Archiv der Kategorie: Rezensionen

Mann in der Krise

peltzer

In Ulrich Peltzers Roman „Das bessere Leben“ gibt die Krise den Ton an und lässt die erfolgsverwöhnten Protagonisten darüber sinnieren, ob ihr Leben nicht auch komplett anders hätte verlaufen können.

Als Teenager in den 70ern war Jochen Brockmann das, was manche damals einen Halbstarken nannten – Schule schwänzen, Dope in Venlo kaufen und in fetten Joints verarbeitet durchziehen, bekifft in der Stadt abhängen, öffentlich billigen Wein trinken und die aufgerauchten Kippenstummel lässig in hohem Bogen auf den Bürgersteig schnippen und damit auf das Spießbürgertum spucken. Das war früher! Mittlerweile arbeitet der 51-Jährige seit 14 Jahren als Sales Manager für die italienische Maschinenbaufirma Basaldella, jettet durch die Welt, nächtigt in edlen Hotels, handelt Millionenverträge aus und verdient dabei so gut, dass er sein Schwarzgeldkonto in Zürich fleißig füttern und seine Sammlung von Hockney-Zeichnungen Stück für Stück erweitern kann.

Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015

Bedingungsloses Begehren

timm

Mit seinem Roman „Vogelweide“ knüpft der Heinrich-Böll-Preisträger Uwe Timm thematisch an sein Meisterwerk „Rot“ an: Ein Mann in den Fünfzigern und eine bedeutend jüngere Frau verstricken sich in einer unheilbringenden Liaison.

Liebe ist kein Zufall!“ Mit diesem Slogan wirbt eine Internetpartnerbörse für ihre Dienste. Die Idee hinter dem Reklamevers ist so schlicht wie einleuchtend: Irgendwo dort draußen wartet eine Frau oder ein Mann auf Sie, die oder der aufgrund ähnlicher Interessen, Vorlieben und Lebensvorstellungen perfekt zu Ihnen passt. Sie jedoch wissen nichts voneinander und werden einander wahrscheinlich niemals begegnen. Es sei denn, Sie verlassen sich nicht auf den Zufall, sondern vertrauen sich der Partnerbörse an. Diese füttert dann ihre emsig rechnenden Computer mit Ihren Daten, und siehe da: Mit Hilfe von Algorithmen finden Sie Ihren idealen Lebensgefährten! Doch damit nicht genug: Aktuellen Studien zufolge sollen derart zustande gekommene Beziehungen länger halten als die herkömmlichen. Also, alles prima dank des Internets! Oder doch nicht? Klingt Ihnen das alles zu mathematisch? Vermissen Sie die Romantik in diesem durchkalkulierten System? Bevorzugen Sie Zufallsbegegnungen im Zugabteil, Buchladen oder Café, bei denen man ganz unerwartet auf die Liebe stößt?

So zumindest geht es Eschenbach, dem Protagonisten in Uwe Timms Roman „Vogelweide“. Er glaubt weiterhin an die reale Begegnung, an das Glück des Augenblicks, in dem zwei Menschen zufällig aufeinandertreffen, sich anblicken und sogleich zueinander hingezogen fühlen. Er selbst hat eine solch schicksalhafte Begegnung hinter sich: Bei einem Vortrag über Stadtplanung trifft er Anna und ist unmittelbar magnetisiert. Die Frau ist allerdings verheiratet, hat zwei Kinder und ist an einer Affäre nicht interessiert. Auch Eschenbach ist fest liiert, und zwar keineswegs unglücklich; dennoch packt ihn eine maßlose Leidenschaft, die ihn dazu antreibt, so lange um Anna zu werben, bis sie sich in eine Affäre verstricken lässt.

