Archiv der Kategorie: ältere Bücher

Insellektüre 1½ – Degens aus dem Automaten

Degens

Mein heutiges „Buch“ hat 17 Seiten & kommt aus dem Süßwarenautomaten – Marc Degens: Die SuKuLTuR Jahre

Marc Degens ist einer der Herausgeber der SuKuLTuR-Reihe Schöner Lesen. Das sind diese kleinen gelben Hefte, die ein bisschen wie die kleinen gelben Reclam-Hefte aussehen, aber natürlich nicht genauso, schließlich hat Reclam höchstselbst bescheinigt, dass (nach zwei kleinen Korrekturen in der Covergestaltung seitens der Herausgeber) keine Verwechslungsgefahr bestehe.

Das zumindest schreibt Degens in seinem Text Die SuKuLTuR Jahre, in dem er auf amüsante Art in Kurzform beschreibt, wie er gemeinsam mit Torsten Franz Mitte der 90er auf die Idee kam, einen Independent-Verlag mit diesen Heften ins Leben zu rufen und sie über Süßwarenautomaten zu verticken, in denen sie neben Weingummi, Schokoriegel, Marmorkuchen und anderem Naschwerk an diversen Bahnhöfen der Republik für einen läppischen Euro angeboten werden.

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Meine Insellektüre – Der Esoterikheini und seine Kokosnuss

kracht Imperium

Christian Krachts Roman „Imperium“ dockt an einer realen Figur an und erzählt in einem flotten Stil mit viel Ironie eine irrsinnige Aussteigergeschichte aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, die mich während meiner ersten Tage auf Sylt bestens unterhalten und des Öfteren zum Lachen gebracht hat – als Satire auf einen abgedrehten Insulaner und übersteigerten Idealismus die ideale Insellektüre.

August Engelhardt hat die Nase voll, vom Deutschen Reich, der Moderne, der Zivilisation und jenen, die das alles in die Welt gesetzt haben – den Menschen. Also nichts wie weg aus dem gar nicht so guten alten Europa und ab in die Südsee, genauer gesagt: nach Neupommern, dem heutigen Neubritannien, das Anfang des 20. Jahrhunderts als Kolonie dem Deutschen Reich angehörte. Und in eben jene Zeit hat Christian Kracht die Handlung seines Romans „Imperium“ verlegt – wobei Zeitraum sowie Handlungsschauplatz im Prinzip vorgegeben waren, da Krachts Protagonist ein reales Vorbild gleichen Namens hat.

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Schicksal oder Zufall?

kehlmann

Mit „F“ ist Daniel Kehlmann der nächste Geniestreich geglückt. In dem neuen Roman versuchen drei Brüder dem Mittelmaß zu entfliehen und werden dabei zu Betrügern.

Am Anfang steht eine Flucht. Noch eben war Arthur Friedland mit seinen drei Söhnen zu Gast bei einer Hypnoseshow, ein paar Minuten später lässt er Martin, Eric und Iwan am Straßenrand stehen, düst mit seinem Wagen davon, räumt das Familienkonto leer und verschwindet von der Bildfläche. Erst viele Jahre später, wenn sie bereits erwachsen sind, werden die drei Söhne ihn wiedersehen, den Vater, der inzwischen weltberühmt ist – und zwar als Autor rätselhafter Bücher.

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Die fünf Leben der Frau Hoffmann

Erpenbeck - allerTage

Jenny Erpenbeck schenkt in ihrem Roman „Aller Tage Abend“ einer Frau fünf Leben und entwirft dabei eine kunstvoll komponierte Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Mit jedem Menschen stirbt eine Vielzahl von Möglichkeiten. So viele Ereignisse hätte jener Mensch in seinem Leben noch mit anderen teilen, so viele Taten vollbringen, so viele Worte sprechen können. Insbesondere beim Tod eines Kindes scheint mit ihm ein Universum an Optionen zu erlöschen.

Jenny Erpenbeck setzt an den Anfang ihres neuen Romans „Aller Tage Abend“ den Tod eines sehr jungen Menschen. Knapp acht Monate alt ist der Säugling eines frisch verheirateten, im galizischen Brody lebenden Ehepaars, als er eines Nachts zu atmen aufhört. Die Eltern wissen nicht, was zu tun ist – ihr Baby stirbt ihnen unter ihren Händen weg, lässt sie allein mit ihrer Hilflosigkeit, Verzweiflung und Trauer. Die Mutter des verstorbenen Kindes fällt für einige Tage in eine Starre: Auf einer Fußbank hockend lässt sie alles um sich herum geschehen, lässt sich nicht trösten, isst nicht, redet nicht, sondern beklagt für sich allein im Stillen, dass sie niemand auf eine solche Situation vorbereitet hat, „dass niemand ihr vorher gesagt hat, dass das Leben nicht funktioniert wie eine Maschine“.

Ihr Mann, ein k.u.k Beamter der österreichisch-ungarischen Monarchie, flüchtet sich in die Gastwirtschaft, bemüht sich dort, seiner Trauer mit Schnaps beizukommen und entschließt sich letztlich, nicht heimzukehren, sondern fortzugehen – und zwar für immer. Während der Entschluss in ihm reift, fragt er sich: „Zeugt es von Feigheit, wenn man sein eigenes Leben verlässt, oder von Charakter, wenn man die Kraft hat, neu zu beginnen?“ Er findet keine Antwort auf diese Frage, lässt sein altes Leben dennoch hinter sich und seine Frau zurück. Diese muss ihren Alltag allein meistern und rutscht nach und nach in die Prostitution.

Das klingt nach einer tragischen Familiengeschichte, die einen anderen Verlauf hätte nehmen können, wäre das Kind in jener Nacht nicht gestorben. Was wäre, wenn die Mutter in jener Nacht genau gewusst hätte, was in einem solchen Augenblick, in dem ihr Baby zu atmen aufhört, zu tun ist? Wenn sie statt hilflos dazustehen, das Fenster aufgerissen, sich eine Handvoll Schnee von der Fensterbank gegriffen, es dem Säugling an die Brust gedrückt und ihren kleinen Liebling damit ins Leben zurückgeholt hätte? Dann wäre alles anders gekommen!

