Archiv der Kategorie: Rezensionen

Krise konkret – Tristesse total

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In seinem Erzählband „Warte nur, es passiert schon was“ schildert Christos Ikonomou eindringlich, wie die Menschen in Griechenland von der Krise erschüttert werden.

In der Athener Nacht stehen fünf Rentner beisammen. Es ist Januar, weit nach Mitternacht, die Männer frieren. Jeden Einzelnen plagt ein körperliches Gebrechen, aber sie harren in der Kälte aus, warten darauf, dass die Renten- und Krankenversicherungsanstalt ihre Tore öffnet. Sie wollen als Erste da sein, damit sie am kommenden Morgen im Massenandrang nicht auf der Strecke bleiben. Sie kennen einander nicht, haben aber gemeinsam eine Eisentonne und eine Holzpalette von einer Baustelle zu ihrem Wartepunkt geschleppt, um ein Feuer zu entzünden, an dem sie sich wärmen können. Sie lassen eine Flasche Tsipouro herumgehen, erzählen einander trostlose Anekdoten, pöbeln sich gegenseitig an und sehnen sich nach den guten alten Zeiten: „Sie trugen eine Sehnsucht nach dem Vergangenen mit sich herum, die im Lauf der Zeit immer bitterer wurde, und statt sie mit Freude zu erfüllen, führte sie nur dazu, dass sie sich noch viel älter und hilfloser fühlten.“

Diese triste Geschichte von den fünf wartenden Rentnern findet sich in Christos Ikonomous Erzählband „Warte nur, es passiert schon was“. Das Buch ist 2010 in Griechenland erschienen, wurde 2011 mit dem griechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet und liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Obwohl der 1970 in Athen geborene Autor, Journalist und Übersetzer seine Erzählungen bereits vor dem Ausbruch der großen griechischen Finanzkrise geschrieben hat, nehmen sie bereits viel von dem vorweg, was die Griechen in den vergangenen zwei, drei Jahren erleiden mussten: Armut, Not und Hoffnungslosigkeit.

Alle sechszehn im Band versammelten Erzählungen sind im heutigen Griechenland angesiedelt; und auch wenn es keine Reportagen sind, orientieren sie sich an der Realität und vermitteln ein Gefühl dafür, wie die Krise ganz konkret das Leben einzelner Menschen deformiert. Jene Arbeiter, Arbeitslose, Rentner und Heranwachsende, die deutsche Boulevardblätter nur noch unter dem respektlosen Begriff „Pleitegriechen“ zusammenfassen, bekommen bei ihm ein Gesicht, eine Geschichte und ein Schicksal.

Da ist unter anderem jener alleinstehende Vater, der seine Arbeit verloren hat. Nachts liegt er neben seinem Sohn im Bett und streicht ihm traurig über das hübsche blonde Haar. Beiden knurrt der Magen. Am frühen Morgen zieht der Vater los, mit dem Versprechen, für einen gedeckten Tisch zu sorgen. Aber der Mann hat weder Geld, noch Freunde, die ihm ein paar Scheine leihen würden. Den ganzen Tag hetzt er hilflos durch die Stadt. Die einzige Hoffnung ist seine erwachsene Tochter, die er abends treffen und um fünfzig Euro anpumpen will. Am Abend steht er jedoch immer noch alleine da. Ohne Geld. Bloß mit einer halb aufgegessenen Käsetasche in der Jacke und blutig gerissenen Händen.

Die sogenannten einfachen Leute sind die Protagonisten in Ikonomous Erzählungen. Arbeiter, die sich schäbig fühlen, weil sie ihre Jobs verloren haben, ihre Hypotheken nicht bedienen und ihre Familien nicht mehr versorgen können. Männer, die mit Schnaps oder Wein die Scham zu betäuben versuchen oder sich am liebsten selbst im Recyclingcontainer entsorgen würden. Oder es sind Frauen, die von ihren Männern im Stich gelassen werden, die um ihre Söhne und Töchter zittern und über den Fetzen ihrer Träume trauern. Alle Geschichten drehen sich um ein Gefühl des Ausgeliefertseins inmitten einer Welt, deren Spielregeln man nicht durchschaut und in der sich die Armut eingenistet hat: „Die miese, die niederträchtige Armut. Die ist nun auch ein Mitbewohner geworden. Ein Mitbewohner, eine Hausratte.“

Ikonomou schildert die Schicksale seiner Antihelden sehr plastisch sowie äußerst eindringlich in knappen Sätzen – und zwar meistens in einer kargen, dem Milieu entsprechenden Sprache, die eine melancholische bis düstere Atmosphäre verbreitet. Hie und da funkeln poetische Bilder wie Perlen inmitten einer Trümmerlandschaft auf und verströmen einen zittrigen, stets kurzlebigen Hauch von Hoffnung. Auch wenn an ein paar wenigen Stellen das Erzählverhalten unscharf oder der eine oder andere Vergleich bemüht wirkt, entfalten die Geschichten eine literarische Kraft, die sich im Laufe des Buches zu einem unentrinnbaren Sog steigert. Spannung schaffen zugleich die vielen Rückblenden, die Ikonomou in seine Geschichten einwebt. Hierdurch setzt er das dürftige Dasein der Gegenwart mit angenehmeren Tagen der Vergangenheit in Kontrast oder schildert die Wendepunkte im Leben seiner Protagonisten. Wendepunkte, nach denen es stets nur in eine Richtung geht: bergab.

