Geschwurbel

Einfach mal für ein Stündchen am Fenster im Sessel versinken, die Beine hochlegen und den Wolken beim Durchkreuzen des Himmelblaus hinterherschauen – das wäre schön, allerdings wäre es auch schade um die unnütz verstrichenen sechzig Minuten. Was ich alles schaffen könnte in dieser einen Stunde: mehrere Buchkapitel lesen, E-Mails schreiben, mit Freunden telefonieren, im Internet recherchieren, Unterlagen sortieren, die kommende Arbeitswoche organisieren … Nein, faul im Sessel hocken, das ist mir definitiv zu unproduktiv.
In Sachen Zeitverwertung treibt mich ein gnadenloser Anspruch, fürs Nichtstun bleibt da schlichtweg keine Zeit. Die Gestaltung meiner Tage, Stunden und Minuten unterliegt bei mir – wie bei vielen anderen Mitgliedern der heutigen Leistungsgesellschaft – einer Logik der Effizienz. Diese Logik funktioniert ganz im Geiste des vorherrschenden Neoliberalismus, der einen Imperativ der Leistung und Effizienz propagiert. Das zumindest behauptet Byung-Chul Han. Der in Seoul geborene und in Deutschland lehrende Philosoph kritisiert die Leistungsethik des Neoliberalismus, denn diese nehme die Zeit selbst in Geiselhaft und fessle sie an die Arbeit. Somit habe sich letztlich all unsere Zeit in Arbeitszeit verwandelt: „Die Arbeitszeit hat sich heute zu der Zeit schlechthin totalisiert. Sie ist die Zeit, die sich beschleunigen und ausbeuten lässt.“
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Melancholie
Wo immer ich auch bin – Du bist bei mir
Du stehst da so selbstverliebt und arrogant und
grinst mich an
Voller Genugtuung streust du eine Handvoll
Zweifel in mein kleines Glück
Ach bitte nimm sie zurück,
Melancholie,
nimm sie zurück
Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht?
Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten?
Hast du darüber schon mal nachgedacht?
Ach, so klappt das nie,
Melancholie,
so klappt das nie
Ich mein, du weißt ja,
eigentlich mag ich dich
sehr gerne
Wenn du doch nur ab
und zu mal deine Fresse halten würdest
Aber du zerredest mich solang,
bis ich nicht mehr weiß,
wo ich bin und was ich will
Komm sei endlich still,
Melancholie,
sei endlich still
Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht?
Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten?
Hast du darüber schon mal nachgedacht?
Ach, fick dich ins Knie,
Melancholie,
Du kriegst mich nie klein
Fick dich ins Knie,
Melancholie,
Du kriegst mich nie klein
(Gisbert zu Knyphausen: Melancholie – „Hurra! Hurra! So nicht.“ – 2010)
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In „Putins Briefkasten“ verwebt der Schriftsteller und Kleist-Preisträger Marcel Beyer in acht verspielten Essays virtuos Denkbilder über das Dichten mit Ausflügen nach Brixton, in die Imkerei, die Vogelkunde und Wladimir Putins Dresdener Vergangenheit
Was haben Marcel Proust, der VW Phaethon und eine Katze in Vilnius gemeinsam? Die Antwort: Sie alle finden Platz in „Putins Briefkasten“, einem Büchlein des Lyrikers, Essayisten und Romanciers Marcel Beyer. Der 1965 in Baden-Würtemberg geborene und seit knapp 20 Jahren in Dresden lebende Schriftsteller hat mit Gedichten seine literarische Karriere begonnen, ist mit Romanen wie „Flughunde“ (1995), „Spione“ (2000) und „Kaltenburg“ (2008) bekannt geworden und hat sich dann einige Jahre vor allem dem Verfassen von Opernlibretti zugewandt. 2014 legte Beyer nach 12 Jahren Auszeit mit „Graphit“ endlich wieder einen Gedichtband vor, für den er im Feuilleton mehrheitlich gefeiert und unter anderem mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Nicht ganz so viel Beachtung hatte die Öffentlichkeit zwei Jahre zuvor einem Taschenbuch geschenkt, das weder Gedichtband noch Roman ist, sondern eine Sammlung von „Acht Recherchen“, denen verschiedene Beiträge zugrunde liegen, die der Joseph-Breitbach-Preisträger (2008) für Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbände verfasst hat.
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Tage wie dieser
Radiomelodien & 7 Handschläge im Halbschlaf
der Fluch der Radioweckerpausentaste
To-do-Listen-Umstrukturierung beim Zähneputzen
leere Kaffeedose zum Frühstück
Rechnerabsturz am Morgen
Erwartungsmanagement am Vormittag
Pasta mit Pesto zu Mittag (3. Mal in dieser Woche, Stand: Mittwoch)
unplanmäßig verlängerter Powernap auf dem Sofa
Prokrastination mit Matschbirne am Nachmittag
To-do-Listen-Impro beim Instant-Cappuccino (7 % Kaffeegehalt)
E-Mail-Marathon am Abend
Telefonterror & Facebookcheck zum Feierabend
von der To-do-Liste gestrichenes Entspannungsyoga
Abwasch kurz vor Mitternacht
1½ Buchseiten im Bett (vorab festgesetztes Soll: 20)
die im Kopf rotierende To-do-Liste nach dem Lichtausknipsen
Rage Against The Machine hörende Nachbarn weit nach Mitternacht
David-Lynch-Nightmares irgendwann in der Nacht
Festanstellungsträume (38-Stunden-Woche etc.) im Morgengrauen
Radiomelodien
…
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Auf dem Packtisch im Ausgangsbereich verstaue ich gerade meine Einkäufe im Rucksack, als ein dunkelhaariges, vielleicht sechs oder sieben Jahre altes Mädchen neben mir auf den Tisch klettert, sich dort im Schneidersitz positioniert, ihre Handrücken auf den Knien ablegt, Zeigefinger und Daumen zusammenführt, ihren Rücken durchdrückt und die Augen schließt.
Mit einem Lächeln auf den Lippen sitzt sie so etwa 20-30 Sekunden nahezu bewegungslos einfach nur da, bevor sie ihre Augen wieder öffnet, sich aus ihrer Sitzhaltung löst, vom Tisch hüpft und durch den Ausgang hinaus auf den Parkplatz spaziert, wo sie zwischen den Autos verschwindet.

Tagelange Bastelversuche sind gescheitert, alle für den Adventskalender vorgesehenen Süßigkeiten vernascht, die Finger mit Pflastern überklebt, der Mülleimer quillt über vor Wellpappe, Geschenkschleifen, buntem Krepppapier & aufgebrauchten Klebestiften.
Die erste Erkenntnis in der besinnlichen Zeit ist gereift: Basteln ist nicht so mein Ding (wusste ich eigentlich schon nach der Orientierungsstufe – aber doppelte Erkenntnis hält besser).
Hier nun stattdessen der umweltfreundliche & kalorienfreie Gegenentwurf (ganz ohne Metallpapier, Klebstoffe & Schokolade):
ein Blog-Adventskalender!
Ab heute & in den kommenden 23 Tagen – Fotos, Texte & „versteckte“ Türen, die zu anderen Internetseiten, Blogs, Videos, Texten, Comics, Fotos, Songs & vielem mehr führen.
Jeden Tag ein Post mit einem (Link-)Türchen – vom 1.12.-24.12.
In diesem Sinne: Allen eine inspirierende Vorweihnachtszeit!
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