Zu Beginn des Romans liegt jene Liebschaft bereits weit zurück. Eschenbach führt inzwischen als Vogelwart auf einer kleinen Insel in der Nähe von Neuwerk ein ruhiges Dasein. Inmitten dieser Ruhe klingelt das Telefon und die Verflossene kündigt nach sechs Jahren Funkstille ihren Besuch auf der Insel an. Grund genug für einen Rückblick auf Eschenbachs bedingungsloses Begehren, das zum Auseinanderbrechen zweier bis dahin gut funktionierender Partnerschaften geführt hat. In der Rückschau entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die an einen anderen Roman von Timm erinnert – an „Rot“, dem wahrscheinlich besten Buch aus der Feder des inzwischen 75-Jährigen, dessen literarisches Lebenswerk 2009 mit dem Heinrich-Böll-Preis geehrt wurde.

Die Parallelen zwischen „Vogelweide“ und „Rot“ sind evident: In einem Berlin der besseren Kreise beginnt ein Mann in den Fünfzigern eine Liaison mit einer deutlich jüngeren Frau, die beim Fremdgehen von ihrem Gewissen geplagt wird, da sie einen liebenswerten Partner an ihrer Seite weiß. Doch der ältere Mann fasziniert die Umworbene mit seiner Andersartigkeit, seinem Intellekt sowie geschickt präsentierten Zitaten aus Philosophie und Literatur. Schließlich treffen sie sich regelmäßig zum erotischen Rendezvous in einem Hotel. Timm scheinen diese Analogien nicht zu stören, im Gegenteil: In seinem neuen Roman hat er gar explizit Verweise auf „Rot“ eingebaut – bereits bekannte Orte und Figuren tauchen hier und da erneut auf.

Wer nun hofft, Timm könnte mit „Vogelweide“ ein weiteres Glanzstück à la „Rot“ gelungen sein, dürfte bei voranschreitender Lesedauer indes ein wenig enttäuscht werden. Während der Roman aus dem Jahr 2001 eine geradezu lebensphilosophische Wucht entfaltet, mangelt es Timms aktuellem Werk an vergleichbarer Kraft; zum Ende hin scheint ihm gar die Puste auszugehen. Auffällig ist darüber hinaus, dass Timms Beschreibungen blass bleiben, wenn es um den Beruf der Hauptfigur geht: Eschenbach ist zu jener Zeit, in der die Affäre mit Anna spielt, der Chef einer Software-Firma, „die auf Optimierung spezialisiert“ ist. Das klingt zwar zeitgemäß, allerdings auch äußerst vage – als hätte Timm selbst keine genauen Vorstellungen von der Tätigkeit. Hinzu kommt, dass sich dieses Mal die vielen Verweise auf Geistesgrößen wie Platon, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu oder Arno Schmidt nicht annähernd so geschmeidig einfügen, wie es 12 Jahre zuvor beim Vorgängerwerk der Fall war.

Dennoch hat Timm keinen schlechten Roman geschrieben, dafür ist er ein viel zu begnadeter Erzähler und versierter Stilist. Wieder einmal zeigt er sich als feinsinniger Betrachter, der seine Beobachtungen präzise in Worte zu fassen versteht und ihnen durch Details Plastizität verleiht. Ebenso versteht er es, interessante Charaktere zu zeichnen und Szenen wie Dialogen eine Authentizität zu verleihen. Hinzu kommen gelungene Wechsel zwischen den Szenerien und Zeitebenen sowie eine gewohnt souveräne Satzführung. Und selbst wenn „Vogelweide“ dem Vergleich mit dem famosen „Rot“ nicht standhält, hat Timm erneut allerlei Geistreiches zum Thema Liebe mitzuteilen und spart dabei auch nicht die neuen Formen der Partnersuche aus. An einer Stelle kommt es im Buch zu einer Diskussion zwischen Eschenbach und einer Grande Dame der Demoskopie, die dem Begehren auf den Grund gehen will, um mithilfe des Internets eine „neue Form der Wunscherfüllung“ zu ermöglichen, die den Menschen die Option bieten soll, „sich dem Glück systematisch zu nähern“, statt „auf den Zufall an der Haltestelle oder im Zugabteil zu warten“. Eschenbach hingegen vertraut auf das Abenteuer der Begegnung und verweist auf einen Schwachpunkt der Zusammenführung von Menschen auf der Basis computergesteuerter Datenerhebungen: „Es fehlt der Körper. Die Erscheinung, Geruch, Haut, der Blick. […] Wir haben tief eingeprägt eine Idee vom anderen. Plötzlich begegnet uns jemand, und wir wissen, dieser Jemand ist unser Schicksal.“