Eines findet sich in den Erzählungen kaum: Zuversicht. Es herrscht eine totale Tristesse. Viele der Figuren scheinen gelähmt, warten ab, in der Hoffnung, dass etwas passiert. Und jene, die zu handeln versuchen, wirken wie Don Quijotes, die gegen unsichtbare Windmühlen anrennen.

Allein die letzte Erzählung stellt eine – jedoch nicht minder deprimierende Perspektive – in Aussicht. In einer kammerspielartigen Szene verbringt ein junges Paar die letzte Nacht in seiner Wohnung, die am nächsten Tag geräumt werden soll. Die beiden sind einem bereits zuvor in einer anderen Erzählung begegnet. Da drohte ihnen zwar bereits die Zwangsräumung, doch es herrschte noch verhaltener Optimismus: „Die Banken nehmen einem nicht einfach die Wohnung weg. Hier ist nicht Amerika. Irgendwie kriegen wir das hin.“

Nun hocken sie in dem leeren Haus, das bald einer Straße weichen soll. Und was erwartet die beiden? Bulgarien. Sie wollen auswandern, um im Ausland ihr Glück zu versuchen. „Schlimmer als hier“, sagt der Mann, „kann es nicht sein.“ Es gibt eine Hoffnung – doch die liegt fern der Heimat, im Exil.

Christos Ikonomou: Warte nur, es passiert schon was. Erzählungen aus dem heutigen Griechenland. A. d. Griech. übersetzt von Birgit Hildebrand. Verlag C. H. Beck, München. 256 Seiten, 19.95 €.

(April 2013)

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Vogelschau zwischen Raketenangriffen

Norbert Scheuer

Norbert Scheuer gelingt ein unaufgeregter Afghanistanroman

Tiere spielen im Werk des Schriftstellers Norbert Scheuer eine zentrale Rolle. Bachforellen, Hechte, Schleien und viele andere Fische tummeln sich in seinem äußerst lesenswerten Roman „Überm Rauschen“, der 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. In seinem neuen, in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman „Die Sprache der Vögel“ sind es hingegen Kiebitze, Kolkraben, Goldammern und über ein Dutzend weiterer Vogelarten, die nicht nur den Text durchziehen, sondern zudem als Kaffeeaquarellzeichnungen im Buch abgebildet sind.

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Die pralle Fabulierlust

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Pünktlich zum 75. Geburtstag von Urs Widmer bietet der Band „Gesammelte Erzählungen“ eine Auswahl aus der wundersamen Erzählwelt des Schweizer Schriftstellers.

Der Weltenbummler Egon taucht eines Abends, nach einem langen Aufenthalt in Südamerika, unverhofft bei einem Freund aus Jugendtagen auf. Der Freund (der zugleich der Erzähler dieser Geschichte ist) wohnt ein wenig abseits im Elsass in einem großen Haus, wo er mit seiner Frau und Vertrauten zusammenlebt. Die Hausbewohner heißen den Gast willkommen, machen es sich mit ihm im Saal ihres Hauses, das einst eine Bahnhofswirtschaft war, gemütlich, trinken Wein und beginnen zu erzählen – von der ersten großen Liebe, unerfüllten Leidenschaften und Abenteuern auf Naxos, in Südfrankreich oder Argentinien. Im Laufe der Nacht entwickelt sich ein großer Erzählreigen, der erst zum Ende kommt, als der Morgen an- und der Gast wieder aufbricht: „Wir standen vor dem Haus und sahen zu, wie Egon (…) in die Wiesen hinausging (…), in eine gewaltige Sonne hinein, die eben aus dem Horizont aufstieg.“

Liebesnacht“ heißt dieses fein arrangierte, Lebenslust und Melancholie verströmende Prosawerk, in dem eine Gemeinschaft für eine einzige Nacht beisammensitzt, um einer vergilbten Zeit wieder Farbe einzuhauchen. Zu finden ist diese knapp hundert Seiten lange Erzählung aus dem Jahr 1982 in einem frisch gedruckten roten Leinenband, der auf über 750 Seiten eine Vielzahl von Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer versammelt. Eine seiner bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten, „Der blaue Siphon“ (1992), findet sich zwar nicht in dem Buch, dafür allerdings eine vielfältige Auswahl anderer Erzähltexte aus den Jahren 1968 bis 2010. Den Auftakt bildet Widmers Debüt „Alois“, eine knallige, hin und her hüpfende Erzählung, angereichert mit Motiven aus Comic, Film, Musik und Sport. Bereits hier deutet sich die verspielt fantastische, mit einem leicht ironischen Grundton ausgestattete Erzählweise Widmers an – vielleicht noch ein wenig zu überdreht, indes vor praller Fabulierlust und skurriler Einfälle nur so strotzend.

