Der in schwarzem Leder gekleidete Kleiderschrankmann mit kahl rasiertem Schädel, der bei der Bäckereifachverkäuferin im Bahnhof am Tresen steht und ein Milchbrötchen bestellt
Der Himmel über dem Bonbonhäuschen
Früher war es noch schöner! Da konnte ich im Winter aus meiner Neustädter Dachbude die Sonne hinter dem Bremer Flughafen versinken sehen. Vor ein paar Jahren entdeckte jedoch ein Investor den verwilderten Garten gegenüber und stopfte die Baulücke mit einem bonbonfarbenen Reihenhaus. Wo früher ein mächtiger Magnolienbaum blühte, ein Igel seine Runden drehte und ein Eichhörnchen von Ast zu Ast hüpfte, ordnet heute hinter einem Gartenzäunchen ein runder Reihenhausbewohner mit Harke und Schaufel sein Blumenbeet, während die dauergewellte Gattin das Weiß der Haustür poliert und ihr Pekinese kläffend und Schwänzchen wedelnd um sie herumtänzelt.
Das alles ist drollig anzuschauen, aber am besten ist es immer noch, von meinem Sessel aus am Bonbonhäuschen vorbei in die grünen Hintergärten und im Winde wippenden Baumkronen zu blicken, dem Vogelgezwitscher und Kreischen der Möwen zu lauschen oder mir die Sommersonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Auch nachts ist der Fensterplatz exquisit: Da schlummert mein Viertel und die Hardenbergstraße streckt sich einsam in die Länge, nur hin und wieder torkelt ein Nachbar, von der Eckkneipe kommend, seiner Souterrainbehausung entgegen und zersingt die Stille, die sonst allein die Kirchturmglocke oder die Trommler vom Werdersee durchbrechen.
Will ich am Tage das Reihenhaus komplett ausblenden, fläze ich mich rücklings auf mein Sofa, lasse das rote Satteldach unter meiner Fensterbank versinken, schaue den Wolkendampfern zu, wie sie über das Blau in den Horizont hinausschippern, und denke mir: Zu Hause ist es doch am schönsten.
Zwischen irrekomisch und tieftraurig – Joachim Meyerhoff
Mit warmherzigem Witz blickt Joachim Meyerhoff in seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ auf eine ungewöhnliche Kindheit zurück.
Gleich zu Beginn des Romans steht ein Toter. Genauer gesagt: liegt ein Toter – und zwar im Blumenbeet eines Schrebergartens. Entdeckt hat ihn der siebenjährige Joachim (genannt Josse) auf seinem Schulweg. Der Kleine ist keineswegs erschrocken, sondern fasziniert von dem vornehm gekleideten Körper, der hinter einem Zaun leblos und mit dem Gesicht nach unten zwischen den farbenfrohen Blumen liegt. Nach gebannter Betrachtung der Leiche sprintet Josse los, stürmt in die bereits begonnene Unterrichtstunde und verkündet stolz: „ICH HAB EINEN TOTEN GEFUNDEN!!!“
Es soll nicht seine letzte Begegnung mit dem Tod gewesen sein, von der uns Josse als Ich-Erzähler berichtet; doch nicht alle Begegnung gestalten sich so unbedarft heiter wie diese erste. Bevor es allerdings zu schmerzvolleren Auseinandersetzungen mit dem Tod kommt, weiß der Schauspieler Joachim Meyerhoff in seinem autobiografischen Roman „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ noch allerlei Wunderbares wie Witziges aus dem Leben des jungen Joachim zu erzählen. Und das liegt vor allem an dem Umfeld, in dem Josse aufwächst. Da sein Vater der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg im norddeutschen Schleswig ist, wohnt die Familie in einer Villa im Zentrum des Psychiatriegeländes – umgeben von eintausendfünfhundert psychisch Kranken sowie geistig und körperlich Behinderten.
