Die fünf Leben der Frau Hoffmann

Erpenbeck - allerTage

Jenny Erpenbeck schenkt in ihrem Roman „Aller Tage Abend“ einer Frau fünf Leben und entwirft dabei eine kunstvoll komponierte Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Mit jedem Menschen stirbt eine Vielzahl von Möglichkeiten. So viele Ereignisse hätte jener Mensch in seinem Leben noch mit anderen teilen, so viele Taten vollbringen, so viele Worte sprechen können. Insbesondere beim Tod eines Kindes scheint mit ihm ein Universum an Optionen zu erlöschen.

Jenny Erpenbeck setzt an den Anfang ihres neuen Romans „Aller Tage Abend“ den Tod eines sehr jungen Menschen. Knapp acht Monate alt ist der Säugling eines frisch verheirateten, im galizischen Brody lebenden Ehepaars, als er eines Nachts zu atmen aufhört. Die Eltern wissen nicht, was zu tun ist – ihr Baby stirbt ihnen unter ihren Händen weg, lässt sie allein mit ihrer Hilflosigkeit, Verzweiflung und Trauer. Die Mutter des verstorbenen Kindes fällt für einige Tage in eine Starre: Auf einer Fußbank hockend lässt sie alles um sich herum geschehen, lässt sich nicht trösten, isst nicht, redet nicht, sondern beklagt für sich allein im Stillen, dass sie niemand auf eine solche Situation vorbereitet hat, „dass niemand ihr vorher gesagt hat, dass das Leben nicht funktioniert wie eine Maschine“.

Ihr Mann, ein k.u.k Beamter der österreichisch-ungarischen Monarchie, flüchtet sich in die Gastwirtschaft, bemüht sich dort, seiner Trauer mit Schnaps beizukommen und entschließt sich letztlich, nicht heimzukehren, sondern fortzugehen – und zwar für immer. Während der Entschluss in ihm reift, fragt er sich: „Zeugt es von Feigheit, wenn man sein eigenes Leben verlässt, oder von Charakter, wenn man die Kraft hat, neu zu beginnen?“ Er findet keine Antwort auf diese Frage, lässt sein altes Leben dennoch hinter sich und seine Frau zurück. Diese muss ihren Alltag allein meistern und rutscht nach und nach in die Prostitution.

Das klingt nach einer tragischen Familiengeschichte, die einen anderen Verlauf hätte nehmen können, wäre das Kind in jener Nacht nicht gestorben. Was wäre, wenn die Mutter in jener Nacht genau gewusst hätte, was in einem solchen Augenblick, in dem ihr Baby zu atmen aufhört, zu tun ist? Wenn sie statt hilflos dazustehen, das Fenster aufgerissen, sich eine Handvoll Schnee von der Fensterbank gegriffen, es dem Säugling an die Brust gedrückt und ihren kleinen Liebling damit ins Leben zurückgeholt hätte? Dann wäre alles anders gekommen!

Genau diese Idee, dass ein kleines Detail den Verlauf der Geschichte entscheidend verändern kann, wird bei Erpenbeck zum Motor ihres Romans. Nach knapp 70 Seiten setzt sie einen Cut, entwickelt in einem Intermezzo einen Gegenentwurf zu den Geschehnissen jener Nacht, in der das Herz des Säuglings zu schlagen aufhörte. Sie lässt die Mutter in den Schnee greifen, lässt sie das kalte Weiß an die junge Brust drücken und damit den Säugling weiterleben.

Im zweiten der insgesamt fünf Bücher des Romans begegnen wir der Familie siebzehn Jahre später im Wien des Jahres 1919. Mann und Frau sind einander treu geblieben, ihre älteste Tochter wird bald achtzehn. Es ist Januar, der Winter ist streng und das Leben ein halbes Jahr nach Kriegsende hart. Die Menschen leiden Hunger, stehen in der Kälte Schlange für Essen oder verrecken an der Spanischen Grippe. Das Mädchen (dessen Namen uns die Autorin nicht verrät) darf im zweiten Buch zwar länger leben, doch sie ist nicht dankbar für dieses Leben, sondern leidet an der Trostlosigkeit sowie dem täglichen Überlebenskampf: „Nun war sie mitten in ihrem eigenen Krieg, in dem kam es ihr, fern von Bomben, Granaten und Giftgas, dennoch unendlich schwer vor, einen Tag von morgens bis abends und durch die Nacht hindurch zu überleben.“

Und dieses Überleben will ihr auch nicht gelingen; schließlich geht sie zugrunde an einer Melange aus Weltschmerz und Liebeskummer. Als ihr zufällig ein junger Mann begegnet, der ebenfalls aufgrund eines gebrochenen Herzens des Lebens überdrüssig scheint und außerdem eine Pistole besitzt, keimt in ihr eine düstere Hoffnung auf: „Jetzt gibt es im Innern der Kugel, die für sie bisher immer unendlich war, plötzlich diese kleine schäbige Tür.“

Sie durchschreitet diese Tür, setzt ihrem Leben ein Ende und beginnt im dritten Buch ein neues. Nun hat sie den Zeitpunkt, in dem „sich ihre Lebensmüdigkeit in einen Tod verwandeln konnte“, verfehlt und sich stattdessen ans Leben geklammert. Insgesamt fünf Mal lässt Erpenbeck ihre Hauptfigur sterben und vier Mal wieder auferstehen – nur ganz am Ende des Romans ist der Tod endgültig.

