Bunter Schlüpfer im Terrarium

Dublin

Sommertag mit Wind, der Wolken vor sich hertreibt und durch das offene Fenster in meine Dachkammer pustet und Schreibblätter aufwirbelt. Auf dem Sofa genieße ich die Stille, die an diesen Nachmittag nur ein einziges Mal durchbrochen wird. Die Nachbarn im Haus gegenüber stehen im sechsten Stock hinter der Glasfront in der Küche ihres Appartments und schreien sich gegenseitig an – Pärchenzwist im Terrarium.

Sie im rosafarbenen Shirt und bunten Schlüpfer, er in mondänem Schwarz zwischen dem froschgrünen Plastikmobiliar, das mit Schaffellen bespannt ist. Monoton fuchtelt er mit seinen Händen in der Luft herum und brüllt so laut, dass sich seine Stimme überschlägt.

Nach Minuten des Brüllens und Fuchtelns verzieht er sich auf die Dachterrasse, brüllt ein letztes Mal in die Wohnung hinein und lehnt sich dann mit seinen Armen aufs Holzgeländer, an dem ein von ihm angebrachtes olivfarbenes Transparent hängt, das in weißen Großbuchstaben verkündet: LIEBE WIE DU LEBST.DE

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Die pralle Fabulierlust

widmer

Pünktlich zum 75. Geburtstag von Urs Widmer bietet der Band „Gesammelte Erzählungen“ eine Auswahl aus der wundersamen Erzählwelt des Schweizer Schriftstellers.

Der Weltenbummler Egon taucht eines Abends, nach einem langen Aufenthalt in Südamerika, unverhofft bei einem Freund aus Jugendtagen auf. Der Freund (der zugleich der Erzähler dieser Geschichte ist) wohnt ein wenig abseits im Elsass in einem großen Haus, wo er mit seiner Frau und Vertrauten zusammenlebt. Die Hausbewohner heißen den Gast willkommen, machen es sich mit ihm im Saal ihres Hauses, das einst eine Bahnhofswirtschaft war, gemütlich, trinken Wein und beginnen zu erzählen – von der ersten großen Liebe, unerfüllten Leidenschaften und Abenteuern auf Naxos, in Südfrankreich oder Argentinien. Im Laufe der Nacht entwickelt sich ein großer Erzählreigen, der erst zum Ende kommt, als der Morgen an- und der Gast wieder aufbricht: „Wir standen vor dem Haus und sahen zu, wie Egon (…) in die Wiesen hinausging (…), in eine gewaltige Sonne hinein, die eben aus dem Horizont aufstieg.“

Liebesnacht“ heißt dieses fein arrangierte, Lebenslust und Melancholie verströmende Prosawerk, in dem eine Gemeinschaft für eine einzige Nacht beisammensitzt, um einer vergilbten Zeit wieder Farbe einzuhauchen. Zu finden ist diese knapp hundert Seiten lange Erzählung aus dem Jahr 1982 in einem frisch gedruckten roten Leinenband, der auf über 750 Seiten eine Vielzahl von Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer versammelt. Eine seiner bekanntesten und kommerziell erfolgreichsten, „Der blaue Siphon“ (1992), findet sich zwar nicht in dem Buch, dafür allerdings eine vielfältige Auswahl anderer Erzähltexte aus den Jahren 1968 bis 2010. Den Auftakt bildet Widmers Debüt „Alois“, eine knallige, hin und her hüpfende Erzählung, angereichert mit Motiven aus Comic, Film, Musik und Sport. Bereits hier deutet sich die verspielt fantastische, mit einem leicht ironischen Grundton ausgestattete Erzählweise Widmers an – vielleicht noch ein wenig zu überdreht, indes vor praller Fabulierlust und skurriler Einfälle nur so strotzend.

Nicht mehr ganz so sprunghaft und abstrus geht es in der 1990 veröffentlichten Erzählung „Das Paradies des Vergessens“ zu. Zwar laufen auch hier mehrere Handlungsfäden parallel, doch die Geschichte eines Schriftstellers, dem sein Romanmanuskript abhandengekommen ist und der sich um eine Rekonstruktion bemüht, besitzt in Form wie Sprache klarere Konturen – ohne jedoch Originalität, Verspieltheit oder Witz einzubüßen.

