Schlagwort-Archive: deutschsprachige Gegenwartsliteratur

Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

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Elektrokratie DDR

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Thomas Brussig streicht die Wiedervereinigung

Die Idee ist nicht neu, schon Simon Urban hat vor knapp vier Jahren in seinem satirischen Politthriller „Plan D“ ein Szenario entworfen, in dem die DDR weiterexistiert. Nun legt der 1964 in Ost-Berlin geborene Thomas Brussig mit einer fingierten Autobiografie nach und erzählt von seinem Leben als berühmter Schriftsteller in der Deutschen Demokratischen Republik, die nicht nur keine Wiedervereinigung erlebt hat, sondern mithilfe ihrer Vormachtstellung in der Entwicklung von Elektroautos sowie Windenergie „den Lebensstandard der Kuwaitis und den Staatshaushalt der Norweger“ anstrebt. Im Jahr 2014 gibt es in DDR zwar immer noch keine freien Wahlen, jedoch eine „Elektrokratie“, die ihre Bevölkerung mit Geld besticht.

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Vogelschau zwischen Raketenangriffen

Norbert Scheuer

Norbert Scheuer gelingt ein unaufgeregter Afghanistanroman

Tiere spielen im Werk des Schriftstellers Norbert Scheuer eine zentrale Rolle. Bachforellen, Hechte, Schleien und viele andere Fische tummeln sich in seinem äußerst lesenswerten Roman „Überm Rauschen“, der 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. In seinem neuen, in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman „Die Sprache der Vögel“ sind es hingegen Kiebitze, Kolkraben, Goldammern und über ein Dutzend weiterer Vogelarten, die nicht nur den Text durchziehen, sondern zudem als Kaffeeaquarellzeichnungen im Buch abgebildet sind.

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Die Trauer der Buchmessen

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Vom Aufenthalt eines Autors im Ausland erzählt Jan Brandt

Nach seinem famosen Debüt „Gegen die Welt“ hat man nicht mehr viel vom Schriftsteller Jan Brandt gehört. Bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf Platz 35 der Spiegel-Bestsellerliste hatte er es 2011 mit dem 900-Seiten-Wälzer geschafft, doch danach folgten keine weiteren Bücher. Jetzt hat der 1974 in Leer geborene Brandt endlich nachgelegt, allerdings mit einem Werk, das sich schwer einordnen lässt. Der studierte Journalist berichtet in „Tod in Turin“ von seinen Lesereisen, einem Aufenthaltsstipendium in London und von drei Tagen, die er in Turin auf der Buchmesse verbracht hat, um dort die italienische Übersetzung seines Erstlings zu präsentieren.

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