Eine Reise, die ist lustig, eine Reise, die tut weh

Christian Kracht erzählt in „Eurotrash“ äußerst raffiniert und mit viel Sinn für Komik von einer historisch belasteten Mutter-Sohn-Beziehung und vom Geld

Faserland konnte ich bei meiner Erstlektüre nicht leiden – was für ein unsympathisch arrogant versnobter Icherzähler war das denn! Wie er da in seiner Angeber Barbourjacke affektiert durch die Gegend stolziert, alles und jeden mit seinem blasierten Blick auf Premiumprodukte abscannt und auf neunmalkluge Art niedermacht, aber zugleich sein kaputtes Selbst nur mit Drogen mehr recht als schlecht zusammenzuhalten vermag. Pah, solche Leute konnte ich beim bestem Willen nicht ausstehen.

Mitte zwanzig muss ich da gewesen sein, und offenbar hatte Christian Krachts Debüt einen Nerv bei mir getroffen, verstanden hatte ich es allerdings nicht. Bei der Zweitlektüre, gut zehn Jahre später, fand ich es hingegen großartig. Vielleicht hatte ich es endlich verstanden oder vielleicht lag es auch nur daran, dass ich das Buch dieses Mal während eines zweiwöchigen Stipendiums auf Sylt las, wo Faserland beginnt.

Sylt spielt auch in Krachts aktuellem Roman Eurotrash eine Rolle, obwohl sich die Geschichte, die Kracht darin erzählt, in erster Linie in der Schweiz abspielt. Los geht’s in Zürich, also genau in jener Stadt, in der Faserland endet; und das ist natürlich kein Zufall, denn der Icherzähler von Eurotrash ist ein gewisser Christian Kracht, der von sich aber auch schon mal behauptet, Daniel Kehlmann zu sein, wenn er nicht erkannt werden möchte. Dieser Icherzähler hat vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben, die er aus irgendeinem Grund, der ihm nun leider nicht mehr einfalle, Faserland genannt hatte.

Damit legt der Autor Kracht gleich zu Beginn einen autobiografischen Köder, und logo, obwohl ich im Germanistik-Grundstudium gelernt habe, dass man immer fein zwischen Autor und Erzähler trennen soll, beiße ich direkt an. Fingierte Authentizität hin und oder her, was interessiert es mich, ich frage mich trotzdem, ob Krachts Großvater tatsächlich ein unverbesserlicher Nazi war, ob der 25-jährige Kracht sich beim Schreiben von Faserland wirklich in einer Einzimmerwohnung in Hamburg-Ottensen ausschließlich von Pizza-Baguette, Toastbrot und Ravioli ernährt hat, und ob er im Ernst bei einer Feier seines Verlags versucht hat, den damaligen Außenminister Joschka Fischer niederzuringen und deswegen wenige Sekunden später von Fischers Leibwächtern mit Plastikfesseln versehen auf den Boden gedrückt wurde.

Gewitztes Spiel eines unzuverlässigen Erzählers

Dabei ist es für den Roman vollkommen irrelevant, was davon mit der Wirklichkeit übereinstimmt und was nicht, aber Kracht spielt in Eurotrash einfach zu raffiniert mit Realität und Fiktion, als dass ich mich dem entziehen könnte, vor allem weil er das Ganze mit so viel Augenzwinkern, Witz und Selbstironie anpackt, dass es eine ungeheure Komik entfaltet.

