DIE LEGENDE VON DER NEUSTADT

Der Bremer Neustädter hat es nicht leicht: Nacht- und Kulturleben der Hansestadt spielen sich nicht in seinem Stadtteil, sondern auf dem anderen Weserufer im Steintorviertel ab, wo Studenten, selbst ernannte Lebenskünstler sowie stadtbekannte Szenegrößen in ihrer zeitgemäß aparten Kluft über den Ostertorsteinweg flanieren. Besuch von diesen bewunderungswürdigen Wesen sollte der Neustädter nicht erwarten, denn er lebt auf der falschen Seite, die zu betreten einem Viertelbewohner nicht zugemutet werden darf.

Neustadt? … Neustadt … das ist doch … ist das nicht …?“, fragt der Viertellini ein wenig verwirrt, wenn er auf jenen Stadtteil angesprochen wird, zuckt schließlich mit den Schultern und verschwindet in einer Kneipe am Eck, um der entstandenen Irritation mit ein paar Becks beizukommen.

Neustadt, das ist … ja, ist Bremen, ist jedoch jenseits des Flusses, den der Viertelbewohner lediglich aus der Schräglage seiner Kuschelwiese, dem Osterdeich, kennt. Der Fluss, das ist die Weser, das weiß er wohl – aber dahinter, hinter der Weser?

Da ist das Café Sand. Das sieht man doch!“

Ja, aber was ist hinter diesem?

Hinter dem Café Sand soll noch etwas sein?“ fragt er mit aufgerissenen Augen, starrt in den Abendhimmel über dem Stadtwerder und erschaudert beim Gedanken daran, sich in jene Ferne hinauszuwagen und hinabzustürzen in die niedersächsische Provinz, die er dort bisher vermutet hat. Hinter dem Café Sand lauert das Ende seines schnuckligen Biotops, das er nicht freiwillig verlässt, denn wer weiß, ob es eine Rückkehr geben wird, wenn er in die rauen Gefilde der Peripherie vordringt.

Warum auch sollte er sein Miniaturparadies verlassen?

Hier ist doch alles zu haben: diverse Platten-, Buch und Secondhandläden, Öko-, Feinkost- sowie Designergeschäfte und Gourmettempel neben Fressbuden; sowohl keimige als auch smart aufpolierte Cafés, die eine oder andere Galerie, zwei Filmkunsttheater und ein Kulturzentrum; das legendäre Eck mit einem exquisiten, jederzeit zugänglichen Rauschmittelangebot und spontan inmitten der Kreuzung inszenierten Fußballperformances am Wochenende; Bars mit verheißungsvollen Namen wie Urlaub, Wohnzimmer oder Capribar und Tanzstuben wie Eule, Römer und Moments. Hinzu kommen die anarchischen Inseln – wie das Zakk, das Paradox, die Friese und das Sielwallhaus –, welche das originär Rebellische des Jahr für Jahr weiter aufgewerteten Quartiers zu konservieren versuchen.

Angesichts dieses vielfältigen Angebots lassen sich keinerlei Gründe entdecken, weshalb der Viertellini seine Heimstätte verlassen sollte. Hier findet er alles, was er für sein heimeliges Dasein mit einer Spur Punkrock benötigt. Was soll er woanders?

Diese Frage wissen mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst jene Viertelbewohner nicht zu beantworten, die sich aufscheuchen lassen, wenn einmal im Jahr eine ominöse Schlacht zwischen Viertellinis und Neustädtern ausgerufen wird – und zwar die Schlacht um den Werdersee, die entscheiden soll, ob der See zum Viertel oder zur Neustadt gehört. Wer auch immer einst die Idee zu diesem Gefecht hatte, er muss es als Scherz gemeint haben, denn das Ganze mutet leicht absurd an, da die Truppe aus dem Viertel vermutlich fünf Stunden vor Schlachtbeginn aufbrechen muss, um sich auf die Suche zu machen.

Welcher See?“, fragen sie, die bloß dem Rufe des versprochenen Freibiers gefolgt sind. „Im Viertel gibt es doch überhaupt keinen See …“

Eben! Alles, bloß keinen See. Eventuell die eine oder andere Pfütze, allerdings ganz gewiss keinen See! Und so scheitern jene Schlachten und alle weiteren Versuche von Wagemutigen, das gegenüberliegende Weserufer zu erkunden, da ihnen spätestens auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke die Puste ausgeht oder sie auf der Erdbeerbrücke in Anbetracht der schwindelerregenden Höhe und Weite, von einem Taumel erfasst werden, der allein mit ein paar Cocktails im Heartbreak Hotel oder im Eisen zu entschärfen ist.

