Lenz?

Der Online-Versandhändler Amazon verbannt ab April alle deutschen Liebesromane aus seinem Sortiment. Offizielle Begründung des Konzerns: Deutsche Liebesromane seien zu trocken, zu dick, zu kompliziert und enthielten zu wenig explizite Sexszenen. Liebesromane müssten prickeln wie Champagner und knallen wie ein Feuerwerk hieß es außerdem in der Verlautbarung.
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Letzte Nacht habe ich von zwei Schokoosterhasen geträumt. Der eine war bloß daumengroß und mit buntem Alupapier bekleidet, der andere war so groß wie mein Unterarm und in transparente Folie gewickelt, die einen freien Blick auf seinen Vollmilchschokoladenkörper zuließ.
Die beiden kamen mir sehr bekannt vor, ein Gespräch entwickelte sich dennoch nicht zwischen uns, obwohl die zwei Hasen recht lebendig und aufgeschlossen auf mich wirkten und wir drei zusammen auf einem Sofa in irgendeinem Wartezimmer saßen.
Worauf wir genau warteten, kann ich nicht sagen, vermutlich ging es aber um eine Prüfung, denn kurz darauf stand ich in einem Schulklassenzimmer mit einem Stück Kreide vor einer Tafel, während meine stets grimmig dreinschauende Mathematiklehrerin Frau Hackmann mich aufforderte, irgendwelche Gleichungen zu lösen, und auf eine Nachfrage von mir sagte:
„Das ist Stoff der siebten Klasse! Das müssen Sie wissen!“
Da Mathematikträume stets Albträume sind, erwachte ich zum Glück kurz darauf, sodass ich nicht sagen kann, ob die Schokoosterhasen ebenfalls von Frau Hackmann in die Mathemangel genommen wurden. Ich wünsche ihnen aber von ganzem Herzen, dass ihnen diese Prüfung erspart blieb und sie vorher von kleinen lieben Kindern entkleidet und verputzt wurden.
Frohe Ostern!
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Ein Dutzend Frauen, alle um die Fünfzig, marschieren am Bahnsteig auf mich zu, begleitet vom Sound ihrer Rollkoffer, die sie hinter sich herziehen – jede Einzelne von ihnen mit einem eigenen kleinen Koffer in der Gefolgschaft. Schwarz glänzende Hartschalen auf Miniaturrädchen, mit pinkfarbenem Nylon bespannte Trolleys auf Kunststoffrollen, bunte Kinderkoffer auf Hartgummirollen, rumpelnde Köfferchen in Mint, Zitrone und Waldmeister, die mich, den trolleylosen Rucksackträger, alle nicht beachten, als sie an mir vorüberrappeln, ihren Befehlshaberinnen hinterher, Richtung Raucherzone, in der sich die Rollkoffer-Division in einem gelb umrandeten Viereck neu formiert, das Feuer eröffnet und vor sich hinqualmt.
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Endlose Vorfrühjahrsmüdigkeit, die schon abends um sechs an mir zerrt, mich versinken lässt im weichen Polster eines alten Sessels im Karton, wo ich auf dem Podest, das bei Veranstaltungen als Bühne dient, in der Ecke neben einer großblättrigen Pflanze sitze, deren Namen ich nicht kenne. Zusammen spiegeln wir uns in der großen Scheibe, hinter der der dunkle, frostige Februar lauert, der den kompletten Tag über die Sonne vor uns versteckt hat. In der Spiegelung sehe ich das, was die Passanten auf dem Deich sehen, wenn sie aus dem Abenddunkel in den Karton schauen – ein Ich auf einem Sessel unter den Blättern einer mannshohen Zimmerpflanze, ein Ich mit einem Buch auf dem Schoß und einem Bleistift in der rechten Hand, der immer mal wieder zu Boden fällt, wenn das schläfrige Ich beim Lesen wegdämmert. Ich hingegen erkenne hinter meinem Spiegelbild nur die Silhouetten der Passanten, die Fenster der erleuchteten Büros im Betonklotz gegenüber und die Reflexionen auf dem zittrigen Weserwasser, das nach Bremerhaven fließt. Was will das Wasser eigentlich in Bremerhaven, frage ich mich, ist das ein Sehnsuchtsort oder ein Schicksal für die einzelnen Tropfen, und warum war ich noch nie im Bremerhavener Zoo, obwohl Heinz Sielmann einer meiner Kindheitshelden war, und wieso liegt mein Bleistift schon wieder auf dem Teppich? Ich glaube, es wird Zeit für eine zweite Dosis Koffein, also winke ich der Bedienung zu, und die Bedienung winkt zurück …