Monatsarchiv: Juli 2015

Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

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Im Gewirr der Erinnerungsfäden

BodrozicIn Marica Bodrožićs Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ blickt eine Frau wider Willen auf ihr Leben zurück und fragt sich, ob sie es wirklich gelebt oder vorbeiziehen lassen hat.

Über die Nachrichten erfahren wir fast täglich von Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. Ob aktuell in Syrien, dem Kongo oder in den Neunzigerjahren im ehemaligen Jugoslawien – immer wieder fliehen Menschen ins Exil, um dem Krieg zu entkommen. Auch Arjeta Filipo ist eine Heimatlose. Zwar hatte sie sich bereits vor dem Ausbruch des Krieges in ihrer dalmatischen Heimat für ein Studium in Paris entschieden, doch der Krieg lässt sie zu einer Exilantin wider Willen werden. Während sie in der Stadt der Liebe Philosophie studiert, Milchkaffee schlürft und sich auf eine Affäre mit einem Maler einlässt, muss ihre Familie in der belagerten Heimatstadt ausharren. „Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser. Ich hingegen darf in Paris spazieren gehen (…) Ich esse Croissants. Sie schmecken gut. Ich kann sie nicht mit Mutter und Vater teilen.“

Arjeta ist die Protagonistin in „Kirschholz und alte Gefühle“, dem neuen Roman der deutsch-kroatischen Schriftstellerin Marica Bodrožić. Sowohl das Aufwachsen in Dalmatien als auch das Leben in der Fremde teilt Bodrožić mit der Hauptfigur ihres Romans. Sie wurde 1973 im ehemaligen Jugoslawien geboren und lebte bis zum zehnten Lebensjahr mit ihrem Großvater in dem Dorf Svib nahe der kroatischen Küstenstadt Split. 1983 siedelte sie nach Hessen um, besuchte dort die Schule und lernte die deutsche Sprache, in der sie ihre Gedichte, Erzählungen, Essays und Romane schreibt.

Die Landschaft ihrer Kindheit sowie ihr besonderes Verhältnis zur deutschen Sprache – ihrer „zweiten Muttersprache“ wie sie selbst sagt – prägen ihr bisheriges Werk. Insbesondere ihre frühen literarischen Arbeiten sind in Dalmatien angesiedelt, aber auch in „Kirschholz“ spielen die Adria wie das Hinterland jener Region eine wesentliche Rolle. Ihre Beziehung zur deutschen Sprache lotet sie in „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ aus. In diesem autobiografischen, 2007 erschienen Prosaband beschreibt sie, wie sich die klaffenden Sprachlücken nach und nach mit Wörtern füllen. Für dieses Buch wurde sie mit dem „Initiativpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Ebenso erhielt sie für andere literarische Arbeiten mehr als ein Dutzend weiterer Preise wie Stipendien.

Für ihren 2010 erschienenen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ erhielt sie außerdem viel Lob vom Feuilleton. Das Buch bildete den Auftakt einer Trilogie. „Kirschholz“ ist nun der zweite Teil, der jedoch ganz losgelöst vom ersten gelesen werden kann (in dem Arjetas Freundin Nadeshda von ihrer Amour fou mit dem Serben Ilja erzählt). In „Kirschholz“ hingegen tritt uns Arjeta als Icherzählerin gegenüber. In ihrer frisch bezogenen Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg beugt sie sich über den massiven Kirschholztisch ihrer Großmutter und wühlt in einem Stapel unsortierter Fotos, die ihre Mutter zuvor in Plastiktüten gestopft und bei ihr abgeliefert hat. Arjeta hatte nicht um die Fotos gebeten und genauso wenig hat sie sich die Erinnerungen gewünscht, die nun ihren Kopf überfluten. Das Chaos der Fotos auf dem Tisch entspricht dem Chaos ihres Gedächtnisses – und ebenso chaotisch assoziativ erzählt Arjeta ihre Geschichte. Sie folgt dabei keiner Chronologie, sondern springt hin und her zwischen Ereignissen ihrer Kindheit und Erlebnissen in Paris oder Berlin. Misstrauisch gegenüber der Zeit verabschiedet sich Arjeta von einem zeitlich geordneten Erzählen: „Der Sinn der Linearität, unerfragt, ist unter dem Asphalt begraben worden.“

Arjetas Erzählung besteht aus einer Vielzahl winziger Wirklichkeitssplitter, die sich allmählich zu einem Mosaik zusammenfügen – das jedoch unvollständig bleiben muss. Die assoziative, lückenhafte Erzählform ist ein angemessener Ausdruck für die sprunghafte wie unvollkommene Art des Erinnerns. Auch der Sprachstil unterstützt das Mäandernde des Erinnerungsstroms und variiert zwischen mal poetisch hingegossenen, mal knappen Sätzen, die wie Hammerschläge in die Gedankenfäden knallen.