Ob man nun die älteren oder jüngeren Erzählungen Widmers liest, allen haftet – mal mehr, mal weniger ausgeprägt – etwas Märchenhaftes an, das sich mithilfe einer zauberhaften Versponnenheit teilweise gar ins Surreale hineinsteigert. Manchmal überkommt einem beim Lesen von Erzählungen wie „Die Amsel im Regen im Garten“ (1971) oder „Reise nach Istanbul“ (2010) das Gefühl, da wuchern spontane Einfälle wie Kraut und Rüben zu einer krausen Textwildnis zusammen; doch das Famose ist, dieser Wildnis scheint eine geheimnisvolle Komposition innezuwohnen, denn die grotesk anmutenden Wuseleien bezaubern nicht minder als jene, die strukturierter geformt sind.

Urs Widmer nennt sich selbst gern einen „Erzähl-Dichter“, der in seinen eigenwilligen Fabulierwelten durchaus „möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen“ möchte. Und tatsächlich schimmert hinter jenen Tagtraummärchen, Liebesabenteuern sowie modernen Wild-West-Storys hie und da Zivilisationskritik durch. So heißt es zum Beispiel in der kurzen Erzählung „Der Müll an den Stränden“ (1994): „Wir haben die Taschen voller hochwirksamer Medikamente, mit denen wir das leiseste Unbehagen ins uns auf der Stelle bekämpfen und deren einzige Nebenwirkung ist, dass wir auch ein unverhofftes Glück nicht spüren.“

Nur selten lässt der Schweizer Autor seine Botschaft so deutlich durchblicken, denn moralinsauer sollen seine Texte selbstverständlich nicht klingen: „Ich will nicht einer sein, der mit erhobenem Zeigefinger dasitzt und belehrt.“ Dass er aber durchaus an gesellschaftlichen Prozessen interessiert ist, zeigen die immer wieder auftauchenden satirischen Beschreibungen des Fortschritts. In erster Linie jedoch changieren die Erzählungen Widmers zwischen Lust und Leichtigkeit, Sehnsucht und Schmerz sowie Wildheit und Lebensweisheit. In „Indianersommer“ (1985) erzählt er von den Freuden, Liebschaften und Leiden innerhalb einer Künstlergemeinschaft. Die Maler und Schriftsteller sind Lebenskünstler, die sich in die Kunst und die Liebe stürzen, um nicht vom Lebensschmerz zerrissen zu werden. Sie versuchen darüber hinaus sich ihre Kindheit zu bewahren, jene Zeit, die im Rückblick aufgrund ihrer Unschuld dem Leben im Garten Eden nahekommt: „Natürlich gibt es ein Paradies, die Zeit, in der wir noch nicht entdeckt haben, dass es den Tod gibt.“

Neben der Kindheit findet sich ein weiteres Motiv immer wieder in Widmers Erzählungen: der Vater. Eine Vatergestalt taucht in diversen Rollen in mehreren Erzählungen auf. Urs Widmers Vater war Übersetzer, und ein verhinderter Schriftsteller, der seinen geplanten Roman nie zu Papier brachte. So verwirklichte erst der Sohn den Traum seines 1965 verstorbenen Vaters. Dessen Tod empfindet Widmer rückblickend gar als Initialzündung für sein Schreiben: „Erst als er starb, verwandelte ich mich, fast auf der Stelle, in einen Schriftsteller.“ Und zwar in einen äußerst vielseitigen, denn neben den zahlreichen Erzählungen, Theaterstücken und Essays hat er mehrere Romane sowie eine Vielzahl von Hörspielen verfasst, und darüber hinaus Werke von Raymond Chandler, Joseph Conrad und anderen übersetzt.

Pünktlich zu Widmers 75. Geburtstag am 21. Mai würdigt der Diogenes Verlag – dem Widmer seit 45 Jahren treu ist – mit „Gesammelte Erzählungen“ die Erzählkunst dieses Tausendsassas. Ein schönes Geburtstagsgeschenk für den Autor, und für seine Leser. Auch wir gratulieren!

(16.5.2013)

Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen. Diogenes, Zürich. 768 Seiten, 29.90 €.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter ältere Bücher

Zuhörerverachtung versus Publikumskopfschütteln

weserhausflur

Kein Bock auf Lesen vor Publikum scheint Helmut Krausser zu haben. Lustlos fläzt er sich auf den Stuhl, blättert in seinem Gedichtband, murmelt irgendwas vor sich hin. Zum Lesen im Stehen scheint die Energie nicht auszureichen.

„Ich lese lieber im Sitzen.“

Oder noch lieber – gar nicht?