So kommt Josse täglich in Kontakt mit absonderlichen, aber in ihrer Art liebenswerten Menschen. Auf dem Weg zur Schule wird er jeden Morgen am Ausgangstor der Psychiatrie von einem Möchtegern-Pförtner in selbst gebastelter Fantasieuniform mit einem „Ah, wieder ficki-ficki machen?“ begrüßt. Auf den Schultern eines bärtigen Hünen reitet Josse über das Gelände, während sein „Reitriese“ zwei massive Glocken durch die Luft schwingt und mit dem Dauerbimmeln seine Umgebung nervt. Und nachts wiegen die Schreie der Patienten den jüngsten der drei Direktorensöhne in den Schlaf („Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr, allabendliches Brüllkonzert mit großem Orchester (…) Ich liebte dieses Gebrüll, diese Partitur nächtlicher Stimmen.“)
Meyerhoffs Roman hat etwas Episodenhaftes, aber ganz im positiven Sinne, denn jedes der knapp 35 Kapitel kann voll szenischer Kraft wie sprühendem Witz für sich alleine stehen. Gleichzeitig verbinden sich die Einzelteile zur Geschichte einer Familie, der es (entgegen den Wünschen der Mutter) nicht gelingt, ein „normales Leben“ zu führen. Zum Kaffeekränzchen am vierzigsten Geburtstag des Vaters kommen nicht die Verwandten, Freunde oder Arbeitskollegen, sondern die Nachbarn – und das sind die Patienten. Diese Geburtstagsfeier mit ihren außergewöhnlichen Gästen ist eine der lustigsten Passagen im ganzen Buch. Obwohl die Szene ihren Humor aus der sonderbaren Verhaltens- oder Redeweise der Patienten zieht, macht Meyerhoff sich nie lustig über die skurril anmutenden Figuren, sondern erzählt mit einem warmherzigen Witz von dem Zauber, der von ihren Eigenheiten ausgeht. Dabei gelingt ihm auf wundervolle Weise der Wechsel zwischen irrekomischen Szenen (wie der Beerdigung einer Amsel oder dem Klinikbesuch des Ministerpräsidenten Stoltenberg) und tieftraurigen Momenten (die gegen Ende zunehmen).
Bereits mit seinem literarischen Debüt „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ wusste der studierte Schauspieler zu überzeugen – und zwar nicht allein das Publikum, sondern ebenso die Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung, die ihn 2012 mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis auszeichnete. Bevor Meyerhoff als Romancier in Erscheinung trat, hatte er sich bereits auf der Bühne einen Namen als Erzähler gemacht. In den Jahren 2006 bis 2009 erzählte er in dem sechsteiligen Zyklus „Alle Toten fliegen hoch“ mit großem Erfolg am Wiener Burgtheater aus seinem Leben. Aus diesem Theaterprojekt heraus entwickelte Meyerhoff sein literarisches Debüt, das den Auftakt zu einer Romantrilogie bilden sollte. Nun ist mit „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ der zweite Teil der Trilogie erschienen – wobei dieser ganz unabhängig vom ersten gelesen werden kann.
Wer den Erstling bereits kennt, wird beim Lesen des zweiten Romans das eine oder andere Déjà-vu erleben. Das schadet dem Lesegenuss indes keineswegs, im Gegenteil: Als Leser hat man das Gefühl, sich in einem vertrauten, jedoch stets mit Überraschungen aufwartenden Umfeld zu bewegen. Während Meyerhoff in „Amerika“ von seinem einjährigen Aufenthalt als Austauschschüler in den USA berichtet, erzählt er in seinem neuen Werk vom Heranwachsen an einem sonderbaren Ort und von der Beziehung zu seinem Vater, der heimlichen Hauptfigur des Romans. Dem übergewichtigen Direktor der Psychiatrie kommt die Rolle des tragisch-komischen Helden zu. Einerseits füllt dieser mit einem Universalwissen ausgestattete Bücherwurm seinen Beruf voller Inbrunst kompetent aus, andererseits scheitert er in lebenspraktischen Dingen ebenso regelmäßig wie als Familienoberhaupt oder Gatte. Doch erst am Ende des Buches offenbart sich die ganze Tragik dieses Mannes, wenn der Erzähler in einem Appartment an der Kieler Förde das Doppelleben seines kurz zuvor verstorbenen Vaters aufdeckt.
Diese Entdeckung wirft nicht nur ein anderes Licht auf den Vater, sondern verstärkt abschließend den Eindruck, dass Meyerhoff neben all seinem Sinn für die komödiantischen Momente des Lebens mit genauso viel Feingefühl die Abgründe der menschlichen Existenz auszuloten versteht. Dass er die Balance zwischen diesen beiden Ebenen so famos meistert, zeichnet ihn als talentierten Erzähler aus. Entsprechend gespannt darf man auf das Erscheinen des letzten Teils der Trilogie lauern.
(28.3.2013)
Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Alle Toten fliegen hoch, Teil 2. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 352 Seiten, 19.99 €.