Es ist beeindruckend, wie Jenny Erpenbeck die Geschichte immer wieder von Neuem variiert und wie sie dadurch eine plastische Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Über das Wien der Nachkriegszeit geht es in die Dreißigerjahre nach Moskau, von dort in die DDR und schließlich ins wiedervereinigte Deutschland. Das sind die Stationen der verschiedenen Lebensläufe der Hauptfigur, die erst im letzten Buch einen Namen bekommt – Frau Hoffmann.

Die 1967 in Ost-Berlin geborene Jenny Erpenbeck – die für ihren letzten Roman „Heimsuchung“ 2009 mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet wurde – hat mit „Aller Tage Abend“ ein kunstvoll komponiertes Werk vorgelegt, für das sie in diesem Jahr den mit 12.000 Euro dotierten Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen erhält. Die studierte Musiktheater-Regisseurin verknüpft die fünf Bücher innerhalb des Romans jeweils mit einem kurzen, widerborstigen Intermezzo, das den vorangegangen Tod der Protagonistin beiseiteschiebt und zur nächsten Variation dieser Lebensgeschichte überleitet. Dabei findet Erpenbeck für jedes Buch den richtigen Ton, sie wählt ihre Worte mit Bedacht und schildert mit einer schnörkellosen Sprache die Härte des Lebens. Hinzu kommt eine Unmenge an starken Sätzen, die aus einer existenziellen Tiefe schöpfen und lange nachhallen – so wie der Roman als Ganzes aufgrund seiner feinen Komposition und Intensität noch lange nachklingt.

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Knaus, München. 288 Seiten, 19.99 €. (August 2012)

2 Kommentare

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Schönwetterdiktatur

kopenhagenamfluss

Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegen geblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht.

Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, dass man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, dachte er, als er sich ein bisschen am Osterdeich ans Weserufer setzte und darauf wartete, dass ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte.“

Sven Regener: Neue Vahr Süd

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Das geheime Wissen der Geschwindigkeitsanzeigeanlage

Kopenkreuzung

Die Geschwindigkeitsmesstafel am Buntentorsteinweg, auf die ich abends zuweilen zuspaziere und die mir mit ihrem LED-Display vor Augen führt:

Sie fahren 4 km/h.

Manchmal sind es auch 5

(dem Radar entgeht dieser Unterschied nicht)

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Wort der Woche

fernrohr

 

 

Labertasche

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Menschen im Wartemodus

Erpenbeck - gehen

Jenny Erpenbeck schreibt über Flüchtlingsschicksale in Berlin

Aktueller geht es kaum. In ihrem neuen Roman „Gehen, ging, gegangen“ setzt sich Jenny Erpenbeck mit genau dem Thema auseinander, das seit Wochen die öffentlichen Debatten beherrscht – der Flüchtlingsfrage. Ausgangspunkt ihres Romans ist das Protestcamp, mit denen Geflüchtete zwischen 2012 und 2014 auf dem Berliner Oranienplatz gegen das Asylverfahrensgesetz demonstrierten. Die 1967 in Berlin geborene Autorin hat mit einigen von ihnen Gespräche geführt, recherchiert und alles zu einer Art Tatsachenroman verarbeitet.

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Wort der Woche

fernrohr

Publikumsverachtungs-

standort

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Die desillusionierende Erkenntnis infolge eines wirkungslosen Sprunges

Hydeparkbahn 

Ich öffne die Tür zur Straße, ich springe von der allerletzten Stufe des Hauses, und jetzt schwebe ich, und mein in Desoxyribonukleinsäuresequenzen gespeicherter Wuchs, meine Fähigkeit, mich an verschiedene Momente meiner Kindheit und Inhalte meiner Schulbildung zu erinnern, die Gefühle, die ich einmal hatte oder verdrängt oder vergessen habe, die Menschen, die mich geprägt haben oder verstümmelt oder verwöhnt, alle Möglichkeiten, die aus der Verschmelzung eines Spermiums meines Vaters und einer Eizelle meiner Mutter vor 9.964,5 Tagen realisiert wurden in diesem einen semipermeablen, von dem ihn umgebenden Gasgemisch unscharf getrennten Gegenstand, schlagen in genau diesem Moment auf der Betonplatte des Gehwegs auf, und die einzige Auswirkung, die das auf die Welt hat, sind feine Schwingungen auf der Oberfläche einer Ölpfütze am Straßenrand, weit unterhalb der Schwelle meines Wahrnehmungsbereichs.“