Gewitzt ist auch der an sich vollkommen unspektakuläre, aber schön schräge Plot des Romans. Der Icherzähler Kracht besucht seine leicht demente sowie alkohol- und tablettenabhängige Mutter in Zürich. Obwohl rasch deutlich wird, dass die beiden eine Hassliebe verbindet, begeben sie sich spontan auf eine gemeinsame Reise durch die Schweiz. Die Mutter will eigentlich nochmal nach Afrika, einer Art Sehnsuchtsort, den sie aber mit einer nicht untypischen europäischen Arroganz betrachtet, ohne zu differenzieren oder benennen zu können, wohin genau sie eigentlich will – Hauptsache Zebras angucken in Afrika. Aber natürlich geht’s nicht nach Afrika, sondern die beiden gondeln mit einer Plastiktüte voll Geld mit einem Taxi durch die Schweiz und klappern dabei verschiedene Orte ab, die irgendeine Bedeutung für ihr Leben haben beziehungsweise hatten, oder eben auch nicht, so genau kann man es nicht wissen bei diesem unzuverlässigen Erzähler, der sich selbst, seine Story und das Erzählen an sich immer wieder aufs Korn zu nehmen scheint. Zum Beispiel wenn der Taxifahrer, der die beiden die ganze Zeit durch die Gegend kutschiert, plötzlich meint, er bekomme Lust, ein Buch über seine zwei Fahrgäste zu schreiben, woraufhin Mutter und Sohn sich sofort einig sind, dass es das zu verhindern gelte, und die Mutter daher erwidert: „Das wäre doch ziemlich langweilig […]. Wen würde das denn interessieren? Eine Geschichte, in der absolut gar nichts passiert, außer das sich eine alte Frau ab und zu mit ihrem Sohn streitet.“

Stimmt, könnte man denken, aber schon allein die ebenso rasanten wie aberwitzigen Wortgefechte zwischen Mutter und Sohn lohnen die Lektüre – nicht zuletzt weil sich dabei auch allerhand individuelle, familiäre und gesellschaftliche Abgründe auftun, denn die Komik des Romans geht nicht auf Kosten der Tiefe, ganz im Gegenteil: Wie Kracht hier vom Fortwirken familiärer Naziverstrickungen, von der Macht des Geldes und individueller Traumata erzählt, ohne die Themen episch auszubreiten, das ist schon ziemlich genial.

Der Taxifahrer ist dann auch rasch einsichtig („Ich kann ja überhaupt gar nicht schreiben.“) und verabschiedet sich von seiner Idee, ein Buch über die beiden zu schreiben; stattdessen begnügt er sich mit weiteren fünftausend Franken aus der Plastiktüte, die dem Icherzähler am Ende bleibt, als er seine Mutter wieder in Zürich in einer Klinik abliefert, damit sie Zebras schauen kann. „Mama!“, ruft er seiner Mutter hinterher, „Wann sehen wir uns denn wieder?“, worauf sie antwortet: „Bald.“

Das wäre auf jeden Fall schön, vor allem, wenn ich als Leser wieder mit dabei sein dürfte.

Christian Kracht: Eurotrash. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 212 Seiten, 22,- €.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2021

Eine Antwort zu “Eine Reise, die ist lustig, eine Reise, die tut weh

  1. Cora Koltes

    Mit Mitte 20 hätte ich „Faserland“ vermutlich auch nicht gemocht. Es ist eins von den Büchern, an denen ich in der Bücherei immer wieder mit dem Blick hängen bleibe und denke: von dem Autor würde ich gerne mal wieder was lesen! Als ich „Faserland“ vor ein paar Jahren gelesen habe, war ich Mitte 40 (ungefähr) und mit einer wesentlich breiter gefächerten Lebenserfahrung als ich sie mir mit Mitte 20 hätte vorstellen können.
    Der Ich-Erzähler in „Faserland“ kommt mir wie ein Suchender vor. Ein wohlstandsverwahrloster gut beschulter reicher junger Mann. Er hat keine Freunde, ist deshalb auch kein Freund. Ihm fehlen innere Wertigkeiten, ein innerer Kompass, ein stimmiges Bild von sich selbst. Die Welt in der er sich tummelt, die er braucht, aber auch zynisch verachtet – verunsichert ihn.
    Ob der Roman autobiographisch ist, ist für mich zweitrangig. Wenn ja, dann hat Christian Kracht es sehr gut gemacht.
    Ich bin gespannt auf „Eurotrash“.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s