Monatsarchiv: Mai 2015

Die Trauer der Buchmessen

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Vom Aufenthalt eines Autors im Ausland erzählt Jan Brandt

Nach seinem famosen Debüt „Gegen die Welt“ hat man nicht mehr viel vom Schriftsteller Jan Brandt gehört. Bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und auf Platz 35 der Spiegel-Bestsellerliste hatte er es 2011 mit dem 900-Seiten-Wälzer geschafft, doch danach folgten keine weiteren Bücher. Jetzt hat der 1974 in Leer geborene Brandt endlich nachgelegt, allerdings mit einem Werk, das sich schwer einordnen lässt. Der studierte Journalist berichtet in „Tod in Turin“ von seinen Lesereisen, einem Aufenthaltsstipendium in London und von drei Tagen, die er in Turin auf der Buchmesse verbracht hat, um dort die italienische Übersetzung seines Erstlings zu präsentieren.

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Jan Brandts Top Ten der Killerleserfragen

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  1. Was wollen Sie damit eigentlich sagen?
  2. Wie autobiografisch ist der Roman?
  3. Warum wohnen Sie in Berlin?
  4. Können Sie vom Schreiben leben?
  5. Haben Sie irgendwelche Hobbys?
  6. Arbeiten Sie schon an etwas Neuem?
  7. Es heißt, das zweite Buch sei das Schwerste. Wie ist das bei Ihnen?
  8. Worum geht es da?
  9. Wie geht die Geschichte aus?
  10. Ich schreibe auch. Zufällig habe ich mein Manuskript dabei. Wollen Sie es mal lesen?

Aus: Jan Brandt: Tod in Turin. Dumont, Köln, S. 17, Fußnote 5

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Tumültchen im Foyer

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p.o.t.r. Fünf Minuten vor dem Festivalauftakt 14 im Großen Haus. Im Foyer belagern knapp zwei Dutzend seriös wirkende Herrschaften die Kasse, in der nur noch eine Handvoll Eintrittskarten darauf wartet, abgeholt zu werden. Die Dame hinter der Kasse liest die Namen der Reservierungsliste vor. Niemand ruft Ja, hier bin ich! Die Karten sind frei, Bewegung in der Gruppe, beinahe Gerempel, fünf Jubelnde wedeln mit den Karten, steuern den Saal an, ein Pressefuzzi steigt über die Absperrung. Der Rest bleibt davor stehen. Das war´s. Ausverkauft. Zurückbleiben bitte! Die Türen schließen!

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Gedichtboxen am Butterkeksplatz

Der B … B … Beat-Boxer performt sein P … P … Poem, seinen Slaaaamtext. Dalibor Marković im Rampenlicht mit seinem Mixtape. Abgespielt in der Mundhöhle, aus der Kehle, über die Luftröhre mit dem Gaumensegel auf die Zungenspitze, raus ins Publikum geploppt, gesummt, gezischt … Lautpoetisch im letzten Jahr zu dieser Zeit – der Sprechpoet im Theater am B … B … Butterkeksplatz.

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Punk mit Butter

Palermo-Punk-Art

Früher hingen am Sielwalleck immer die Punks ab, sie hockten dort mit ihren Hunden auf ranzigen Wolldecken, tranken Karlsquell aus Dosen und hörten Oi-Punk, der aus alten mit Panzerband zusammengehalten Kassettenrekordern schepperte. Einer aus der Gruppe stand meist auf dem Gehweg und quatschte die Leute an, die vorbeigingen. Haste mal ne Mark war schon so etwas wie ein geflügeltes Wort, damals, Ende der Neunziger, als es noch keinen Euro gab. Manchmal blieb ich stehen, kramte in meinem Portemonnaie und gab ihnen eine Mark oder siebzig, achtzig Pfennig, was der Punk dann immer Hammer oder geil fand, aber letztlich wohl vor allem dem Kiosk gegenüber oder dem ALDI in der Bismarckstraße zugutekam, wo die Punks ihr Bier kauften.

