Gelungener Poesie-Marathon

Nach Prelaunch I & II geht´s heute offiziell los mit poetry on the road. Wie in den vergangenen Jahren sind bei der Eröffnungsgala wieder Autor*innen aus aller Welt zu Gast im Theater am Goetheplatz. Jedes Mal wieder ein inspirierender Poesie-Marathon! Und so war es im vergangenen Jahr …

Zur Eröffnung des 17. internationalen Literaturfestivals „poetry on the road“ im Mai 2016 

Am Ende, 20 Minuten vor Mitternacht, ist der Kopf vollgestopft mit Poesie, mit einfühlsamen Versen aus Schweden, schwermütigen Gedichten aus Österreich, musikalischer Lyrik aus Jamaika und filigranen Poemen aus Deutschland. Über dreieinhalb Stunden erstreckte sich die Eröffnungsveranstaltung vom 17. Internationalen Literaturfestival „poetry on the road“ im ausverkauften Saal des Bremer Theaters am Goetheplatz. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Veranstaltung bereits eine Dreiviertelstunde alt war, als die Moderatorin Silke Behl endlich den ersten Gastpoeten vorstellen durfte. Zuvor gab es den üblichen Vorlauf mit Begrüßung durch die Festivalleitung Regina Dyck (mit einer Rede) und Michael Augustin (mit eigenen Gedichten) und der offiziellen Begrüßung durch die Staatsrätin für Kultur, Carmen Emigholz.

Poetisches Kontrastprogramm: Kei Miller & Raoul Schrott

Doch gleich der erste Dichter entschädigt für das Warten: Der 1978 auf Jamaika geborene und in England lebende Kei Miller kartografiert in seiner englischsprachigen, fein durchrhythmisierten Lyrik die Karibikinsel, die vielen als Paradies gelte, was seiner Meinung jedoch „Bullshit“ sei. Mit seinem warmen Timbre und der brillanten Modulation unterstreicht Miller, wie die Art des mündlichen Vortrags die Ausdruckskraft von Gedichten zu multiplizieren vermag. Ein negatives Gegenbeispiel bietet direkt danach der österreichische Universalliterat Raoul Schrott, der seine intellektuelle Lyrik in einer schwermütigen Lesung teilweise geradezu vernuschelt. Allein das letzte Gedicht des 52-Jährigen – über das Grab eines eritreischen Flüchtlings in Libyen – vermag zu berühren. Doch da sind die ihm zur Verfügung stehenden zwölf Minuten bereits rum, und mit dem ostwestfälischen Schriftsteller Wiglaf Droste kehrt die Satire auf die Bühne ein. Nach einem amüsanten Exkurs in seine Lyrik-Sozialisation und eine Hommage an den verstorbenen Harry Rowohlt gibt er in Begleitung mit dem Musiker Danny Dziuk noch zwei Bob-Dylan-Songs zum Besten. Da nach der über 20-minütigen Droste-Show eigentlich alles bereit ist für die Pause, geht die schwedische Dichterin Linda Boström Knausgård mit ihrer anspruchsvollen Poesie leider etwas unter.

Nach 2½ Stunden der Höhepunkt mit Alfred Brendel

Dass nach der Pause einige Plätze unbesetzt bleiben, ist angesichts der Uhrzeit (22.30 Uhr) verständlich, wenn auch bedauerlich – zumindest für jene, die gegangen sind, denn mit Alfred Brendel gibt es direkt nach der Pause einen der Höhepunkte des Abends. Der 1932 in Nordmähren geborene und längst weltberühmte Pianist präsentiert sich als Virtuose der Sprache und erntet für seine schwarzhumorigen und zugleich tiefsinnigen Verse viele Lacher und den vielleicht größten Applaus des Abends. Mit der gebürtigen Bremerin Nora Bossong kehren dann kurzzeitig wieder ruhigere Töne ein, bevor schließlich ein offenbar wegen der späten Uhrzeit leicht vergrätzter Georg Ringsgwandl auf die Bühne tritt. Nach einem grantigen Einstieg ist das Publikum vom absurden Humor der zwei dargebotenen Lieder (am Klavier und der Gitarre) derart begeistert, dass der 67-jährige bayerische Kabarettist gar zwei Zugaben spielen muss, was ihn mit dem Abend wieder zu versöhnen scheint.

