Die Geschwindigkeitsmesstafel am Buntentorsteinweg, auf die ich abends zuweilen zuspaziere und die mir mit ihrem LED-Display vor Augen führt:
Sie fahren 4 km/h.
Manchmal sind es auch 5
(dem Radar entgeht dieser Unterschied nicht)
Die Geschwindigkeitsmesstafel am Buntentorsteinweg, auf die ich abends zuweilen zuspaziere und die mir mit ihrem LED-Display vor Augen führt:
Sie fahren 4 km/h.
Manchmal sind es auch 5
(dem Radar entgeht dieser Unterschied nicht)

Like ice in sun. Speiseeis für Hunde. Kein Scheiß. Gibt´s wirklich. Kommt aus Heiligenfelde … oder war´s Heiligenrode? Egal, irgendwas mit heilig jedenfalls. Da wird´s produziert – das Leberwursteis für die treuesten Freunde des Homo sapiens. Nur das mit dem Schlecken klappe angeblich noch nicht so richtig, die meisten Vierbeiner schlängen ihr Leckerli – den eigentlichen Genuss missachtend – einfach in einem Bissen runter, so die Erfinder des Hundeeises.
Tja, da gilt bei Pudeln und Rottweilern wohl das Prinzip: Augen zu und durch, damit es anschließend Krauleinlagen oder Streicheleinheiten von Herrchen beziehungsweise Frauchen gibt – pures Sommerglück zu zweit:)
Ein Mann von vielleicht 30 Jahren in einem pinkfarbenen Pudelkostüm, der sich am frühen Nachmittag auf dem Bürgersteig vorm Hotel One in Liegestützen versucht, während ein Dutzend Männer in schwarzen Hemden und mit Bierflaschen in den Händen ihn lautstark anfeuert.
Junggesellenabschiedstraditionen.
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei! Das wusste bereits der singende Da-Da-Da-Philosoph Stephan Remmler. Vergänglichkeit klebt wie ein hartnäckiger Kaugummi an all unserem Streben.
Dass wir ach so einzigartigen Krönchen der Schöpfung eines Tages alle genauso wie jede x-beliebige Sau dem Schlachtermesser der Zeit zum Opfer fallen, dies ist ein Fakt, dem sich nicht zu widersetzen lohnt. Dass jedoch bereits zu Lebzeiten etwas, das wir lieb gewonnen haben, im Orkus des Weltenlaufs hinfortgespült werden soll – das sehen wir nicht ein! Da stellen wir uns in aller Öffentlichkeit auf die fein besohlten Füßchen, reißen die Ärmlein in die Höhe, wedeln mit selbstgebastelten Wimpeln und pusten in Trillerpfeifen, um gegen diese Ungerechtigkeit zu protestieren.
Nicht selten allerdings ist alle Pfeifentrillerei und Wimpelwedelei vergebens. Das führte uns vor einem Jahr exemplarisch eine Lokaltragödie vor Augen: der Tod der Dete!
Für all jene, die bisher nicht wissen, wer genau diese Dete war, hier eine knappe Rückblende: Die Dete war einst ein Möbelhaus namens Deters, das vor Jahren aufgegeben, leer geräumt und gekauft wurde von einem Investor, der es verwaist dastehen ließ – bis sich sechs Freunde des Gebäudes annahmen, zwei Buchstaben aussortierten und dafür allerhand Polstermöbel, technisches Equipment, Kunst und Kultur und viel gute Laune hineinschleppten.
Das Kultureinrichtungshaus Dete war geboren und eroberte im Nu die Herzen vieler Neustädter. So ein offener Raum für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Theater, der hatte dem Stadtteil bisher gefehlt. Doch nicht allein die Neustädter, sondern allerlei Leute aus verschiedenen Ecken der Hansestadt strömten Woche für Woche in die Dete.
Und so tranken Schwachhausener Brüderschaft mit Pusdorfern, spielten Grolländer Tischfußball mit Viertellinis und drehten Oberneuländer neben Gröpelingern auf dem Bürgersteig Zigaretten – in der Dete wuchs bei Kaffee und Kuchen, bei Wein und Bier, bei Mate und Nappos auf Sofas, Sesseln, Paletten und mit ollem Teppich überzogenen Treppenstufen zusammen, was zusammengehört.
Doch aller Popularität und Medienberichterstattung, allen Nachbarschaftsinitiativen wie Sympathiebekundungen von Stadtteilpolitikern und allen Unterschriftenaktionen sowie Demonstrationen zum Trotz, hieß es schließlich: bye, bye, lovely Dete.
Und so gedenken wir in grimmiger Trauer eines Ortes, der sich in nur zehn Monaten für so viele in ein zweites Zuhause verwandelt hatte, und sagen schlicht, einfach und pointenfrei:
Danke Dete, wir werden Dich nicht vergessen!
