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Morgendliche Milchschaumexplosion

Beim Blättern im Notizbuch wiederentdeckt: Ein kurzer Text aus Zeiten, in denen ich frühmorgens noch in der überfüllten Regionalbahn zur Arbeit fuhr, beim Coffee-to-go noch zu Plastikdeckeln griff und der Begriff Social Distancing noch nicht unseren Alltag prägte. Ein Text, der zudem erklärt, warum ich der Meinung bin, dass man eigentlich nicht vor sieben Uhr morgens aufstehen sollte.

Morgens um kurz vor sieben in der Bahnhofshalle. Bin mal wieder zu spät aus dem Bett gekrochen und ohne Frühstück in den Tag gestartet, kaufe mir deshalb auf die Schnelle noch einen Coffee-to-go und stehe nun vor der Station mit dem zusätzlichen Gedöns (Deckel, Rührstäbchen, Servietten, Zuckertütchen etc.), greife mir rasch einen Plastikdeckel und drücke ihn auf den Pappbecher; allerdings will der Deckel nicht so recht auf meinen Becher passen, weshalb ich leicht hektisch (in fünf Minuten fährt mein Zug) etwas fester drücke … etwas zu fest … nämlich so fest, dass der Becher einknickt und eine Kaffee-Milchschaumfontäne durch die Trinköffnung des Deckels meterhoch in die Höhe schießt, an mir vorbei (puh, Glück gehabt!) auf den Rücken eines Anzugträgers, der nun komplett – vom Kragen übers anthrazitfarbene Jackett bis hinunter zum Hosensaum – mit Cappuccino besprenkelt ist.

Ich starre auf die Rückseite des Mannes, fasse es nicht … Ist das gerade wirklich passiert? Der Mann scheint nichts bemerkt zu haben (vielleicht ist es also wirklich nicht passiert?), jedoch zwei, drei Leute, die um mich herumstehen und nun ähnlich fassungslos auf den Rücken des Mannes starren (offenbar ist es also doch passiert).

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Mit Nietzsche auf einem Tiger in Träumen hängend

Kran

Vorgestern mit Nietzsche stumm auf meinem Sofa gesessen. Er fingerte minutenlang in seinem Walrossschnauzbart herum, bis er endlich eine Papierrolle zwischen den Schnurbarthaaren hervorzog, sie entrollte und einige Minuten (vor sich hinbrummend) studierte (während ich vergeblich versuchte, einen Blick auf das Geschriebene zu erhaschen); dann nickte Nietzsche und murmelte: „Hm, ach ja … das hätte ich durchaus zu Lebzeiten veröffentlichen können.“

„Was denn?“, fragte ich.

„Diesen Aufsatz über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn.“

Ich nickte eifrig. „Ja, wunderbarer Aufsatz, ist aber tatsächlich noch erschienen, bevor Sie das Zeitliche gesegnet haben“, sagte ich, und Nietzsche feuerte einen feurig bösen Blick in meine Richtung und sagte: „Wer hat Sie denn gefragt!“

Da verstummte ich sogleich, obwohl wir ja auf meinem Sofa saßen … aber hey: Das war nicht irgendwer neben mir, das war Friedrich Wilhelm Nietzsche!

Nachdem er erneut einige Minuten stumm da gesessen hatte, sah er mich wieder an (dieses Mal ganz milde) und fragte: „Was halten Sie von dieser Stelle? Was weiss der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Faserzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seine Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.“

Ich nickte wieder eifrig: „Ja, genau diese Stelle! Genau diese Stelle!“, sagte ich und steigerte mich hinein in einen Monolog über die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens nach absoluten Wahrheiten sowie die Fähigkeit des Menschen, sich mit Selbsttäuschungen über seine eigene Beschränktheit hinwegzutrösten; und während ein Wortschwall unaufhaltsam aus meinem Munde schwappte, saß der große Friedrich Wilhelm Nietzsche neben mir auf meinem Sofa … und Nietzsche, Nietzsche schnarchte.

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