Der Frankfurter Flaneur

In „Tarzan am Main“ skizziert Wilhelm Genazino in Prosaminiaturen die Szenerie Frankfurts sowie Etappen seiner eigenen Biografie.

Frankfurt am Main wird von einigen Bewunderern für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten. Die für deutsche Verhältnisse imposante Skyline des Bankenviertels brachte ihr sogar einen Vergleich mit New York und den Spitznamen „Mainhattan“ ein. So beeindruckend die Frankfurter Bankentürme von Weitem wirken mögen: „Zwischen den Türmen selber ist nichts los.“ Das zumindest meint Wilhelm Genazino – und der sollte es wissen, schließlich lebt er seit 1970 in Frankfurt.

Alltagsbetrachtungen, autobiografische Anekdoten & literarische Reflexionen

Seine Beziehung zu dieser Stadt beschreibt der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2004 in seinem neuen Buch „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“, das pünktlich zum 70. Geburtstag des Autors erschienen ist. Der schmale Band versammelt Alltagsbetrachtungen, autobiografische Anekdoten und literarische Reflexionen über das Älterwerden, das Schriftstellerdasein und das urbane Treiben. Genazino flaniert durch Frankfurt, skizziert den Verfall der Innenstadt und berichtet von Begegnungen mit Alkoholikern, Straßenpredigern oder einer Konditoreifachverkäuferin, die sich bemüht ein Stück Schokoladentorte aufrecht auf einem Pappdeckel zu positionieren. Genazino zeichnet in seinen Etüden ein ambivalentes Bild von einer Stadt, die zwischen Metropolengehabe und provinzieller „Eppelwoi-Seligkeit“ changiert: „Nein, großstädtisch ist das nicht; es ist widersprüchlich, abschreckend, lebendig, bunt.“

Die eine oder andere geschilderte Szene wird dem erfahrenen Genazino-Leser vertraut verkommen. Wenn der Autor sich über jene Großstadtmenschen wundert, die permanent mit Rucksäcken ausgestattet durch die Städte streunen, über das Leben der Pendler sinniert oder die Fallen des Kleinbürgertums heraufbeschwört, dann kennt man das bereits aus seinen Romanen. Das gilt ebenso für die Beschreibung der körperlich versehrten Straßenmusiker, die in der Nachkriegszeit mit ihren Drehorgeln durch die Hinterhöfe zogen und seine Mutter dazu animierten (trotz der eigenen klammen Kasse), Münzen in Zeitungspapier einzuwickeln und als Spende in den Hof hinauszuwerfen. Das ist eine feine Anekdote, die anschaulich die Atmosphäre der Nachkriegszeit vermittelt; aber genau diese Szene hat er bereits in seinem 2007 erschienen Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ geschildert.

Ein konsequentes Buch, das auf eine Story verzichtet

Doch die Erfahrung des Déjà-vus bei der Lektüre eines Genazino-Werkes ist nichts Ungewöhnliches. Nicht ganz zu Unrecht hat der Literaturkritiker Richard Kämmerlings im Sommer 2011 bei der Besprechung des Genazino-Romans „Wenn wir Tiere wären“ moniert, dieser Autor habe weder einen Stoff noch eine Story und im Prinzip nur ein einziges Buch geschrieben, denn letztlich erzähle er in all seinen Romanen immer wieder die gleiche Geschichte. Man muss dieser Kritik nicht in ihrer Grundsätzlichkeit zustimmen, doch ihr Kern enthält zumindest ein Fünkchen Wahrheit: Bei mehreren Romanen Genazinos ringt ein Angestellter mit sich, der Gesellschaft sowie den Frauen. Hinzu kommen zahllose Beobachtungen, die der jeweilige Protagonist bei seinen einsamen Streifzügen durch eine Stadt sammelt, die entweder als Frankfurt benannt oder zumindest an diese angelehnt ist. Dennoch loben andere Kritiker Genazino insbesondere für seine präzisen Schilderungen des Alltags und die damit verknüpften Reflexionen.

