts von seinen Gefühlen, seinen Abstürzen und seiner Scham verschweigt Karl Ove. Alles muss raus!

Der Mann, um den es hier geht, ist natürlich der norwegische Erfolgsschriftsteller Karl Ove Knausgård, der mit seinem sechsbändigen autobiografischen Erzählprojekt „Min Kamp“ zu einer Art Popstar der Literatur avanciert ist und weltweit die Massen fasziniert. Eine Faszination, die auch der Regisseur Frank Abt zu teilen scheint. Nachdem er den ersten Band („Sterben“) von Knausgårds Erzählprojekt in Bremen auf die Bühne gebracht hat, hat nun seine Inszenierung des zweiten Bandes („Lieben“) im Schauspielhaus Premiere gefeiert. Wie schon im ersten Teil setzt Abt auf Reduktion und ein kleines Ensemble. Auf der Bühne sieht man eine schlauchartig enge Wohnung, die sich aus drei Bereichen zusammensetzt (Bühnenbild: Susanne Schuboth). Da ist das Wohnzimmer mit Flügel und Stehlampe zur Linken, die Küchenzeile im Zentrum und zur Rechten der Arbeitsbereich von Karl Ove – ein Tisch und ein Stuhl.

Wenig Spiel, viel Erzählwucht

Tatsächlich gespielt wird auf dieser Bühne eher wenig, in erster Linie wird erzählt. Wie erzählt wird, das hat allerdings durchaus eine Wucht – was vor allem an dem Darsteller Robin Sondermann liegt, der den Knausgård mimt. Mit einem Wollpulli gekleidet und einer Kaffeetasse in der Hand sitzt er am Tisch und simuliert den Schreibprozess, ohne auch nur eine einzige Zeile zu schreiben. Stattdessen spricht er direkt zum Publikum und zugleich in eine kleine Kamera, die sein Bild an die Rückwand wirft. Sondermann bewältigt dabei nicht bloß eine Unmenge an Text aus dem über 700 Seiten starken Roman, sondern er vermittelt zugleich eine Ahnung davon, was Millionen von Lesern in den Bann gezogen haben könnte: Dieser Knausgård berauscht sich so sehr an den eigenen Erlebnissen und Emotionen, dass seine Egozentrik, sein Exhibitionismus und seine überzogene Dramatik einem zwar ungeheuer auf die Nerven gehen können, aber zugleich einen Sog ausüben, dem man sich kaum entziehen kann.

In „Lieben“ geht es indes nicht allein um den Rausch des Verliebtseins, sondern auch darum, wie es weitergeht, wenn man doch noch zueinanderfindet, zusammenzieht, Kinder bekommt und den Alltag bewältigen muss. Während Karl Ove sich noch mitten in seinem Redeschwall befindet, treten plötzlich drei Mädchen auf die Bühne, spielen mit Puppen, bereiten Essen zu, nutzen den Arbeitsplatz als Küchentisch und die Bücher als Untersetzer für den Topf.

Zwischen Hausarbeit & Exhibitionismus zerbröselnde Liebe

Die Verpflichtungen für die Familie nehmen immer mehr Raum ein, drängen das künstlerische Schaffen in den Hintergrund – und eines Tages muss der Autor erkennen, dass die einst so intensiv empfundene Liebe inmitten des Streits um die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder verendet. Dazu passend stimmt der Musiker Torsten Kindermann am Flügel Joy Divisions „Love will tear us apart“ an.

Doch nicht allein die Alltagskonflikte reißen die Liebenden auseinander, sondern ebenso das Schreiben, denn in seinen Romanen entblößt Knausgård auch die Menschen, die ihn umgeben. Zum Beispiel seine Frau Linda, die in der zweiten Hälfte des Abends in der Gestalt von Fania Sorel auf die Bühne tritt und aus dem Buch ihres Mannes vorzulesen beginnt – und zwar Passagen, die beschreiben, wie er sich von ihr in die Enge getrieben fühlt und aufhört, sie zu lieben. Mehrmals wird Linda beim Lesen wütend, schleudert das Buch gegen die Wand und kann ihm doch nicht entkommen, denn es ist überall – neben der Spüle, in der Küchenschublade und sogar im Kühlschrank.

Leider büßt die Inszenierung in der zweiten Hälfte einiges von ihrer Erzählwucht ein, denn Sorel liest tatsächlich ab, und zwar so, als würde sie den Text zum ersten Mal lesen. Dadurch fällt die Performance von Sorel im Vergleich zu der energiegeladenen Leistung von Sondermann extrem ab. Doch wenn man sich an diese Darstellung gewöhnt hat, spürt man, wie der Text durch diese zweite Perspektive eine weitere Dimension gewinnt – weg vom Ego, hin zu der unmittelbaren Wirkung auf die Betroffenen. Es wird deutlich, wie schwer erträglich es für Knausgårds Familie sein dürfte, dass ihr Leben so unbarmherzig offengelegt wird; und so passt es ganz gut, dass am Ende des Abends die Kinder die Rückwand der Wohnung aufstoßen, sodass sich ein Spalt in die Freiheit öffnet. Die Familie verschwindet durch den Spalt, Knausgård bleibt zurück. Er mag jetzt frei sein, aber er bleibt auch allein mit sich an seinem Arbeitstisch.

Inzwischen hat das Bremer Theater auch den dritten Teil („Spielen“) auf die Bühne gebracht und feiert heute die Premiere des vierten Teils („Leben“). Angelegt ist das Theaterprojekt auf sechs Teile.

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