Uwe Timm: Vogelweide. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 336 Seiten, 19.99 €. (erschienen im Sommer 2013)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ältere Bücher

Gestrandet am Rande eines Kuhdorfs

knecht2

Doris Knecht erzählt von der Flucht einer gescheiterten Geschäftsfrau

Die Weltwirtschaftskrise hat seit 2007 manche Erfolgsstory in ihre Einzelteile zerlegt. Auch für Marian Malin, der Protagonistin in Doris Knechts neuem Roman „Wald“, geht es plötzlich nicht mehr wie bisher steil bergauf, sondern rasant bergab. Als Modedesignerin hat die Selfmade-Frau Kleider für die besser betuchten Damen entworfen und genäht; doch dann kracht die Krise in ihre kühl kalkulierte Karriere, und zwar dummerweise zu einem Zeitpunkt, als die ehrgeizige Geschäftsfrau gerade dabei ist zu expandieren und ihr potenzieller Gatte sich von ihr verabschiedet.

Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015

Ein Rennwagen gegen sinnlose Gewalt

dea loher

In Dea Lohers Romandebüt „Bugatti taucht auf“ verbinden sich drei Handlungsstränge zu einer großen Reflexion über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns.

Als Dramatikerin hat sich Dea Loher in den vergangen zwanzig Jahren nicht nur deutschlandweit, sondern international einen Namen gemacht. Ihre achtzehn bisher veröffentlichten Theaterstücke wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet, in 31 Ländern übersetzt und in mehr als 300 Inszenierungen auf den Bühnen dieser Welt gespielt. Während die studierte Philosophin und Germanistin eine der weltweit erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikerinnen ist, hat sie als Prosaautorin hingegen bisher nur wenig von sich Reden gemacht. Die Veröffentlichung ihres schmalen Erzählungsbandes „Hundskopf“ lag bereits sieben Jahre zurück, als die 1964 in Traunstein geborene Autorin Ende 2012 im Metier der erzählenden Literatur endlich nachgelegte und mit „Bugatti taucht auf“ ein gelungenes Romandebüt feierte, mit dem ihr sogleich der Sprung auf die Longlist des deutschen Buchpreises gelang.

Wie bereits zuvor bei vielen ihrer Dramen hat sich Loher bei ihrem Roman von einem realen Ereignis inspirieren lassen. Im Zentrum ihres Buches stehen eine Gewalttat des Jahres 2008 und deren Folgen: Während die Bürger des schweizerischen Ascona in einer Februarnacht den Tessiner Karneval feierten, prügelten drei Jugendliche einen jungen Mann zu Tode. Die Familie des Opfers rief daraufhin eine Stiftung gegen Jugendgewalt ins Leben; anderthalb Jahre nach dem Mord zog man einen siebzig Jahre zuvor versenkten Bugatti aus dem Lago Maggiore und versteigerte das einigermaßen gut erhaltene Wrack für 230.000 Euro an einen Sammler. Der Betrag floss in die neu gegründete Stiftung.

Das sind die Fakten, die Loher zu einem dreigeteilten Werk über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns verwebt. Die drei Teile unterscheiden sich sehr stark in ihrer Länge, dem Sujet sowie der Erzählweise.