Ein Angler, der freitagnachts am Fluss zwischen Büschen auf seinem Klappstuhl sitzt und die Fahrradfahrer, die am gegenüberliegenden Ufer über den Deich fahren, mit seiner Taschenlampe blendet und, wenn kein Fahrrad in Sicht ist, mit dem Lichtstrahl die Fensterscheiben der hinterm Deich schlummernden Häuser aufleuchten lässt.

round round get around
Rundlauf spielen im Hinterhof um zwei Uhr nachts. Mit einem Tischtennisschläger in der Hand um eine Platte rennen und einen kleinen weißen Ball von der einen Seite übers Netz auf die andere Seite schlagen – das ist immer noch möglich … auch für die, die inzwischen zum alten Eisen gehören, ist der Ball immer noch rund, die Platte grün und der Schläger mit zwei Seiten ausgestattet. Wenn dann beim Rundrennen auch noch Tocotronics „Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam“ aus den Verstärkerboxen scheppert, treibt das den Puls zusätzlich in die Höhe.
my heart is a beating drum
Ziemlich aus der Puste. Endlos müde trotz Mate. Restlos durchgeschwitzt – doch nach dem Finale mit einem Glückseligkeitslächeln auf den Lippen … zumindest für 10-20 Sekunden … dann … tock … tock … tock … kündigt sich der nächste Aufschlag an, wird mit der Schlägerkante auf die Tischplatte geklopft.
Das ist das Zeichen! Neue Runde. Neues Glück. Alle laufen wieder los.
The Ping-Pong-Pub is back.
round round get around

Es war einmal in Bremen ein Mann, der hatte keine Arbeit und nicht viel Geld, aber einen Traum: Er träumte davon, eines Tages bei der jährlichen Bürgerparktombola ein Auto zu gewinnen. Zwar besaß er keinen Führerschein mehr, dennoch sehnte er sich danach, mit einem eigenen Wagen zur Nordsee zu fahren, um aufs Meer hinauszuschauen und die großen Schiffe mit der Autohupe zu grüßen.
Da der Mann es sich nicht leisten konnte, täglich aus eigener Tasche die Lose zu bezahlen, ging er während der Tombola-Wochen jeden Abend zum Bremer Bahnhofsplatz und wühlte in den Mülleimern nach Pfandflaschen. Das Pfand löste er im Supermarkt ein, um sich am nächsten Tag an den kleinen Buden vor dem Bahnhof zwei oder drei Lose zu kaufen – je nachdem wie viel Geld er durch die Flaschen zusammenbekommen hatte.
In all den Jahren hatte er hin und wieder verschiedene Preise gewonnen: mehrmals rosafarbene Papierservietten oder Frühstücksflocken einer Bremer Firma, auch Schokolade, Lakritze oder Kinogutscheine hatte ihm das Losglück beschert, und einmal sogar eine Eintrittskarte für ein Spiel im Weserstadion.
Obwohl ihm die Frühstücksflocken und die Lakritze geschmeckt und der Kinofilm und das Fußballspiel gut gefallen hatten, war er mit seinen Preisen nicht glücklich, denn er wollte das Auto gewinnen und nicht Servietten oder Kinogutscheine.
„Nie habe ich Glück“, dachte er, gab trotzdem nicht auf, sondern versuchte es jedes Jahr von Neuem. Und so ergab es sich, dass er eines Tages wieder zu einer Losbude auf dem Bahnhofsplatz ging, um sich vom Erlös der eingesammelten Pfandflaschen zwei Lose zu kaufen. Das erste Los war eine Niete, auf dem zweiten jedoch stand eine Gewinnnummer. Der Mann hastete zur Gewinnausgabe vor der Bahnhofshalle und schob der Frau hinter dem Tresen das Los zu.
„Eines Tages wird man sich für jeden Kalauer, den man ausgelassen hat, verantworten müssen.“ Der Penner aus der Lindenstraße hat das mal gesagt. Natürlich nicht in dieser nicht totzukriegenden Sonntagabendserie, wo er eben den liebenswürdigen Tippelbruder mimte, sondern im „echten Leben“, in dem er zwar zuweilen mit einem Clochard verwechselt wurde, aber vor allem in ganz anderen Rollen glänzte: als famoser Erzähler, kongenialer Übersetzer und hammermäßiger Rezitator, der mal eben so ganz lässig die prall gefüllte Kesselhalle des Bremer Schlachthofs in eine Ein-Mann-Arena verwandelt.