Der nächste Gedichtband wird gut“, soll er mal gesagt haben, „aber Gedichte liest ja kein Mensch.“

Scheint er aber nicht gern zu hören, Zitate aus seiner Vergangenheit zur Begrüßung aus dem Munde der Moderatorin.

Tja, was soll ich dazu sagen.“ Das ist seine Begrüßung des Publikums, dem er dann ein Zorngedicht vorliest. Danach ist er wieder am Blättern.

Diese Gedichte kann ich euch nicht zumuten, aber welche aus der U-12-Abteilung. Kindergedichte.“

Davon liest er dann drei, vier, und noch ein Zorngedicht zum Abschluss, in dem das lyrische Ich einer Frau aus Eifersucht gern den Schädel spalten würde.

Eine Zuhörerin mit weißem Haar und grauer Strickjacke schüttelt zu jedem Vers dieses Gedichts den Kopf und hält auch dann noch die Arme vor der Brust verschränkt, als alle anderen Schlussapplaus spenden und Krausser sich auf der Bühne zweimal verbeugt vor seinem Publikum …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Wurstgulasch im Wok – Let´s dance

weserhausfesnterblick

Jenseits der Glasfront des Weserhauses winken die Blätter der Bäume, dahinter kräuselt sich das Wasser der Weser und vorne im Raum steht eine australische Lyrikerin am Sonntagmorgen auf der Bühne und liest ein Gedicht über mexikanische Sturmwolken (oder habe ich das Gedicht später bloß in ihrem Buch Aria gelesen und im Nachhinein in meine Erinnerung reingeschmuggelt, weil es zum dauerbedeckten Bremer Himmel passt?).

Draußen, zwei Stockwerke tiefer, braucht ein Smart gefühlte fünf Minuten, um in einer Lücke einzuparken, in der vorher ein doppelt so langer BMW-Kombi stand. Erwarte gespannt, wer da aussteigen wird (es gibt da ja so Geschlechterklischees, denen man selbst schnell zu erliegen droht). Die Türen öffnen sich: Eine Frau um die fünfzig steigt aus – auf der Beifahrerseite. Ein Mann um die fünfzig, mit Käppi auf dem Kopf, auf der Fahrerseite.

Auf der Bühne jetzt Personenwechsel. Zwei deutsche Phrasen kennt der vielfach preisgekrönte Lyriker aus Costa Rica:

1) „Wie viel kostet das?“

2) „Eine Tüte, bitte.“

Das genügt doch eigentlich auch. Erst bezahlen, dann eintüten – zum Beispiel einen Band mit diesen kurzen Poemen, die von Bierflaschen auf Tischen, angeketteten Nachbarshunden oder Essensreste im Wok erzählen, oder vom Brummen der Kühlschränke, das ganze Familien einzulullen vermag. Oder einen der sechszehn Lyrikbände des derzeitigen Präsidenten des Litauischen Schriftstellerverbandes, der ein „Peitschenlachen“ in seinen sanften Versen aufknallen lässt.

Vor der Pause ein schlecht gelaunter Schriftsteller, der zuletzt eine Gebrauchsanweisung für den FC Bayern geschrieben hat. Nach der Pause schmettert der Festivalgitarrist ein Ringelnatzlied und animiert das Publikum zum Mitsingen.

„Oh hey, oh ha“, singen alle … na ja, fast alle.

Danach die vom BDI ausgezeichnete Poesiepreisträgerin 2015, die in ihren Gedichten Wolken wäscht, Wurstgulasch auftischt und Homer, Beatles und Holden Caulfield durch ihre Verse huschen lässt, während die Förderpreisträgerin des Bremer Literaturpreises 2015 in ihren Poemen den Wind Schwalben vom Draht reißen lässt und die jüngste Dichterin des Festivals mit dem Klang des Finnlandschwedischen einen neuen Sound in den Mittag mischt.

Zum Abschluss tritt der „Rockstar des Dialekts“ auf die Bühne. Ein Schweizer Riese, der mit Schwyzerdeutsch und Französisch den Klang der Sprache erforscht und über die Maulfaulheit seiner Landsleute sinniert („Stumm, aber effizient.“), und zwar zu den Bluesakkorden des Festivalgitarristen, der gemeinsam mit dem Mundartdichter zum Ende hin derart die Lyrik rockt, dass man geradezu mittanzen könnte. Bluesrockpoems. Schlussapplaus.

