Verbranntes Leben

Am vergangenen frühen Dienstagmorgen hörte ich in den Nachrichten, dass der Kriegsreporter Arkadi Babtschenko ermordet worden sei und war schockiert. Als ich nach einem mit Arbeit gefüllten Tag erst wieder abends Nachrichten hörte, war Babtschenko wieder quicklebendig, was zuerst einmal eine gute Nachricht war, auch wenn die vom ukrainischen Geheimdienst und Babtschenko inszenierte Geschichte sicherlich extrem fragwürdig ist. Vermutlich büßt Babtschenko damit viel Glaubwürdigkeit ein, was sehr bedauerlich ist, da seine Reportagen empfehlenswert sind (jedenfalls, wenn man sich so harten Stoff zumuten möchte). Deshalb poste ich an dieser Stelle meine Rezension, die ich vor vier Jahren zu Babtschenkos damals frisch erschienem Buch „Ein Tag wie ein Leben“ geschrieben habe.

Ein Tag wie ein Leben“ (2014) versammelt Reportagen von Arkadi Babtschenko, der damit knallharte Kriegsprosa inklusive ätzender Kritik an Russlands Politik liefert

Dass der Lebenslauf meist nicht in jene Richtung strebt, die man sich einst erträumt hat, ist eine Binsenweisheit. Letztlich reicht es für die wenigsten zum Lokführer, zur Astronautin oder zum Filmstar. Das ist an sich nicht weiter tragisch, schließlich lässt es sich auch als Bankkauffrau, Lehrer oder Mechatronikerin gut leben. Was aber, wenn man als junger Mann zur Armee eingezogen und in den Krieg geschickt wird? Für einen friedensverwöhnten Mitteleuropäer schwer vorstellbar, doch dem Russen Arkadi Babtschenko ist genau das passiert – als 19-Jähriger wurde er in den ersten Tschetschenienkrieg abkommandiert.

Es war immer mein Traum, Kindermärchen zu schreiben, aber seit neun Jahren schreibe ich darüber, wie aufgedunsene Leichen riechen, die bei Hitze auf den Straßen einer zerstörten Stadt liegen.“

Kriegsgefechte, klaffende Wunden & der Geruch von verbranntem Fleisch

Der Krieg prägte ihn und blieb auch nach dem Militärdienst Mittelpunkt seines Lebens als freier Journalist und Schriftsteller: „Es war immer mein Traum, Kindermärchen zu schreiben, aber seit neun Jahren schreibe ich darüber, wie aufgedunsene Leichen riechen, die bei Hitze auf den Straßen einer zerstörten Stadt liegen.“

Dieser Satz findet sich in Babtschenkos 2014 veröffentlichtem Werk „Ein Tag wie ein Leben“. Das Buch versammelt siebzehn Texte, die alle um das Thema Krieg kreisen und zwischen Reportage und Erzählung changieren. Der inzwischen 40-Jährige schildert darin nicht nur die Spätfolgen des Krieges anhand von verkrüppelten Veteranen, sondern berichtet direkt von Kriegsschauplätzen wie Georgien. Er beschreibt Gefechte, schreibt über verkohlte Leichen, klaffende Wunden und den Geruch von verbranntem Fleisch – und zwar in einer kraftvollen, teils rauen, teils lakonischen Sprache, die knallhart auftischt, was der Krieg so mit sich bringt. Seine Schilderungen verknüpft Babtschenko mit einer ätzenden Kritik an Russlands Machthabern, der Weltpolitik und der Zivilgesellschaft, die schweigend zuschaut, wie ihre Söhne in sinnfreien Feldzügen geopfert werden.

Fazit: realistisch, literarisch brillant, aber alles andere als ein Lesevergnügen.

Arkadi Babtschenko: Ein Tag wie ein Leben – Vom Krieg. Rowohlt, Berlin. 272 Seiten, 19,95 €. (2014)

 

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