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Bezaubert in den Abgrund

In seinem Roman „Hagard“ lässt Lukas Bärfuss einen erfolgreichen Geschäftsmann virtuos in den Abgrund einer plötzlich entfachten Leidenschaft stürzen und übt dabei deutliche Kritik an dem von Pragmatismus und Technikgläubigkeit geprägten modernen Leben

Philip ist ein erfolgreicher Immobilienhändler, der mitten im Leben steht. In Zürich hat er sein Büro mit einer Sekretärin und seine Wohnung mit einer Hausangestellten, die sich auch um seinen Sohn kümmert. Philip ist elegant gekleidet, fährt einen dunkelblauen BMW und agiert mit gesundem Selbstbewusstsein. „Es war unwahrscheinlich, dass jemand wie dieser Philip sich ein anderes Schicksal wählen und sich innerhalb weniger Tage, um nicht zu sagen, Stunden, von einem soliden, gesicherten Dasein an den Rand der eigenen Vernichtung bringen würde.“

Und doch passiert genau das! Dieser Philip verfällt aus dem Nichts heraus einer fremden Frau, die er in einem Kaufhaus erblickt, während er auf einen potenziellen Geschäftspartner wartet, der einen lukrativen Deal verspricht. Als Erstes erblickt Philip bloß die Schuhe der Fremden – pflaumenblaue Ballerinas – und plötzlich ist er im Bann dieser Frau. Zuerst folgt er ihr offenbar allein aus spielerischer Neugier heraus durch die Stadt; doch diese Neugier wird nach und nach zu einer Obsession, zu einem zwanghaften Begehren, das ihm letztlich zum Verhängnis wird.

Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag.“

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Loslassen & Lesen

 

Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag. Er war vereint mit seinem Atem, denn schnell hatte er bemerkt, wie wenig hilfreich es war, sich aufzuregen, sich Sorgen zu machen, weiter als an den nächsten Schritt zu denken. All dies hinderte ihn daran, im Moment aufzugehen. Und er sah, was er noch nie gesehen hatte. Die Welt voller Zeichen, die er lesen konnte.“

aus: Lukas Bärfuss: Hagard

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Möchtegern-Gangster

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Schön schräg – Teresa Präauers Roman über einen Problem-Teenager

Motter, wo ist mein Mobiltelefon?!“, schreit Schimmi aus dem 13. Stock in die Nacht hinaus, wenn seine Mutter ihn mal wieder allein gelassen und vorher das Handy einkassiert hat, damit Schimmi nicht die Telefonkosten in die Höhe treibt. Schimmi heißt eigentlich Jim und ist der jugendliche Held in Teresa Präauers dritten Roman „Oh Schimmi“. Wobei Schimmi vor allem eins ist: ein Maulheld. Der ziemlich überdrehte Teenager hat eine extrem große Klappe, mit der er ordentlich Sprüche klopft, so wie es sich für einen Gangster-Rapper gehört – denn dafür hält er sich in seiner maßlosen Selbstüberschätzung.

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Sehnsuchtsort Ostsee

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Gregor Sanders feiner Erzählungsband „Winterfisch“

Während die Short Story sich in den USA nicht hinter dem Roman verstecken muss, schlummern Kurzgeschichten und Erzählungen in Deutschland immer noch im Schatten ihres großen Bruders. Ob das an den Lesern oder an den Verlegern liegt, sei dahingestellt – an den Schriftstellern jedenfalls kann es nicht liegen, denn es gibt sie, die deutschen Autorinnen und Autoren, die exzellente Erzählungen schreiben. Zu diesen gehört der 1968 in Schwerin geborene Gregor Sander mit seinem 2011 erschienen Erzählungsband „Winterfisch“.

Für die Titelerzählung dieses Bandes wurde er 2009 beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Er hätte den Preis aber auch für jede andere der insgesamt neun Erzählungen verdient, die alle im Ostseeraum spielen. Dieser Meinung war offensichtlich auch jene Jury, die ihm 2012 den mit 15.000 Euro dotierten Preis der LiteraTourNord verlieh.

Alle neun Texte sind in sich stimmig, erzeugen eine dichte Atmosphäre und blicken auf die See hinaus. Ob Sander die Geschichte alter Studienfreunde auf einem Segeltörn, einer Köchin auf Hiddensee, zweier Zwillingsbrüder in Finnland oder eines Liebespaars auf den Spuren Ingmar Bergmans auf Gotland erzählt: Immer wieder taucht das Meer auf – ist mehr als Kulisse, ist Spielpartner und Sehnsuchtsort zugleich.

Neben der Ostsee kommt auch der DDR in einigen Erzählungen eine zentrale Rolle zu. Sander zeigt in verdichteter, fein gesponnener Form, dass die emotionalen Altlasten eines Systems – die Spuren (inzwischen) eingerissener Grenzzäune und DDR-Familiengeschichten – mithilfe geschickt verwobener Zeitebenen sowie entschlackter Sätze auf 20 Seiten entfaltet werden können. Mit wenigen Worten charakterisiert Sander die Figuren seiner Geschichten, die einen immer gleich mit dem ersten Satz packen und erst wieder aufschrecken lassen, wenn man erkennt, dass man schon wieder auf ein Ende dieser zwar kleinen, aber großartigen Erzählungen zusteuert.

Gregor Sander: Winterfisch. Erzählungen. Wallstein, Göttingen. 190 Seiten.

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