Genau diese Idee, dass ein kleines Detail den Verlauf der Geschichte entscheidend verändern kann, wird bei Erpenbeck zum Motor ihres Romans. Nach knapp 70 Seiten setzt sie einen Cut, entwickelt in einem Intermezzo einen Gegenentwurf zu den Geschehnissen jener Nacht, in der das Herz des Säuglings zu schlagen aufhörte. Sie lässt die Mutter in den Schnee greifen, lässt sie das kalte Weiß an die junge Brust drücken und damit den Säugling weiterleben.

Im zweiten der insgesamt fünf Bücher des Romans begegnen wir der Familie siebzehn Jahre später im Wien des Jahres 1919. Mann und Frau sind einander treu geblieben, ihre älteste Tochter wird bald achtzehn. Es ist Januar, der Winter ist streng und das Leben ein halbes Jahr nach Kriegsende hart. Die Menschen leiden Hunger, stehen in der Kälte Schlange für Essen oder verrecken an der Spanischen Grippe. Das Mädchen (dessen Namen uns die Autorin nicht verrät) darf im zweiten Buch zwar länger leben, doch sie ist nicht dankbar für dieses Leben, sondern leidet an der Trostlosigkeit sowie dem täglichen Überlebenskampf: „Nun war sie mitten in ihrem eigenen Krieg, in dem kam es ihr, fern von Bomben, Granaten und Giftgas, dennoch unendlich schwer vor, einen Tag von morgens bis abends und durch die Nacht hindurch zu überleben.“

Und dieses Überleben will ihr auch nicht gelingen; schließlich geht sie zugrunde an einer Melange aus Weltschmerz und Liebeskummer. Als ihr zufällig ein junger Mann begegnet, der ebenfalls aufgrund eines gebrochenen Herzens des Lebens überdrüssig scheint und außerdem eine Pistole besitzt, keimt in ihr eine düstere Hoffnung auf: „Jetzt gibt es im Innern der Kugel, die für sie bisher immer unendlich war, plötzlich diese kleine schäbige Tür.“

Sie durchschreitet diese Tür, setzt ihrem Leben ein Ende und beginnt im dritten Buch ein neues. Nun hat sie den Zeitpunkt, in dem „sich ihre Lebensmüdigkeit in einen Tod verwandeln konnte“, verfehlt und sich stattdessen ans Leben geklammert. Insgesamt fünf Mal lässt Erpenbeck ihre Hauptfigur sterben und vier Mal wieder auferstehen – nur ganz am Ende des Romans ist der Tod endgültig.

Es ist beeindruckend, wie Jenny Erpenbeck die Geschichte immer wieder von Neuem variiert und wie sie dadurch eine plastische Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Über das Wien der Nachkriegszeit geht es in die Dreißigerjahre nach Moskau, von dort in die DDR und schließlich ins wiedervereinigte Deutschland. Das sind die Stationen der verschiedenen Lebensläufe der Hauptfigur, die erst im letzten Buch einen Namen bekommt – Frau Hoffmann.

Die 1967 in Ost-Berlin geborene Jenny Erpenbeck – die für ihren letzten Roman „Heimsuchung“ 2009 mit dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet wurde – hat mit „Aller Tage Abend“ ein kunstvoll komponiertes Werk vorgelegt, für das sie in diesem Jahr den mit 12.000 Euro dotierten Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen erhält. Die studierte Musiktheater-Regisseurin verknüpft die fünf Bücher innerhalb des Romans jeweils mit einem kurzen, widerborstigen Intermezzo, das den vorangegangen Tod der Protagonistin beiseiteschiebt und zur nächsten Variation dieser Lebensgeschichte überleitet. Dabei findet Erpenbeck für jedes Buch den richtigen Ton, sie wählt ihre Worte mit Bedacht und schildert mit einer schnörkellosen Sprache die Härte des Lebens. Hinzu kommt eine Unmenge an starken Sätzen, die aus einer existenziellen Tiefe schöpfen und lange nachhallen – so wie der Roman als Ganzes aufgrund seiner feinen Komposition und Intensität noch lange nachklingt.

Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Knaus, München. 288 Seiten, 19.99 €. (August 2012)

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Aura mit Nebenwirkungen

Setz Indigo

Es gibt Bücher, die wirken wie ein einziges großes Fragezeichen – so mysteriös, labyrinthisch und verwirrend sind sie. „Indigo“, das knapp 500 Seiten starke Werk des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, ist ein solches Buch, und zwar ein derart fein geschnitztes, dass man es dem Autor nicht übel nehmen mag, dass er mehr Fragen als Antworten in die Hirnwindungen des Lesers streut. Der Titel des Romans bezieht sich auf eine esoterische Theorie, dass es Kinder gebe, von denen eine indigofarbene Aura ausgehe. Aus diesem spirituellen Mumpitz spinnt Setz das Fundament seines Romans, in dessen Zentrum jene sogenannten Indigo-Kinder stehen. Allerdings haftet diesen keineswegs eine sanft sphärische Aura an, sondern sie umgibt vielmehr ein radioaktiver Radius, der alle Menschen, die sich zu lange in diesen hineinwagen, verstrahlt. Die „Opfer“ werden von Migräne, Übelkeit oder Schwindel geplagt, weshalb die Eltern ihre Sprösslinge auf die Helianau, eine spezielle Internatsschule für Indigo-Kinder, abschieben.

In diesem Internat tritt im Jahr 2006 ein junger Mathematiklehrer sein Praktikum an. Dieser Lehrer heißt Clemens J. Setz. Neben dem Namen gibt es auch äußerliche sowie biografische Übereinstimmungen zwischen dem Schriftsteller Setz und dem Icherzähler Setz. Diese Jonglage mit seinem Namen sowie der eigenen Identität dient dem Autor, um ein Verwirrspiel mit Fiktion und Realität zu treiben. Mithilfe diverser in das Buch eingewebter Dokumente, Anekdoten und Fotos fingiert Setz eine Authentizität, die Irritationen hinterlässt.