Nicht mehr ganz so sprunghaft und abstrus geht es in der 1990 veröffentlichten Erzählung „Das Paradies des Vergessens“ zu. Zwar laufen auch hier mehrere Handlungsfäden parallel, doch die Geschichte eines Schriftstellers, dem sein Romanmanuskript abhandengekommen ist und der sich um eine Rekonstruktion bemüht, besitzt in Form wie Sprache klarere Konturen – ohne jedoch Originalität, Verspieltheit oder Witz einzubüßen.

Ob man nun die älteren oder jüngeren Erzählungen Widmers liest, allen haftet – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – etwas Märchenhaftes an, das sich mithilfe einer zauberhaften Versponnenheit teilweise gar ins Surreale hineinsteigert. Manchmal überkommt einem beim Lesen von Erzählungen wie „Die Amsel im Regen im Garten“ (1971) oder „Reise nach Istanbul“ (2010) das Gefühl, da wuchern spontane Einfälle wie Kraut und Rüben zu einer krausen Textwildnis zusammen; doch das Famose ist, dieser Wildnis scheint eine geheimnisvolle Komposition innezuwohnen, denn die grotesk anmutenden Wuseleien bezaubern nicht minder als jene, die strukturierter geformt sind.

Urs Widmer nennt sich selbst gern einen „Erzähl-Dichter“, der in seinen eigenwilligen Fabulierwelten durchaus „möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen“ möchte. Und tatsächlich schimmert hinter jenen Tagtraummärchen, Liebesabenteuern sowie modernen Wild-West-Storys hie und da Zivilisationskritik durch. So heißt es zum Beispiel in der kurzen Erzählung „Der Müll an den Stränden“ (1994): „Wir haben die Taschen voller hochwirksamer Medikamente, mit denen wir das leiseste Unbehagen ins uns auf der Stelle bekämpfen und deren einzige Nebenwirkung ist, dass wir auch ein unverhofftes Glück nicht spüren.“

Nur selten lässt der Schweizer Autor seine Botschaft so deutlich durchblicken, denn moralinsauer sollen seine Texte selbstverständlich nicht klingen: „Ich will nicht einer sein, der mit erhobenem Zeigefinger dasitzt und belehrt.“ Dass er aber durchaus an gesellschaftlichen Prozessen interessiert ist, zeigen die immer wieder auftauchenden satirischen Beschreibungen des Fortschritts. In erster Linie jedoch changieren die Erzählungen Widmers zwischen Lust und Leichtigkeit, Sehnsucht und Schmerz sowie Wildheit und Lebensweisheit. In „Indianersommer“ (1985) erzählt er von den Freuden, Liebschaften und Leiden innerhalb einer Künstlergemeinschaft. Die Maler und Schriftsteller sind Lebenskünstler, die sich in die Kunst und die Liebe stürzen, um nicht vom Lebensschmerz zerrissen zu werden. Sie versuchen darüber hinaus sich ihre Kindheit zu bewahren, jene Zeit, die im Rückblick aufgrund ihrer Unschuld dem Leben im Garten Eden nahekommt: „Natürlich gibt es ein Paradies, die Zeit, in der wir noch nicht entdeckt haben, dass es den Tod gibt.“

Neben der Kindheit findet sich ein weiteres Motiv immer wieder in Widmers Erzählungen: der Vater. Eine Vatergestalt taucht in diversen Rollen in mehreren Erzählungen auf. Urs Widmers Vater war Übersetzer, und ein verhinderter Schriftsteller, der seinen geplanten Roman nie zu Papier brachte. So verwirklichte erst der Sohn den Traum seines 1965 verstorbenen Vaters. Dessen Tod empfindet Widmer rückblickend gar als Initialzündung für sein Schreiben: „Erst als er starb, verwandelte ich mich, fast auf der Stelle, in einen Schriftsteller.“ Und zwar in einen äußerst vielseitigen, denn neben den zahlreichen Erzählungen, Theaterstücken und Essays hat er mehrere Romane sowie eine Vielzahl von Hörspielen verfasst, und darüber hinaus Werke von Raymond Chandler, Joseph Conrad und anderen übersetzt.