Bevor Loher mit der eigentlichen Geschichte des Mordes und der Auto-Bergung beginnt, schildert sie in fiktionalen Tagebuchnotizen der Jahre 1913 bis 1916 die Gefühlswelt des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti (eines Bruders des Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti). In den authentisch wirkenden Notizen bekommt der Leser ein Gefühl für die Zweifel des Bildhauers, der zwar für seine Kunst lebt, jedoch weder mit seiner Kunst noch mit seinem Leben glücklich wird und diesem deshalb im Alter von einunddreißig Jahren ein Ende setzt. Die Tagebucheinträge Bugattis fungieren wie ein Prolog – Rembrandt Bugatti reflektiert die Dürftigkeit seines eigenen Seins sowie das geschäftige Treiben seines Bruders Ettore, der in der Konstruktion von Luxuswagen aufgeht. Während Ettore seinem Leben einen Sinn gegeben hat, verzweifelt Rembrandt an der Sinnlosigkeit und entscheidet sich für den Selbstmord. Damit deutet Loher bereits auf den ersten Seiten eine zentrale Frage ihres Buches an: Soll man sich der Sinnlosigkeit beugen oder ihr etwas entgegensetzen?

Der Ermordung des Studenten Luca schildert Loher im zweiten Teil ihres Romans in einer nüchternen Sprache, die zuweilen an den Ton von Polizeiberichten erinnert. Die Dramatikerin dramatisiert nichts, sondern beschreibt den Tathergang aus einer distanzierten Außenperspektive, indem sie die Aussagen der Zeugen sowie der drei Täter (Branko, Ilija, Valon) in indirekter Rede einander gegenüberstellt: „Ilija wird sagen, er könne sich nicht erinnern, was passiert sei, nachdem Luca auf den Boden gefallen war. (…) Valon wird abstreiten, dass er den am Boden liegenden Luca in den Körper getreten habe. Er wird behaupten, dass er Luca einen Faustschlag versetzt habe, als dieser noch stand, und später einen Fußtritt gegen den Kopf, als Luca am Boden lag. (…) Valon wird sagen, er habe gesehen, wie Ilija dem am Boden liegenden Luca Tritte in den Brustkorb versetzt habe, oder in den Bauch, und einen Tritt gegen den Kopf.“

In dieser Form geht das über viele Seiten. Durch die verschiedenen Aussagen bekommt der Leser unterschiedliche Versionen geboten, die alle detailreich und minutiös schildern, wer das Opfer auf welche Art geschubst, geschlagen und getreten hat. Als Leser ist diese emotionslose Härte auf Dauer nur schwer zu ertragen, weshalb man ein wenig aufatmet, wenn der zweite Teil zu Ende geht und der dritte und längste beginnt. Dieser Teil erzählt die Geschichte der Bugatti-Bergung, die Jordi Polar veranlasst. Er ist ein Freund der Familie des Opfers und als Unternehmer für Schweißarbeiten unter Wasser bestens gewappnet für die Aktion. Hinzu kommt, dass er zwar einerseits – ähnlich wie Rembrandt Bugatti – ein Außenseiter und Zweifler ist, doch anderseits ebenso ein Trotzkopf, der sich nicht der Sinnlosigkeit der Tat beugen, sondern ihr etwas entgegensetzen will: „etwas Schwerwiegendes, das man nicht ignorieren, nicht wegmessen, nicht verwerfen konnte; etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas, das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben, trotzen konnte“.

Dieses gutartig Schöne soll der Bugatti sein, den Jordi mit Hilfe von Freunden bergen und im Rahmen eines Sommerfestes aus dem Wasser auftauchen lassen will – zum Gedenken an den ermordeten Luca.

Vor allem im dritten Teil, dem Hauptteil ihres Debüts, stellt die Dramatikerin Loher ihre Fähigkeiten als Prosaautorin unter Beweis. Stil- und gefühlvoll zeichnet sie ihren Protagonisten, dessen Familie und leicht kuriose Figuren wie den Bugatti-Experten Matteo Bronski. So liest man mit Genuss diesen Roman, der gleich der realen Bugatti-Bergung der sinnlosen Gewalttat ein sinnvolles Kunstwerk entgegensetzt.