Inzwischen sind die Punks von der Sielwallkreuzung verschwunden, schon ziemlich lange eigentlich, ohne dass ich sagen könnte, wann genau. Vielleicht ist ja auch daran der Euro schuld, der an so vielem anderen angeblich schuld sein soll. Der Euro hat die Punks vertrieben wäre ja mal eine interessante Parole für die Wahlplakate dieser rechtspopulistischen Anti-Euro-Partei. Auf dem Plakat könnte man einen Punk mit der Parole abdrucken: Früher war ich Punk, seit es den Euro gibt, bin ich arbeitslos. Das wäre doch zumindest irgendwie originell.

Seit Neuestem habe ich wieder regelmäßig Kontakt mit Punks. In dem Haus, in dem ich im Dachgeschoss wohne, lebt seit ein paar Monaten eine Punkerin im Erdgeschoss, zusammen mit Herrn Schmidt, ihrem Rottweilermischling, die beide des Öfteren Besuch bekommen von anderen Punks. Wenn ich denen zufällig an der Haustür begegne, fragen die nie nach 70 oder 80 Cent, sondern halten mir höflich die Tür auf, und ich merke dann jedes Mal, dass ich völlig falsche Vorstellungen von Punkern habe. Meine Punk-Nachbarin hört sogar Queen und hat immer einen Hundebeutel dabei, wenn sie mit ihrem Rottweilermischling Gassi geht – von wegen Scheiß auf das System! Die Punks von heute sind auch nur ganz normale Leute; schließlich macht die einstige Ikone des Punks, John Lydon, ja inzwischen auch Werbung für Butter und nennt das dann Anarchie. In diesem Sinne könnte man sagen: Läuft doch wie geschmiert mit der Gesellschaft und den Punks – so harmonisch war´s früher nie:-)

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Enzensberger im Klo

EnzensbergerKroatien

In der Pause wird die Toilettentür von außen geöffnet, der 83-jährige Hans Magnus Enzensberger steckt seinen Kopf rein, fragt, ob sich jemand hier in diesem Theater auskenne und wisse, wo der Raucherraum sei. Die Toilettenbesucher starren auf den bekannten Kopf, zucken die Schultern. Drei Minuten später steht der Schriftsteller draußen vor dem Theater, eine Zigarette zwischen den Lippen. Poetry on the road.

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Der Parkbank-Zarathustra

Enzensberger

Der Tausendsassa Hans Magnus Enzensberger lässt in „Herrn Zetts Betrachtungen“ einen Alltagsphilosophen über Gott und die Welt sinnieren.

Dieser Mann ist nicht zu fassen. So könnte man Hans Magnus Enzensberger mit einem knappen Satz charakterisieren. Der inzwischen 83-jährige Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber, promovierte Germanist und Georg-Büchner-Preisträger ist sicherlich einer der umtriebigsten und spannendsten Darsteller auf der Bühne der deutschen Literatur seit 1945. „Endlich, endlich ist unter uns der zornige junge Mann erschienen“, jubelte Alfred Andersch 1957 nach der Lektüre des ersten Gedichtbands von Enzensberger. Andersch glaubte in „verteidigung der wölfe“ etwas zu erkennen, „was es seit Brecht nicht mehr gegeben hat: das große politische Gedicht“.

Tatsächlich bezieht Enzensberger sich in jenen ersten wie auch in seinen späteren Gedichten immer wieder auf politische Sujets. Und ja: Die dialektische Argumentation seiner Dichtkunst erinnert hie und da an Bertolt Brecht. Doch noch intensiver als in seiner Lyrik pulsiert das Politische in seinen theoretischen Schriften. Sein Essayband „Einzelheiten“ (1962) liefert eine tiefschürfende Analyse des Zusammenhangs von Poesie und Politik, seine Essays in „Politische Brosamen“ (1982) reflektieren den Desillusionierungsprozess der 68er Bewegung und „Schreckens Männer“ (2006) – Enzensbergers „Versuch über den radikalen Verlierer“ – geht den Beweggründen der islamistischen Selbstmordattentäter nach. Es ließe sich eine Vielzahl weiterer Essays, Prosawerke oder Lyrikbände nennen, in denen politische Motive den Ausgangspunkt bilden. Nicht vergessen werden darf in diesem Kontext die Zeitschrift „Kursbuch“, die Enzensberger 1965 gemeinsam mit dem Kollegen Karl Markus Michel gründete und die in den Folgejahren zur wichtigsten Zeitschrift der Neuen Linken avancierte.