Pünktlich zu Widmers 75. Geburtstag am 21. Mai würdigt der Diogenes Verlag – dem Widmer seit 45 Jahren treu ist – mit „Gesammelte Erzählungen“ die Erzählkunst dieses Tausendsassas. Ein schönes Geburtstagsgeschenk für den Autor, und für seine Leser. Auch wir gratulieren!

(16.5.2013)

Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen. Diogenes, Zürich. 768 Seiten, 29.90 €.

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Die Trauer der Buchmessen

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Vom Aufenthalt eines Autors im Ausland erzählt Jan Brandt

Nach seinem famosen Debüt „Gegen die Welt“ hat man nicht mehr viel vom Schriftsteller Jan Brandt gehört. Bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf Platz 35 der Spiegel-Bestsellerliste hatte er es 2011 mit dem 900-Seiten-Wälzer geschafft, doch danach folgten keine weiteren Bücher. Jetzt hat der 1974 in Leer geborene Brandt endlich nachgelegt, allerdings mit einem Werk, das sich schwer einordnen lässt. Der studierte Journalist berichtet in „Tod in Turin“ von seinen Lesereisen, einem Aufenthaltsstipendium in London und von drei Tagen, die er in Turin auf der Buchmesse verbracht hat, um dort die italienische Übersetzung seines Erstlings zu präsentieren.

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Der Parkbank-Zarathustra

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Der Tausendsassa Hans Magnus Enzensberger lässt in „Herrn Zetts Betrachtungen“ einen Alltagsphilosophen über Gott und die Welt sinnieren.

Dieser Mann ist nicht zu fassen. So könnte man Hans Magnus Enzensberger mit einem knappen Satz charakterisieren. Der inzwischen 83-jährige Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, promovierte Germanist und Georg-Büchner-Preisträger ist sicherlich einer der umtriebigsten und spannendsten Darsteller auf der Bühne der deutschen Literatur seit 1945. „Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen“, jubelte Alfred Andersch 1957 nach der Lektüre des ersten Gedichtbands von Enzensberger. Andersch glaubte in „verteidigung der wölfe“ etwas zu erkennen, „was es seit Brecht nicht mehr gegeben hat: das große politische Gedicht“.

Tatsächlich bezieht Enzensberger sich in jenen ersten wie auch in seinen späteren Gedichten immer wieder auf politische Sujets. Und ja: Die dialektische Argumentation seiner Dichtkunst erinnert hie und da an Bertolt Brecht. Doch noch intensiver als in seiner Lyrik pulsiert das Politische in seinen theoretischen Schriften. Sein Essayband „Einzelheiten“ (1962) liefert eine tiefschürfende Analyse des Zusammenhangs von Poesie und Politik, seine Essays in „Politische Brosamen“ (1982) reflektieren den Desillusionierungsprozess der 68er Bewegung und „Schreckens Männer“ (2006) – Enzensbergers „Versuch über den radikalen Verlierer“ – geht den Beweggründen der islamistischen Selbstmordattentäter nach. Es ließe sich eine Vielzahl weiterer Essays, Prosawerke oder Lyrikbände nennen, in denen politische Motive den Ausgangspunkt bilden. Nicht vergessen werden darf in diesem Kontext die Zeitschrift „Kursbuch“, die Enzensberger 1965 gemeinsam mit dem Kollegen Karl Markus Michel gründete und die in den Folgejahren zur wichtigsten Zeitschrift der Neuen Linken avancierte.

Die Politik ist bis in die Gegenwart hinein der Humus geblieben, der dem Werk dieses produktiven Geistes den nötigen Nährstoff bietet. In den vergangenen Jahren kritisierte er mehrfach die Politik der Europäischen Union und vor Kurzem sprach er in Anbetracht der Überwachungs- und Spionageaffäre in der Sendung „titel, thesen, temperamente“ von „postdemokratischen Zuständen“.

Diese Diagnose findet sich wortwörtlich ebenfalls in Enzensbergers neuem Buch „Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern“. Ein langer Titel für ein Büchlein im DIN-A6-Format, das man ausgezeichnet in der Innentasche des Sakkos unterbringen und mit sich herumtragen kann, um es dann in einer Pause inmitten des ratternden Alltags hervorzuziehen und häppchenweise zu genießen. Der Genuss in Dosen ist allein schon deshalb ratsam, weil es sich bei dem Buch um eine Sammlung von Anekdoten und Aphorismen handelt, denen man Zeit gewähren sollte, damit sie ihr Aroma entfalten und nachwirken können.

Lose miteinander verwoben sind die Bonmots und Geschichtchen durch eine minimale Rahmenhandlung, die rasch erzählt ist: Herr Zett, ein kleiner rundlicher Herr im Rentenalter, der Zigarillos raucht und als Kopfschmuck eine Melone trägt, hockt fast täglich zur Mittagszeit im Park auf einer Bank und doziert über Sitten und Gebräuche, Demokratie und Theologie, Kunst und Kapitalismus, Wissenschaft und Sprache, Medien und Menschen. Eine kleine Gemeinde versammelt sich regelmäßig vor der Parkbank, um Zetts Vorträgen zu lauschen.