Parallel zur Geschichte des Lehrers verläuft ein zweiter Erzählstrang, der im Jahr 2021 spielt und sich dem ehemaligen Internatszögling Robert Tätzel widmet. Tätzel hat während des Erwachsenwerdens nach und nach seine fatale Aura eingebüßt, ist aber dennoch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er bleibt ein aggressiver Außenseiter, der kaum Empathie oder Liebe für andere Menschen aufzubringen vermag. Die beiden Erzählstränge verweben sich mit der Zeit immer stärker und laufen schließlich zusammen – was jedoch nicht bedeutet, dass sich damit alle Fragen klären.

Der vor fast genau drei Jahren veröffentlichte Roman hat es im Gegensatz zu Setz‘ aktuellem Tausendseitenwälzer („Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“) im September 2012 von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, ihn aber letztlich nicht gewonnen, was unter anderem daran liegen dürfte, dass „Indigo“ keine fluffige Lektüre ist, die ein breites Publikum auf dem Sofa wegschmökert. Es ist ein Buch, das seine Leser fordert. Die vielen Rätsel verwirren und locken gleichzeitig. Lust zum Weiterlesen macht neben der Rätselhaftigkeit die stilsichere Sprache, mit der Setz sein Werk zubereitet hat; insbesondere verzaubern vereinzelte Formulierungen, die wie Leuchttürme hervorragen – so originell oder schön sind sie. Und so sitzt man nach dem Umblättern der letzten Seite da und fragt sich, ob das Fragezeichen, das sich einem während des Lesens in die Gesichtszüge gebrannt hat, nicht genauso gut ein Lächeln sein könnte?

Clemens J. Setz: Indigo. Suhrkamp, Berlin. 479 Seiten, 22,95 €.

(September 2012)

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Farbige Frauenporträts

ZaimogluDer einstige Rebell der Migrantenliteratur Feridun Zaimoglu präsentiert mit „Der Mietmaler“ nicht nur eine neue Liebesgeschichte, sondern zeigt sich zudem selbst als Maler.

Mit „Kanak Sprak“ krachte Feridun Zaimoglu 1995 in die deutsche Literaturszene. Das furiose Debüt des deutsch-türkischen Schriftstellers erzählt die Geschichten einer jungen Generation türkischstämmiger Deutscher, die nicht nur am Rande der Gesellschaft leben, sondern auch ihren eigenen multi-ethnischen Jargon pflegen. Insbesondere der authentisch widerborstige Sound dieser hybriden Jugendsprache von der Straße war der deutschen Literatur bis dahin unbekannt. Sätze wie folgender sorgten nicht nur bei einigen Rezensenten für Irritationen: „Das ist die niggernummer, kumpel, es gibt die saubere kanakentour und die schmutzige, was auch immer du anstellen magst, den fremdländer kannst du nimmer aus der fresse wischen“. Zaimoglu wurde mit „Kanak Sprak“ und den Nachfolgewerken zum Sprachrohr einer Gruppe, die durch das Raster der Integration gerasselt war und auf einen romantisierenden Multikulturalismus pfiff.

Mit diesen ersten literarischen Werken avancierte der 1964 in der Türkei geborene, jedoch in Deutschland aufgewachsene Zaimoglu zu einer der kraftvollsten Stimmen der sogenannten Migrantenliteratur. Für manchen Feuilletonisten war er vorerst allerdings vor allem eine Art „Ghetto-Rebell“ – ein zwar spannendes, aber literarisch fragwürdiges Phänomen. Das änderte sich mit der Zeit: Zaimoglu wollte nicht ewig der „Ghetto-Kasper“ sein, sondern als Erzähler ernst genommen werden. Dieses Ziel erreichte er spätestens, als er 2003 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für seine Erzählung „Häute“ mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Dieser Text ist in dem Erzählungsband „Zwölf Gramm Glück“ zu finden, der 2004 erschien und eine Wandlung erkennen lässt, die sich in „Leyla“ (2006), „Liebesbrand“ (2008) sowie „Hinterland“ (2009) fortsetzt. In den drei genannten Romanen spielt weiterhin die Herkunft des in Kiel lebenden Autors eine zentrale Rolle; doch Zaimoglu ist im Laufe der Jahre zu einem versierten Erzähler mit einer eigenen poetischen Sprache gereift.

Mit seinem letzten Roman „Ruß“ (2011) hat sich Zaimoglu erstmals ganz von türkischen Motiven gelöst. Stattdessen kommt der Malerei in dieser Ruhrpott-Liebesgeschichte eine Nebenrolle zu. Das ist insofern erwähnenswert, da der Autor selbst malt und in seinem neuen Buch einen Maler in den Mittelpunkt stellt. „Der Mietmaler“ ist die Geschichte Edouards, eines 38-jährigen Künstlers, der die Frauen wie Schaustücke betrachtet und abschätzt, ob sie es wert sind, auf Papier gebannt zu werden. Jede Frau ist ein potenzielles Motiv – auch seine Partnerin Sonja, die dieses Belauertwerden von dem „tintenverspritzenden Tier“ allerdings satt hat. So steht eine Trennung am Anfang dieser Liebesgeschichte. Frisch abserviert schleicht Edouard nach Hause, entdeckt auf seinem Heimweg an einer Bushaltestelle in einer attraktiven Putzfrau jedoch bereits sein nächstes Modell, das ihn zu seiner Leinwand treibt: „Ich stürmte die Treppen hoch zum dritten Stock, schloss auf, ließ die Tasche sofort fallen, griff zum Skizzenblock.“