Die Politik ist bis in die Gegenwart hinein der Humus geblieben, der dem Werk dieses produktiven Geistes den nötigen Nährstoff bietet. In den vergangenen Jahren kritisierte er mehrfach die Politik der Europäischen Union und vor Kurzem sprach er in Anbetracht der Überwachungs- und Spionageaffäre in der Sendung „titel, thesen, temperamente“ von „postdemokratischen Zuständen“.

Diese Diagnose findet sich wortwörtlich ebenfalls in Enzensbergers neuem Buch „Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern“. Ein langer Titel für ein Büchlein im DIN-A6-Format, das man ausgezeichnet in der Innentasche des Sakkos unterbringen und mit sich herumtragen kann, um es dann in einer Pause inmitten des ratternden Alltags hervorzuziehen und häppchenweise zu genießen. Der Genuss in Dosen ist allein schon deshalb ratsam, weil es sich bei dem Buch um eine Sammlung von Anekdoten und Aphorismen handelt, denen man Zeit gewähren sollte, damit sie ihr Aroma entfalten und nachwirken können.

Lose miteinander verwoben sind die Bonmots und Geschichtchen durch eine minimale Rahmenhandlung, die rasch erzählt ist: Herr Zett, ein kleiner rundlicher Herr im Rentenalter, der Zigarillos raucht und als Kopfschmuck eine Melone trägt, hockt fast täglich zur Mittagszeit im Park auf einer Bank und doziert über Sitten und Gebräuche, Demokratie und Theologie, Kunst und Kapitalismus, Wissenschaft und Sprache, Medien und Menschen. Eine kleine Gemeinde versammelt sich regelmäßig vor der Parkbank, um Zetts Vorträgen zu lauschen.

So kommen die Zuhörer in den Genuss des einen oder anderen Zitats von Geistesgrößen wie Michel Montaigne, Arthur Schopenhauer oder Hans Blumenberg; aber vor allem gibt es allerlei bissige Aperçus aus Zetts Munde zu vernehmen. Die Gesellschaft sei „ein Despot, der keine Gefängnisse braucht“, das Finanzamt „die bürokratische Nemesis, die sich an unseren Freuden rächt“ und die Hölle müsse ein Ort sein, „der ganz und gar von Designern möbliert“ sei. So scharf oder kulturpessimistisch manch Kommentar dieses versierten Rhetorikers auch klingen mag, stets trägt er die Zustände der Welt mit Fassung, schließlich weiß er um die Schwierigkeit, das Richtige zu tun: „Die Zahl der Fehler, die einem zur Verfügung stehen, ist im Prinzip unbegrenzt, während sich die richtigen Optionen an den Fingern abzählen lassen. Die Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dass das meiste schiefgeht.“

Schimpftiraden sind diesem Stoiker ebenso fern wie prophetisches Pathos oder rechthaberischer Dogmatismus. Wie bereits der Titel andeutet, lässt er seine geistigen Brosamen beinahe beiläufig fallen, ohne großes Trara. Nichtsdestotrotz erhebt sich im Auditorium hin und wieder auch ein Murren oder gar ein Widerspruch. Herr Zett ist dafür durchaus dankbar, denn keinesfalls will er als unfehlbarer Guru gelten, sondern mit seinen Gedankenbröseln schlichtweg zum Sinnieren animieren. In einer seiner letzten Reden spricht Zett einen Leitsatz, der sicherlich ebenso als Maxime für Enzensbergers literarisches wie politisches Engagement gelten dürfte: „Ich möchte weder unter die eine noch unter die andere Fahne treten, die von irgendwelchen Parteien aufgepflanzt wird.“