So kommen die Zuhörer in den Genuss des einen oder anderen Zitats von Geistesgrößen wie Michel Montaigne, Arthur Schopenhauer oder Hans Blumenberg; aber vor allem gibt es allerlei bissige Aperçus aus Zetts Munde zu vernehmen. Die Gesellschaft sei „ein Despot, der keine Gefängnisse braucht“, das Finanzamt „die bürokratische Nemesis, die sich an unseren Freuden rächt“ und die Hölle müsse ein Ort sein, „der ganz und gar von Designern möbliert“ sei. So scharf oder kulturpessimistisch manch Kommentar dieses versierten Rhetorikers auch klingen mag, stets trägt er die Zustände der Welt mit Fassung, schließlich weiß er um die Schwierigkeit, das Richtige zu tun: „Die Zahl der Fehler, die einem zur Verfügung stehen, ist im Prinzip unbegrenzt, während sich die richtigen Optionen an den Fingern abzählen lassen. Die Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dass das meiste schiefgeht.“

Schimpftiraden sind diesem Stoiker ebenso fern wie prophetisches Pathos oder rechthaberischer Dogmatismus. Wie bereits der Titel andeutet, lässt er seine geistigen Brosamen beinahe beiläufig fallen, ohne großes Trara. Nichtsdestotrotz erhebt sich im Auditorium hin und wieder auch ein Murren oder gar ein Widerspruch. Herr Zett ist dafür durchaus dankbar, denn keinesfalls will er als unfehlbarer Guru gelten, sondern mit seinen Gedankenbröseln schlichtweg zum Sinnieren animieren. In einer seiner letzten Reden spricht Zett einen Leitsatz, der sicherlich ebenso als Maxime für Enzensbergers literarisches wie politisches Engagement gelten dürfte: „Ich möchte weder unter die eine noch unter die andere Fahne treten, die von irgendwelchen Parteien aufgepflanzt wird.“

Enzensberger sah sich im Laufe seines Lebens des Öfteren mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er ein Bruder Leichtfuß sei, der allzu häufig seine Positionen wechsle und – wenn es darauf ankomme – zu viel Distanz wahre. Der Autor scheint mit diesem Vorwurf ebenso gut leben zu können wie sein Alter Ego – der untersetzte, Zigarillo paffende Parkbank-Zarathustra. Dieser gesteht seinem Publikum nicht nur freimütig ein, dass er aus hygienischen Gründen „seine Meinungen öfter als sein Hemd“ wechsle, sondern er weiß darüber hinaus um die Ambivalenzen, die sich in jedem Leben auftun, und folgert daraus: „Das Streben nach Eindeutigkeit ist zwar verbreitet, aber zum Scheitern verurteilt.“

Hans Magnus Enzensberger: Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern. Suhrkamp, Berlin. 229 Seiten, 15,00 €.

(3.10.2013)

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Wow-Debüt – Karen Köhler

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Karen Köhler brilliert mit ihrem ersten Erzählungsband

Gleich der erste Text rauscht einem beim Lesen mit Karacho durch die Hirnwindungen, und von dort mitten hinein ins Herz. „Il Comandante“ heißt die Auftakterzählung in Karen Köhlers Debüt „Wir haben Raketen geangelt“. Es ist die Geschichte einer 33-jährigen Krebspatientin, die deprimiert durch die Krankenhausgänge schlurft, bis sie an einem Mittwoch Caesar kennenlernt, den „Popstarparadiesvogelpatientenopa“, der in seinem Rollstuhl jeden Nachmittag grinsend im „Café Bistro“ sitzt und ein Bananensplit verputzt. Der lebensfrohe Caesar, genannt „Il Comandante“, verhilft der Ich-Erzählerin zu neuem Lebensmut. Doch kaum hat sie sich mithilfe ihres neuen Freundes berappelt, da verstirbt dieser überraschend und lässt sie fassungslos zurück.

Ein tieftrauriger Text ist das, und doch zugleich voller heiterer Passagen, die einem beim Lesen laut auflachen lassen. Dieses Changieren zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Brutalität und Heiterkeit gelingt der 40-jährigen Köhler in fast allen ihrer neun Erzählungen auf bemerkenswerte Art. Meist überwiegt indes das Düstere; Liebeskummer sowie ein verprügelter Indianer sind noch die mildesten Motive, im Verhältnis zu jenen anderen, die im Buch auftauchen: Alkoholismus, eine versuchte Vergewaltigung, tödliche Unfälle, zwei Selbstmorde, eine Fehlgeburt. Die studierte Schauspielerin ist keine zimperliche Erzählerin, sondern mutet ihrer Leserschaft einiges zu – das allerdings äußerst gekonnt. Stets wird man direkt von den ersten Sätzen geradezu in die Geschichten gesaugt, in denen Köhler mit einem eigenwilligen Sound jeweils eine derart dichte Atmosphäre zu weben versteht, dass man sich dem nur schwer entziehen kann, und auch gar nicht will. Denn bei aller Melancholie, aller Schwere, die diesen Erzählungen innewohnt, schimmert immer auch die Zuversicht und Lebenslust eines Comandante durch. Dieser Erzählungsband ist wahrlich ein Wow-Debüt!

