Der Novellenmeister aus Berlin

hartmutLange

Mit „Das Haus in der Dorotheenstraße“ präsentiert Hartmut Lange fünf neue Novellen, die alle im Berlin der Gegenwart spielen und stets das Wundersame in den Alltag schleusen.

Die Literaturkritikerin Ursula März feierte vor Kurzem im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“ die Rückkehr einer nahezu verdrängten Gattung. Nachdem in den vergangenen Jahren im Bereich der anspruchsvollen Belletristik eine Tendenz zu voluminösen Romanen erkennbar gewesen sei, ließen sich in diesem Frühjahr auffallend viele Novellen auf dem Büchermarkt entdecken. Als Beispiel nannte sie unter anderem schlanke Bücher von Jonas Lüscher, Markus Bundi und Clemens Berger.

Einen Namen erwähnte sie allerdings nicht: Hartmut Lange. Vielleicht ist es auch nicht angemessen diesen Schriftsteller als Vertreter eines frisch ausgemachten Trends zu nennen, denn der 1937 in Berlin-Spandau geborene Lange veröffentlicht bereits seit zwanzig Jahren fast ausschließlich Novellen (sein letzter Roman „Selbstverbrennung“ erschien 1982). Diese Beharrlichkeit ist erstaunlich in einer Branche, in der allen möglichen Texten der verkaufsfördernde Roman-Stempel aufgedrückt wird, während die Novelle im Schatten ihres großen Bruders zu verkümmern droht. Und so ist es eine feine Fügung, dass inmitten einer sich andeutenden Novellen-Renaissance der Novellist par excellence mit dem schmalen Band „Das Haus in der Dorotheenstraße“ fünf neue Novellen vorlegt.

Alle fünf Geschichten spielen im Berlin der Gegenwart, genauer: in der Umgebung des 38 Kilometer langen Teltowkanals. Keiner der Texte umfasst mehr als 35 Seiten und dennoch unterstreicht jeder Einzelne, dass Lange ein Meister der kurzen bis mittellangen Form ist. Die Novellen des studierten Dramaturgen muten auf den ersten Blick wenig spektakulär an: Es gibt nicht viel und vor allem keine spannungsgeladene Handlung. Im Zentrum stehen gewöhnliche Menschen, die routiniert ihren Alltagshandlungen nachgehen, bis – und da setzt dann doch die Spannung ein – eine plötzlich aufflackernde Irritation dazu führt, dass sich Zweifel in ihre Selbstgewissheit mischen.

So ergeht es unter anderem Andreas Schmittke, dem Bürgermeister des brandenburgischen Städtchens Teltow. Der pflichtbewusste Mittvierziger engagiert sich sowohl für die Jugend als auch für die Senioren seiner Gemeinde, verzichtet bescheiden auf einen Dienstwagen, geht freundlich auf seine Wähler zu und widmet sich zudem am Feierabend liebevoll seiner Familie. Alles scheint in bester Ordnung. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem sich eine Krähe auf dem Rücksitz seines Peugeot eingenistet zu haben scheint: „Er hatte das Gefühl, es säße ihm jemand im Rücken. Es war ein in sich geduckter, überaus schmaler Schatten, und Andreas Schmittke weigerte sich, in den Rückspiegel zu sehen, um zu überprüfen, ob es eine Krähe war.“

Auch in den folgenden Tagen ist Schmittke bemüht, diesen seiner Vernunft spottenden Schatten zu ignorieren, doch von Tag zu Tag wächst die Irritation. Der bis dahin durch und durch rational agierende Mann beginnt zu zweifeln, irrationaler zu handeln und seine Verpflichtungen zu vernachlässigen. Die Krähe, die außer ihm niemand zu Gesicht bekommt, nistet sich als düsterer Schatten in seinem Leben ein.

Auch die anderen Protagonisten in Langes Geschichten werden mit irrealen Ereignissen konfrontiert, die sich in ihren durchrationalisierten Alltag einschleichen. Ein nach London versetzter Journalist erreicht unter der Mobilnummer seiner in Berlin gebliebenen Ehegattin nur noch einen fremden Mann, ein Hotelberater verwandelt sich in den Augen seiner Frau immer mehr in eine flüchtige Silhouette und ein Spaziergänger trifft im Wald auf eine verstorbene Cellistin.

Stets verändert ein Überraschungsmoment den Verlauf der konzentrierten Handlung. Damit stehen Langes Novellen in der Tradition seiner großen Vorgänger des 19. Jahrhunderts, als das deutschsprachige Novellenschaffen unter Kleist, Goethe, Mörike und vielen anderen seinen Höhepunkt erreichte. Auch Langes Sprache orientiert sich an den Klassikern und wirkt an vielen Stellen beinahe altmodisch. Er beherrscht einen kultivierten Stil, die Variation der Sätze und eine klare Schreibweise, die mit Präzision das Wesentliche fokussiert. Er verzichtet auf überbordende Manierismen oder Psychologisierungen, ist jedoch stets ausgestattet mit einem Gespür für entscheidende Auslassungen, die der Fantasie des Lesers viel Freiraum gewähren.

