„Ziemliches Motivationsproblem, von morgens bis abends an etwas zu arbeiten, das man mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit als Ergebnis nicht sehen wird. Ich versuche es mit dem Gedanken, dass ich mir in zwei Jahren mit zwanzigprozentiger Wahrscheinlichkeit in den Arsch beißen werde, wenn ich es dann nicht geschrieben habe.“
(15.8.2010, Wolfgang Herrndorf, Arbeit & Struktur 82/83)
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„Wozu … dienten die Männer eigentlich? Es mag sein, dass die Manneskraft in früheren Zeiten, als es noch zahlreiche Bären gab, eine spezifische, unersetzliche Rolle gespielt hat; aber seit mehreren Jahrhunderten erfüllten die Männer offensichtlich so gut wie keinen Zweck mehr. Um ihrer Langeweile zu entgehen, spielten sie manchmal eine Partie Tennis, was noch das kleinere Übel war; aber manchmal hielten sie es auch für nötig, die Geschichte voranzutreiben, das heißt im Wesentlichen, Revolutionen und Kriege hervorzurufen.“ (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)
Manche Männer sollen angeblich auch hin und wieder Romane schreiben, Pfeife rauchen, Hecken schneiden, mit Modelleisenbahnen spielen oder Literaturpreise entgegennehmen – aber wer weiß das schon (sind möglicherweise bloß Gerüchte) …
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Ein Mann von vielleicht 30 Jahren in einem pinkfarbenen Pudelkostüm, der sich am frühen Nachmittag auf dem Bürgersteig vorm Hotel One in Liegestützen versucht, während ein Dutzend Männer in schwarzen Hemden und mit Bierflaschen in den Händen ihn lautstark anfeuert.
Junggesellenabschiedstraditionen.
Das Jenseits liegt auf dem Darß, oder Harry Rowohlt lebt. Er spielt Schifferklavier auf der Strandpromenade von Prerow, singt dazu Seemannslieder oder begleitet sich auf der Trompete; und manchmal fordert er die Leute, die vor ihm stehen geblieben sind, dazu auf, mitzusingen:
„Und jetzt alle!“
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Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei! Das wusste bereits der singende Da-Da-Da-Philosoph Stephan Remmler. Vergänglichkeit klebt wie ein hartnäckiger Kaugummi an all unserem Streben.
Dass wir ach so einzigartigen Krönchen der Schöpfung eines Tages alle genauso wie jede x-beliebige Sau dem Schlachtermesser der Zeit zum Opfer fallen, dies ist ein Fakt, dem sich nicht zu widersetzen lohnt. Dass jedoch bereits zu Lebzeiten etwas, das wir lieb gewonnen haben, im Orkus des Weltenlaufs hinfortgespült werden soll – das sehen wir nicht ein! Da stellen wir uns in aller Öffentlichkeit auf die fein besohlten Füßchen, reißen die Ärmlein in die Höhe, wedeln mit selbstgebastelten Wimpeln und pusten in Trillerpfeifen, um gegen diese Ungerechtigkeit zu protestieren.
Nicht selten allerdings ist alle Pfeifentrillerei und Wimpelwedelei vergebens. Das führte uns vor einem Jahr exemplarisch eine Lokaltragödie vor Augen: der Tod der Dete!
Für all jene, die bisher nicht wissen, wer genau diese Dete war, hier eine knappe Rückblende: Die Dete war einst ein Möbelhaus namens Deters, das vor Jahren aufgegeben, leer geräumt und gekauft wurde von einem Investor, der es verwaist dastehen ließ – bis sich sechs Freunde des Gebäudes annahmen, zwei Buchstaben aussortierten und dafür allerhand Polstermöbel, technisches Equipment, Kunst und Kultur und viel gute Laune hineinschleppten.
Das Kultureinrichtungshaus Dete war geboren und eroberte im Nu die Herzen vieler Neustädter. So ein offener Raum für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Theater, der hatte dem Stadtteil bisher gefehlt. Doch nicht allein die Neustädter, sondern allerlei Leute aus verschiedenen Ecken der Hansestadt strömten Woche für Woche in die Dete.
Und so tranken Schwachhausener Brüderschaft mit Pusdorfern, spielten Grolländer Tischfußball mit Viertellinis und drehten Oberneuländer neben Gröpelingern auf dem Bürgersteig Zigaretten – in der Dete wuchs bei Kaffee und Kuchen, bei Wein und Bier, bei Mate und Nappos auf Sofas, Sesseln, Paletten und mit ollem Teppich überzogenen Treppenstufen zusammen, was zusammengehört.
Doch aller Popularität und Medienberichterstattung, allen Nachbarschaftsinitiativen wie Sympathiebekundungen von Stadtteilpolitikern und allen Unterschriftenaktionen sowie Demonstrationen zum Trotz, hieß es schließlich: bye, bye, lovely Dete.
Und so gedenken wir in grimmiger Trauer eines Ortes, der sich in nur zehn Monaten für so viele in ein zweites Zuhause verwandelt hatte, und sagen schlicht, einfach und pointenfrei:
Danke Dete, wir werden Dich nicht vergessen!
Auf der Aussichtsplattform eines Rundwanderwegs holt eine Frau von etwa 60 Jahren eine Trinkflasche aus ihrem Rucksack, trinkt und hält dann die Flasche ihrem graubärtigen Mann hin, der nur kurz seinen großen Feldstecher absetzt, den Kopf schüttelt und wieder durch das Fernglas die vor ihm liegende Landschaft beobachtet.
„Trink mal ein bisschen“, sagt die Frau zu ihrem Mann und hält ihm weiter die Flasche hin.
„Ich möchte nicht.“
„Du trinkst viel zu wenig!“
„Dafür trinke ich später fünf Bier“, sagt er und schaut weiter durch sein Fernglas.
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