Bunt und weltoffen trotz rechter Ecke

Wenn in Leipzig Buchmesse ist, dann feiert fast die ganze Stadt ein Literaturfest

Überfüllte Straßenbahnen und Straßenbahnfahrer, die es mit Humor nehmen („Willkommen in der Leipziger Kuschelbahn!“). Tausende vor allem junge Besucher, die in aufwendigen Kostümen trotz heftigen Wintereinbruchs als bunte Comicfiguren verkleidet durch die Stadt und die sechs Messehallen flanieren. Dicke Kondenswassertropfen, die vom Dach der zentralen Glashalle auf die Gäste, die Bücher und die vorlesenden Autoren klatschen. Etliche bekannte Schriftsteller wie Bernhard Schlink, Jojo Moyes, Sebastian Fitzek oder Klaus Modick, die ihre neuen Werke vorstellen, und zahllose unbekannte Schreiberlinge, die bei den bekannten Kollegen und den Ständen der Verlage, mit ihren Manuskripten hausieren gehen – in der Hoffnung jemand möge auch ihren Roman veröffentlichen.

All das und vieles mehr ist die Leipziger Buchmesse neben den nackten Zahlen, die dennoch nicht unerwähnt bleiben sollen. 271.000 Besucher innerhalb von vier Tagen, 3600 Veranstaltungen an 550 Orten, 2635 Aussteller und gut 3400 Mitwirkende aus 46 Ländern. Wenn in Leipzig Buchmesse ist, dann scheint die Literatur omnipräsent zu sein. Im Rahmen von „Leipzig liest“ gibt es über die Stadt verteilt Unmengen an größeren und kleineren Literaturveranstaltungen. In den Gewölben der Moritzbastei zelebrieren zum Beispiel am Mittwoch und Donnerstag jeweils knapp drei Dutzend Autoren die „Lange Leipziger Lesenacht“, im Deutschen Literaturinstitut präsentieren am Freitagabend ehemalige Studenten ihre frisch erschienenen Romane, Erzähl- oder Gedichtbände, während Samstagnacht die „LitPop“ im pompösen Ambiente des Neuen Rathauses Konzerte, Party und Literatur zu einem riesigen Event zu verschmelzen versucht. Und parallel zu solchen Veranstaltungen lesen zeitgleich anderswo in der zugeschneiten Stadt Schriftsteller wie Navid Kermani, Felicitas Hoppe, Angelika Klüssendorf oder Friedrich Christian Delius und Politiker wie Joschka Fischer, Peer Steinbrück oder Gregor Gysi.

Natürlich ist auch die Politik präsent in Leipzig. Nicht nur in Form von Politikern, die ihre neuen Bücher vorstellen, sondern auch in Form von Diskussionsrunden und Streitgesprächen über Europa, die 68er oder das Internet. Teil dieser Debatten ist auch jene um die rechten Verlage, die in einer Ecke in Halle 3 mit einer Handvoll Ständen und einer Lesebühne vor Ort sind. Viel wurde bereits vorab darüber gestritten, ob man ihnen in Leipzig ein Forum geben dürfe für ihr teils rechtsextremes Gedankengut.

Natürlich ist es schwer erträglich, wenn Leitfiguren der Neuen Rechten wie Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek oder Akif Pirinçci ihre rechtspopulistischen Reden auf dieser internationalen Messe schwingen dürfen. Schwer erträglich vor allem für jene, die direkt leiden unter der rechten Gewalt, denen Kubitschek und Co mit ihrem Geschichtsrevisionismus, ihrer Ausländerhetze und ihren Verschwörungstheorien Vorschub leisten. Inmitten dieser riesigen Messe allerdings gingen diese Verlage und ihre Veranstaltungen vermutlich komplett unter, würde man ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit schenken. Abgesehen von einem permanent präsenten Polizeiaufgebot trifft man vor Ort neben den Szenegrößen meist nur auf ein Dutzend erregter Rentner, ein paar junge Männer von der „Identitären Bewegung“ und einige Interessierte, die sich das Ganze mal anschauen wollen.

Sicherlich sollte man die Anwesenheit der Rechten nicht totschweigen, aber deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen die vielen Veranstaltungen, in denen offen und kritisch über unsere Gegenwart diskutiert wird. Ob die Schriftstellerin Gretchen Dutschke mit dem Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar über das Erbe der 68er debattiert, der Journalist Andreas Speit über das Phänomen der Reichsbürger berichtet, der Philosoph Slavoj Žižek provokativ gegen die Linke polemisiert oder Navid Kermani von seinen Erlebnissen in Osteuropa erzählt. Es sind jene Gespräche und Debatten, die inspirieren und zeigen, dass die Buchmesse in erster Linie eine bunte und weltoffene Veranstaltung ist und dass Literatur immer noch die Kraft besitzt, neue Denkräume zu öffnen und Gräben zu überwinden.

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