Syltschnipsel 11.1. – Also Archsum (Daumen hoch)

Schafe_aufm_Deich

Meine spontane Idee, von Rantum nach Morsum zu Fuß zu gehen, stellt sich als wenig geistreich heraus. Auf circa 3 Wegstunden hatte ich die Strecke geschätzt, nach knapp 2 Stunden stehe vor einem Schild: Rantum 10 km (da komme ich her), Morsum 6,5 km (da wollte ich eigentlich einen Kaffee trinken), Morsum Kliff 8,5 km (da will ich hin).

Ich blicke nach vorne: Vor mir zieht sich die Strecke an der Küste entlang – noch 2 weitere Stunden immer geradeaus. Mit Blick auf den Deich zur Linken. Mit Blick aufs Watt zur Rechten. Hin und wieder ein paar Begegnungen mit Schafen, die am Deich grasen, mich manchmal neugierig anschauen und dabei entweder weiterkauen, sich ganz beiläufig erleichtern oder sich doch fürs Davongaloppieren entscheiden (manche sind allerdings auch recht fotogen und blicken brav in die Kamera). Außer den Schafen bin ich in der vergangenen Stunde noch Enten, Wildgänsen & Möwen begegnet; nur ein einziges Mal sind mir zwei Fahrradfahrer entgegengekommen.

Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 30 Minuten auf ein Café, einen Kiosk oder eine Fischbude zu treffen, schätze ich auf unter 10 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, das Kliff auf diesem Weg noch vor dem Untergang der Sonne zu erreichen auf unter 1 Prozent. Weitergehen erscheint nicht verlockend, umdrehen genauso unsinnig – also denke ich über Archsum nach, ein Ort, der ebenfalls ausgeschildert und angeblich nur 2 Kilometer entfernt ist. Ein paar Meter vorm Deich steht noch ein Schild, auf dem eine Karte abgedruckt ist, die mir verrät, dass es in Archsum eine Bushaltestelle gibt. Also Archsum.

Ich lasse den Deich hinter mir und gehe auf die Siedlung zu, deren Silhouette sich in der Ferne abzeichnet. Eine lange gerade Asphaltstrecke mit leeren Weiden zur Linken und flauschigen Galloways zur Rechten. Ein junges Kalb schaut auf, blickt mich ein paar Sekunden an, macht zwei Schritte von mir weg, schaut mich wieder an, senkt den Kopf, grast weiter; die anderen Rinder blicken erst gar nicht auf (so tiefenentspannt müsste man sein).

Nach einer Viertelstunde erreiche ich die ersten Häuser, in deren Vorgärten die auf Sylt weitverbreiteten Wildkaninchen hocken oder ein bisschen herumhoppeln, wenn sie mich kommen hören. Ein paar Minuten später stehe ich an der Hauptstraße und lese den Busfahrplan – der letzte Bus fuhr vor 20 Minuten, der nächste fährt in 1½ Stunden. Ich schaue mich um: niemand zu sehen, ein Restaurant ist ausgeschildert, sonst ist nichts zu erkennen außer ein paar Wohnhäusern. Ich stehe in der Haltebucht vor dem Bushaltestellenschild und überlege. Autos rauschen an mir vorüber, die einen Richtung Westerland, die anderen Richtung Morsum. Wieso nicht, denke ich und strecke den Autos, die Richtung Morsum fahren, meinen erhobenen Daumen entgegen. Sechs, sieben kommen in kurzen Abständen auf mich zu, die Insassen blicken mich irritiert an, ziehen vorüber; dann setzt einer den Blinker, bremst ab, biegt in die Haltebucht ein, hält an. Ein Hamburger, der mit seiner Familie Urlaub auf Sylt macht und jetzt für mich den Beifahrersitz freiräumt.

Wir reden während der knapp 10-minütigen Fahrt nicht über den HSV oder Werder, sondern über Sylt. Gemeinsames Schwärmen zweier (ich sage das einfach mal so ganz selbstbewusst als Bremer) Großstädter. Er kommt mit der Familie häufiger hierher, ich bin zum ersten Mal da. Er weiß viel über Sylt zu erzählen, ich nur wenig. Er ist meist mit dem Auto unterwegs, ich mit dem Bus oder zu Fuß (so wie heute). Er will zu seiner Frau & den zwei Kindern, die in der Ferienwohnung auf ihn warten, ich will zum Kliff. Er ist auf dem Weg nach Morsum, ich auch.

In Morsum zeigt er mir den Bahnhof (damit ich weiß, wie ich zurückkomme) und setzt mich wenige hundert Meter vom Strand entfernt ab. Wir verabschieden uns voneinander, ich bedanke mich, gehe zum Meer runter, blicke in den violett gefärbten Himmel und wundere mich, dass es heute erneut – wie schon so oft – am Ende doch irgendwie funktioniert hat. Selbst an einem Tag, an dem ich viel zu spät aufgebrochen bin und mich bei der Strecke vollkommen verschätzt habe, stehe ich schließlich dort, wo ich hinwollte. Wobei: Zum Morsum-Kliff sind es noch zwei Kilometer, doch das werde ich jetzt auch noch schaffen und gehe los.

(Fortsetzung folgt)

Deich

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