(18.9.2014)

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Hanser, München. 240 Seiten, 19,90 €.

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Zwischen irrekomisch und tieftraurig – Joachim Meyerhoff

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Mit warmherzigem Witz blickt Joachim Meyerhoff in seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ auf eine ungewöhnliche Kindheit zurück.

Gleich zu Beginn des Romans steht ein Toter. Genauer gesagt: liegt ein Toter – und zwar im Blumenbeet eines Schrebergartens. Entdeckt hat ihn der siebenjährige Joachim (genannt Josse) auf seinem Schulweg. Der Kleine ist keineswegs erschrocken, sondern fasziniert von dem vornehm gekleideten Körper, der hinter einem Zaun leblos und mit dem Gesicht nach unten zwischen den farbenfrohen Blumen liegt. Nach gebannter Betrachtung der Leiche sprintet Josse los, stürmt in die bereits begonnene Unterrichtstunde und verkündet stolz: „ICH HAB EINEN TOTEN GEFUNDEN!!!“

Es soll nicht seine letzte Begegnung mit dem Tod gewesen sein, von der uns Josse als Ich-Erzähler berichtet; doch nicht alle Begegnung gestalten sich so unbedarft heiter wie diese erste. Bevor es allerdings zu schmerzvolleren Auseinandersetzungen mit dem Tod kommt, weiß der Schauspieler Joachim Meyerhoff in seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ noch allerlei Wunderbares wie Witziges aus dem Leben des jungen Joachim zu erzählen. Und das liegt vor allem an dem Umfeld, in dem Josse aufwächst. Da sein Vater der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg im norddeutschen Schleswig ist, wohnt die Familie in einer Villa im Zentrum des Psychiatriegeländes – umgeben von eintausendfünfhundert psychisch Kranken sowie geistig und körperlich Behinderten.

So kommt Josse täglich in Kontakt mit absonderlichen, aber in ihrer Art liebenswerten Menschen. Auf dem Weg zur Schule wird er jeden Morgen am Ausgangstor der Psychiatrie von einem Möchtegern-Pförtner in selbst gebastelter Fantasieuniform mit einem „Ah, wieder ficki-ficki machen?“ begrüßt. Auf den Schultern eines bärtigen Hünen reitet Josse über das Gelände, während sein „Reitriese“ zwei massive Glocken durch die Luft schwingt und mit dem Dauerbimmeln seine Umgebung nervt. Und nachts wiegen die Schreie der Patienten den jüngsten der drei Direktorensöhne in den Schlaf („Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, allabendliches Brüllkonzert mit großem Orchester (…) Ich liebte dieses Gebrüll, diese Partitur nächtlicher Stimmen.“)

Meyerhoffs Roman hat etwas Episodenhaftes, aber ganz im positiven Sinne, denn jedes der knapp 35 Kapitel kann voll szenischer Kraft wie sprühendem Witz für sich alleine stehen. Gleichzeitig verbinden sich die Einzelteile zur Geschichte einer Familie, der es (entgegen den Wünschen der Mutter) nicht gelingt, ein „normales Leben“ zu führen. Zum Kaffeekränzchen am vierzigsten Geburtstag des Vaters kommen nicht die Verwandten, Freunde oder Arbeitskollegen, sondern die Nachbarn – und das sind die Patienten. Diese Geburtstagsfeier mit ihren außergewöhnlichen Gästen ist eine der lustigsten Passagen im ganzen Buch. Obwohl die Szene ihren Humor aus der sonderbaren Verhaltens- oder Redeweise der Patienten zieht, macht Meyerhoff sich nie lustig über die skurril anmutenden Figuren, sondern erzählt mit einem warmherzigen Witz von dem Zauber, der von ihren Eigenheiten ausgeht. Dabei gelingt ihm auf wundervolle Weise der Wechsel zwischen irrekomischen Szenen (wie der Beerdigung einer Amsel oder dem Klinikbesuch des Ministerpräsidenten Stoltenberg) und tieftraurigen Momenten (die gegen Ende zunehmen).

