Die Zeit zwischen Molenturm & Landmarktower

Molenturm

Sie sitzt im Molenturm, schaut durch eins der kleinen Fenster hinaus. Über der Weser kreisen kreischende Möwen, zanken sich um etwas, das sie nicht erkennen kann. Das ist nun ihr Arbeitsplatz als offizielle Schreiberin der fantastischen Republik Utopistan, die ein Künstlerkollektiv für einen Monat auf der Brache im Europahafen ausgerufen hat. Zwei Wochen lang darf sie schreiben, darf schreiben, was immer sie will – in Utopistan sage einem niemand, was man zu tun oder zu lassen habe, hieß es in der Ausschreibung. An der Kaimauer sitzt ein Angler und raucht eine Zigarette. Am gegenüberliegenden Ufer steigen ein paar Leute vom Anleger auf die Fähre. Sie hatte die Ausschreibung gelesen und gedacht, warum nicht. Zwei Wochen lang im Molenturm sitzen und schreiben. Klang wie ein Traum. Heute ist erst der dritte Tag, die ersten beiden Nächte waren kalt, ihr Rücken schmerzt, der Instantkaffee schmeckt genau so, wie er aussieht. Sie stellt die Tasse auf dem einzigen Stuhl ab, streckt sich, stößt sich den Kopf an der niedrigen Decke, flucht, greift sich einen Kugelschreiber und ihr Notizbuch, in das sie gestern nur ein paar Sätze gekritzelt, die sie später wieder durchgestrichen hat. Sie steckt beides in die linke Manteltasche, öffnet die Tür.

Kühle Morgenluft knallt ihr ins Gesicht, sie zieht ihre Wollmütze tiefer, nickt dem Angler zu, der sie einen Augenblick zu lange anstarrt, bevor er zurücknickt. Sie wendet sich ab, wendet dem Fluss den Rücken zu und schaut über das Brachland, das auf der Landzunge zwischen Hafenbecken und Weser trostlos daliegt und sich Jahre später in eine blühende Landschaft aus Betonklötzen verwandelt haben wird. In einem dieser Klötze, dem höchsten von allen, wird sie im elften Stock aus dem Fenster eines Appartements schauen. Alles liegt ihr zu Füßen: die aus dem Boden geschossenen Wohnwürfel, die winzigen Blumenbeete, die breit gepflasterte, aber menschenleere Promenade, und auch das Molentürmchen dort hinten an der Spitze der Landzunge, in dem sie damals zwei Wochen lang gehaust hat, als offizielle Schreiberin der Republik Utopistan. Wie lange mag das her sein? Zwölf oder dreizehn Jahre. Jeden Morgen war sie mit der Sonne aufgestanden, hatte den Tag mit einem Spaziergang am Wasser begonnen und stundenlang geschrieben – fantastische Berichte über die Republik und ihre Bewohnerinnen. Am Ende hatte man eine Zeitschrift gedruckt, mit ihren und anderen Texten, Collagen, Fotos und Zeichnungen verschiedener Künstlerinnen. Irgendwo muss sie noch eine Ausgabe der Zeitschrift liegen haben, aber sie weiß nicht mehr wo. Dem Schreiben ist sie treu geblieben, auch jetzt schreibt sie, sitzt mit ihrem Laptop auf dem Schoß an einem der bodentiefen Fenster, nimmt zwischendurch einen Schluck vom Cappuccino und lässt ihren Blick über die anderen Gebäude und die Weser gleiten, während sie in ihrem Kopf eine Formulierung hin und her wendet, schließlich weitertippt an ihrer kleinen Hymne auf ein Produkt, das sie vor drei Stunden noch nicht gekannt hat und das sie vermutlich in drei Wochen wieder vergessen haben wird. Draußen vor dem Fenster ziehen kreischende Möwen vorüber, kreiseln über einem Touristenschiff, das die Weser hinauffährt.

Der Wind bläst heftig, sie zieht sich ihre Wollmütze tiefer ins Gesicht, als sie auf den Balkon tritt. Sie braucht mehrere Versuche, bis sie mit dem Feuerzeug die Zigarette angezündet hat. Sie nimmt einen tiefen Zug, bläst den Rauch über die Brüstung in den kühlen Morgen hinaus und nickt dem Mann zu, der auf dem Nachbarbalkon steht, ebenfalls mit einer Zigarette in der Hand, und sie anschaut. Einen Augenblick zu lange.

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