Enzensberger sah sich im Laufe seines Lebens des Öfteren mit dem Vorwurf konfrontiert, dass er ein Bruder Leichtfuß sei, der allzu häufig seine Positionen wechsle und – wenn es darauf ankomme – zu viel Distanz wahre. Der Autor scheint mit diesem Vorwurf ebenso gut leben zu können wie sein Alter Ego – der untersetzte, Zigarillo paffende Parkbank-Zarathustra. Dieser gesteht seinem Publikum nicht nur freimütig ein, dass er aus hygienischen Gründen „seine Meinungen öfter als sein Hemd“ wechsle, sondern er weiß darüber hinaus um die Ambivalenzen, die sich in jedem Leben auftun, und folgert daraus: „Das Streben nach Eindeutigkeit ist zwar verbreitet, aber zum Scheitern verurteilt.“

Hans Magnus Enzensberger: Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern. Suhrkamp, Berlin. 229 Seiten, 15,00 €.

(3.10.2013)

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Plastiktüten voller Bücher

Poetry on the road 2014: Drei, vier Jugendliche, die in der Pause des Literaturfestivals mit Plastiktüten voller Bücher von Enzensberger, Hahn, Okri und anderen anwesenden Autor*innen diese belagern, um sich deren Werke signieren zu lassen. Irgendwer neben mir meint: Verticken die bestimmt bei E-Bay. Doch die glühenden Gesichter, der Glanz in den Augen, das Lächeln auf den Lippen und das anschließende Starren auf die Unterschriften sprechen eine andere Sprache …

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KERBEN IM HUCKELRIEDER DICKICHT

Nun ist es da, knapp 300 Meter von meiner Haustür entfernt, hinterm Deich: das erste internationale Huckelrieder Kiosk-Festival. Mein Stadtteil als Herberge eines internationalen Events?

Ich stehe auf der Deichkrone, im Rücken den verlotterten Spielplatz und den Buntentorsteinweg, vor mir die Kleine Weser. Auf der Wiese zu meinen Füßen steht die vertraute Kioskbude, in der schon seit über einem Jahr nichts mehr verkauft wird, in die jetzt aber neues Leben eingekehrt ist; zudem hat sie für ein paar Tage Gesellschaft bekommen von vier weiteren Kiosken, zahlreichen Bierbänken, Sonnenstühlen, Strohballen und einem Tipi, in dem der Huckelrieder Liedermacher sitzt und Gitarre spielt.

Was soll das sein?“, fragt mich ein Mann mit Fünfzigerjahrebrille auf der Nase und einem Pudel an der Leine. Ich zucke die Schultern, sage: „Wahrscheinlich Kunst.“ Er schnieft kurz, lässt seinen Blick kreisen, sieht mich wieder an: „Kunst?“ Ich nicke, er schüttelt den Kopf.

Na denn. Komm Hansi, das ist nichts für uns! Das ist Kunst.“ Sagt es und schleift seinen Pudel hinter sich her, der so ausschaut, als wäre er gern noch ein bisschen geblieben. Ich blicke den beiden nach, sinniere einen Augenblick über den Stellenwert von Kunst im Leben von Pudelbesitzern und steige dann hinunter zur Deichschartschreiberin, einer befreundeten Schriftstellerin, die im wiederbelebten Kiosk hinter einer Schreibmaschine sitzt und auf Geschichten wartet, wenn sie nicht im Stadtteil auf Entdeckungstour geht, um selbst Geschichten aufzuspüren – so wie heute, wo sie mit mir zum Golfen verabredet ist.

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Schokofluppenkratzer

Nie wieder so viel geraucht wie in der Kindheit – Kaugummifluppen, Schokozigaretten, Salzstangen, Lollistengel … mit tiefem Ernst, ohne Lungenflügelkratzer

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