Italienische Affären

streeruwitz

Marlene Streeruwitz schickt ihre Heldin für ein Abenteuer nach Italien

Italien ist nach wie vor ein beliebter Schauplatz literarischer Werke. Nicht nur die beiden Protagonisten der frisch mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Novelle „Widerfahrnis“ brechen zu diesem Sehnsuchtsort auf, sondern auch die titelgebende Heldin in Marlene Streeruwitz’ Roman „Yseut“. Die Endsechzigerin quartiert sich in einer norditalienischen Villa ein, in der einst Byron gewohnt haben soll. Von dort aus möchte die aus Wien stammende Linguistin einige Drehorte von Antonioni-Filmen abklappern, findet dafür indes nur wenig Zeit. Kaum ist sie in der Villa angekommen, ist sie mit regionalen Machtkämpfen konfrontiert, die im Umkreis der Villa ausgetragen werden. Welche Rolle dabei die Contessa spielt, die das Hotel in der Villa betreibt, bleibt ihr rätselhaft. Genauso rätselhaft wie die Motive des knapp 20 Jahre jüngeren Mafiosos, der trotz seiner brutalen Ausstrahlung, mit allerlei Avancen um Yseut wirbt.

Als wäre das alles noch nicht genug, begegnet Yseut einer Gruppe Geflüchteter, die in der Nähe der Villa in einem leer stehenden Haus campieren. Mit dem Auftauchen geflüchteter Menschen im Sehnsuchtsland Italien gibt es eine weitere Parallele zu Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“. Offenbar eignen sich Geflüchtete wunderbar, um Idyllen aufzubrechen und Gegenwartsromanen einen Anstrich von politischer Relevanz zu geben. Vielleicht ist dagegen auch gar nichts einzuwenden, allerdings bleiben sie bei Streeruwitz eher Staffage. Überhaupt erzählt die 66-jährige Österreicherin die interessantere Geschichte nicht in dem Handlungsstrang, der im Italien des Jahres 2015 spielt, sondern in den Rückblenden. Dort erfahren wir von Yseuts Kindheit im Wien der Nachkriegsjahre, von ihrer ersten Ehe, ihrem Studium im Kalifornien der 60er, von der Geburt ihres einzigen Kindes, von ihren Theatererfahrungen und von ihren Liebesbeziehungen.

Im Rückblick hadert Yseut mit der Dominanz der Männer in ihrem Leben, sodass sie unschlüssig ist, ob sie ein positives Zwischenfazit ziehen soll oder nicht. Zu Streeruwitz’ angeblichem „Abenteuerroman“ lässt sich hingegen durchaus ein positives Fazit ziehen, da die Bremer Literaturpreisträgerin des Jahres 2012 in ihrer gewöhnungsbedürftigen Kurz-Satz-Schreibe eine faszinierende Frauenfigur entwickelt hat, die im Alter darüber sinniert, was das eigentlich für ein Leben war, das hinter ihr liegt, und wo ihr Platz sein wird in den Jahren, die noch vor ihr liegen.

Marlene Streeruwitz: Yseut. Abenteuerroman in 37 Folgen. S. Fischer, Frankfurt am Main. 416 Seiten, 25,00 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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