Das ist die Realität! Alle Geschichten von Freund- oder Liebschaften zwischen Neustädtern und Viertellinis, die länger als ein paar Monate gehalten haben sollen, sind Legenden: Jede Beziehung beruht auf gegenseitigem Besuch. Derlei Ausflüge indes sind dem Viertelbewohner nicht möglich – nur im Notfall verlässt er seine Wattewelt, in der alles so stylisch, flauschig und lauschig ist und die in manchen Kreisen dennoch als ranzig, rau und verrucht gilt.

Doch plötzlich, inmitten eines milden Herbstes, erschallt der Ruf aus der Fremde. Gerüchte machen im Viertel die Runde, dass jenseits der Weser – an einem Ort, der Neustadt genannt werde – eine Handvoll Verwegener aus einem ehemaligen Möbelhaus eine Location geformt habe, die ihresgleichen suche und am Wochenende mit einer hippen Event-Melange eröffnet werde. Eine Ausstellung wäre dort zu sehen, abgefahrene Bands würden aufspielen, anerkannte DJs Platten auflegen und Fahrradfreaks ein Sprintturnier veranstalten; darüber hinaus würden sich an jenem Ort allerhand renommierte Szenegrößen tummeln, mit ihren Hüften wackeln und Cocktails, Bier und Bionade schlürfen – denn ja, tatsächlich sollen in dieser fernen Räumlichkeit angeblich sogar die angesagten Getränke verfügbar sein, die man bisher außerhalb des Viertels nicht zu bekommen glaubte …

Was also soll man tun?, fragen sich die Viertellinis. Kann man sich ein derartiges Ereignis entgehen lassen? Sollte man nicht dabei sein? Oder ist es viel zu aufwendig und gefährlich? Schließlich verlässt man sein komfortables Viertelchen nicht leichtfertig, bloß weil zweifelhafte Gerüchte etwas versprechen, das jenseits der Weser eigentlich nicht existieren kann (war man doch bisher davon ausgegangen, dass fernab des eigenen Quartiers nichts Gutes, nichts Erstrebenswertes lauert).

Die Gerüchte verdichten sich jedoch, erste Pioniere berichten mithilfe modernster Kommunikationstechnologie Unglaubliches und animieren andere Viertellinis, es ihnen gleichzutun und Richtung Neustadt aufzubrechen. Und so schließt sich erst nur ein winziges Grüppchen, dann eine komplette Viertellini-Armada zusammen, um sich – wider ihres eigenen, so am Vertrauten gewöhnten Gemüts – in einer Freitagnacht hinauszuwagen. Für den Fall der Fälle mit Alkohol, Straßenkarten sowie Nummern von Taxiunternehmen bewaffnet, reiben sie sich nach dem Überschreiten der Brücke die Augen, wundern sich, dass jenseits ihrer wonneweichen Seifenblase tatsächlich etwas existiert und sie nicht vom Nichts verschlungen werden, sondern auf Straßen, Häuser und Menschen treffen. Indes am meistern wundern sie sich, dass sie den ultimativen Fun, der ihnen versprochen worden ist, tatsächlich erleben – und das so weit entfernt von ihrem Zuhause, in diesen verwunschenen Gefilden.

Noch Tage später schwärmen jene, die sie sich hinausgewagt hatten, in prächtigen Farben von ihren Erlebnissen jenseits der Weser. Ihre ahnungslosen Szenegeschwister lauschen mit aufgerissenen Augen den Erzählungen von jenem Landstrich, der Neustadt genannt werde und eine einzigartige Lokalität namens Dete beherberge.

Von diesen Erzählungen befeuert wagen sich nach und nach immer mehr dieser sonst so reisescheuen Wesen hinaus in die Fremde, um jenes Kultureinrichtungshaus aufzusuchen, von dem die ganze Welt – also jeder im Steintorviertel – spricht. Mit Muffensausen passiert manch einer von ihnen den Fluss, mustert mit offenstehendem Munde aus der Straßenbahn heraus die Szenerie dort draußen, zögert, als seine Haltestelle angesagt wird, setzt dann doch seinen Fuß auf den Asphalt und geht dem Gebäude entgegen, von dem alle reden und vor dem er ein paar Minuten verharrt, um es aus der Distanz zu begutachten und die großen Schaufensterscheiben zu bestaunen, hinter denen das pure Leben zu pulsieren scheint. Geschöpfe, die kaum von den Bewohnern seines innig geliebten Viertels zu unterscheiden sind, tummeln sich en masse dort drinnen, einige sitzen auf Sesseln, Sofas und Korbstühlen, andere stehen mit Gläsern oder Flaschen in den Händen im Raum, trinken, lachen und gestikulieren. Auch vor dem Eingang stehen vertraut wirkende Wesen auf dem Gehsteig beisammen, rauchen, reden und lächeln dem Viertellini zu, als er sich an ihnen vorbeidrückt, um einzutreten.