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LIEBESLÖFFEL

Vor ein paar Tagen traf ich in der Innenstadt zufällig einen ehemaligen Studienkollegen, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen hatte. Früher hatten wir beide oft stundenlang in Kneipen die Köpfe zusammengesteckt, über Projekten gebrütet oder einander von unseren meist armseligen Frauengeschichten berichtet; doch nach dem Studium hatten wir uns peu à peu aus den Augen verloren.
Nun stand er wieder vor mir, trübte meine Wiedersehensfreude jedoch dadurch, dass er mich in ein sonderbar anmutendes Small Talk-Geplänkel verwickelte. Nach einer minutenlangen Oberflächenerkundung kam er schließlich zur Sache und verkündete stolz, dass er vor wenigen Tagen geheiratet habe.
„Wir passen wirklich gut zueinander“, sagte er. „Wir benutzen beide beim Frühstück einen Extralöffel für die Marmelade.“
Ich stutzte. In all den Jahren der Partnersuche hatte ich mich auf Kriterien wie Charakter, Intelligenz und Humor konzentriert, darüber hinaus hatten des Öfteren auch Gesicht, Frisur oder Körperbau einen gewissen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt ausgeübt – das Benutzen eines Extralöffels für die Marmelade indes hatte nie eine Rolle gespielt.
Leicht irritiert kommentierte ich den Satz meines Bekannten mit einem spärlichen „Aha“, mehr wusste ich nicht zu sagen. Das schien meinem Gegenüber keine angemessene Reaktion zu sein, jedenfalls musterte er mich kurz, eröffnete mir dann, dass er nun dringend weiter müsse, drehte sich um und schritt davon.
Ich ohrfeigte mich innerlich für mein fehlendes Einfühlungsvermögen; und um zumindest im Nachhinein einen Hauch von Empathie aufzubringen, versuchte ich, mir in einer Art Gedankenexperiment die Situation meines Bekannten bildlich mit liebevollen Details auszumalen, indem ich mir folgendes Szenario zusammenfantasierte:
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Mit Wittgensteins Enten am Werdersee
Zu Füßen des Huckelrieder Friedhofs schlummerte ich am Deich auf dem Ufergrün des Werdersees über Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus, bis mich laute Rufe und Planschgeräusche aus meinem Nickerchen zurück in die Wirklichkeit jenes Sommerabends zerrten. Ich rieb mir die Augen, schaute aufs Wasser und erspähte hinter dem Schilf eine Horde von Aquazentauren – behelmte Kreaturen jagten auf ihrem schwimmenden Rumpf mit einem Paddel bewaffnet einer neongelben Kugel hinterher.
Ich staunte und fragte mich, was genau diese Kreaturen dort drüben trieben. Auskunft erhielt ich von einem Stockentenpärchen, das sich neben meiner Decke in der Sommerabendsonne wärmte und mir verriet, dass es sich bei den Aquazentauren um ganz gewöhnliche Menschen handle, die sich dem – allen Enten suspekten – Kanupolo widmeten.
Ich dankte den beiden für ihre Auskunft, was ihnen zu gefallen schien, denn sie verfielen in Plauderlaune und berichteten allerlei Werderseeanekdoten von manischen Ruderern, Anglern am Morgen, nacktbadenden Pärchen, Gitarrespielern am Lagerfeuer, nächtlichen Elektropartys, Spaziergängern mit unverschämten Hunden, ausufernden Grillfesten und durch die Gegend flatternden Plastikmüll.
Als ich die zwei um eine abschließende Meinung zu den Werderseebesuchern bat, da verstummten sie – nur der Erpel meinte noch: Wovon man nicht sprechen könne, darüber solle man schweigen! Dann nickten sie mir kurz zu, watschelten Richtung Wasser und verschwanden in der Uferböschung.
DER SPUCKENDE ZWERG

„Es war ein trauriger Tag, als ich in meiner Einzimmerwohnung auf einem Holzstuhl stand. Ich hatte das platt gesessene Sitzkissen heruntergenommen, um nicht darauf auszurutschen. Den Strick hatte ich mit dem einen Ende an einem Dachbalken befestigt, das andere Ende hatte ich zu einer Schlinge gebunden und mir um den Hals gelegt. Der Strick war alt und brüchig; ich konnte nur hoffen, dass er für mein Vorhaben ausreichen würde. Einen besseren Strick hatte ich mir nicht leisten können – auch das Drehbuch meines Abgangs sollte mit der Feder der Armut geschrieben werden. Und das mir, dem vielleicht begnadetsten Poeten unserer Zeit! Glauben Sie mir: Selbst Hölderlin und Nietzsche, meinen von ihrer Zeit verkannten Dichterkollegen, dürfte weniger Leid widerfahren sein als mir.
