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10 – Dinge & Gedichte

agrigento

Heute auf dem Sofa gesessen, aus dem Fenster geschaut und den Spruch beherzigt, der auf dem Teebeuteletikett meines morgendlichen Green-Balance-Yogi-Tees abgedruckt war: Lass die Dinge zu dir kommen.

Während draußen der Herbstwind die Wolken vor sich hertrieb und mir die Äste der Birken, Kiefern und Robinien aus den Hintergärten hektisch zuwinkten, wartete ich drinnen auf die Dinge, die nicht kommen wollten.

Nach drei Stunden stand ich auf, ging in die Küche, nahm die Schachtel mit den Teebeuteln und strich mit einem schwarzen Edding sorgfältig jeden einzelnen Yogi-Tee-Spruch durch.

Danach durchströmte mich für einen Moment ein Glücksgefühl und ich dachte an die letzte Zeile meines allerersten Gedichts, das ich mit 17 für eine Klassenkameradin geschrieben habe:

Das Leben, was wird´s am Ende bloß ergeben.

PS: Auch allererste Gedichte sollte man mit einem schwarzen Edding sorgfältig durchstreichen!

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Mit Nietzsche auf einem Tiger in Träumen hängend

Kran

Vorgestern mit Nietzsche stumm auf meinem Sofa gesessen. Er fingerte minutenlang in seinem Walrossschnauzbart herum, bis er endlich eine Papierrolle zwischen den Schnurbarthaaren hervorzog, sie entrollte und einige Minuten (vor sich hinbrummend) studierte (während ich vergeblich versuchte, einen Blick auf das Geschriebene zu erhaschen); dann nickte Nietzsche und murmelte: „Hm, ach ja … das hätte ich durchaus zu Lebzeiten veröffentlichen können.“

„Was denn?“, fragte ich.

„Diesen Aufsatz über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn.“

Ich nickte eifrig. „Ja, wunderbarer Aufsatz, ist aber tatsächlich noch erschienen, bevor Sie das Zeitliche gesegnet haben“, sagte ich, und Nietzsche feuerte einen feurig bösen Blick in meine Richtung und sagte: „Wer hat Sie denn gefragt!“

Da verstummte ich sogleich, obwohl wir ja auf meinem Sofa saßen … aber hey: Das war nicht irgendwer neben mir, das war Friedrich Wilhelm Nietzsche!

Nachdem er erneut einige Minuten stumm da gesessen hatte, sah er mich wieder an (dieses Mal ganz milde) und fragte: „Was halten Sie von dieser Stelle? Was weiss der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Faserzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seine Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.“

Ich nickte wieder eifrig: „Ja, genau diese Stelle! Genau diese Stelle!“, sagte ich und steigerte mich hinein in einen Monolog über die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens nach absoluten Wahrheiten sowie die Fähigkeit des Menschen, sich mit Selbsttäuschungen über seine eigene Beschränktheit hinwegzutrösten; und während ein Wortschwall unaufhaltsam aus meinem Munde schwappte, saß der große Friedrich Wilhelm Nietzsche neben mir auf meinem Sofa … und Nietzsche, Nietzsche schnarchte.

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Bunter Schlüpfer im Terrarium

Dublin

Sommertag mit Wind, der Wolken vor sich hertreibt und durch das offene Fenster in meine Dachkammer pustet und Schreibblätter aufwirbelt. Auf dem Sofa genieße ich die Stille, die an diesen Nachmittag nur ein einziges Mal durchbrochen wird. Die Nachbarn im Haus gegenüber stehen im sechsten Stock hinter der Glasfront in der Küche ihres Appartments und schreien sich gegenseitig an – Pärchenzwist im Terrarium.

Sie im rosafarbenen Shirt und bunten Schlüpfer, er in mondänem Schwarz zwischen dem froschgrünen Plastikmobiliar, das mit Schaffellen bespannt ist. Monoton fuchtelt er mit seinen Händen in der Luft herum und brüllt so laut, dass sich seine Stimme überschlägt.

Nach Minuten des Brüllens und Fuchtelns verzieht er sich auf die Dachterrasse, brüllt ein letztes Mal in die Wohnung hinein und lehnt sich dann mit seinen Armen aufs Holzgeländer, an dem ein von ihm angebrachtes olivfarbenes Transparent hängt, das in weißen Großbuchstaben verkündet: LIEBE WIE DU LEBST.DE

 

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