Zaimoglus Ich-Erzähler ist ein manischer, doch mäßig erfolgreicher Maler. Deshalb nimmt er den gut bezahlten Auftrag einer reichen Witwe an, sie zu porträtieren: „Sie hatte das Geld, ich hatte die Farben – ich willigte ein.“ Die Auftraggeberin entpuppt sich indessen als scharfzüngig resolute Dame, die es gewohnt ist, die Richtung vorzugeben. Sie besteht darauf, anständig gemalt zu werden – kein neumodischer Schnickschnack, kein psychologisierendes Qualgesicht. Für Edouard ist diese Nora Sillinger Herausforderung wie Provokation. Sie reizt ihn mit ihrer herrischen Art und hinterfragt zugleich seine Arbeitsweise, die Frauen in seinen Bildern nicht bloß abzubilden, sondern ihre Psychen auszuloten. Diese Methode des Malers findet Ausdruck in Zaimoglus Erzählweise. Immer wenn Edouard in einer Frau ein mögliches Motiv entdeckt, wird dieser eine kleine Geschichte angedichtet – sodass in den Handlungsstrang der Erzählung abschweifende Prosaminiaturen eingewebt sind. Dadurch entsteht ein facettenreiches Panoptikum farbiger Frauenporträts. Bei einigen dieser Nebengeschichten wechselt Zaimoglu auch die Erzählperspektive, sodass der Leser zwischendurch mit den Augen einer Bürgerlichen einen Blick auf den Protagonisten werfen darf: „Fussel an seinem Rücken, Falten an seiner Hose, Stoff an den Kniekehlen fadenscheinig. Von diesem Mann musste man sich fernhalten.“

Edouard ist eine nachlässig gepflegte, leicht zweifelhafte Künstlerexistenz mit „Stiftschwiele am Mittelfinger, Graphitstaub unter den Nägeln“. Dennoch scheint Nora Sillinger Gefallen an diesem Bohemien zu finden, und auch die Gefühle des gemieteten Malers gegenüber seiner zwar älteren, doch immer noch attraktiven Auftraggeberin sind ambivalent. Das Tableau für eine Liebesgeschichte ist somit angerichtet. Ob die beiden zueinanderfinden, soll hier nicht verraten werden.

Zaimoglus „Mietmaler“ ist eine kleine, hübsch arrangierte Erzählung, die vor allem bestimmt ist durch den Duktus knapper Sätze, denen trotz ihrer Kürze poetische Kraft innewohnt. Neben den literarischen Porträts finden sich in dem Buch außerdem 18 farbige Bildtafeln – bis auf eine Ausnahme alles Frauenporträts, die der Maler Zaimoglu zu Papier gebracht hat. Es sind Gesichter mit großen traurigen Augen, kantigen Nasen und in Rottönen glühenden Mündern. Und so hält man mit „Der Mietmaler“ ein fein gestaltetes Büchlein in den Händen, das allerdings in keiner Weise an einen „Ghetto-Rebellen“ erinnert. Irgendwann werden wohl auch die Wildesten zahm.

Feridun Zaimoglu: Der Mietmaler. Eine Liebesgeschichte. Mit 18 farbigen Bildtafeln. Langen Müller Verlag, München 2013. 136 Seiten, 19.99 €.

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Bedingungsloses Begehren

timm

Mit seinem Roman „Vogelweide“ knüpft der Heinrich-Böll-Preisträger Uwe Timm thematisch an sein Meisterwerk „Rot“ an: Ein Mann in den Fünfzigern und eine bedeutend jüngere Frau verstricken sich in einer unheilbringenden Liaison.

Liebe ist kein Zufall!“ Mit diesem Slogan wirbt eine Internetpartnerbörse für ihre Dienste. Die Idee hinter dem Reklamevers ist so schlicht wie einleuchtend: Irgendwo dort draußen wartet eine Frau oder ein Mann auf Sie, die oder der aufgrund ähnlicher Interessen, Vorlieben und Lebensvorstellungen perfekt zu Ihnen passt. Sie jedoch wissen nichts voneinander und werden einander wahrscheinlich niemals begegnen. Es sei denn, Sie verlassen sich nicht auf den Zufall, sondern vertrauen sich der Partnerbörse an. Diese füttert dann ihre emsig rechnenden Computer mit Ihren Daten, und siehe da: Mit Hilfe von Algorithmen finden Sie Ihren idealen Lebensgefährten! Doch damit nicht genug: Aktuellen Studien zufolge sollen derart zustande gekommene Beziehungen länger halten als die herkömmlichen. Also, alles prima dank des Internets! Oder doch nicht? Klingt Ihnen das alles zu mathematisch? Vermissen Sie die Romantik in diesem durchkalkulierten System? Bevorzugen Sie Zufallsbegegnungen im Zugabteil, Buchladen oder Café, bei denen man ganz unerwartet auf die Liebe stößt?

So zumindest geht es Eschenbach, dem Protagonisten in Uwe Timms Roman „Vogelweide“. Er glaubt weiterhin an die reale Begegnung, an das Glück des Augenblicks, in dem zwei Menschen zufällig aufeinandertreffen, sich anblicken und sogleich zueinander hingezogen fühlen. Er selbst hat eine solch schicksalhafte Begegnung hinter sich: Bei einem Vortrag über Stadtplanung trifft er Anna und ist unmittelbar magnetisiert. Die Frau ist allerdings verheiratet, hat zwei Kinder und ist an einer Affäre nicht interessiert. Auch Eschenbach ist fest liiert, und zwar keineswegs unglücklich; dennoch packt ihn eine maßlose Leidenschaft, die ihn dazu antreibt, so lange um Anna zu werben, bis sie sich in eine Affäre verstricken lässt.

Zu Beginn des Romans liegt jene Liebschaft bereits weit zurück. Eschenbach führt inzwischen als Vogelwart auf einer kleinen Insel in der Nähe von Neuwerk ein ruhiges Dasein. Inmitten dieser Ruhe klingelt das Telefon und die Verflossene kündigt nach sechs Jahren Funkstille ihren Besuch auf der Insel an. Grund genug für einen Rückblick auf Eschenbachs bedingungsloses Begehren, das zum Auseinanderbrechen zweier bis dahin gut funktionierender Partnerschaften geführt hat. In der Rückschau entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die an einen anderen Roman von Timm erinnert – an „Rot“, dem wahrscheinlich besten Buch aus der Feder des inzwischen 75-Jährigen, dessen literarisches Lebenswerk 2009 mit dem Heinrich-Böll-Preis geehrt wurde.

