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Sehnsuchtsort Ostsee

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Gregor Sanders feiner Erzählungsband „Winterfisch“

Während die Short Story sich in den USA nicht hinter dem Roman verstecken muss, schlummern Kurzgeschichten und Erzählungen in Deutschland immer noch im Schatten ihres großen Bruders. Ob das an den Lesern oder an den Verlegern liegt, sei dahingestellt – an den Schriftstellern jedenfalls kann es nicht liegen, denn es gibt sie, die deutschen Autorinnen und Autoren, die exzellente Erzählungen schreiben. Zu diesen gehört der 1968 in Schwerin geborene Gregor Sander mit seinem 2011 erschienen Erzählungsband „Winterfisch“.

Für die Titelerzählung dieses Bandes wurde er 2009 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Er hätte den Preis aber auch für jede andere der insgesamt neun Erzählungen verdient, die alle im Ostseeraum spielen. Dieser Meinung war offensichtlich auch jene Jury, die ihm 2012 den mit 15.000 Euro dotierten Preis der LiteraTourNord verlieh.

Alle neun Texte sind in sich stimmig, erzeugen eine dichte Atmosphäre und blicken auf die See hinaus. Ob Sander die Geschichte alter Studienfreunde auf einem Segeltörn, einer Köchin auf Hiddensee, zweier Zwillingsbrüder in Finnland oder eines Liebespaars auf den Spuren Ingmar Bergmans auf Gotland erzählt: Immer wieder taucht das Meer auf – ist mehr als Kulisse, ist Spielpartner und Sehnsuchtsort zugleich.

Neben der Ostsee kommt auch der DDR in einigen Erzählungen eine zentrale Rolle zu. Sander zeigt in verdichteter, fein gesponnener Form, dass die emotionalen Altlasten eines Systems – die Spuren (inzwischen) eingerissener Grenzzäune und DDR-Familiengeschichten – mithilfe geschickt verwobener Zeitebenen sowie entschlackter Sätze auf 20 Seiten entfaltet werden können. Mit wenigen Worten charakterisiert Sander die Figuren seiner Geschichten, die einen immer gleich mit dem ersten Satz packen und erst wieder aufschrecken lassen, wenn man erkennt, dass man schon wieder auf ein Ende dieser zwar kleinen, aber großartigen Erzählungen zusteuert.

Gregor Sander: Winterfisch. Erzählungen. Wallstein, Göttingen. 190 Seiten.

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Jugend ohne Staat

Peter Richter

Peter Richter erzählt von einer DDR-Jugend während der Wendejahre

Wenn dir ein paar Neonazis die Fresse polieren, ist es dir wahrscheinlich egal, dass du gerade mittendrin bist in einer historischen Epochenwende. So zumindest ergeht es dem namenlosen Erzähler in Peter Richters Roman „89/90“ am Silvesterabend des Jahres 1989. Gerade noch hat er einen desaströsen Auftritt mit seiner Punkband „Die Faschisten“ hinter sich gebracht, als echte Faschos die Silvesterparty in der „Pisse“, einem besetzen Haus im Dresdner Stadtteil Pieschen, stürmen und für Prellungen, blaue Augen und blutende Nasen sorgen.

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Elektrokratie DDR

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Thomas Brussig streicht die Wiedervereinigung

Die Idee ist nicht neu, schon Simon Urban hat vor knapp vier Jahren in seinem satirischen Politthriller „Plan D“ ein Szenario entworfen, in dem die DDR weiterexistiert. Nun legt der 1964 in Ost-Berlin geborene Thomas Brussig mit einer fingierten Autobiografie nach und erzählt von seinem Leben als berühmter Schriftsteller in der Deutschen Demokratischen Republik, die nicht nur keine Wiedervereinigung erlebt hat, sondern mithilfe ihrer Vormachtstellung in der Entwicklung von Elektroautos sowie Windenergie „den Lebensstandard der Kuwaitis und den Staatshaushalt der Norweger“ anstrebt. Im Jahr 2014 gibt es in DDR zwar immer noch keine freien Wahlen, jedoch eine „Elektrokratie“, die ihre Bevölkerung mit Geld besticht.

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