Bereits mit seinem literarischen Debüt „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ wusste der studierte Schauspieler zu überzeugen – und zwar nicht allein das Publikum, sondern ebenso die Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, die ihn 2012 mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis auszeichnete. Bevor Meyerhoff als Romancier in Erscheinung trat, hatte er sich bereits auf der Bühne einen Namen als Erzähler gemacht. In den Jahren 2006 bis 2009 erzählte er in dem sechsteiligen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ mit großem Erfolg am Wiener Burgtheater aus seinem Leben. Aus diesem Theaterprojekt heraus entwickelte Meyerhoff sein literarisches Debüt, das den Auftakt zu einer Romantrilogie bilden sollte. Nun ist mit „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ der zweite Teil der Trilogie erschienen – wobei dieser ganz unabhängig vom ersten gelesen werden kann.

Wer den Erstling bereits kennt, wird beim Lesen des zweiten Romans das eine oder andere Déjà-vu erleben. Das schadet dem Lesegenuss indes keineswegs, im Gegenteil: Als Leser hat man das Gefühl, sich in einem vertrauten, jedoch stets mit Überraschungen aufwartenden Umfeld zu bewegen. Während Meyerhoff in „Amerika“ von seinem einjährigen Aufenthalt als Austauschschüler in den USA berichtet, erzählt er in seinem neuen Werk vom Heranwachsen an einem sonderbaren Ort und von der Beziehung zu seinem Vater, der heimlichen Hauptfigur des Romans. Dem übergewichtigen Direktor der Psychiatrie kommt die Rolle des tragisch-komischen Helden zu. Einerseits füllt dieser mit einem Universalwissen ausgestattete Bücherwurm seinen Beruf voller Inbrunst kompetent aus, andererseits scheitert er in lebenspraktischen Dingen ebenso regelmäßig wie als Familienoberhaupt oder Gatte. Doch erst am Ende des Buches offenbart sich die ganze Tragik dieses Mannes, wenn der Erzähler in einem Appartment an der Kieler Förde das Doppelleben seines kurz zuvor verstorbenen Vaters aufdeckt.

Diese Entdeckung wirft nicht nur ein anderes Licht auf den Vater, sondern verstärkt abschließend den Eindruck, dass Meyerhoff neben all seinem Sinn für die komödiantischen Momente des Lebens mit genauso viel Feingefühl die Abgründe der menschlichen Existenz auszuloten versteht. Dass er die Balance zwischen diesen beiden Ebenen so famos meistert, zeichnet ihn als talentierten Erzähler aus. Entsprechend gespannt darf man auf das Erscheinen des letzten Teils der Trilogie lauern.

(28.3.2013)

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Alle Toten fliegen hoch, Teil 2. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 352 Seiten, 19.99 €.

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Komik aus der Tiefe – Max Goldt

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Max Goldt präsentiert in seinem Buch „Die Chefin verzichtet“ Kolumnen, Prosa-Miniaturen sowie Bonmots zum ganz alltäglichen Wahnsinn – wie bestickte Jeans, Stänkereien im Internet oder S-Bahn-Fahren mit Fußballfans

Das interessierte Fernsehpublikum versinkt am Abend gern in den Sofakissen, lässt sich von der Fernsehzeitung „inspirieren“ und knipst die Glotze an. Und was bekommt es dort von den Programmmachern serviert? Eine der zahllosen Politiktalkshows, die nur schwer voneinander zu unterscheiden sind – erst recht nicht durch die immer gleichen Gäste, „die die freie Aussicht auf die Stühle mit ihren Körpern verdecken“. „Warum aber haben diese Sendungen so stabile und hohe Einschaltquoten?“, fragt der Musiker und Schriftsteller Max Goldt, um gleich darauf eine einleuchtende Antwort zu präsentieren: „Nun: Man kann ja nicht immer ohne Hund und auch sonst sinnlos durch mangelhaft beleuchtete Vorortstraßen laufen (…) Man guckt, weil man glaubt, ein mit Streitgesprächen über Reizthemen beregneter Mensch sei demokratiefähiger als ein unberegneter.“

Es sind Bonmots wie diese, die Goldt graziös in seine Texte einstreut – Sätze, die aufgrund ihres Witzes, ihrer Leichtigkeit sowie sprachlichen Eleganz beiläufig daherkommen und doch oft mehr Wahrheit über unsere Zeit enthalten als so manche Möchtegern-Gegenwartsstudie. Hier ein weiteres Beispiel: „Darf man hingegen von einer besseren Zukunft träumen? Nein, darf man nicht. Doch man darf sich hinsetzen und sich überlegen, welchen Beitrag man leisten kann, dieses oder jenes Detail des schnöden Weltenganges zu verbessern. Vielleicht fällt einem ja etwas ein.“

Kann man lässiger darauf hinweisen, dass die Welt sich nicht durch das Spinnen glitzernder Visionen verbessert, sondern vor allem dadurch, dass jeder im Kleinen seinen Teil dazu beiträgt? Vielleicht klingt das hie und da ein wenig moralinsauer, aber was ist zu sagen gegen ein paar Funken Moral in der Literatur? In den vergangenen Jahren haben literarische Texte mit einer moralischen Botschaft ja beinahe einen derart schlechten Ruf bekommen wie humoristische. Und das ist durchaus problematisch für Herrn Goldt, denn er ist beides: Moralist wie Humorist.