Heinz Helle „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“

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Aura mit Nebenwirkungen

Setz Indigo

Es gibt Bücher, die wirken wie ein einziges großes Fragezeichen – so mysteriös, labyrinthisch und verwirrend sind sie. „Indigo“, das knapp 500 Seiten starke Werk des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, ist ein solches Buch, und zwar ein derart fein geschnitztes, dass man es dem Autor nicht übel nehmen mag, dass er mehr Fragen als Antworten in die Hirnwindungen des Lesers streut. Der Titel des Romans bezieht sich auf eine esoterische Theorie, dass es Kinder gebe, von denen eine indigofarbene Aura ausgehe. Aus diesem spirituellen Mumpitz spinnt Setz das Fundament seines Romans, in dessen Zentrum jene sogenannten Indigo-Kinder stehen. Allerdings haftet diesen keineswegs eine sanft sphärische Aura an, sondern sie umgibt vielmehr ein radioaktiver Radius, der alle Menschen, die sich zu lange in diesen hineinwagen, verstrahlt. Die „Opfer“ werden von Migräne, Übelkeit oder Schwindel geplagt, weshalb die Eltern ihre Sprösslinge auf die Helianau, eine spezielle Internatsschule für Indigo-Kinder, abschieben.

In diesem Internat tritt im Jahr 2006 ein junger Mathematiklehrer sein Praktikum an. Dieser Lehrer heißt Clemens J. Setz. Neben dem Namen gibt es auch äußerliche sowie biografische Übereinstimmungen zwischen dem Schriftsteller Setz und dem Icherzähler Setz. Diese Jonglage mit seinem Namen sowie der eigenen Identität dient dem Autor, um ein Verwirrspiel mit Fiktion und Realität zu treiben. Mithilfe diverser in das Buch eingewebter Dokumente, Anekdoten und Fotos fingiert Setz eine Authentizität, die Irritationen hinterlässt.

Parallel zur Geschichte des Lehrers verläuft ein zweiter Erzählstrang, der im Jahr 2021 spielt und sich dem ehemaligen Internatszögling Robert Tätzel widmet. Tätzel hat während des Erwachsenwerdens nach und nach seine fatale Aura eingebüßt, ist aber dennoch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er bleibt ein aggressiver Außenseiter, der kaum Empathie oder Liebe für andere Menschen aufzubringen vermag. Die beiden Erzählstränge verweben sich mit der Zeit immer stärker und laufen schließlich zusammen – was jedoch nicht bedeutet, dass sich damit alle Fragen klären.

Der vor fast genau drei Jahren veröffentlichte Roman hat es im Gegensatz zu Setz‘ aktuellem Tausendseitenwälzer („Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“) im September 2012 von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, ihn aber letztlich nicht gewonnen, was unter anderem daran liegen dürfte, dass „Indigo“ keine fluffige Lektüre ist, die ein breites Publikum auf dem Sofa wegschmökert. Es ist ein Buch, das seine Leser fordert. Die vielen Rätsel verwirren und locken gleichzeitig. Lust zum Weiterlesen macht neben der Rätselhaftigkeit die stilsichere Sprache, mit der Setz sein Werk zubereitet hat; insbesondere verzaubern vereinzelte Formulierungen, die wie Leuchttürme hervorragen – so originell oder schön sind sie. Und so sitzt man nach dem Umblättern der letzten Seite da und fragt sich, ob das Fragezeichen, das sich einem während des Lesens in die Gesichtszüge gebrannt hat, nicht genauso gut ein Lächeln sein könnte?

Clemens J. Setz: Indigo. Suhrkamp, Berlin. 479 Seiten, 22,95 €.

(September 2012)

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Rückblick auf den Sommer – Hundeschlecker –

algarve-hund

Like ice in sun. Speiseeis für Hunde. Kein Scheiß. Gibt´s wirklich. Kommt aus Heiligenfelde … oder war´s Heiligenrode? Egal, irgendwas mit heilig jedenfalls. Da wird´s produziert – das Leberwursteis für die treuesten Freunde des Homo sapiens. Nur das mit dem Schlecken klappe angeblich noch nicht so richtig, die meisten Vierbeiner schlängen ihr Leckerli – den eigentlichen Genuss missachtend – einfach in einem Bissen runter, so die Erfinder des Hundeeises.

Tja, da gilt bei Pudeln und Rottweilern wohl das Prinzip: Augen zu und durch, damit es anschließend Krauleinlagen oder Streicheleinheiten von Herrchen beziehungsweise Frauchen gibt – pures Sommerglück zu zweit:)

 

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Wort der Woche

fernrohr

 

 

Kognitionsbüchsen

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