Im Treppenhaus wieder die Fotografin, die eine Dichterin dirigiert. Draußen ein Männertrio mit bunten Helmen und Radlerhosen auf Citybikes, an dessen Lenker Fahrradtaschen und eine Stadtkarte geklemmt sind. Einer zeigt auf die Gastro im Erdgeschoss des Weserhauses.

„Pause, hier können wir ein Bier trinken.“

Prost.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

Wie ein Hollywoodstar vor Beton

shakeshof

In der Pause des zweiten Poesiemarathons ein wenig abseits: Fotosession mit dem Mitbegründer der Wiener Gruppe auf dem Schulhof vor dem Theater. Der Poet im Maiabend vor der Schulhausfassade, während die Vögel zwitschern – was aber niemand, der später die Fotos sieht, wissen wird, aber die Vögel wissen ja auch nichts von den radikalen Sprachexperimenten des Mannes, der sich von der Fotografin dirigieren lässt, während die anderen Dichter*innen & ihre Zuhörer*innen vor den Türen stehen und nach Luft oder Nikotin schnappen, drinnen vor der Theke oder den Toiletten Schlange stehen, den Büchertisch belagern oder mit dem Stift in der Hand von den Protagonist*innen des Poesie-Events Unterschriften verlangen.

(Zwischenspiel: Zwischenstand zur gleichen Zeit in einer anderen Stadt, die auch mit B beginnt: 3 zu 1 auf dem Grün, 3 zu 1 für die Volkswagentruppe gegen die Klopp-Elf. Kein Pokal auf dem Borsigplatz zum Abschied).

Stellen Sie sich doch mal so hin.“ Die Fotografin gibt Regieanweisungen. „Sie wissen schon, so wie die Hollywoodschauspieler.“ Sagt sie zu dem 85-jährigen Wiener Preisträger des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur (Thomas Bernhard hingegen hat nur den Kleinen Staatspreis bekommen – was er damals mit Ende dreißig als „Demütigung“ durch lauter „katholische und nationalsozialistische Arschlöcher“ empfunden habe; doch angenommen hat er den Preis dennoch, da er kein Aufsehen habe machen wollen und zudem nicht gewillt gewesen sei 25.000 Schilling abzulehnen. „Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein“, so Bernhard, der aber ja schon längst tot ist, viel länger, als es poetry on the road gibt und der hier, in diesem Text über das Festival, dementsprechend eigentlich gar nichts zu suchen hat – aber wenn man über Literatur spricht, sollte man dann nicht immer zumindest eine kleine Thomas Bernhard-Anekdote aus der Tasche ziehen?).

So wie die Hollywoodschauspieler. Klick. Klick. Klick. Das eine Digitalkamera so laut klickt, wer hätte das gedacht.

Ach, das haben Sie doch gar nicht nötig“, sagt sie jetzt, die Fotografin. „Sie haben so viel Ausstrahlung, Herr Rühm“, legt sie nach und lenkt den Dichter, der den Anweisungen höflich Folge leistet.

Schön, sehr schön!“, sagt sie, hält inne, schaut auf den Kamerabildschirm. „Hm, nein, das gefällt mir noch nicht. Das ist zu düster. Gehen Sie doch mal da hin. Vor die Wand, mit dem schreibenden Herrn im Hintergrund.“

Plötzlich bin ich im Bild, habe den Rühm im Rücken, der abgeknipst wird, mit mir als Kulisse sozusagen, zumindest für ein paar Fotos, dann steht die Fotografin hinter mir, spricht zu mir: „Könnten Sie woanders hingehen. Ich möchte vor der Wand ein Foto machen von Herrn Rühm.“

Also, raus aus dem Bild, Platz für ein Hollywoodfoto vom berühmten Dichter, der jetzt ein wenig steif dasteht in seinem grauen Anzug vor dem grauen Beton, auf dem jemand in Schwarz das Wort „kritisch“ gesprüht hat.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Famose Poesieüberdosis

shakesbühne

1 Ralf Benesch ringt mit den Saiten seiner roten E-Gitarre,

2 Nora Gomringer kündigt an, „Erstaunliches zu machen“ mit der Sprache, was

3 Brian Turner sogleich umsetzt mit Gedichten über Kriegsschauplätze, woraufhin

4 Julien Delmaire ein Poem über die Favela singt,

5 Mario Bojórquez sich mit seiner mexikanischen Hochgeschwindigkeitspoesie auch nicht vom Übersetzungsausfall auf der Leinwand aufhalten lässt, worauf