Mit meinen Armen versuchte ich das Gleichgewicht zu halten, was der Stuhl mit einem spöttischen Knarren kommentierte. Nicht einmal in diesem entscheidenden Augenblicke ward mir Stille gegeben. Des Nachts rumorten die Mäuse auf dem Dachboden und am Tage … an jenem Tage knarrte ein schäbiger Holzstuhl, auf dem ich verharrte, um noch einen letzten Blick auf meinen vergoldeten Bilderrahmen zu werfen, den ich eigenhändig an die Wand genagelt hatte.
Dieser Rahmen umrandete mein Meisterwerk – den Spuckenden Zwerg. Der Spuckende Zwerg war ein Gedicht … Ach, was sage ich: Er war das Gedicht! Der Höhepunkt meines Schaffens!
Damit Sie meinen Stolz besser nachvollziehen können, wäre es an dieser Stelle wohl angebracht, das Gedicht zu zitieren. Also, nun gut:
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Auftakt
Ein großer Schritt für den Autor, ein sehr kleiner Schritt für die Menschheit …
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Komik aus der Tiefe – Max Goldt
Max Goldt präsentiert in seinem Buch „Die Chefin verzichtet“ Kolumnen, Prosa-Miniaturen sowie Bonmots zum ganz alltäglichen Wahnsinn – wie bestickte Jeans, Stänkereien im Internet oder S-Bahn-Fahren mit Fußballfans
Das interessierte Fernsehpublikum versinkt am Abend gern in den Sofakissen, lässt sich von der Fernsehzeitung „inspirieren“ und knipst die Glotze an. Und was bekommt es dort von den Programmmachern serviert? Eine der zahllosen Politiktalkshows, die nur schwer voneinander zu unterscheiden sind – erst recht nicht durch die immer gleichen Gäste, „die die freie Aussicht auf die Stühle mit ihren Körpern verdecken“. „Warum aber haben diese Sendungen so stabile und hohe Einschaltquoten?“, fragt der Musiker und Schriftsteller Max Goldt, um gleich darauf eine einleuchtende Antwort zu präsentieren: „Nun: Man kann ja nicht immer ohne Hund und auch sonst sinnlos durch mangelhaft beleuchtete Vorortstraßen laufen (…) Man guckt, weil man glaubt, ein mit Streitgesprächen über Reizthemen beregneter Mensch sei demokratiefähiger als ein unberegneter.“
Es sind Bonmots wie diese, die Goldt graziös in seine Texte einstreut – Sätze, die aufgrund ihres Witzes, ihrer Leichtigkeit sowie sprachlichen Eleganz beiläufig daherkommen und doch oft mehr Wahrheit über unsere Zeit enthalten als so manche Möchtegern-Gegenwartsstudie. Hier ein weiteres Beispiel: „Darf man hingegen von einer besseren Zukunft träumen? Nein, darf man nicht. Doch man darf sich hinsetzen und sich überlegen, welchen Beitrag man leisten kann, dieses oder jenes Detail des schnöden Weltenganges zu verbessern. Vielleicht fällt einem ja etwas ein.“
Kann man lässiger darauf hinweisen, dass die Welt sich nicht durch das Spinnen glitzernder Visionen verbessert, sondern vor allem dadurch, dass jeder im Kleinen seinen Teil dazu beiträgt? Vielleicht klingt das hie und da ein wenig moralinsauer, aber was ist zu sagen gegen ein paar Funken Moral in der Literatur? In den vergangenen Jahren haben literarische Texte mit einer moralischen Botschaft ja beinahe einen derart schlechten Ruf bekommen wie humoristische. Und das ist durchaus problematisch für Herrn Goldt, denn er ist beides: Moralist wie Humorist.
Vor allem die humorvolle Seite ist es, die Goldt bekannt gemacht hat. Nachdem er in den 1980er Jahren mit seinen Kolumnen in der unabhängigen Berliner Zeitschrift „Ich und mein Staubsauger“ auf sich aufmerksam machte, heuerte er 1989 beim Satiremagazin „Titanic“ an, für das er seitdem eine Vielzahl von Kolumnen verfasst hat. Diese Kolumnen hat Goldt dann regelmäßig als Kompilationen in Buchform veröffentlicht.