Exquisite Mischung & Überdosis zugleich

Sicherlich kann man die Länge der Veranstaltung kritisieren, aber man kann auch verstehen, dass die Festivalleitung bei dieser Feier der Poesie ein möglichst vielfältiges Poeten-Ensemble aufbieten möchte. Und letztlich muss man den Hut davor ziehen, dass sie Jahr für Jahr diese exquisite Mischung aus internationalen Literaten zusammenbekommt. Wenn es nun neben den deutschen Übersetzungen – die bei allen fremdsprachigen Texten auf einer Videoleinwand zum Mitlesen eingeblendet werden – auch noch englischsprachige Übersetzungen der deutschen Texte (und der Moderation) für die internationalen Gäste gäbe, wäre es ein vollauf gelungener Auftakt. Es wäre doch schön, wenn allen die Möglichkeit geboten würde, sämtliche vorgetragenen Gedichte zu verstehen – damit letztlich alle poesietrunken in die Bremer Nacht hinaustorkeln können.

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Gelungener Poesie-Marathon

  1. Warst du gestern abend da? Ich war das erste mal dabei und wusste nicht, was mich da erwartet. Deswegen war es deutlich länger und anstrengender, als ich gedacht hätte. Dennoch fand ich den Abend sehr gelungen. Ich fand es aber auch schade, dass es bei den deutschen Beiträgen keine englische Übersetzung gab.

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    • Ja, ich war da, und mir ging es ähnlich. Der Abend war sehr gelungen – in der Mischung und Reihenfolge -, aber dennoch wie jedes Jahr zu lang. Und dass es keine englischen Übersetzungen bei den deutschen Beiträgen gibt, kritisiere ich seit Jahren (auch in meinem aktuellen Artikel, den ich für die Zeitung geschrieben habe und später auch hier posten werde). Dennoch Hut ab vor den Organisatoren, dass sie jedes Jahr so eine klasse besetzte Eröffnungsgala hinbekommen. Hattest du einen Favoriten an dem Abend und warst/bist du auch noch auf anderen Veranstaltungen?

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      • In diesem Jahr habe ich es leider nur zur Eröffnungsveranstaltung geschafft, auch wenn ich gern noch einiges mehr gesehen hätte – terminlich hat das leider nie gepasst.
        Ich fand am Freitag Almadhoun sehr beeindruckend, vor allem nach der ‚Widmung‘, die er seinem Gedicht vorangestellt hat.
        Ansonsten hat mich Zena Edwards sehr beeindruckt, nicht zuletzt wegen ihrer Gesangseinlage.
        Eckenga hätte ich nicht gebraucht, wie du es ja auch in deinem neuen Beitrag schreibst. Einige im Publikum um mich herum scheinen aber durchaus Gefallen an seinen Gedichten gefunden zu haben, aber es ist einfach echt nicht meine Art Humor.
        Auch Connie Palmen fand ich etwas Fehl am Platz, weil sie eben ’nur‘ über eine Lyrikerin schreibt, aber keine Lyrik. Das mag ein bisschen kleinlich sein. Ihr Vortrag kam mir auch sehr lang vor.
        Aber insgesamt war es dennoch ein gelungener Abend und wie du auch sagst, ist die organisatorische Leistung an sich schon beeindruckend.
        Ich freue mich auf nächstes Jahr!

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      • Ja, Almadhoun war sehr beeindruckend. Connie Palmen fand ich durchaus okay, da die gelesene Passage stark war und ein bisschen Prosa an so einem langen Abend ein wenig Abwechslung bietet; aber zusammen mit dem Gespräch war es schon sehr lang – was vielleicht leicht merkwürdig anmutet, wenn alle anderen eigentlich nur um die 12 Minuten haben. Da hätte man ruhig etwas kürzen dürfen – hätte man dann noch Eckenga gestrichen (auch absolut nicht mein Humor, aber tatsächlich haben einige da offenbar großen Spaß gehabt), wäre es eine halbe Stunde kürzer und der Abend auch von der Länge her perfekt gewesen. Zena Edwards fand ich an sich auch klasse, nur etwas schade, dass sie genau das gleiche Programm abgeliefert hat wie bereits am Mittwoch bei der ebenfalls sehr gelungenen Prelaunch im Wallsaal – da fand ich ihre Preformance sogar noch stärker – da hat sie das Publikum bei ihrem Song mit Bodypercussion zum Mitmachen und -singen animiert (der nähere Kontakt zum Publikum kam ihr da vermutlich entgegen). Ist aber alles Nörgelei auf hohem Niveau, weil wie gesagt: insgesamt ein toller Abend mit spannenden Gästen:-)

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