Drinnen empfängt ihn Applaus. Irritiert bleibt er einen Augenblick im Eingangsbereich stehen, bis er begreift, dass der Beifall nicht ihm und seiner wagemutigen Expedition gilt, sondern den Musikern, die im Bühnenlicht an ihren Instrumenten herumwerkeln, bevor sie den nächsten Song anstimmen.

Kaum erklingen die ersten Töne einer Country-Ballade, verstummen die Zuhörer, lauschen der Band, wippen mit den Fußspitzen zur Musik und nuckeln andächtig an ihren Bier- oder Bionadeflaschen. Kein Sitzplatz ist leer geblieben, sogar die Stufen einer mit Teppich überzogenen Treppe, die (wie ein Hinweisschild verrät) zu den Ausstellungsräumen im ersten Stock hinaufführt, sind mit Zuhörern besetzt. Während alle Gäste im Bann der Band verfangen zu sein scheinen, hantieren hinter der Theke zwei Typen, die dem Viertellini auf den ersten Blick sympathisch sind und ihn so herzlich begrüßen, als wäre er schon oft hier gewesen.

Wenige Minuten später steht der Abenteurer mit einer Flasche Bier in der Hand an eine weiße Säule gelehnt da, grinst und nickt zu der Musik. Vergessen sind die Ängste vor dem Aufbruch, vor dem Verlassen der trauten Umgebung, vergessen ist der Viertelkosmos – langsam verschmilzt der Viertellini fern ab der Heimat mit der Masse der Anwesenden.

Beeindruckt von ihren Erlebnissen und dem unvergleichlichen Ambiente dieses Kultureinrichtungshauses begeben sich viele Viertellinis ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal in jene entlegene Region, in der sich die Dete befindet. Sie genießen den freien Eintritt bei Konzerten, lümmeln sich auf den Sofas und Sesseln, trinken den vom Personal empfohlenen Rotwein, spielen Tischfußball im Raucherraum, entspannen sich auf den Sonnenstühlen oder Paletten, die von den Betreibern auf dem Gehsteig positioniert wurden; sie rauchen selbstgedrehte Zigaretten, lassen sich die Abendsonne ins Gesicht scheinen, nippen an ihrem Maracujasaftflaschen und simsen fernen Bekannten aus der Neustadt, denen sie niemals zuvor in deren Lebenswelt jenseits des Flusses begegnet sind, ob man sich am Wochenende statt im Wohnzimmer nicht in der Dete treffen wolle.

Sie spazieren Woche für Woche zu Vernissagen, Lesungen, Theatervorstellungen, Live-Hörspielen, Tanzkursen, Vorträgen oder dem kulturellen Sonntagsfrühstück – und der eine oder andere radelt gar in die Neustadt hinüber, allein um in der Dete einen Cappuccino zu schlürfen oder vom Käsekuchen zu naschen.

Die Viertellinis beginnen sich an das Leben außerhalb ihrer vertrauten Umgebung zu gewöhnen, beginnen zu ahnen, dass das bessere Leben möglicherweise jenseits jenes Flusses zu haben ist, hinter dem sie so lange nichts vermutet hatten. Immer häufiger lassen sie ihr Szenequartier hinter sich und verbringen ihre Abende in der Neustadt.

Doch just in jenen Tagen, in denen sich manch ein Viertellini ein Leben ohne Dete nicht mehr vorstellen kann, verkünden die fünf Freunde, die das Kultureinrichtungshaus ins Leben gerufen hatten, dass es schon bald seine Türen wieder schließen werde.

Und tatsächlich: An einem Sommerabend stehen zwei Dutzend Viertellinis vor der verschlossenen Glastür ihrer Lieblingslocation. Sie blicken durch die Scheiben in den Raum, in dem sie in den vergangenen Monaten so viele schöne Stunden verbracht haben, und sehen: niemanden, nichts – der Raum ist leer! Sie tauschen ratlose Blicke aus, zucken mit den Schultern und schleichen mit hängenden Häuptern davon, verfallen nach und nach dem altbekannten Trott, verharren von nun an wieder ausschließlich in ihrem, ihnen so vertrauten Viertel.

Viele Jahre später jedoch werden sie in der Wohnküche ihres Altbremer Hauses in einer Seitenstraße des Viertels mit ihren Kindern am Küchentisch hocken und ihnen mit feuchten Augen davon erzählen, wie sie damals – als die legendäre Dete für ein knappes Jahr der angesagteste Treffpunkt Bremens gewesen sei – den Schritt in jenes ferne Land gewagt hätten, das hinter dem Café Sand liege und sich Neustadt nenne.

(in einer älteren & gekürzten Fassung veröffentlicht im April 2013 im Z-Magazin)

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