Die Parallelen zwischen „Vogelweide“ und „Rot“ sind evident: In einem Berlin der besseren Kreise beginnt ein Mann in den Fünfzigern eine Liaison mit einer deutlich jüngeren Frau, die beim Fremdgehen von ihrem Gewissen geplagt wird, da sie einen liebenswerten Partner an ihrer Seite weiß. Doch der ältere Mann fasziniert die Umworbene mit seiner Andersartigkeit, seinem Intellekt sowie geschickt präsentierten Zitaten aus Philosophie und Literatur. Schließlich treffen sie sich regelmäßig zum erotischen Rendezvous in einem Hotel. Timm scheinen diese Analogien nicht zu stören, im Gegenteil: In seinem neuen Roman hat er gar explizit Verweise auf „Rot“ eingebaut – bereits bekannte Orte und Figuren tauchen hier und da erneut auf.

Wer nun hofft, Timm könnte mit „Vogelweide“ ein weiteres Glanzstück à la „Rot“ gelungen sein, dürfte bei voranschreitender Lesedauer indes ein wenig enttäuscht werden. Während der Roman aus dem Jahr 2001 eine geradezu lebensphilosophische Wucht entfaltet, mangelt es Timms aktuellem Werk an vergleichbarer Kraft; zum Ende hin scheint ihm gar die Puste auszugehen. Auffällig ist darüber hinaus, dass Timms Beschreibungen blass bleiben, wenn es um den Beruf der Hauptfigur geht: Eschenbach ist zu jener Zeit, in der die Affäre mit Anna spielt, der Chef einer Software-Firma, „die auf Optimierung spezialisiert“ ist. Das klingt zwar zeitgemäß, allerdings auch äußerst vage – als hätte Timm selbst keine genauen Vorstellungen von der Tätigkeit. Hinzu kommt, dass sich dieses Mal die vielen Verweise auf Geistesgrößen wie Platon, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu oder Arno Schmidt nicht annähernd so geschmeidig einfügen, wie es 12 Jahre zuvor beim Vorgängerwerk der Fall war.

Dennoch hat Timm keinen schlechten Roman geschrieben, dafür ist er ein viel zu begnadeter Erzähler und versierter Stilist. Wieder einmal zeigt er sich als feinsinniger Betrachter, der seine Beobachtungen präzise in Worte zu fassen versteht und ihnen durch Details Plastizität verleiht. Ebenso versteht er es, interessante Charaktere zu zeichnen und Szenen wie Dialogen eine Authentizität zu verleihen. Hinzu kommen gelungene Wechsel zwischen den Szenerien und Zeitebenen sowie eine gewohnt souveräne Satzführung. Und selbst wenn „Vogelweide“ dem Vergleich mit dem famosen „Rot“ nicht standhält, hat Timm erneut allerlei Geistreiches zum Thema Liebe mitzuteilen und spart dabei auch nicht die neuen Formen der Partnersuche aus. An einer Stelle kommt es im Buch zu einer Diskussion zwischen Eschenbach und einer Grande Dame der Demoskopie, die dem Begehren auf den Grund gehen will, um mithilfe des Internets eine „neue Form der Wunscherfüllung“ zu ermöglichen, die den Menschen die Option bieten soll, „sich dem Glück systematisch zu nähern“, statt „auf den Zufall an der Haltestelle oder im Zugabteil zu warten“. Eschenbach hingegen vertraut auf das Abenteuer der Begegnung und verweist auf einen Schwachpunkt der Zusammenführung von Menschen auf der Basis computergesteuerter Datenerhebungen: „Es fehlt der Körper. Die Erscheinung, Geruch, Haut, der Blick. […] Wir haben tief eingeprägt eine Idee vom anderen. Plötzlich begegnet uns jemand, und wir wissen, dieser Jemand ist unser Schicksal.“

Uwe Timm: Vogelweide. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 336 Seiten, 19.99 €. (erschienen im Sommer 2013)

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Ein Rennwagen gegen sinnlose Gewalt

dea loher

In Dea Lohers Romandebüt „Bugatti taucht auf“ verbinden sich drei Handlungsstränge zu einer großen Reflexion über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns.

Als Dramatikerin hat sich Dea Loher in den vergangen zwanzig Jahren nicht nur deutschlandweit, sondern international einen Namen gemacht. Ihre achtzehn bisher veröffentlichten Theaterstücke wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet, in 31 Ländern übersetzt und in mehr als 300 Inszenierungen auf den Bühnen dieser Welt gespielt. Während die studierte Philosophin und Germanistin eine der weltweit erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikerinnen ist, hat sie als Prosaautorin hingegen bisher nur wenig von sich Reden gemacht. Die Veröffentlichung ihres schmalen Erzählungsbandes „Hundskopf“ lag bereits sieben Jahre zurück, als die 1964 in Traunstein geborene Autorin Ende 2012 im Metier der erzählenden Literatur endlich nachgelegte und mit „Bugatti taucht auf“ ein gelungenes Romandebüt feierte, mit dem ihr sogleich der Sprung auf die Longlist des deutschen Buchpreises gelang.

Wie bereits zuvor bei vielen ihrer Dramen hat sich Loher bei ihrem Roman von einem realen Ereignis inspirieren lassen. Im Zentrum ihres Buches stehen eine Gewalttat des Jahres 2008 und deren Folgen: Während die Bürger des schweizerischen Ascona in einer Februarnacht den Tessiner Karneval feierten, prügelten drei Jugendliche einen jungen Mann zu Tode. Die Familie des Opfers rief daraufhin eine Stiftung gegen Jugendgewalt ins Leben; anderthalb Jahre nach dem Mord zog man einen siebzig Jahre zuvor versenkten Bugatti aus dem Lago Maggiore und versteigerte das einigermaßen gut erhaltene Wrack für 230.000 Euro an einen Sammler. Der Betrag floss in die neu gegründete Stiftung.

Das sind die Fakten, die Loher zu einem dreigeteilten Werk über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns verwebt. Die drei Teile unterscheiden sich sehr stark in ihrer Länge, dem Sujet sowie der Erzählweise.