Da humorvolle Lektüre – die eventuell sogar so komisch ist, dass man beim Lesen lachen muss – in der Literatenelite stets kritisch beäugt wird, hat es eine Zeit lang gedauert, bis Goldt als Schriftsteller die gebührende Anerkennung gefunden hat. Höhepunkt dieser Anerkennung dürfte die Verleihung des Kleist-Preises im Jahr 2008 gewesen sein. In der Laudatio zur Preisverleihung lobte der Schriftsteller Daniel Kehlmann, dass es bei Goldt „keine oberflächlichen Scherze gibt, daß es die Sprache selbst ist, aus deren Tiefe die Komik aufsteigt“. Und darin unterscheidet sich Goldt von den vielen Comedians, die zwar riesige Hallen oder gar ganze Fußballstadien zu füllen verstehen, deren Humor jedoch das Tiefgründige sowie die Sprachvirtuosität eines Max Goldt fehlt. Dieser Tiefgründigkeit entschlüpft zuweilen eine moralische Botschaft, die den Lesern jedoch nie ins Gesicht geblasen, sondern vielmehr im Vorbeigehen in die Menge geschnipst wird. Deshalb hat Kehlmann während seiner Laudatio Goldt den „unaufdringlichsten Moralisten“ genannt, jedoch nicht ohne ein paar Sätze später auch den „Mut zum Irrsinn und zur Absurdität“ zu preisen. Diese Absurdität, die Goldt mit origineller Formulierkunst in geschliffener Syntax darbietet, ist einmalig in der deutschsprachigen Literatur.
Der Hang zum Schrägen sowie die Freude am Absurden fällt einem bereits beim Blick in das Inhaltsverzeichnis von „Die Chefin verzichtet“ auf. Das neue Buch versammelt typische Goldt-Kolumnen aus den Jahren 2009 bis 2012, Prosa-Miniaturen sowie eine Sammlung von Aphorismen, die sich zu einer „Splitter-Collage“ zusammenfügt. Drei der insgesamt sechszehn Titel seien als exemplarische Beispiele für Goldts Vorliebe für Skurriles genannt: „Ich hatte – verzeihen Sie! – nie darum gebeten, im Schatten einer Stinkmorchel Mandoline spielen zu dürfen“, „Penisg`schichterln aus dem Hotel Mama“ sowie „Am Strand der Birnenwechsler“.
Diese Titel sind sowohl Programm als auch Finte, denn bei jeder der etwas längeren Kolumnen darf man sicher sein, dass Goldt nicht bei einem der in den Titeln angedeutet Themen verharrt. Die Kunst des Abschweifens beherrscht der 1958 als Matthias Ernst in Göttingen geborene Goldt wie kein anderer: Von der Hässlichkeit aktueller Buchumschläge gleitet er hinüber zu Kinderbuchklassikern, für die „ein in Manufactum-Leinenanzüge gekleidetes Restbürgertum“ nostalgietrunken schwärme, schlägt dann einen Bogen zum geografischen Mittelpunkt Deutschlands und endet schließlich mit einer Betrachtung über Moorleichen und Anthropologen, „die im Türrahmen lehnen, allzeit bereit zu sorglosem Plausch über Leben und Tod“.
Wie bereits in einigen seiner Veröffentlichungen gelingt es Goldt auch in „Die Chefin verzichtet“, die Komik offenzulegen, die dem menschlichen Dasein innewohnt. Sicherlich sind seine Kolumnen stets mit ihrer Entstehungszeit verknüpft, weil sie sich auf aktuelle Kulturphänomene, Prominente oder zeittypische Sprachwendungen beziehen – und dennoch haben die Perlen seines Gesamtwerkes etwas Zeitloses. Geschichten wie „Dem Elend probesitzen“ oder „Prekariat und Prokrastination“ aus seinem grandiosen Buch „QQ“ (2008) haben auch vier Jahre nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Gleiches dürfte für die besten Kolumnen seines aktuellen Werkes gelten.
(3.12.2012)
Max Goldt: Die Chefin verzichtet. Rowohlt, Berlin. 160 Seiten, 17.95 €.