Dea Loher: Bugatti taucht auf. Wallstein Verlag, Göttingen. 208 Seiten, 19.90 €.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ältere Bücher

Jugend ohne Staat

Peter Richter

Peter Richter erzählt von einer DDR-Jugend während der Wendejahre

Wenn dir ein paar Neonazis die Fresse polieren, ist es dir wahrscheinlich egal, dass du gerade mittendrin bist in einer historischen Epochenwende. So zumindest ergeht es dem namenlosen Erzähler in Peter Richters Roman „89/90“ am Silvesterabend des Jahres 1989. Gerade noch hat er einen desaströsen Auftritt mit seiner Punkband „Die Faschisten“ hinter sich gebracht, als echte Faschos die Silvesterparty in der „Pisse“, einem besetzen Haus im Dresdner Stadtteil Pieschen, stürmen und für Prellungen, blaue Augen und blutende Nasen sorgen.

Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015

Der Novellenmeister aus Berlin

hartmutLange

Mit „Das Haus in der Dorotheenstraße“ präsentiert Hartmut Lange fünf neue Novellen, die alle im Berlin der Gegenwart spielen und stets das Wundersame in den Alltag schleusen.

Die Literaturkritikerin Ursula März feierte vor Kurzem im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Rückkehr einer nahezu verdrängten Gattung. Nachdem in den vergangenen Jahren im Bereich der anspruchsvollen Belletristik eine Tendenz zu voluminösen Romanen erkennbar gewesen sei, ließen sich in diesem Frühjahr auffallend viele Novellen auf dem Büchermarkt entdecken. Als Beispiel nannte sie unter anderem schlanke Bücher von Jonas Lüscher, Markus Bundi und Clemens Berger.

Einen Namen erwähnte sie allerdings nicht: Hartmut Lange. Vielleicht ist es auch nicht angemessen diesen Schriftsteller als Vertreter eines frisch ausgemachten Trends zu nennen, denn der 1937 in Berlin-Spandau geborene Lange veröffentlicht bereits seit zwanzig Jahren fast ausschließlich Novellen (sein letzter Roman „Selbstverbrennung“ erschien 1982). Diese Beharrlichkeit ist erstaunlich in einer Branche, in der allen möglichen Texten der verkaufsfördernde Roman-Stempel aufgedrückt wird, während die Novelle im Schatten ihres großen Bruders zu verkümmern droht. Und so ist es eine feine Fügung, dass inmitten einer sich andeutenden Novellen-Renaissance der Novellist par excellence mit dem schmalen Band „Das Haus in der Dorotheenstraße“ fünf neue Novellen vorlegt.

Alle fünf Geschichten spielen im Berlin der Gegenwart, genauer: in der Umgebung des 38 Kilometer langen Teltowkanals. Keiner der Texte umfasst mehr als 35 Seiten und dennoch unterstreicht jeder Einzelne, dass Lange ein Meister der kurzen bis mittellangen Form ist. Die Novellen des studierten Dramaturgen muten auf den ersten Blick wenig spektakulär an: Es gibt nicht viel und vor allem keine spannungsgeladene Handlung. Im Zentrum stehen gewöhnliche Menschen, die routiniert ihren Alltagshandlungen nachgehen, bis – und da setzt dann doch die Spannung ein – eine plötzlich aufflackernde Irritation dazu führt, dass sich Zweifel in ihre Selbstgewissheit mischen.

So ergeht es unter anderem Andreas Schmittke, dem Bürgermeister des brandenburgischen Städtchens Teltow. Der pflichtbewusste Mittvierziger engagiert sich sowohl für die Jugend als auch für die Senioren seiner Gemeinde, verzichtet bescheiden auf einen Dienstwagen, geht freundlich auf seine Wähler zu und widmet sich zudem am Feierabend liebevoll seiner Familie. Alles scheint in bester Ordnung. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem sich eine Krähe auf dem Rücksitz seines Peugeot eingenistet zu haben scheint: „Er hatte das Gefühl, es säße ihm jemand im Rücken. Es war ein in sich geduckter, überaus schmaler Schatten, und Andreas Schmittke weigerte sich, in den Rückspiegel zu sehen, um zu überprüfen, ob es eine Krähe war.“

Auch in den folgenden Tagen ist Schmittke bemüht, diesen seiner Vernunft spottenden Schatten zu ignorieren, doch von Tag zu Tag wächst die Irritation. Der bis dahin durch und durch rational agierende Mann beginnt zu zweifeln, irrationaler zu handeln und seine Verpflichtungen zu vernachlässigen. Die Krähe, die außer ihm niemand zu Gesicht bekommt, nistet sich als düsterer Schatten in seinem Leben ein.