Bevor Loher mit der eigentlichen Geschichte des Mordes und der Auto-Bergung beginnt, schildert sie in fiktionalen Tagebuchnotizen der Jahre 1913 bis 1916 die Gefühlswelt des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti (eines Bruders des Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti). In den authentisch wirkenden Notizen bekommt der Leser ein Gefühl für die Zweifel des Bildhauers, der zwar für seine Kunst lebt, jedoch weder mit seiner Kunst noch mit seinem Leben glücklich wird und diesem deshalb im Alter von einunddreißig Jahren ein Ende setzt. Die Tagebucheinträge Bugattis fungieren wie ein Prolog – Rembrandt Bugatti reflektiert die Dürftigkeit seines eigenen Seins sowie das geschäftige Treiben seines Bruders Ettore, der in der Konstruktion von Luxuswagen aufgeht. Während Ettore seinem Leben einen Sinn gegeben hat, verzweifelt Rembrandt an der Sinnlosigkeit und entscheidet sich für den Selbstmord. Damit deutet Loher bereits auf den ersten Seiten eine zentrale Frage ihres Buches an: Soll man sich der Sinnlosigkeit beugen oder ihr etwas entgegensetzen?

Der Ermordung des Studenten Luca schildert Loher im zweiten Teil ihres Romans in einer nüchternen Sprache, die zuweilen an den Ton von Polizeiberichten erinnert. Die Dramatikerin dramatisiert nichts, sondern beschreibt den Tathergang aus einer distanzierten Außenperspektive, indem sie die Aussagen der Zeugen sowie der drei Täter (Branko, Ilija, Valon) in indirekter Rede einander gegenüberstellt: „Ilija wird sagen, er könne sich nicht erinnern, was passiert sei, nachdem Luca auf den Boden gefallen war. (…) Valon wird abstreiten, dass er den am Boden liegenden Luca in den Körper getreten habe. Er wird behaupten, dass er Luca einen Faustschlag versetzt habe, als dieser noch stand, und später einen Fußtritt gegen den Kopf, als Luca am Boden lag. (…) Valon wird sagen, er habe gesehen, wie Ilija dem am Boden liegenden Luca Tritte in den Brustkorb versetzt habe, oder in den Bauch, und einen Tritt gegen den Kopf.“

In dieser Form geht das über viele Seiten. Durch die verschiedenen Aussagen bekommt der Leser unterschiedliche Versionen geboten, die alle detailreich und minutiös schildern, wer das Opfer auf welche Art geschubst, geschlagen und getreten hat. Als Leser ist diese emotionslose Härte auf Dauer nur schwer zu ertragen, weshalb man ein wenig aufatmet, wenn der zweite Teil zu Ende geht und der dritte und längste beginnt. Dieser Teil erzählt die Geschichte der Bugatti-Bergung, die Jordi Polar veranlasst. Er ist ein Freund der Familie des Opfers und als Unternehmer für Schweißarbeiten unter Wasser bestens gewappnet für die Aktion. Hinzu kommt, dass er zwar einerseits – ähnlich wie Rembrandt Bugatti – ein Außenseiter und Zweifler ist, doch anderseits ebenso ein Trotzkopf, der sich nicht der Sinnlosigkeit der Tat beugen, sondern ihr etwas entgegensetzen will: „etwas Schwerwiegendes, das man nicht ignorieren, nicht wegmessen, nicht verwerfen konnte; etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas, das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben, trotzen konnte“.

Dieses gutartig Schöne soll der Bugatti sein, den Jordi mit Hilfe von Freunden bergen und im Rahmen eines Sommerfestes aus dem Wasser auftauchen lassen will – zum Gedenken an den ermordeten Luca.

Vor allem im dritten Teil, dem Hauptteil ihres Debüts, stellt die Dramatikerin Loher ihre Fähigkeiten als Prosaautorin unter Beweis. Stil- und gefühlvoll zeichnet sie ihren Protagonisten, dessen Familie und leicht kuriose Figuren wie den Bugatti-Experten Matteo Bronski. So liest man mit Genuss diesen Roman, der gleich der realen Bugatti-Bergung der sinnlosen Gewalttat ein sinnvolles Kunstwerk entgegensetzt.

Dea Loher: Bugatti taucht auf. Wallstein Verlag, Göttingen. 208 Seiten, 19.90 €.

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Der Novellenmeister aus Berlin

hartmutLange

Mit „Das Haus in der Dorotheenstraße“ präsentiert Hartmut Lange fünf neue Novellen, die alle im Berlin der Gegenwart spielen und stets das Wundersame in den Alltag schleusen.

Die Literaturkritikerin Ursula März feierte vor Kurzem im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Rückkehr einer nahezu verdrängten Gattung. Nachdem in den vergangenen Jahren im Bereich der anspruchsvollen Belletristik eine Tendenz zu voluminösen Romanen erkennbar gewesen sei, ließen sich in diesem Frühjahr auffallend viele Novellen auf dem Büchermarkt entdecken. Als Beispiel nannte sie unter anderem schlanke Bücher von Jonas Lüscher, Markus Bundi und Clemens Berger.

Einen Namen erwähnte sie allerdings nicht: Hartmut Lange. Vielleicht ist es auch nicht angemessen diesen Schriftsteller als Vertreter eines frisch ausgemachten Trends zu nennen, denn der 1937 in Berlin-Spandau geborene Lange veröffentlicht bereits seit zwanzig Jahren fast ausschließlich Novellen (sein letzter Roman „Selbstverbrennung“ erschien 1982). Diese Beharrlichkeit ist erstaunlich in einer Branche, in der allen möglichen Texten der verkaufsfördernde Roman-Stempel aufgedrückt wird, während die Novelle im Schatten ihres großen Bruders zu verkümmern droht. Und so ist es eine feine Fügung, dass inmitten einer sich andeutenden Novellen-Renaissance der Novellist par excellence mit dem schmalen Band „Das Haus in der Dorotheenstraße“ fünf neue Novellen vorlegt.