Habe das vor ein paar Jahren live erlebt, wie der wandelnde Bart auf der Bühne im Rampenlicht hinter einem Tisch hockt, eine Geschichte vorzulesen beginnt und sich abrupt mitten im Satz selbst unterbricht, indem er eine Anekdote einschiebt, die er en passant über eine Strecke von vier oder fünf Minuten gemächlich entspinnt, als wäre er gerade nicht mitten in einem anderen Text gewesen, den er dann allerdings nach Abschluss der Anekdote exakt dort fortsetzt, wo er sich selbst ins Wort gefallen war. Spätestens da habe ich begriffen, dass da eine ganze Menge Genialität hinter dem Graubart steckt, auch wenn ich Harry Rowohlt immer nur mit Bart denken kann. Sein Kollege F. W. Bernstein hat diese Bartaura in einem Interview zu Rowohlts Siebzigsten auf den Punkt gebracht: „Wie die meisten Menschen bin auch ich Harrys Bart begegnet, bevor ich Harry begegnet bin.“
Der Bart war natürlich auch das Erste, was ins Auge stach, als er damals auf die Bühne trat, aber seine Stimme und sein Witz übernahmen dann schnell die Hauptrollen. Die Lesung an dem Abend war zwar nicht mehr das legendäre „Schausaufen mit Betonung“, weil er zu dieser Zeit schon keinen Alkohol mehr trank, doch seiner Stimme wollte ich die Enthaltsamkeit gar nicht so recht abnehmen, denn da klangen immer noch die endlosen Liter Whiskey mit, die über all die Jahre die Kehle hinabgerauscht waren. Diese tief grollende Seebärstimme, die ohne Ende Kalauer und Anekdoten raushaute – zum Beispiel eben jene von einer Lesung in einem Theater, in das ihn der Türsteher nicht reinlassen wollte, weil er ihn für einen Penner hielt und nicht für den geladenen Schriftsteller, der an diesem Abend im Theater lesen sollte.
Ich wünsche Harry Rowohlt, dass ihm die Türsteher jetzt keinen Ärger bereiten, sondern ihn reinlassen in die Literaturkneipe, in der er dann hoffentlich mit Ernest Hemingway, Flann O’Brian, Dylan Thomas und all den anderen Größen, die er übersetzt hat, mit einem Glas Whiskey anstoßen, die Köpfe zusammenstecken und über Literatur schwadronieren darf. In diesem Sinne: Prost!
Anmerkung:
Sorry, die letzte Szene ist natürlich Kitsch, doch was soll man schreiben – ist halt scheiße, dass der Mann jetzt schon tot ist, wo so viele andere Nasen doch inzwischen neunzig oder noch älter werden …
Sommertag mit Wind, der Wolken vor sich hertreibt und durch das offene Fenster in meine Dachkammer pustet und Schreibblätter aufwirbelt. Auf dem Sofa genieße ich die Stille, die an diesen Nachmittag nur ein einziges Mal durchbrochen wird. Die Nachbarn im Haus gegenüber stehen im sechsten Stock hinter der Glasfront in der Küche ihres Appartments und schreien sich gegenseitig an – Pärchenzwist im Terrarium.
Sie im rosafarbenen Shirt und bunten Schlüpfer, er in mondänem Schwarz zwischen dem froschgrünen Plastikmobiliar, das mit Schaffellen bespannt ist. Monoton fuchtelt er mit seinen Händen in der Luft herum und brüllt so laut, dass sich seine Stimme überschlägt.
Nach Minuten des Brüllens und Fuchtelns verzieht er sich auf die Dachterrasse, brüllt ein letztes Mal in die Wohnung hinein und lehnt sich dann mit seinen Armen aufs Holzgeländer, an dem ein von ihm angebrachtes olivfarbenes Transparent hängt, das in weißen Großbuchstaben verkündet: LIEBE WIE DU LEBST.DE
Kein Bock auf Lesen vor Publikum scheint Helmut Krausser zu haben. Lustlos fläzt er sich auf den Stuhl, blättert in seinem Gedichtband, murmelt irgendwas vor sich hin. Zum Lesen im Stehen scheint die Energie nicht auszureichen.
„Ich lese lieber im Sitzen.“
Oder noch lieber – gar nicht?
„Der nächste Gedichtband wird gut“, soll er mal gesagt haben, „aber Gedichte liest ja kein Mensch.“
Scheint er aber nicht gern zu hören, Zitate aus seiner Vergangenheit zur Begrüßung aus dem Munde der Moderatorin.
„Tja, was soll ich dazu sagen.“ Das ist seine Begrüßung des Publikums, dem er dann ein Zorngedicht vorliest. Danach ist er wieder am Blättern.
„Diese Gedichte kann ich euch nicht zumuten, aber welche aus der U-12-Abteilung. Kindergedichte.“
Davon liest er dann drei, vier, und noch ein Zorngedicht zum Abschluss, in dem das lyrische Ich einer Frau aus Eifersucht gern den Schädel spalten würde.
Eine Zuhörerin mit weißem Haar und grauer Strickjacke schüttelt zu jedem Vers dieses Gedichts den Kopf und hält auch dann noch die Arme vor der Brust verschränkt, als alle anderen Schlussapplaus spenden und Krausser sich auf der Bühne zweimal verbeugt vor seinem Publikum …