Vor allem die humorvolle Seite ist es, die Goldt bekannt gemacht hat. Nachdem er in den 1980er Jahren mit seinen Kolumnen in der unabhängigen Berliner Zeitschrift „Ich und mein Staubsauger“ auf sich aufmerksam machte, heuerte er 1989 beim Satiremagazin „Titanic“ an, für das er seitdem eine Vielzahl von Kolumnen verfasst hat. Diese Kolumnen hat Goldt dann regelmäßig als Kompilationen in Buchform veröffentlicht.

Da humorvolle Lektüre – die eventuell sogar so komisch ist, dass man beim Lesen lachen muss – in der Literatenelite stets kritisch beäugt wird, hat es eine Zeit lang gedauert, bis Goldt als Schriftsteller die gebührende Anerkennung gefunden hat. Höhepunkt dieser Anerkennung dürfte die Verleihung des Kleist-Preises im Jahr 2008 gewesen sein. In der Laudatio zur Preisverleihung lobte der Schriftsteller Daniel Kehlmann, dass es bei Goldt „keine oberflächlichen Scherze gibt, daß es die Sprache selbst ist, aus deren Tiefe die Komik aufsteigt“. Und darin unterscheidet sich Goldt von den vielen Comedians, die zwar riesige Hallen oder gar ganze Fußballstadien zu füllen verstehen, deren Humor jedoch das Tiefgründige sowie die Sprachvirtuosität eines Max Goldt fehlt. Dieser Tiefgründigkeit entschlüpft zuweilen eine moralische Botschaft, die den Lesern jedoch nie ins Gesicht geblasen, sondern vielmehr im Vorbeigehen in die Menge geschnipst wird. Deshalb hat Kehlmann während seiner Laudatio Goldt den „unaufdringlichsten Moralisten“ genannt, jedoch nicht ohne ein paar Sätze später auch den „Mut zum Irrsinn und zur Absurdität“ zu preisen. Diese Absurdität, die Goldt mit origineller Formulierkunst in geschliffener Syntax darbietet, ist einmalig in der deutschsprachigen Literatur.

Der Hang zum Schrägen sowie die Freude am Absurden fällt einem bereits beim Blick in das Inhaltsverzeichnis von „Die Chefin verzichtet“ auf. Das neue Buch versammelt typische Goldt-Kolumnen aus den Jahren 2009 bis 2012, Prosa-Miniaturen sowie eine Sammlung von Aphorismen, die sich zu einer „Splitter-Collage“ zusammenfügt. Drei der insgesamt sechszehn Titel seien als exemplarische Beispiele für Goldts Vorliebe für Skurriles genannt: „Ich hatte – verzeihen Sie! – nie darum gebeten, im Schatten einer Stinkmorchel Mandoline spielen zu dürfen“, „Penisg`schichterln aus dem Hotel Mama“ sowie „Am Strand der Birnenwechsler“.

Diese Titel sind sowohl Programm als auch Finte, denn bei jeder der etwas längeren Kolumnen darf man sicher sein, dass Goldt nicht bei einem der in den Titeln angedeutet Themen verharrt. Die Kunst des Abschweifens beherrscht der 1958 als Matthias Ernst in Göttingen geborene Goldt wie kein anderer: Von der Hässlichkeit aktueller Buchumschläge gleitet er hinüber zu Kinderbuchklassikern, für die „ein in Manufactum-Leinenanzüge gekleidetes Restbürgertum“ nostalgietrunken schwärme, schlägt dann einen Bogen zum geografischen Mittelpunkt Deutschlands und endet schließlich mit einer Betrachtung über Moorleichen und Anthropologen, „die im Türrahmen lehnen, allzeit bereit zu sorglosem Plausch über Leben und Tod“.

Wie bereits in einigen seiner Veröffentlichungen gelingt es Goldt auch in „Die Chefin verzichtet“, die Komik offenzulegen, die dem menschlichen Dasein innewohnt. Sicherlich sind seine Kolumnen stets mit ihrer Entstehungszeit verknüpft, weil sie sich auf aktuelle Kulturphänomene, Prominente oder zeittypische Sprachwendungen beziehen – und dennoch haben die Perlen seines Gesamtwerkes etwas Zeitloses. Geschichten wie „Dem Elend probesitzen“ oder „Prekariat und Prokrastination“ aus seinem grandiosen Buch „QQ“ (2008) haben auch vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Gleiches dürfte für die besten Kolumnen seines aktuellen Werkes gelten.

(3.12.2012)

Max Goldt: Die Chefin verzichtet. Rowohlt, Berlin. 160 Seiten, 17.95 €.

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