Alle fünf Geschichten spielen im Berlin der Gegenwart, genauer: in der Umgebung des 38 Kilometer langen Teltowkanals. Keiner der Texte umfasst mehr als 35 Seiten und dennoch unterstreicht jeder Einzelne, dass Lange ein Meister der kurzen bis mittellangen Form ist. Die Novellen des studierten Dramaturgen muten auf den ersten Blick wenig spektakulär an: Es gibt nicht viel und vor allem keine spannungsgeladene Handlung. Im Zentrum stehen gewöhnliche Menschen, die routiniert ihren Alltagshandlungen nachgehen, bis – und da setzt dann doch die Spannung ein – eine plötzlich aufflackernde Irritation dazu führt, dass sich Zweifel in ihre Selbstgewissheit mischen.

So ergeht es unter anderem Andreas Schmittke, dem Bürgermeister des brandenburgischen Städtchens Teltow. Der pflichtbewusste Mittvierziger engagiert sich sowohl für die Jugend als auch für die Senioren seiner Gemeinde, verzichtet bescheiden auf einen Dienstwagen, geht freundlich auf seine Wähler zu und widmet sich zudem am Feierabend liebevoll seiner Familie. Alles scheint in bester Ordnung. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem sich eine Krähe auf dem Rücksitz seines Peugeot eingenistet zu haben scheint: „Er hatte das Gefühl, es säße ihm jemand im Rücken. Es war ein in sich geduckter, überaus schmaler Schatten, und Andreas Schmittke weigerte sich, in den Rückspiegel zu sehen, um zu überprüfen, ob es eine Krähe war.“

Auch in den folgenden Tagen ist Schmittke bemüht, diesen seiner Vernunft spottenden Schatten zu ignorieren, doch von Tag zu Tag wächst die Irritation. Der bis dahin durch und durch rational agierende Mann beginnt zu zweifeln, irrationaler zu handeln und seine Verpflichtungen zu vernachlässigen. Die Krähe, die außer ihm niemand zu Gesicht bekommt, nistet sich als düsterer Schatten in seinem Leben ein.

Auch die anderen Protagonisten in Langes Geschichten werden mit irrealen Ereignissen konfrontiert, die sich in ihren durchrationalisierten Alltag einschleichen. Ein nach London versetzter Journalist erreicht unter der Mobilnummer seiner in Berlin gebliebenen Ehegattin nur noch einen fremden Mann, ein Hotelberater verwandelt sich in den Augen seiner Frau immer mehr in eine flüchtige Silhouette und ein Spaziergänger trifft im Wald auf eine verstorbene Cellistin.

Stets verändert ein Überraschungsmoment den Verlauf der konzentrierten Handlung. Damit stehen Langes Novellen in der Tradition seiner großen Vorgänger des 19. Jahrhunderts, als das deutschsprachige Novellenschaffen unter Kleist, Goethe, Mörike und vielen anderen seinen Höhepunkt erreichte. Auch Langes Sprache orientiert sich an den Klassikern und wirkt an vielen Stellen beinahe altmodisch. Er beherrscht einen kultivierten Stil, die Variation der Sätze und eine klare Schreibweise, die mit Präzision das Wesentliche fokussiert. Er verzichtet auf überbordende Manierismen oder Psychologisierungen, ist jedoch stets ausgestattet mit einem Gespür für entscheidende Auslassungen, die der Fantasie des Lesers viel Freiraum gewähren.

Einige seiner Geschichten verströmen durch das Wundersame, das ihnen innewohnt, etwas Märchenhaftes. In der Novelle „Die Ewigkeit des Augenblicks“ wirken Anfang und Ende am Kanalufer rätselhaft. Dort beobachtet der Architekt Michael Denninghoff die Krähenschwärme, die jeden Abend pünktlich um acht Uhr am Himmel auftauchen. Denninghoff hat nach dem überraschenden Tod seiner Frau ihre Asche auf dem Meer verstreut, die gemeinsame Wohnung verlassen und den Beruf gewechselt. Als Taxichauffeur versucht er sich mit der neu erworbenen „Freiheit zum Hierhin und Dorthin“ von seiner Trauer abzulenken: „Hinter den Scheiben ringsherum begann die Welt, und man war, man brauchte nur mit dem Fuß auf das Gaspedal zu drücken, ständig unterwegs.“ Doch das permanente Unterwegssein vermag nicht die Leere zu stopfen, die der Tod seiner Frau mit sich gebracht hat. Denninghoffs Versuche, seinem Leben neuen Sinn einzuhauchen, scheitern und er verschwindet schließlich hinter dem Staudenknöterich am Teltowkanal.

Wie bereits in früheren Novellen Langes verwischen sich hier die Grenzen zwischen transzendenter und realer Welt. Es ist nicht zuletzt dieses Merkmal, das den zarten Zauber der Texte ausmacht. Die fünf neuen Novellen aus „Das Haus in der Dorotheenstraße“ stehen damit anderen bekannten Novellen Langes – wie „Das Konzert“ (1986), „Die Wattwanderung“ (1990) oder „Die Bildungsreise“ (2000) – in nichts nach. Hartmut Lange ist und bleibt der Novellenmeister.

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße. Novellen. Diogenes, Zürich. 128 Seiten, 19.90 €.

(Mai 2013)

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Im Gewirr der Erinnerungsfäden

BodrozicIn Marica Bodrožićs Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ blickt eine Frau wider Willen auf ihr Leben zurück und fragt sich, ob sie es wirklich gelebt oder vorbeiziehen lassen hat.