Insofern ist „Tarzan am Main“ ein konsequentes Buch. Es verzichtet gleich ganz auf eine Story und konzentriert sich auf das, was Genazino am liebsten macht und am besten kann: Beobachtungen in Literatur verwandeln. Er beobachtet am frühen Morgen aus seiner Schreibstube heraus eine Austrägerin beim Verteilen der Zeitungen und lässt sich vom Quietschen ihres Wagens zum Schreiben inspirieren. Er durchstreift schäbige Fußgängerunterführungen, Einkaufsstraßen und Friedhöfe, entdeckt auf Flohmärkten Krokohandtaschen, Schuhspanner wie Hüftgürtel und kommt zu dem Schluss, dass „der Flohmarkt nicht nur eine Art Zeitbühne, sondern viel mehr noch ein Friedhof der toten Dinge“ sei.

Autobiografische Erzählstücke über die „Halbboheme“

Nicht jede Alltagssituation büßt ihre Banalität allein dadurch ein, dass der Autor sich ihrer annimmt und in Literatur zu gießen versucht, doch einige der knapp 50 Prosaminiaturen sind sehr gelungen und vermitteln anhand von Details ein Bild von der Bankenstadt am Main und unserer Gegenwart. Am interessantesten sind allerdings die autobiografischen Erzählstücke, in denen Genazino schildert, wie er Anfang der 70er Jahre als Landei aus der Provinz in Frankfurt als Redakteur bei der satirischen Zeitschrift „Pardon“ anheuerte.

Witzig und zugleich charakterisierend für jene Zeit sind die Widersprüche, in welche sich die Angestellten der Redaktion verstrickten: Einerseits fühlten sie sich der linkspolitischen Szene zugehörig und gebärdeten sich als Künstlerboheme, andererseits zitterten sie um ihre Jobs und beugten sich den Vorgaben eines Verlegers, der aus dem linksradikalen Organ eine Publikumszeitschrift mit hoher Auflage machen wollte. Ganz zutreffend bezeichnet Genazino sich und seine Kollegen im Rückblick deshalb als „Halbboheme“.

Nicht minder faszinierend sind die Einsprengsel aus Genazinos Kindheit. Wenn er beschreibt, wie er sich als Kind auf den nächsten Krieg vorbereitete, indem er sich Tarzan als Vorbild nahm (daher der Titel) und zum Selbstschutz meist einen Ast bei sich trug und auch mit ins Klassenzimmer schleppte, dann wohnt der Szene eine sehr tiefgründige Komik inne.

Insgesamt sind die autobiografischen die überzeugenderen Texte, wobei auch einzelne Alltagsbetrachtungen durchaus zu gefallen wissen. Alles in allem scheint der Ton, in dem unsere Zeit beschrieben wird, weniger kulturpessimistisch, sondern etwas sanfter als in anderen Büchern Genazinos. Vielleicht könnte man sagen: Ein kritischer Geist wird allmählich ein bisschen altersmilde.

Wilhelm Genazino: Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands. Hanser Verlag, München. 144 Seiten, 16.90 €.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Rezensionen - ältere Bücher

2 Antworten zu “Der Frankfurter Flaneur

  1. Einige der Angestellten-Romane wie „Abschaffel“ und der Freiberufler-Romane wie „Ein Regenschirm für jeden Tag“, „Die Liebesblödigkeit“ und „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ habe ich gerne gelesen, wobei ich mich in der melancholischen Grundstimmung aufgehoben fühlte. Wilhelm Genazinos Wahrnehmen, Beobachten und Schreiben sind einzigartig in der Bewegung des Spazierens, Flanierens, im Innehalten und Schauen.
    Die Kritik, der „Autor habe weder einen Stoff noch eine Story und im Prinzip nur ein einziges Buch geschrieben, denn letztlich erzähle er in all seinen Romanen immer wieder die gleiche Geschichte“, verkennt Genazinos Stoff, erzählerisches Herangehen und „sein Lied“.
    Dies erinnert mich an den kanadisch-amerikanischen Folkrock-Musiker Neil Young. In einem Konzert rief ein Zuhörer zu seinen Songs: „They all sound like the same“ und er antwortete: „It’s all one song.“

    Gefällt 1 Person

    • Ich teile Richard Kämmerlings Kritik auch nur sehr bedingt und finde die Anekdote mit Neil Young äußerst passend – allerdings geht es mir mit Young tatsächlich ähnlich wie mit Genazino: Da reichen mir eigentlich auch drei, vier Platten, die ich immer wieder gerne höre – das sagt natürlich nichts über die Qualität der anderen Platten aus, Gleiches gilt für Genazino.

      Gefällt 1 Person

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