Inmitten des Gewirrs gibt es mehrere Orientierungspunkte. Da ist zum einen die Familie der Erzählerin. Arjeta berichtet von ihrem Onkel Milan, der antifaschistische Denkmäler baut und schließlich wegen einer russischen Zeitung mit seiner Frau Sofia nach Paris fliehen muss; sie schildert, wie ihre Brüder beim Fußballspiel auf eine Mine treten und wie ihre Mutter versucht, die Zivilisation gegen den Krieg zu verteidigen. Zum anderen sind da Arjetas Freundinnen Hiromi und Nadeshda, mit denen sie in Paris eine Wohnung teilt, oder ihr viel älterer Freund Mischa Weisband, mit dem sie eine Leidenschaft für Vögel und Bäume verbindet. Und da ist Arik, ein Fotograf und Maler, in den sich Arjeta in Paris verliebt, der jedoch nie für einen längeren Zeitraum für sie da zu sein vermag.

Von ihren Beziehungen zu diesen Menschen erzählt Arjeta als knapp Vierzigjährige an den ersten sieben Tagen in ihrer neuen Wohnung in Berlin. Sie sitzt an ihrem Tisch, ihrer „kleinen Sonnenstation“, und blickt leicht widerstrebend zurück. Doch bei aller anfänglichen Gegenwehr versteht sie schließlich, dass das Erinnern ein notwendiger Akt ist, um sich zu lösen und neu zu beginnen. „Ein neues Leben“, sagt sie, „ist immer die Summe eines alten“.

Während sie ihre Vergangenheit betrachtet, begreift Arjeta, dass sie ihrem eigentlichen Leben stets ausgewichen ist, indem sie sich ein ideales erträumt hat. So steht gegen Ende des Romans die entscheidende Frage im Raum, ob man als Mensch nicht allzu häufig das Hier und Jetzt vorbeiziehen lässt, weil man auf ein anderes, ein besseres Leben hofft: „Welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes ersehnen?“

Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle. Luchterhand, München. 224 Seiten, 19.99 €.

(Januar 2013)

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Gottesteilchen mit E-Zigarette

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Autorinnen, die nicht vor Ort sind, werden zu literarischen Figuren von Autorinnen, die vor Ort sind. Klagenfurt gestern.

Als Nora Bossong eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheuren Gottesteilchen verwandelt.“

Die Verwandlung von der Schriftstellerin zur literarischen Figur zum Gottesteilchen. Und das alles in weniger als einer Stunde. Die Siegerin des Bachmannpreises 2015 steht damit schon fest. Glückwunsch!

Ingeborg Bachmann, die heute Mittag bei uns im Treppenhaus auf einer Stufe hockte und dort eine E-Zigarette rauchte, meinte, sie fände das gut … Na, dann:)

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Denken im Halbschlaf – warum der Regen nicht heiß ist

Regenrinne

Wir sind ja nicht für die Hitze gemacht. Der Regen ist unser Sujet.“

Habe ich heute beim Durchblättern in einem älteren Notizbuch entdeckt. Die beiden Sätze stehen zusammen in Anführungszeichen; habe allerdings keine Ahnung, von wem das Zitat stammt.

Wenn sich niemand meldet, behaupte ich einfach, es wäre von mir. Vermutlich ist es tatsächlich von mir. Ganz sicher … bin ich mir aber nicht … und letztlich ist es ja auch irgendwie egal, da ja immer schon alles irgendwann von irgendwem gesagt worden ist beziehungsweise gesagt worden sein soll (behauptet so mancher).

Nonsens. Hauptsache, das Zitat passt zum Wetter! Bei 30° am Schreibtisch, auf der Schreibtischplatte, mit dem Kopf auf den Unterarmen, denken im Halbschlaf, nachdenken darüber, warum der Regen nicht heiß ist …

 

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Menü à la Sarrazin

mauerblick

Wer nicht arbeitet, der hat auch keinen großen Hunger. Das dachte sich wohl Thilo Sarrazin, als er einst zum Wohle der Berliner Senatskasse einen Speiseplan für Hartz IV-Empfänger austüftelte, der diesen vor Augen führen sollte, wie leicht sich mit dem vom Staate gespendeten Tagessätzen anständig haushalten ließe, wenn man nur wirklich wolle. In der realen Lebenswelt nach Sarrazins Vorstellungen verwirklicht, könnte der Plan dem Alltag der Angesprochenen in etwa folgende Struktur verleihen:

Den Tag begrüßt Hartzi mit zwei Aufbackbrötchen, auf die er jeweils zwei Gramm Butter schmiert; zwischen die ersten beiden Hälften klemmt er dann eine Scheibe Käse, während er auf den anderen beiden 5 Gramm Marmelade verteilt – dabei trinkt er seine erste Tasse Pfefferminztee.

