Schlagwort-Archive: Zitat

Loslassen & Lesen

 

Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag. Er war vereint mit seinem Atem, denn schnell hatte er bemerkt, wie wenig hilfreich es war, sich aufzuregen, sich Sorgen zu machen, weiter als an den nächsten Schritt zu denken. All dies hinderte ihn daran, im Moment aufzugehen. Und er sah, was er noch nie gesehen hatte. Die Welt voller Zeichen, die er lesen konnte.“

aus: Lukas Bärfuss: Hagard

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Betrinktempo

 

„Das Leben ist kurz; wer sich betrinken will, hat keine Zeit zu verlieren.“

[Arno Schmidt: Kühe in Halbtrauer]

 

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Lehmanns Lebensinhalt

herr-lehmann

„Moment mal“, sagte Herr Lehmann. „Was soll das heißen, Lebensinhalt? Lebensinhalt ist doch ein total schwachsinniger Begriff. Was willst du damit sagen, Lebensinhalt? Was ist der Inhalt eines Lebens? Ist das Leben ein Glas oder eine Flasche oder ein Eimer, irgendein Behälter, in den man was hineinfüllt, etwas hineinfüllen muß sogar, denn irgendwie scheint sich ja die ganze Welt einig zu sein, daß man so etwas wie einen Lebensinhalt unbedingt braucht. Ist das Leben so? Nur ein Behältnis für was anderes? Ein Faß vielleicht? Oder eine Kotztüte?“

Sven Regener, Herr Lehmann

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Hochprozentige Weisheiten

Tagebucheinestrinkers

Für diesen Satz hätte ich Karl May geliebt: Winnetou starb, ließ sich jedoch nichts anmerken. Etwas geweint, Brandy durch Strohhalm.

[…]

Nachgedacht über Worte eines Freundes: Die Sonne müsste nachts scheinen, am Tage ist es doch sowieso hell. Wieder geweint. Rum.“

Eugen Egner: Aus dem Tagebuch eines Trinkers

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Schönwetterdiktatur

kopenhagenamfluss

Das schöne Wetter machte die Sache nicht besser, im Gegenteil, hätte es wenigstens geregnet, dann hätte er vielleicht zu Hause in seinem Zimmer bleiben können, wäre mit einem Buch und einer Tasse Tee auf seinem Bett liegen geblieben und hätte den Tag vergammelt, aber das ging bei schönem Wetter nicht.

Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, dass man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, dachte er, als er sich ein bisschen am Osterdeich ans Weserufer setzte und darauf wartete, dass ein Bockschiff vorbeikäme, dem er hinterherschauen konnte.“

Sven Regener: Neue Vahr Süd

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Die desillusionierende Erkenntnis infolge eines wirkungslosen Sprunges

Hydeparkbahn 

Ich öffne die Tür zur Straße, ich springe von der allerletzten Stufe des Hauses, und jetzt schwebe ich, und mein in Desoxyribonukleinsäuresequenzen gespeicherter Wuchs, meine Fähigkeit, mich an verschiedene Momente meiner Kindheit und Inhalte meiner Schulbildung zu erinnern, die Gefühle, die ich einmal hatte oder verdrängt oder vergessen habe, die Menschen, die mich geprägt haben oder verstümmelt oder verwöhnt, alle Möglichkeiten, die aus der Verschmelzung eines Spermiums meines Vaters und einer Eizelle meiner Mutter vor 9.964,5 Tagen realisiert wurden in diesem einen semipermeablen, von dem ihn umgebenden Gasgemisch unscharf getrennten Gegenstand, schlagen in genau diesem Moment auf der Betonplatte des Gehwegs auf, und die einzige Auswirkung, die das auf die Welt hat, sind feine Schwingungen auf der Oberfläche einer Ölpfütze am Straßenrand, weit unterhalb der Schwelle meines Wahrnehmungsbereichs.“

Heinz Helle „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“

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Süßer Stillstand

schnecke

„Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet […], immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit & Struktur

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