Über die Nachrichten erfahren wir fast täglich von Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. Ob aktuell in Syrien, dem Kongo oder in den Neunzigerjahren im ehemaligen Jugoslawien – immer wieder fliehen Menschen ins Exil, um dem Krieg zu entkommen. Auch Arjeta Filipo ist eine Heimatlose. Zwar hatte sie sich bereits vor dem Ausbruch des Krieges in ihrer dalmatischen Heimat für ein Studium in Paris entschieden, doch der Krieg lässt sie zu einer Exilantin wider Willen werden. Während sie in der Stadt der Liebe Philosophie studiert, Milchkaffee schlürft und sich auf eine Affäre mit einem Maler einlässt, muss ihre Familie in der belagerten Heimatstadt ausharren. „Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser. Ich hingegen darf in Paris spazieren gehen (…) Ich esse Croissants. Sie schmecken gut. Ich kann sie nicht mit Mutter und Vater teilen.“

Arjeta ist die Protagonistin in „Kirschholz und alte Gefühle“, dem neuen Roman der deutsch-kroatischen Schriftstellerin Marica Bodrožić. Sowohl das Aufwachsen in Dalmatien als auch das Leben in der Fremde teilt Bodrožić mit der Hauptfigur ihres Romans. Sie wurde 1973 im ehemaligen Jugoslawien geboren und lebte bis zum zehnten Lebensjahr mit ihrem Großvater in dem Dorf Svib nahe der kroatischen Küstenstadt Split. 1983 siedelte sie nach Hessen um, besuchte dort die Schule und lernte die deutsche Sprache, in der sie ihre Gedichte, Erzählungen, Essays und Romane schreibt.

Die Landschaft ihrer Kindheit sowie ihr besonderes Verhältnis zur deutschen Sprache – ihrer „zweiten Muttersprache“ wie sie selbst sagt – prägen ihr bisheriges Werk. Insbesondere ihre frühen literarischen Arbeiten sind in Dalmatien angesiedelt, aber auch in „Kirschholz“ spielen die Adria wie das Hinterland jener Region eine wesentliche Rolle. Ihre Beziehung zur deutschen Sprache lotet sie in „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ aus. In diesem autobiografischen, 2007 erschienen Prosaband beschreibt sie, wie sich die klaffenden Sprachlücken nach und nach mit Wörtern füllen. Für dieses Buch wurde sie mit dem „Initiativpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Ebenso erhielt sie für andere literarische Arbeiten mehr als ein Dutzend weiterer Preise wie Stipendien.

Für ihren 2010 erschienenen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ erhielt sie außerdem viel Lob vom Feuilleton. Das Buch bildete den Auftakt einer Trilogie. „Kirschholz“ ist nun der zweite Teil, der jedoch ganz losgelöst vom ersten gelesen werden kann (in dem Arjetas Freundin Nadeshda von ihrer Amour fou mit dem Serben Ilja erzählt). In „Kirschholz“ hingegen tritt uns Arjeta als Icherzählerin gegenüber. In ihrer frisch bezogenen Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg beugt sie sich über den massiven Kirschholztisch ihrer Großmutter und wühlt in einem Stapel unsortierter Fotos, die ihre Mutter zuvor in Plastiktüten gestopft und bei ihr abgeliefert hat. Arjeta hatte nicht um die Fotos gebeten und genauso wenig hat sie sich die Erinnerungen gewünscht, die nun ihren Kopf überfluten. Das Chaos der Fotos auf dem Tisch entspricht dem Chaos ihres Gedächtnisses – und ebenso chaotisch assoziativ erzählt Arjeta ihre Geschichte. Sie folgt dabei keiner Chronologie, sondern springt hin und her zwischen Ereignissen ihrer Kindheit und Erlebnissen in Paris oder Berlin. Misstrauisch gegenüber der Zeit verabschiedet sich Arjeta von einem zeitlich geordneten Erzählen: „Der Sinn der Linearität, unerfragt, ist unter dem Asphalt begraben worden.“

Arjetas Erzählung besteht aus einer Vielzahl winziger Wirklichkeitssplitter, die sich allmählich zu einem Mosaik zusammenfügen – das jedoch unvollständig bleiben muss. Die assoziative, lückenhafte Erzählform ist ein angemessener Ausdruck für die sprunghafte wie unvollkommene Art des Erinnerns. Auch der Sprachstil unterstützt das Mäandernde des Erinnerungsstroms und variiert zwischen mal poetisch hingegossenen, mal knappen Sätzen, die wie Hammerschläge in die Gedankenfäden knallen.

Inmitten des Gewirrs gibt es mehrere Orientierungspunkte. Da ist zum einen die Familie der Erzählerin. Arjeta berichtet von ihrem Onkel Milan, der antifaschistische Denkmäler baut und schließlich wegen einer russischen Zeitung mit seiner Frau Sofia nach Paris fliehen muss; sie schildert, wie ihre Brüder beim Fußballspiel auf eine Mine treten und wie ihre Mutter versucht, die Zivilisation gegen den Krieg zu verteidigen. Zum anderen sind da Arjetas Freundinnen Hiromi und Nadeshda, mit denen sie in Paris eine Wohnung teilt, oder ihr viel älterer Freund Mischa Weisband, mit dem sie eine Leidenschaft für Vögel und Bäume verbindet. Und da ist Arik, ein Fotograf und Maler, in den sich Arjeta in Paris verliebt, der jedoch nie für einen längeren Zeitraum für sie da zu sein vermag.

Von ihren Beziehungen zu diesen Menschen erzählt Arjeta als knapp Vierzigjährige an den ersten sieben Tagen in ihrer neuen Wohnung in Berlin. Sie sitzt an ihrem Tisch, ihrer „kleinen Sonnenstation“, und blickt leicht widerstrebend zurück. Doch bei aller anfänglichen Gegenwehr versteht sie schließlich, dass das Erinnern ein notwendiger Akt ist, um sich zu lösen und neu zu beginnen. „Ein neues Leben“, sagt sie, „ist immer die Summe eines alten“.

Während sie ihre Vergangenheit betrachtet, begreift Arjeta, dass sie ihrem eigentlichen Leben stets ausgewichen ist, indem sie sich ein ideales erträumt hat. So steht gegen Ende des Romans die entscheidende Frage im Raum, ob man als Mensch nicht allzu häufig das Hier und Jetzt vorbeiziehen lässt, weil man auf ein anderes, ein besseres Leben hofft: „Welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes ersehnen?“

Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle. Luchterhand, München. 224 Seiten, 19.99 €.

(Januar 2013)

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