Hauptsache, die Pointen sitzen

Und so war es in diesem Jahr mit Heinz Strunk alias Jürgen Dose.

Bei der Vorstellung seines neuen Romans im Bremer Schlachthof füttert Heinz Strunk sein Publikum mit Gags und komischen Einlagen

Als Heinz Strunk im vergangenen Jahr mit seinem Roman “Der goldene Handschuh“ auf Lesetour war, konnten jene Zuhörer, die das Buch bereits gelesen hatten, Zeugen einer sonderbaren Verwandlung werden. Strunk präsentierte eine auf 90 Minuten eingedampfte und pointengeschwängerte Zusammenfassung seiner an sich düsteren True-Crime-Story über den Serienmörder Fritz Honka. Von der eigentlich einfühlsamen Milieustudie blieb in der Lese-Fassung nicht viel übrig. Offenbar hatte der Entertainer vermeiden wollen, dass die Fans seines bisher eher humoristischen Werks („Fleisch ist mein Gemüse“, Studio Braun, Fraktus) enttäuscht sein könnten. All jenen, denen „Der goldene Handschuh“ selbst in der klamaukigen Lese-Fassung noch zu harter Tobak war, versprach Strunk abschließend, dass sein nächstes Buch wieder lustiger werde.

Ein „ganz armer Willi“ als Hauptfigur

Nun ist das neue Buch da und Strunk erneut auf Lesereise. „Jürgen“ heißt der Roman, der tatsächlich wieder humorvollere Töne anschlägt. Dabei haben die titelgebende Hauptfigur Jürgen und Fritz Honka durchaus Gemeinsamkeiten. Beide sind Außenseiter und typische Antihelden, ungelernte Arbeiter und einsame Kerle, die auf die große Liebe hoffen, aber permanent Nackenschläge kassieren. Im Gegensatz zu Honka ist der in Hamburg-Harburg lebende Jürgen Dose allerdings friedfertig, selbstdiszipliniert und auf sein Äußeres bedacht. Um dem Liebesglück irgendwann doch noch nahezukommen, richtet der Pförtner einer Tiefgarage sein Leben nach bestimmten Maximen aus, die er diversen Lebens- und Liebesratgebern entnommen hat. Dementsprechend wird der Leser vom Icherzähler Jürgen in feiner Regelmäßigkeit mit seinen der Ratgeberliteratur entnommenen Weisheiten versorgt. Das Tragische ist nur, dass Jürgen all die Ratschläge nichts nützen, denn letztlich – das weiß er selbst – ist er ein „ganz armer Willi“. Dass seine bettlägrige Mutter bei ihm zu Hause wohnt und sein einziger Freund Bernd in Sachen Liebe genauso ein Ladenhüter ist wie er selbst, macht die Situation für ihn nicht einfacher.

Strunk versetzt sich durchaus einfühlsam in die Situation seines Protagonisten, der uns an seinen Sehnsüchten, Ängsten und Problemen teilhaben lässt. Dadurch, dass Jürgen zugleich als Icherzähler agiert, besteht nicht die Gefahr, dass sich der Autor über seine Hauptfigur erhebt und sie durch den Kakao zieht. Allerdings ist diese Erzählweise zugleich ein Problem. Mag die Idee, einen unaufhörlich Lebensweisheiten ausspuckenden Losertypen als Erzählinstanz zu installieren, als Parodie auf das Ratgebergenre funktionieren, ermüdet die Erzählweise auf Dauer doch arg.

Für Strunks Comedy-Show-artige Performance hingegen eignet sich die Machart perfekt. Strunk verkleidet sich als Jürgen, indem er eine Perücke und Schirmmütze aufsetzt und sich eine beigefarbene Weste überzieht. Jürgens Mutter oder seinen Freund Bernd spricht er jeweils mit albern klingender Stimme; zudem baut er in seinen Text weitere Gags ein, die so nicht im Roman stehen. Da die Pointen sitzen, wird in der fast ausverkauften Kesselhalle des Bremer Schlachthofs am Sonntagabend viel gelacht. Allerdings beschleicht einem bei dieser szenischen Lesung – im Gegensatz zur gedruckten Version – erneut das ungute Gefühl, dass der Autor sein Personal eben doch lächerlich macht, denn gelacht wird über die Unbeholfenheit, die Macken, die körperlichen Abnormitäten oder Abhängigkeiten der Figuren. Ähnlich befremdlich wird es, wenn Strunk in musikalischen Zwischenparts zu billigen Beats vom Laptop Jürgens Träume und Ängste in einem schrägen Sprechgesang zum Ausdruck bringt.

Dadaistische Musikeinlagen & Seitenhiebe auf die Literaturkritik

Das ist alles leicht skurril, aber Langeweile kommt dabei nicht auf. Auch nicht nach der Pause, als es mit einer Art Diavortrag weitergeht. Strunk zeigt Standbilder aus der bereits abgeschlossenen Romanverfilmung, die demnächst bei der ARD laufen soll, und referiert dazu die Handlung. Nach zwei dadaistisch anmutenden Musikeinlagen als Zugabe kann Strunk sich bei seiner Abmoderation nicht den Seitenhieb auf die Literaturkritik verkneifen, die „Jürgen“ größtenteils verrissen hat. So schnoddrig er dabei zu klingen versucht, wird man den Eindruck nicht los, dass dem 55-Jährigen die Anerkennung des Literaturbetriebs durchaus wichtig scheint. Nicht nur sein Hinweis, dass er sich nächstes Jahr mit einem Erzählungsband wieder für die Hochkultur empfehlen werde, legt das nahe; auch die Tränen, die er im vergangenen Herbst vergossen hat, als er für den „Goldenen Handschuh“ mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet wurde, lassen darauf schließen. Dass diese Art der Anerkennung bei „Jürgen“ ausbleiben wird, ist nicht schwer vorherzusagen. Seinen Fans dürfte das schnuppe sein, und Strunk mag sich damit trösten, dass bereits vor ihm viele andere an dem Spagat zwischen Literaturkritik und Publikum gescheitert sind.

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Eingeordnet unter Bremen, Rezensionen - Bücher 2017

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