Auch die anderen Protagonisten in Langes Geschichten werden mit irrealen Ereignissen konfrontiert, die sich in ihren durchrationalisierten Alltag einschleichen. Ein nach London versetzter Journalist erreicht unter der Mobilnummer seiner in Berlin gebliebenen Ehegattin nur noch einen fremden Mann, ein Hotelberater verwandelt sich in den Augen seiner Frau immer mehr in eine flüchtige Silhouette und ein Spaziergänger trifft im Wald auf eine verstorbene Cellistin.

Stets verändert ein Überraschungsmoment den Verlauf der konzentrierten Handlung. Damit stehen Langes Novellen in der Tradition seiner großen Vorgänger des 19. Jahrhunderts, als das deutschsprachige Novellenschaffen unter Kleist, Goethe, Mörike und vielen anderen seinen Höhepunkt erreichte. Auch Langes Sprache orientiert sich an den Klassikern und wirkt an vielen Stellen beinahe altmodisch. Er beherrscht einen kultivierten Stil, die Variation der Sätze und eine klare Schreibweise, die mit Präzision das Wesentliche fokussiert. Er verzichtet auf überbordende Manierismen oder Psychologisierungen, ist jedoch stets ausgestattet mit einem Gespür für entscheidende Auslassungen, die der Fantasie des Lesers viel Freiraum gewähren.

Einige seiner Geschichten verströmen durch das Wundersame, das ihnen innewohnt, etwas Märchenhaftes. In der Novelle „Die Ewigkeit des Augenblicks“ wirken Anfang und Ende am Kanalufer rätselhaft. Dort beobachtet der Architekt Michael Denninghoff die Krähenschwärme, die jeden Abend pünktlich um acht Uhr am Himmel auftauchen. Denninghoff hat nach dem überraschenden Tod seiner Frau ihre Asche auf dem Meer verstreut, die gemeinsame Wohnung verlassen und den Beruf gewechselt. Als Taxichauffeur versucht er sich mit der neu erworbenen „Freiheit zum Hierhin und Dorthin“ von seiner Trauer abzulenken: „Hinter den Scheiben ringsherum begann die Welt, und man war, man brauchte nur mit dem Fuß auf das Gaspedal zu drücken, ständig unterwegs.“ Doch das permanente Unterwegssein vermag nicht die Leere zu stopfen, die der Tod seiner Frau mit sich gebracht hat. Denninghoffs Versuche, seinem Leben neuen Sinn einzuhauchen, scheitern und er verschwindet schließlich hinter dem Staudenknöterich am Teltowkanal.

Wie bereits in früheren Novellen Langes verwischen sich hier die Grenzen zwischen transzendenter und realer Welt. Es ist nicht zuletzt dieses Merkmal, das den zarten Zauber der Texte ausmacht. Die fünf neuen Novellen aus „Das Haus in der Dorotheenstraße“ stehen damit anderen bekannten Novellen Langes – wie „Das Konzert“ (1986), „Die Wattwanderung“ (1990) oder „Die Bildungsreise“ (2000) – in nichts nach. Hartmut Lange ist und bleibt der Novellenmeister.

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße. Novellen. Diogenes, Zürich. 128 Seiten, 19.90 €.

(Mai 2013)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ältere Bücher

Ein Freund Benjamins

Anne Weber

Anne Weber spürt ihrem Urgroßvater nach

Nicht jeder vermag, wenn er seinen Stammbaum entfaltet, auf einen Vorfahren verweisen, der mit Walter Benjamin, Martin Buber und Hugo von Hofmannsthal befreundet war. Die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber hat mit Florens Christian Rang indes tatsächlich einen Urgroßvater, der mit diesen Geistesgrößen rege verkehrt hat. Was läge da näher, als hinabzutauchen in die Familiengeschichte, um zu ergründen, wer genau dieser Mann war?

Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015

Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

Weiterlesen

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015

Im Gewirr der Erinnerungsfäden

BodrozicIn Marica Bodrožićs Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ blickt eine Frau wider Willen auf ihr Leben zurück und fragt sich, ob sie es wirklich gelebt oder vorbeiziehen lassen hat.

Über die Nachrichten erfahren wir fast täglich von Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. Ob aktuell in Syrien, dem Kongo oder in den Neunzigerjahren im ehemaligen Jugoslawien – immer wieder fliehen Menschen ins Exil, um dem Krieg zu entkommen. Auch Arjeta Filipo ist eine Heimatlose. Zwar hatte sie sich bereits vor dem Ausbruch des Krieges in ihrer dalmatischen Heimat für ein Studium in Paris entschieden, doch der Krieg lässt sie zu einer Exilantin wider Willen werden. Während sie in der Stadt der Liebe Philosophie studiert, Milchkaffee schlürft und sich auf eine Affäre mit einem Maler einlässt, muss ihre Familie in der belagerten Heimatstadt ausharren. „Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser. Ich hingegen darf in Paris spazieren gehen (…) Ich esse Croissants. Sie schmecken gut. Ich kann sie nicht mit Mutter und Vater teilen.“

Arjeta ist die Protagonistin in „Kirschholz und alte Gefühle“, dem neuen Roman der deutsch-kroatischen Schriftstellerin Marica Bodrožić. Sowohl das Aufwachsen in Dalmatien als auch das Leben in der Fremde teilt Bodrožić mit der Hauptfigur ihres Romans. Sie wurde 1973 im ehemaligen Jugoslawien geboren und lebte bis zum zehnten Lebensjahr mit ihrem Großvater in dem Dorf Svib nahe der kroatischen Küstenstadt Split. 1983 siedelte sie nach Hessen um, besuchte dort die Schule und lernte die deutsche Sprache, in der sie ihre Gedichte, Erzählungen, Essays und Romane schreibt.

Die Landschaft ihrer Kindheit sowie ihr besonderes Verhältnis zur deutschen Sprache – ihrer „zweiten Muttersprache“ wie sie selbst sagt – prägen ihr bisheriges Werk. Insbesondere ihre frühen literarischen Arbeiten sind in Dalmatien angesiedelt, aber auch in „Kirschholz“ spielen die Adria wie das Hinterland jener Region eine wesentliche Rolle. Ihre Beziehung zur deutschen Sprache lotet sie in „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ aus. In diesem autobiografischen, 2007 erschienen Prosaband beschreibt sie, wie sich die klaffenden Sprachlücken nach und nach mit Wörtern füllen. Für dieses Buch wurde sie mit dem „Initiativpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Ebenso erhielt sie für andere literarische Arbeiten mehr als ein Dutzend weiterer Preise wie Stipendien.

Für ihren 2010 erschienenen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ erhielt sie außerdem viel Lob vom Feuilleton. Das Buch bildete den Auftakt einer Trilogie. „Kirschholz“ ist nun der zweite Teil, der jedoch ganz losgelöst vom ersten gelesen werden kann (in dem Arjetas Freundin Nadeshda von ihrer Amour fou mit dem Serben Ilja erzählt). In „Kirschholz“ hingegen tritt uns Arjeta als Icherzählerin gegenüber. In ihrer frisch bezogenen Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg beugt sie sich über den massiven Kirschholztisch ihrer Großmutter und wühlt in einem Stapel unsortierter Fotos, die ihre Mutter zuvor in Plastiktüten gestopft und bei ihr abgeliefert hat. Arjeta hatte nicht um die Fotos gebeten und genauso wenig hat sie sich die Erinnerungen gewünscht, die nun ihren Kopf überfluten. Das Chaos der Fotos auf dem Tisch entspricht dem Chaos ihres Gedächtnisses – und ebenso chaotisch assoziativ erzählt Arjeta ihre Geschichte. Sie folgt dabei keiner Chronologie, sondern springt hin und her zwischen Ereignissen ihrer Kindheit und Erlebnissen in Paris oder Berlin. Misstrauisch gegenüber der Zeit verabschiedet sich Arjeta von einem zeitlich geordneten Erzählen: „Der Sinn der Linearität, unerfragt, ist unter dem Asphalt begraben worden.“

