Liebe statt Koks

Glavinicsw

Alkohol, Koks und Sex gibt es jede Menge im neuen Roman des Österreichers Thomas Glavinic. Zum Glück jedoch bietet „Der Jonas-Komplex“ neben den Drogeneskapaden eines taumelnden Egozentrikers auch noch eine Adoleszenz-, eine Liebes- und eine Abenteuergeschichte, die zusammen für ausgefallenere Unterhaltung sorgen.

Von Schreib- und Identitätskrisen geplagte Schriftsteller, die deutlich mehr Flaschen leeren als Seiten mit Text füllen, finden sich zuhauf in der Literaturgeschichte. Liegt ja auch nahe, die eigene Krise zu einem literarischen Stoff zu verarbeiten. Originell ist das indes nicht unbedingt und auf Dauer meist ziemlich öde, weshalb sich nach den ersten 100 der insgesamt 750 Seiten von Thomas Glavinics Roman „Der Jonas-Komplex“ die Sorge einschleicht, dass es endlos weitergehen könnte mit Linien ziehen, Schnäpse kippen und Potenzproblemen. Geht es dann zum Teil auch, allerdings nur auf jener einen Handlungsebene, in der die Story des Berufsliteraten erzählt wird, der durchaus das Alter Ego von Glavinic sein könnte, denn die beiden haben über Beruf, Alter und Herkunft hinaus noch einiges gemein (schließlich gilt der 43-jährige Wiener als Enfant terrible der Literaturszene).

Schach & Sex in der Provinz

Sei´s drum: Deutlich interessanter sind die beiden anderen Ebenen. Da ist zum einen die Rückblende in die Kindheit des Schriftstellers, der als 13-jähriger Einzelgänger bei einer alkoholkranken Ziehmutter in einem Provinzkaff aufwächst und sich mit Büchern, Musik und Schach am Leben hält. Vor allem Schach ist seine große Leidenschaft – er studiert eifrig die Partien seiner Vorbilder und gilt im Schachverein als Jahrhunderttalent. Auch hier findet sich eine Parallele zu Glavinic, der im Alter von fünf Jahren seine erste Parte gespielt hat, mit 15 die Nummer 2 der österreichischen Rangliste seiner Altersklasse war und somit ein ambitionierter Schachspieler, bevor er 1998 mit einem Schachroman ein vielfach prämiertes Debüt feierte (Carl Haffners Liebe zum Unentschieden).

Aber zurück zum Roman: Während der 13-Jährige von einer Schachkarriere träumt, muss er sich zugleich mit seinem aufflammenden Sexualtrieb herumschlagen. Und die Gedanken an Sex zu verdrängen, ist gar nicht so einfach, wenn die Ziehmutter permanent Männer anschleppt und sich mit denen lautstark in ihrem Schlafzimmer austobt.

Sex und Alkohol sind damit früh ein Thema in der Biografie des späteren Erfolgsschiftstellers, der sich zwischendurch von Wien in die amerikanische Provinz und nach Südamerika rettet, wo es ihm auch mal über längere Zeiträume hinweg gelingt, nüchtern zu bleiben. Eine andere Konstante ist das Außenseitertum, das auch einen Bogen zur dritten Handlungsebene schlägt, die Abenteuer- und Liebesroman vereint und erfahrenen Glavinic-Lesern vertraut vorkommen dürfte, nicht zuletzt wegen der Hauptfigur Jonas. Dieser ist bereits der Protagonist in Glavinics Romanen „Die Arbeit der Nacht“ (2006), „Das Leben der Wünsche“ (2009) und „Das größere Wunder“ (2013). Jonas ist ein Millionär auf Sinnsuche, der sich gern Extremsituationen aussetzt. Zuletzt hat er den Mount Everest bestiegen, eine Tour, die beinahe tödlich geendet wäre, was Jonas nicht daran hindert, weiterhin Ausnahmeerfahrungen zu suchen. So lässt er sich mehrfach von seinem Anwalt betäuben und irgendwo auf der Welt mit einem Minimum an Ausstattung aussetzen – mal im Jemen, mal auf einer einsamen Insel oder in Hiroshima.

„Jeden Moment kann alles aus sein. (…) Ein schlaues Gehirn, aber zack, ein Schlag, das war’s. In jeder Sekunde kann es plötzlich dunkel werden, und du hättest vielleicht nicht einmal Zeit gehabt, dich von dir selbst zu verabschieden, geschweige denn von anderen, und schon gar nicht von der Welt.“

Jonas sucht die Extreme, um das Leben zu spüren. Langeweile empfindet er als Bedrohung, das Leben begreift er als eine Art Spiel, allerdings im vollen Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit: „Jeden Moment kann alles aus sein. (…) Ein schlaues Gehirn, aber zack, ein Schlag, das war’s. In jeder Sekunde kann es plötzlich dunkel werden, und du hättest vielleicht nicht einmal Zeit gehabt, dich von dir selbst zu verabschieden, geschweige denn von anderen, und schon gar nicht von der Welt.“

Sinnsuche am Südpol

Damit er diese Allgegenwart des Todes nicht vergisst, muss er ihn offenbar in feiner Regelmäßigkeit herausfordern. Dabei könnte er das Leben in aller Ruhe genießen, gemeinsam mit seiner großen Liebe Marie, die er allerdings infiziert zu haben scheint mit seiner Extremerfahrungssehnsucht. Sie will mit ihm zum Südpol, und zwar ohne Führung, Begleitung oder andere fremde Unterstützung. Der Einzelkämpfer Jonas ist alles andere als begeistert von dieser Idee, doch Marie lässt sie sich nicht ausreden, sodass beide schließlich aufbrechen zur Antarktis.

Diese Abenteuergeschichte zweier Liebender wäre schon für sich allein ein Romanthema gewesen. Die beiden Charaktere faszinieren, auch wenn Jonas’ Abenteuersucht teils aberwitzig daherkommt. Auch die geradezu mystisch anmutende Sinnsuche des Liebespaars könnte zu Kitsch verkommen, ist jedoch stattdessen auf kluge Art unterhaltsam und funktioniert im Zusammenspiel mit den schrägen Charakteren und dem derben Humor der anderen beiden Ebenen ganz wunderbar.

Letztlich ist der glücksverheißende Sinn für alle drei Hauptcharaktere greifbar nah: Für Jonas in der Liebe zu Marie. Für den Schriftsteller in der Liebe zu seinem Kind. Und schon der junge Schachspieler ahnt, dass er sein Glück weniger in einer Karriere als Schachprofi finden wird als in der Liebe zu den Menschen, die ihm wichtig sind. „All you need is love“ könnte man jetzt mit den Beatles sagen. Klingt ein wenig abgedroschen, aber manchmal ist es vielleicht doch so einfach.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex. S. Fischer, Frankfurt a. M. 752 Seiten, 21.50 €.

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Eingeordnet unter Rezensionen - Bücher 2016

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