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DIE LEGENDE VON DER NEUSTADT

Der Bremer Neustädter hat es nicht leicht: Nacht- und Kulturleben der Hansestadt spielen sich nicht in seinem Stadtteil, sondern auf dem anderen Weserufer im Steintorviertel ab, wo Studenten, selbst ernannte Lebenskünstler sowie stadtbekannte Szenegrößen in ihrer zeitgemäß aparten Kluft über den Ostertorsteinweg flanieren. Besuch von diesen bewunderungswürdigen Wesen sollte der Neustädter nicht erwarten, denn er lebt auf der falschen Seite, die zu betreten einem Viertelbewohner nicht zugemutet werden darf.
„Neustadt? … Neustadt … das ist doch … ist das nicht …?“, fragt der Viertellini ein wenig verwirrt, wenn er auf jenen Stadtteil angesprochen wird, zuckt schließlich mit den Schultern und verschwindet in einer Kneipe am Eck, um der entstandenen Irritation mit ein paar Becks beizukommen.
Neustadt, das ist … ja, ist Bremen, ist jedoch jenseits des Flusses, den der Viertelbewohner lediglich aus der Schräglage seiner Kuschelwiese, dem Osterdeich, kennt. Der Fluss, das ist die Weser, das weiß er wohl – aber dahinter, hinter der Weser?
„Da ist das Café Sand. Das sieht man doch!“
Ja, aber was ist hinter diesem?
„Hinter dem Café Sand soll noch etwas sein?“ fragt er mit aufgerissenen Augen, starrt in den Abendhimmel über dem Stadtwerder und erschaudert beim Gedanken daran, sich in jene Ferne hinauszuwagen und hinabzustürzen in die niedersächsische Provinz, die er dort bisher vermutet hat. Hinter dem Café Sand lauert das Ende seines schnuckligen Biotops, das er nicht freiwillig verlässt, denn wer weiß, ob es eine Rückkehr geben wird, wenn er in die rauen Gefilde der Peripherie vordringt.
Selbstoptimierung für absolute Anfänger
Wer will das nicht – ein besserer Mensch werden?
Doch mit dem Wollen ist das so eine Sache. Man will ja so vieles: früher aufstehen, sich gesünder ernähren, mehr Sport treiben, eine Fremdsprache lernen, eine Familie gründen, die Karriereleiter erklimmen, den Müll rausbringen …
Doch da ist dieser innere Sesselpupser, der gern in Polstermöbeln versinkt, an schokobestückten Keksen knabbert, sich an Kaffeetassen wärmt und in Magazinen blättert.
Wie kann man diesem Schlaffi bloß Unternehmergeist einbläuen?
Auf die Frage gibt es nur eine ultimative Antwort:
MIT SELBSTMANAGEMENT!
Denn Selbstmanagement ist der erste Schritt zur Selbstoptimierung!
Folglich gilt es, den faulen Sack vom Sofa zu stoßen, die Muskeln zu spannen und einen Ablaufplan fürs neue Leben zu skizzieren.
Und so starte ich von nun an jeden Morgen um 5 Uhr mit 30 Minuten Poweryoga in den Tag, frühstücke ein Schälchen Magerquark mit Frischobststückchen, dusche mich eiskalt und setze mich dann für 45 Minuten zum Chinesischlernen an den Schreibtisch, bevor ich mit dem Rad zur Arbeit aufbreche.
So sieht mein Start in den Tag aus – zumindest laut Plan.
In der Realität entwickeln sich des Öfteren unerklärliche Verzögerungen, die meist bereits damit beginnen, dass der Wecker zu leise klingelt, weshalb ich erst um sieben Uhr erwache, erschrocken aus dem Bett stürze, mir meine Klamotten überstreife, zum Bahnhof hetze und im Zug verschwitzt im Sitz klebe, während ich bei einem Coffee-to-go meine Tages-To-do-Liste leicht umstrukturiere.
Am Feierabend eile ich indes voller Tatendrang nach Hause, wo diverse Tagespunkte abgearbeitet werden wollen.
Bevor ich jedoch an meinem Englischwortschatz werkel, das Bad schrubbe und die Joggingschuhe überstreife, gönne ich mir fünf mickrige Minütchen Entspannung auf dem Sofa … auf dem so gemüüüüütlichen Sofa, in dem man so herrlich versinkt …
Und während mir die Augenlider zuklappen, sinniere ich darüber, was das eigentlich ist – ein besserer Mensch. Vielleicht ist das ja einer, denke ich, einer, der …
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