Schlagwort-Archive: Werdersee

Unreparierbare Jahressplitter – VII

Eine Schnipsel-Melange – Juli

Hinter dem Schilf – Lektüredosis & Aquazentauren

Zu Füßen des Huckelrieder Friedhofs schlummere ich am Deich auf dem Ufergrün des Werdersees beim Sinnieren über einen Satz* aus Stephan Thomes „Fliehkräfte“ langsam ein, entschwinde in eine Traumwelt, in die sich Krähenkrächzen, Entengeschnatter und das Triebwerkgrollen aufsteigender Passagiermaschinen mischen, ohne mich zu wecken; erst die von lauten Rufen begleiteten Planschgeräusche zerren mich schließlich aus meinem Nickerchen-Kosmos zurück in die Wirklichkeit jenes Sommerabends.

Ich reibe mir die Augen, blicke mich um und erspähe hinter dem Schilf eine Horde von Aquazentauren auf dem See – behelmte Kreaturen, die auf ihrem schwimmenden Rumpf mit einem Paddel bewaffnet einer neongelben Kugel hinterherjagen.

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In the Huckelriede Undergrowth

So there it is, barely three hundred yards from my front door, behind the dyke the first International Huckelriede Kiosk Festival. My neighbourhood hosting an international event?

I’m standing on the dyke top with the scruffy, neglected playground and Buntentorsteinweg, the main road, behind me and, before me, the Kleine Weser, the narrow southern arm of the large river that divides our city. On the grass below me is the familiar old kiosk hut, from which, however, nothing has been sold for over a year, but into which new life has now returned. And: it’s enjoying company for a few days four other kiosks, lots of long beer tables and benches, sun loungers, bales of straw and a tepee, in which the Huckelriede singer-songwriter is sitting and playing his guitar.

‘What’s that supposed to be?’ asks a man with a pair of nineteen-fifties glasses on his nose and a poodle on a lead. I shrug my shoulders and reply, ‘Art, probably.’ He gives a brief sniff, has a good look round and turns to me again. ‘Art?’ I nod; he shakes his head.

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Kohlköniginnen

Deichschartbrücke

Zwei mit Schnapsgläsern behängte Frauen, die beide mit einem Piccolo-Fläschchen ausgestattet gemeinsam einen Bollerwagen hinter sich herziehen und dabei vor Freude strahlen – am späten Freitagmittag, auf dem Bürgersteig des Buntentorsteinwegs, kurz vorm Werdersee …

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Der Himmel über dem Bonbonhäuschen

Gärten ohne Bonbonhaus

Früher war es noch schöner! Da konnte ich im Winter aus meiner Neustädter Dachbude die Sonne hinter dem Bremer Flughafen versinken sehen. Vor ein paar Jahren entdeckte jedoch ein Investor den verwilderten Garten gegenüber und stopfte die Baulücke mit einem bonbonfarbenen Reihenhaus. Wo früher ein mächtiger Magnolienbaum blühte, ein Igel seine Runden drehte und ein Eichhörnchen von Ast zu Ast hüpfte, ordnet heute hinter einem Gartenzäunchen ein runder Reihenhausbewohner mit Harke und Schaufel sein Blumenbeet, während die dauergewellte Gattin das Weiß der Haustür poliert und ihr Pekinese kläffend und Schwänzchen wedelnd um sie herumtänzelt.

Das alles ist drollig anzuschauen, aber am besten ist es immer noch, von meinem Sessel aus am Bonbonhäuschen vorbei in die grünen Hintergärten und im Winde wippenden Baumkronen zu blicken, dem Vogelgezwitscher und Kreischen der Möwen zu lauschen oder mir die Sommersonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Auch nachts ist der Fensterplatz exquisit: Da schlummert mein Viertel und die Hardenbergstraße streckt sich einsam in die Länge, nur hin und wieder torkelt ein Nachbar, von der Eckkneipe kommend, seiner Souterrainbehausung entgegen und zersingt die Stille, die sonst allein die Kirchturmglocke oder die Trommler vom Werdersee durchbrechen.

