Schlagwort-Archive: Jahresrückblick

Unreparierbare Jahressplitter – V

Eine Schnipsel-Melange – Mai

Lesung im Hinterraum – Fenster-auf-Fenster-zu-Performance

Punkt elf an einem Samstagmorgen im Mai. Nach etlichen trüben Tagen hat der Wind endlich das norddeutsche Wolkengrau zur Seite gewischt. Überall reinstes Himmelblau, über dem die pralle Gelbe strahlt. Genau das richtige Wetter, um am Hafen über die Promenade zu spazieren oder sich irgendwo hinzufläzen, sich die Bäckchen zu bräunen und die Seele baumeln zu lassen. Dummerweise habe ich eine Lesung in einem kleinen, leicht stickigen Hinterraum mit etwa 25 Stühlen, von denen sieben belegt sind.

Zum Glück werde ich nicht nach Zuhörern bezahlt, das wäre ärgerlich; da ich aber gar nicht bezahlt werde, gibt´s keinen Grund zum Ärgern, nur Anlass zum Grübeln, warum ich das eigentlich mache.

Aber egal, jetzt bin ich hier, und immerhin sieben Leute verzichten eine Stunde lang auf die Sonne, um mir zuzuhören. Immerhin.

Also, machen wir das Beste draus!

Gerade als ich mit meiner Begrüßung fertig bin und mit dem ersten Text beginnen möchte, fragt eine Frau aus der vierten Reihe, ob ich das Fenster schließen könnte, da sie schlecht höre und die Verkehrsgeräusche von draußen zu laut wären.

Das leuchtet mir ein, auch wenn die Luft im Raum nicht ganz so prima ist; doch bevor ich das Fenster schließen kann, erhebt ein Mann, der mit neongelber Windjacke gekleidet in der ersten Reihe neben dem Fenster sitzt, Einspruch. Ihm sei es viel zu warm hier drinnen, daher solle das Fenster bitte offenbleiben.

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Unreparierbare Jahressplitter – IV

Eine Schnipsel-Melange – April

Zwischen den Stapeln – Walter Benjamins Marie Huana

In einem Antiquariat in der Konstanzer Altstadt ist der Händler komplett im Verkaufsmodus und offeriert mir, während ich bei den Taschenbüchern stöbere, einen bunten Strauß an Empfehlungen – Donna Leon (sein absoluter Geheimtipp), Martin Suter (könne man immer lesen), Hermann Hesse (sei nach wie vor aktuell) oder Kafka (wie wäre es mit Kafka?). Irgendwann bietet er mir – wie anscheinend jedem, der in den Laden kommt – einen Ziegelstein von einem Buch an, das wohl ein historischer Roman über Konstanz zu sein scheint (ganz fabelhaft, habe er gerade selbst gelesen).

Auch einen Flyer zu dem in zwei Wochen stattfindenden Büchermarkt drückt er mir in die Hand, und als ich nach einer guten Viertelstunde immer noch nichts gefunden habe, will er mir ein Taschenbuch vom Stapel schenken (irgend so einen dicken Schinken); also greife ich mir rasch Walter Benjamins „Über Haschisch“, das ich bereits vor ein paar Minuten in den Händen hatte, und sage: „Das nehme ich!“.

Er nimmt es mir aus der Hand, blättert darin und sagt: „Sie hieß Marie, mit Nachnamen Huana.“

Er grinst mich an, ich blicke fragend zurück.

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Unreparierbare Jahressplitter – III

Eine Schnipsel-Melange – März

Buchmesse – Die ewige Wiederkehr der Nichtleser

Ankunft in Leipzig. Vor dem Bahnhof scheint mir die Mittagssonne ins Gesicht. Buchmessevorfreude. An der Ampel vor der Straßenbahnhaltestelle steht eine junge Frau und verteilt kostenlos kleine gelbe Büchlein. Eines davon hält sie dem Mann vor mir hin.

Der schüttelt den Kopf, sagt: „Nein danke, ich lese nicht!“, und geht weiter.

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Unreparierbare Jahressplitter – II

Eine Schnipsel-Melange – Februar

Telefon – Top News an den falschen Kontakt

An einem Montagabend blättere ich in Uwe Timms „Von Anfang und Ende“ und bleibe an einem Satz* hängen, als das Handy summt – die Kurznachricht eines Bekannten, mit dem ich weder verabredet bin, noch regelmäßig Befindlichkeiten austausche: „Amore, bin im Mono versackt“!

Soso, denke ich und schreibe zurück: „Gut zu wissen. Schönen Abend noch, und trink nicht mehr so viel!“

Zwei Minuten später kommt die Antwort: „Sorry, vollkommen wrong. Falscher Kontakt, und außerdem bin ich im Gondi“.

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Unreparierbare Jahressplitter – I

Eine Schnipsel-Melange – Januar

Offene Bühne – Unterhaltung vor dem Untergang

Am Anfang war die Apokalypse. Kann man ein Jahr so eröffnen? Mit Texten zum Weltuntergang? Texte, die ihn heraufbeschwören, feiern, ausmalen oder sich über ihn lustig machen?

Man kann. Man kann es zumindest versuchen – vor allem, wenn zufälligerweise genau an jenem Tag ein Donald als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird. Wann, wenn nicht jetzt!

Die Bühne im Kukoon steht allen offen – genau genommen 13 Autorinnen und Autoren, die sich rechtzeitig anmelden. Ein bärtiger Herr tritt eine Dreiviertelstunde vor Veranstaltungsbeginn auf mich zu, ein handgroßes Holzkreuz ziert seine Brust.

Er wolle sich für die Offene Bühne anmelden.

Ja, gern, sage ich und frage ihn, was er denn lesen wolle?

Einen Auszug aus der Offenbarung des Johannes.

Hm. Das haben Sie vermutlich nicht selbst geschrieben, oder?

Nein!, sagt er, das sei das Wort Gottes.

Ja eben, sage ich.

Wie jetzt?, fragt er.

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