6 Marion Poschmann mit einem Zyklus antwortet, in dem sie „Schattengeneratoren“, „schlafwandelndes Laub“, „Rabattaktionen an der Autobahnraststätte“ sowie „Wiedehopf auf Truppenübungsplätzen“ miteinander verwebt, was

7 Nii Parkes anschließend nicht davon abhält, zum Einstieg mit dem Publikum zu scherzen (warum auch?) und einen Prolog zu summen für

8 Jan Wagner, den „Poetry-Champion“, der nach der Pause auf der Bühne den Giersch und Mückenschwärme ins Rampenlicht rückt, während

9 Philip Casey als Dichter aus Dublin eine Hamburger Kriegsgeschichte poetisch entspinnt,

10 Maya Kuperman den Nahostkonflikt mit ihren Versen aufflackern lässt,

11 Ricardo Domeneck ein 8-Sprachen-Poem abmixt und

12 Heike Fiedler direkt daran anknüpft und mit Laptop sowie Loopmaschine lautpoetisch Lyrik visualisiert.

„Vielleicht kommt etwas dazwischen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht … ein Gedicht.“

Oder Dutzende in diversen Sprachen an einem Abend in einem Saal dicht beieinander …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

Einsame Sessel hinterm Buchstabenbeat

gebiss

Die zwei roten Sessel auf der Bühne, auf die sich während der gesamten Lesung niemand setzt, weil die ersten drei Sprechkünstler*innen alle zum Stehpult gehen und dort ihre Gedichte lesen.

Nur der kleine Tisch, der mit Gläsern (und einer Wasserflasche auf seiner runden Platte) vor den Sesseln steht, wird einmal bewegt, weil er im Weg steht, als der vierte Dichter Platz braucht, um seine Lyrik frei zu performen.

Und der Platz wird genutzt: Julien Delmaire verdeutlicht, was das ist, ein Spoken Word Poet. Ein Rhythmus, ein Beat, der die Füße mitwippen und einen vergessen lässt, auf den Zettel zu schauen, auf dem die französischen Verse übersetzt werden.

Da vorne, da zelebriert jemand seine Poesie mit so viel Energie, dass daraus Musik wird – und tatsächlich erinnert das alles manchmal an Hip-Hop, manchmal an Reggae.

„Poesie ist Performance“, meint der brasilianische Spoken Word-Kollege. Yep.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

Soundtrack der Spoken Word Poeten

louis

Im Sparkassen-Foyer-Café. Poetry Noon mit vier Sprechdichter*innen.

Die Begrüßung zur Lesung beginnt, und im Hintergrund gehen die Türen zur Schalterhalle auf & zu, auf & zu …

Auf. Der Wind weht Auto-, Stimmen- & Straßenbahngeräusche rein.

Zu. Kleinkindergebrabbel, Gespräche vor Bankautomaten, die hinter den provisorisch aufgestellten Trennwänden stehen. Der Tastensound der Geldmaschinen. Das Knattern des Geldausspuckens.

Der Soundtrack der Lesung sozusagen, den man irgendwann ausblendet, weil da vorne auf der Bühne Verse vibrieren; „Flitzgedichte, die uns blitzschnell überholen“; Jazz-Poems mit Air Jordan– & Louis Armstrong-Einlagen; „scharftöniger Zoff“, der sich in den Hirnwindungen verkantet …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

sex sells

schieferturm

Wenn ältere Damen im Publikum vor Freude johlen, weil die Slam-Poetin Gomringer in einem Gedicht die Bewegungsabläufe beim Sex wie ein Backrezept beschreibt. „Wir ergeben einen Teig.“

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel

20 Sekunden Rühm-Draufgabe

rühm

Zum Abschluss eine Ikone der experimentellen Dichtung als Chansonnier am Flügel. Zwei selbst getextete Chansons.

Applaus. Verbeugung. Das war´s. Der Abend ist aus.

Von wegen. Der Mann geht zurück an die Tasten.

„Noch eine kleine Draufgabe“.

Klar, nach über drei Stunden geht auch noch eine Zugabe. Warum nicht.

25 Sekunden später steht der Mann schon wieder. Das war die Zugabe. Auf den Punkt.

Schelmisches Grinsen eines 85-Jährigen im Rampenlicht. Gelächter. Applaus. Verbeugung. Abgang. Ende. Wein. Sekt. Saft. Bar. Büchertische. Morgen ist auch noch ein Tag …

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Schnipsel