Will ich am Tage das Reihenhaus komplett ausblenden, fläze ich mich rücklings auf mein Sofa, lasse das rote Satteldach unter meiner Fensterbank versinken, schaue den Wolkendampfern zu, wie sie über das Blau in den Horizont hinausschippern, und denke mir: Zu Hause ist es doch am schönsten.

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Mit Wittgensteins Enten am Werdersee

London banks

Zu Füßen des Huckelrieder Friedhofs schlummerte ich am Deich auf dem Ufergrün des Werdersees über Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus, bis mich laute Rufe und Planschgeräusche aus meinem Nickerchen zurück in die Wirklichkeit jenes Sommerabends zerrten. Ich rieb mir die Augen, schaute aufs Wasser und erspähte hinter dem Schilf eine Horde von Aquazentauren – behelmte Kreaturen jagten auf ihrem schwimmenden Rumpf mit einem Paddel bewaffnet einer neongelben Kugel hinterher.

Ich staunte und fragte mich, was genau diese Kreaturen dort drüben trieben. Auskunft erhielt ich von einem Stockentenpärchen, das sich neben meiner Decke in der Sommerabendsonne wärmte und mir verriet, dass es sich bei den Aquazentauren um ganz gewöhnliche Menschen handle, die sich dem – allen Enten suspekten – Kanupolo widmeten.

Ich dankte den beiden für ihre Auskunft, was ihnen zu gefallen schien, denn sie verfielen in Plauderlaune und berichteten allerlei Werderseeanekdoten von manischen Ruderern, Anglern am Morgen, nacktbadenden Pärchen, Gitarrespielern am Lagerfeuer, nächtlichen Elektropartys, Spaziergängern mit unverschämten Hunden, ausufernden Grillfesten und durch die Gegend flatternden Plastikmüll.

Als ich die zwei um eine abschließende Meinung zu den Werderseebesuchern bat, da verstummten sie – nur der Erpel meinte noch: Wovon man nicht sprechen könne, darüber solle man schweigen! Dann nickten sie mir kurz zu, watschelten Richtung Wasser und verschwanden in der Uferböschung.

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DIE LEGENDE VON DER NEUSTADT

Der Bremer Neustädter hat es nicht leicht: Nacht- und Kulturleben der Hansestadt spielen sich nicht in seinem Stadtteil, sondern auf dem anderen Weserufer im Steintorviertel ab, wo Studenten, selbst ernannte Lebenskünstler sowie stadtbekannte Szenegrößen in ihrer zeitgemäß aparten Kluft über den Ostertorsteinweg flanieren. Besuch von diesen bewunderungswürdigen Wesen sollte der Neustädter nicht erwarten, denn er lebt auf der falschen Seite, die zu betreten einem Viertelbewohner nicht zugemutet werden darf.

Neustadt? … Neustadt … das ist doch … ist das nicht …?“, fragt der Viertellini ein wenig verwirrt, wenn er auf jenen Stadtteil angesprochen wird, zuckt schließlich mit den Schultern und verschwindet in einer Kneipe am Eck, um der entstandenen Irritation mit ein paar Becks beizukommen.

Neustadt, das ist … ja, ist Bremen, ist jedoch jenseits des Flusses, den der Viertelbewohner lediglich aus der Schräglage seiner Kuschelwiese, dem Osterdeich, kennt. Der Fluss, das ist die Weser, das weiß er wohl – aber dahinter, hinter der Weser?

Da ist das Café Sand. Das sieht man doch!“

Ja, aber was ist hinter diesem?

Hinter dem Café Sand soll noch etwas sein?“ fragt er mit aufgerissenen Augen, starrt in den Abendhimmel über dem Stadtwerder und erschaudert beim Gedanken daran, sich in jene Ferne hinauszuwagen und hinabzustürzen in die niedersächsische Provinz, die er dort bisher vermutet hat. Hinter dem Café Sand lauert das Ende seines schnuckligen Biotops, das er nicht freiwillig verlässt, denn wer weiß, ob es eine Rückkehr geben wird, wenn er in die rauen Gefilde der Peripherie vordringt.

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