Arjetas Erzählung besteht aus einer Vielzahl winziger Wirklichkeitssplitter, die sich allmählich zu einem Mosaik zusammenfügen – das jedoch unvollständig bleiben muss. Die assoziative, lückenhafte Erzählform ist ein angemessener Ausdruck für die sprunghafte wie unvollkommene Art des Erinnerns. Auch der Sprachstil unterstützt das Mäandernde des Erinnerungsstroms und variiert zwischen mal poetisch hingegossenen, mal knappen Sätzen, die wie Hammerschläge in die Gedankenfäden knallen.

Inmitten des Gewirrs gibt es mehrere Orientierungspunkte. Da ist zum einen die Familie der Erzählerin. Arjeta berichtet von ihrem Onkel Milan, der antifaschistische Denkmäler baut und schließlich wegen einer russischen Zeitung mit seiner Frau Sofia nach Paris fliehen muss; sie schildert, wie ihre Brüder beim Fußballspiel auf eine Mine treten und wie ihre Mutter versucht, die Zivilisation gegen den Krieg zu verteidigen. Zum anderen sind da Arjetas Freundinnen Hiromi und Nadeshda, mit denen sie in Paris eine Wohnung teilt, oder ihr viel älterer Freund Mischa Weisband, mit dem sie eine Leidenschaft für Vögel und Bäume verbindet. Und da ist Arik, ein Fotograf und Maler, in den sich Arjeta in Paris verliebt, der jedoch nie für einen längeren Zeitraum für sie da zu sein vermag.

Von ihren Beziehungen zu diesen Menschen erzählt Arjeta als knapp Vierzigjährige an den ersten sieben Tagen in ihrer neuen Wohnung in Berlin. Sie sitzt an ihrem Tisch, ihrer „kleinen Sonnenstation“, und blickt leicht widerstrebend zurück. Doch bei aller anfänglichen Gegenwehr versteht sie schließlich, dass das Erinnern ein notwendiger Akt ist, um sich zu lösen und neu zu beginnen. „Ein neues Leben“, sagt sie, „ist immer die Summe eines alten“.

Während sie ihre Vergangenheit betrachtet, begreift Arjeta, dass sie ihrem eigentlichen Leben stets ausgewichen ist, indem sie sich ein ideales erträumt hat. So steht gegen Ende des Romans die entscheidende Frage im Raum, ob man als Mensch nicht allzu häufig das Hier und Jetzt vorbeiziehen lässt, weil man auf ein anderes, ein besseres Leben hofft: „Welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes ersehnen?“

Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle. Luchterhand, München. 224 Seiten, 19.99 €.

(Januar 2013)

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ältere Bücher

Elektrokratie DDR

100_7577

Thomas Brussig streicht die Wiedervereinigung

Die Idee ist nicht neu, schon Simon Urban hat vor knapp vier Jahren in seinem satirischen Politthriller „Plan D“ ein Szenario entworfen, in dem die DDR weiterexistiert. Nun legt der 1964 in Ost-Berlin geborene Thomas Brussig mit einer fingierten Autobiografie nach und erzählt von seinem Leben als berühmter Schriftsteller in der Deutschen Demokratischen Republik, die nicht nur keine Wiedervereinigung erlebt hat, sondern mithilfe ihrer Vormachtstellung in der Entwicklung von Elektroautos sowie Windenergie „den Lebensstandard der Kuwaitis und den Staatshaushalt der Norweger“ anstrebt. Im Jahr 2014 gibt es in DDR zwar immer noch keine freien Wahlen, jedoch eine „Elektrokratie“, die ihre Bevölkerung mit Geld besticht.

Weiterlesen

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bücher 2015