Balkonmomente … oder Selbstgedrehte bei hereinbrechender Nacht*

Spätabends hocken wir auf dem Balkon und schmöken, obwohl wir beide eigentlich Nichtraucher sind. Mit den Tabakresten, die schon seit Jahren in einem Fotofilmdöschen vor sich hin trockneten, hast du uns eine Selbstgedrehte gebastelt, die nun im Teelichtgeflacker zwischen uns hin und her wandert. Wir reden über den Arbeitsstress, der unseren Alltag taktet, und über den Quatsch, den wir in der letzten Nacht geträumt haben. Der Bambus, der in meinen Blumenkästen wuchert, raschelt mit seinen Blättern im Wind, der den Qualm in die Wohnung treibt, egal wie sehr wir uns bemühen, mit gespitzten Lippen die Rauchwölkchen über die Balkonbrüstung hinaus in den Hinterhof zu schicken.

Du hattest Lust, eine Zigarette zu rauchen, und ich hatte noch eine Packung mit alten Papers und das Filmdöschen mit Tabakresten, das längst vergessen in einer Schublade neben vollgekritzelten und genauso vergessenen Notizbüchern schlummerte. Der Tabak ist eigentlich viel zu trocken, um ihn genießen zu können, aber es ist auch komplett egal, wie die Selbstgedrehte schmeckt, solange wir einfach auf dem Balkon beieinandersitzen, der hereinbrechenden Nacht entgegenblicken und in den Sprechpausen den Geräuschen der Stadt lauschen – eine Straßenbahn, die auf der Friedrich-Ebert vorüberrauscht, eine zuknatternde Jalousie, der im Badezimmer gurgelnde Nachbar, ein aufheulendes Motorrad, eine im Hinterhof schreiende Katze.

Du hast dich auf dem Sessel, den ich vor vielen Jahren aus einem Sperrmüllhaufen gezerrt und beim ersten Lockdown auf meinen Balkon gewuchtet habe, in eine Decke gekuschelt, während ich mit Jacke und Mütze auf dem roten Küchenhocker sitze, mit dem Rücken an die kühle Außenwand gelehnt. Den Tag über hat die Aprilsonne sich Mühe gegeben, Frühlingsgefühle aufkommen zu lassen, während wir im Homeoffice an unseren Bildschirmen klebten, Dutzende E-Mails schrieben und nur aufgestanden sind, um auf Toilette zu gehen oder mit der Bialetti Espresso zu kochen.

Jetzt, wo die Sonne sich längst verabschiedet hat, hocken wir in der Dunkelheit und rauchen alten Tabak, obwohl es eigentlich viel zu kalt ist, um auf dem Balkon zu sitzen, aber auch das ist komplett egal, solange die Glut zwischendurch aufglimmt und unsere Fingerspitzen sich berühren, wenn die Zigarette von deiner in meine Hand wechselt.

Während eine Wolke sich vor den dürren Mond schiebt, aschst du in die Herzmuschel, die aus irgendeinem Grund im Blumenkasten liegt, und reichst den Stummel an mich weiter, den ich zwei Züge später in der Muschel ausdrücke. Gerne hätte ich eine zweite Selbstgedrehte, denn ohne Zigarette gibt es hier draußen nichts mehr zu tun, ist der Wind zu kalt, die Müdigkeit zu groß; also gehen wir zurück in die Wohnung, schauen ein letztes Mal auf unsere Smartphones und stellen den Wecker, putzen die Zähne, knipsen das Licht aus und kuscheln uns ins Bett, um zu schlafen und fit zu sein für den nächsten Arbeitstag.

*für M in W

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

Eine Antwort zu “Balkonmomente … oder Selbstgedrehte bei hereinbrechender Nacht*

  1. Barbara Hoppe

    > Gesendet: Freitag, 30. April 2021 um 07:09 Uhr

    Gefällt 1 Person

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