Ein Angler, der freitagnachts am Fluss zwischen Büschen auf seinem Klappstuhl sitzt und die Fahrradfahrer, die am gegenüberliegenden Ufer über den Deich fahren, mit seiner Taschenlampe blendet und, wenn kein Fahrrad in Sicht ist, mit dem Lichtstrahl die Fensterscheiben der hinterm Deich schlummernden Häuser aufleuchten lässt.
„Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet […], immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.“
Wolfgang Herrndorf, Arbeit & Struktur
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round round get around
Rundlauf spielen im Hinterhof um zwei Uhr nachts. Mit einem Tischtennisschläger in der Hand um eine Platte rennen und einen kleinen weißen Ball von der einen Seite übers Netz auf die andere Seite schlagen – das ist immer noch möglich … auch für die, die inzwischen zum alten Eisen gehören, ist der Ball immer noch rund, die Platte grün und der Schläger mit zwei Seiten ausgestattet. Wenn dann beim Rundrennen auch noch Tocotronics „Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam“ aus den Verstärkerboxen scheppert, treibt das den Puls zusätzlich in die Höhe.
my heart is a beating drum
Ziemlich aus der Puste. Endlos müde trotz Mate. Restlos durchgeschwitzt – doch nach dem Finale mit einem Glückseligkeitslächeln auf den Lippen … zumindest für 10-20 Sekunden … dann … tock … tock … tock … kündigt sich der nächste Aufschlag an, wird mit der Schlägerkante auf die Tischplatte geklopft.
Das ist das Zeichen! Neue Runde. Neues Glück. Alle laufen wieder los.
The Ping-Pong-Pub is back.
round round get around
Wer Rainald Goetz zum ersten Mal beim Reden zuhört & zuschaut, könnte möglicherweise auf den Gedanken kommen, dass dieser Mann komplett irre sein muss (ein hyperaktiver Hampelmann, der in seinem Hochgeschwindigkeitsmonolog Breschen in jegliche Stille zu labern vermag), bis nach einigen Minuten genauen Hinhörens plötzlich die Vermutung im Hirn des Zuhörers aufkeimt, dass dieser Mann komplett genial sein muss (diese brillanten, allerlei Volten schlagenden Satzgirlanden, die er so emphatisch ins Publikum zu schleudern versteht, sind einfach unnachahmlich). Die Wahrheit, die es (in diesem Falle zumindest) nicht gibt, liegt (wie so oft) vermutlich, nirgendwo dazwischen …
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„So wie Universität generell dazu da sein sollte, Gedankenresultate zu verhindern – denn das ist Bildung in der Praxis: das Wissen, dass es nicht reicht, sich selber ein bisschen was auszudenken, zu erfahren, zu respektieren und sich davon einschüchtern zu lassen –, so sollte es Aufgabe dieser Poetikdozentur sein, das Entstehen von Texten zu verhindern. Vielleicht kann man in manchen Fällen sogar Gründe dafür finden, aber auch diese Gründe sind eigentlich uninteressant. Interessant ist: Die meisten Texte sind Mist. In allererster Linie natürlich gerade die vor einem selbst entstehenden eigenen Texte. Fast immer Mist. Schlecht. Schwach. Unbrauchbar. Warum? Ich weiß es nicht.“
Rainald Goetz in seiner Antrittsvorlesung „Leben & Schreiben – Der Existenzauftrag der Schrift“ im Rahmen der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin.
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Alles so 80er im Jahre 1983 in Klagenfurt, im ORF, auf der Bühne, auf dem Kopf von Rainald Goetz; doch nicht im Kopf von Goetz: erst der Schnitt mit der Rasierklinge durch die Haut auf der Stirn – & kein Bachmannpreis dafür, aber Lob von MRR, und später dann den Georg-Büchner-Preis. So geht das also. Irre!
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Autorinnen, die nicht vor Ort sind, werden zu literarischen Figuren von Autorinnen, die vor Ort sind. Klagenfurt gestern.
„Als Nora Bossong eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheuren Gottesteilchen verwandelt.“
Die Verwandlung von der Schriftstellerin zur literarischen Figur zum Gottesteilchen. Und das alles in weniger als einer Stunde. Die Siegerin des Bachmannpreises 2015 steht damit schon fest. Glückwunsch!
Ingeborg Bachmann, die heute Mittag bei uns im Treppenhaus auf einer Stufe hockte und dort eine E-Zigarette rauchte, meinte, sie fände das gut … Na, dann:)
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„Wir sind ja nicht für die Hitze gemacht. Der Regen ist unser Sujet.“
Habe ich heute beim Durchblättern in einem älteren Notizbuch entdeckt. Die beiden Sätze stehen zusammen in Anführungszeichen; habe allerdings keine Ahnung, von wem das Zitat stammt.
Wenn sich niemand meldet, behaupte ich einfach, es wäre von mir. Vermutlich ist es tatsächlich von mir. Ganz sicher … bin ich mir aber nicht … und letztlich ist es ja auch irgendwie egal, da ja immer schon alles irgendwann von irgendwem gesagt worden ist beziehungsweise gesagt worden sein soll (behauptet so mancher).
Nonsens. Hauptsache, das Zitat passt zum Wetter! Bei 30° am Schreibtisch, auf der Schreibtischplatte, mit dem Kopf auf den Unterarmen, denken im Halbschlaf, nachdenken darüber, warum der Regen nicht heiß ist …
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