Falls der Magen nach diesem Morgenmenü wider Erwarten noch immer sanft grummeln sollte, zaubert Hartzi die sarrazinschen Joker aus dem Frühstückskorb: einen Apfel aus dem 2-Kilo-Sack sowie ein Glas Orangensaft aus Orangenkonzentrat. Eine zweite Tasse Tee darf er sich ebenfalls gönnen (bei Bedarf zur Abwechslung gern auch einen Schwarzen Tee); Kaffee gibt’s jedoch erst am Nachmittag, damit Hartzi was hat, auf das er sich den ganzen Tag freuen kann.

Nach dem Frühstück packt Hartzi seine kleine, einst auf dem Flohmarkt ergatterte Taschenwaage ein und begibt sich auf einen Verdauungsspaziergang zum Aldi (man hat ja Zeit). Dort füllt er seine mitgebrachten Tupperdöschen mit 100 Gramm Hack für 38 Cent, 125 Gramm Spaghetti für 15 Cent sowie 200 Gramm Tomatensoße für 40 Cent. Anschließend schlendert er mit seinen exakt abgewogenen Nahrungsmittelmengen an den Spirituosen- und Süßwaren-Regalen vorbei zur Kasse, um die genau berechneten 1,03 Euro fürs Mittagessen zu zahlen, das er zu Hause eigenhändig in der Pantryküchennische zubereitet und sich schließlich zu einem Glas Leitungswasser munden lässt.

Anschließend studiert er die Werbeblätter von Aldi, Lidl und Penny, um zu gucken, ob nicht vielleicht irgendwo Butter oder Marmelade im Angebot ist, denn das liebste Hobby unseres Hartzis ist das Kostenreduzierungsspiel, auch „Schlag den Sarrazin“ genannt. Ziel ist es, noch unter den veranschlagten sarrazinschen Tagessatz zu bleiben, damit ein paar Cent für Luxusartikel wie eine Tafel Schokolade übrig bleiben, die sich Hartzi dann am Wochenende genehmigen darf.

Nachmittags kocht er sich endlich seine wohlverdiente Tasse Kaffee und holt einen 29-Cent-Joghurt aus dem Kühlschrank. Da klingelt es. Unangekündigter Besuch vom Thilo, der mit leeren Händen vor der Tür steht und grinst. Hartzi heißt ihn willkommen und bietet ihm eine halbe Tasse schwarzen Kaffee sowie fünf Löffel Joghurt an. Gemeinsam lassen sich die beiden ihren Nachmittagssnack schmecken und diskutieren dabei heiter über die aktuellen Aldi- und Lidl-Schnäppchen.

Gegen 19 Uhr will Hartzi sein Abendbrot zubereiten und schaut leicht verlegen seinen Freund Thilo an, der keine Anstalten macht, wieder nach Hause zu gehen. Also lädt unser Hartzi ihn auch zum Abendbrot ein, serviert ihm ein Viertel Gurke, 50 Gramm Kartoffelsalat sowie 47,5 Gramm Leberkäse.

Und jetzt noch ein schönes Bier!“, sagt der Thilo, und unser Hartzi nickt, schenkt jedoch Leitungswasser ein, denn eine Flasche Bier steht erst am Wochenende auf dem Speiseplan. In der Woche ist das eh Unfug, denn wer nicht arbeitet, hat auch keinen Feierabend, und wer keinen Feierabend hat, der braucht auch kein Feierabendbier. Basta!

Gegen 21 Uhr verabschiedet sich der Thilo von seinem Freund, um in irgendeiner Kneipe noch seinen Bier-Brand zu stillen. Hartzi hingegen bleibt zu Hause. Wieder allein in seiner Einzimmerwohnung setzt er sich auf seinen Lieblingsstuhl ans Fenster, schaut auf die Hochstraße, zählt die Audis, BMWs und Mercedesse und freut sich auf den nächsten Tag – denn da erwarten ihn eine Banane, eine Gemüsesuppe, zwei Scheiben Brot und sogar zwei Tassen Filterkaffee. Sarrazin sei Dank!

Anmerkung der Redaktion: Alle im Text verwendeten Klischees wurden bewusst gewählt, in der Hoffnung, dadurch Sarrazins Vorstellungen möglichst nahezukommen. Wer sich dennoch daran stört, möge das bitte entschuldigen oder sich direkt bei Herrn Sarrazin beschweren.

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