Unreparierbare Jahressplitter – I

Eine Schnipsel-Melange – Januar

Offene Bühne – Unterhaltung vor dem Untergang

Am Anfang war die Apokalypse. Kann man ein Jahr so eröffnen? Mit Texten zum Weltuntergang? Texte, die ihn heraufbeschwören, feiern, ausmalen oder sich über ihn lustig machen?

Man kann. Man kann es zumindest versuchen – vor allem, wenn zufälligerweise genau an jenem Tag ein Donald als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird. Wann, wenn nicht jetzt!

Die Bühne im Kukoon steht allen offen – genau genommen 13 Autorinnen und Autoren, die sich rechtzeitig anmelden. Ein bärtiger Herr tritt eine Dreiviertelstunde vor Veranstaltungsbeginn auf mich zu, ein handgroßes Holzkreuz ziert seine Brust.

Er wolle sich für die Offene Bühne anmelden.

Ja, gern, sage ich und frage ihn, was er denn lesen wolle?

Einen Auszug aus der Offenbarung des Johannes.

Hm. Das haben Sie vermutlich nicht selbst geschrieben, oder?

Nein!, sagt er, das sei das Wort Gottes.

Ja eben, sage ich.

Wie jetzt?, fragt er.

Es geht heute Abend um Selbstgeschriebenes, um eigene Texte, erkläre ich ihm.

Aber das Thema sei doch die Apokalypse!

Ja, schon …

Sehen Sie, sagt er, und da lese ich einen Text im Namen Gottes.

Ja, aber um heute lesen zu dürfen, hätten Sie selbst die Offenbarung schreiben müssen.

Aber ich bin doch nicht Johannes.

Ja, eben!

Er schaut mich mit großen Augen an. Sein Schweigen nutzt ein zweiter Mann, um zu fragen, ob denn die Reihenfolge wirklich unbedingt erst nach und nach live auf der Bühne ausgelost werden müsse.

So ist es geplant, sage ich.

Aber dann wisse er nicht, wann er an der Reihe sei.

Nun ja, so geht es allen heute Abend, das ist Teil des Konzepts.

Aber dann könnte es sogar sein, dass er erst ganz am Ende an der Reihe sei.

Ja, das ist möglich.

Aber wenn er das vorher wüsste, dass er erst am Schluss lese, könnte er solange noch woanders hingehen.

Wollen Sie denn nicht die Texte der anderen hören?

Er sei hier, sagt er, um SEINEN Text zu lesen.

So, so.

Da tritt ein Dritter dazu, fragt, wie eng wir das mit den sieben Minuten Lesezeit nähmen, für seinen Text bräuchte er wohl eher 17 Minuten, ob das ein Problem wäre.

Ein Vierter sagt, er wünsche sich während seiner Lesung, dass das komplette Licht im Raum abgeschaltet würde, da sich die Wirkung seines Weltuntergangtextes am besten im Dunkeln entfalte.

Ein Fünfter meint, das käme auch ihm sehr entgegen – so ein lichtloser Raum –, da er sein apokalyptisches Spektakel gern mit einem Feuerwerk untermalen wolle. Dabei reckt er eine Tüte mit Knallkörpern in die Höhe.

Ein Sechster tritt dazu und fragt, wann es denn endlich losgehe mit der Apokalypse.

Wie es aussieht, sage ich, hat sie längst begonnen

3 Kommentare

Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

3 Antworten zu “Unreparierbare Jahressplitter – I

  1. Cora Koltes

    Sehr schön und immer wieder lustig 🙂

    Gefällt 1 Person

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