Einige seiner Geschichten verströmen durch das Wundersame, das ihnen innewohnt, etwas Märchenhaftes. In der Novelle „Die Ewigkeit des Augenblicks“ wirken Anfang und Ende am Kanalufer rätselhaft. Dort beobachtet der Architekt Michael Denninghoff die Krähenschwärme, die jeden Abend pünktlich um acht Uhr am Himmel auftauchen. Denninghoff hat nach dem überraschenden Tod seiner Frau ihre Asche auf dem Meer verstreut, die gemeinsame Wohnung verlassen und den Beruf gewechselt. Als Taxichauffeur versucht er sich mit der neu erworbenen „Freiheit zum Hierhin und Dorthin“ von seiner Trauer abzulenken: „Hinter den Scheiben ringsherum begann die Welt, und man war, man brauchte nur mit dem Fuß auf das Gaspedal zu drücken, ständig unterwegs.“ Doch das permanente Unterwegssein vermag nicht die Leere zu stopfen, die der Tod seiner Frau mit sich gebracht hat. Denninghoffs Versuche, seinem Leben neuen Sinn einzuhauchen, scheitern und er verschwindet schließlich hinter dem Staudenknöterich am Teltowkanal.

Wie bereits in früheren Novellen Langes verwischen sich hier die Grenzen zwischen transzendenter und realer Welt. Es ist nicht zuletzt dieses Merkmal, das den zarten Zauber der Texte ausmacht. Die fünf neuen Novellen aus „Das Haus in der Dorotheenstraße“ stehen damit anderen bekannten Novellen Langes – wie „Das Konzert“ (1986), „Die Wattwanderung“ (1990) oder „Die Bildungsreise“ (2000) – in nichts nach. Hartmut Lange ist und bleibt der Novellenmeister.

Hartmut Lange: Das Haus in der Dorotheenstraße. Novellen. Diogenes, Zürich. 128 Seiten, 19.90 €.

(Mai 2013)

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Süßer Stillstand

schnecke

„Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet […], immer dachte ich zurück, und immer wollte ich Stillstand, und fast jeden Morgen hoffte ich, die schöne Dämmerung würde sich noch einmal wiederholen.“

Wolfgang Herrndorf, Arbeit & Struktur

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nostalgische Ping-Pong-Pub-Posen

Tischtennisplatte

round round get around

Rundlauf spielen im Hinterhof um zwei Uhr nachts. Mit einem Tischtennisschläger in der Hand um eine Platte rennen und einen kleinen weißen Ball von der einen Seite übers Netz auf die andere Seite schlagen – das ist immer noch möglich … auch für die, die inzwischen zum alten Eisen gehören, ist der Ball immer noch rund, die Platte grün und der Schläger mit zwei Seiten ausgestattet. Wenn dann beim Rundrennen auch noch Tocotronics „Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam“ aus den Verstärkerboxen scheppert, treibt das den Puls zusätzlich in die Höhe.

my heart is a beating drum

Ziemlich aus der Puste. Endlos müde trotz Mate. Restlos durchgeschwitzt – doch nach dem Finale mit einem Glückseligkeitslächeln auf den Lippen … zumindest für 10-20 Sekunden … dann … tock … tock … tock … kündigt sich der nächste Aufschlag an, wird mit der Schlägerkante auf die Tischplatte geklopft.

Das ist das Zeichen! Neue Runde. Neues Glück. Alle laufen wieder los.

The Ping-Pong-Pub is back.

round round get around

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Goetzsche Hochgeschwindigkeitsmonologe

hastingshafengewirr

Wer Rainald Goetz zum ersten Mal beim Reden zuhört & zuschaut, könnte möglicherweise auf den Gedanken kommen, dass dieser Mann komplett irre sein muss (ein hyperaktiver Hampelmann, der in seinem Hochgeschwindigkeitsmonolog Breschen in jegliche Stille zu labern vermag), bis nach einigen Minuten genauen Hinhörens plötzlich die Vermutung im Hirn des Zuhörers aufkeimt, dass dieser Mann komplett genial sein muss (diese brillanten, allerlei Volten schlagenden Satzgirlanden, die er so emphatisch ins Publikum zu schleudern versteht, sind einfach unnachahmlich). Die Wahrheit, die es (in diesem Falle zumindest) nicht gibt, liegt (wie so oft) vermutlich, nirgendwo dazwischen …

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Wort der Woche

fernrohr

Monumentalmumpitz

 

 

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Eigene Texte sind meist Mist

pisamüllcontainer

„So wie Universität generell dazu da sein sollte, Gedankenresultate zu verhindern – denn das ist Bildung in der Praxis: das Wissen, dass es nicht reicht, sich selber ein bisschen was auszudenken, zu erfahren, zu respektieren und sich davon einschüchtern zu lassen –, so sollte es Aufgabe dieser Poetikdozentur sein, das Entstehen von Texten zu verhindern. Vielleicht kann man in manchen Fällen sogar Gründe dafür finden, aber auch diese Gründe sind eigentlich uninteressant. Interessant ist: Die meisten Texte sind Mist. In allererster Linie natürlich gerade die vor einem selbst entstehenden eigenen Texte. Fast immer Mist. Schlecht. Schwach. Unbrauchbar. Warum? Ich weiß es nicht.“

Rainald Goetz in seiner Antrittsvorlesung „Leben & Schreiben – Der Existenzauftrag der Schrift“ im Rahmen der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ an der Freien Universität Berlin.

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Ein Freund Benjamins

Anne Weber

Anne Weber spürt ihrem Urgroßvater nach

Nicht jeder vermag, wenn er seinen Stammbaum entfaltet, auf einen Vorfahren verweisen, der mit Walter Benjamin, Martin Buber und Hugo von Hofmannsthal befreundet war. Die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber hat mit Florens Christian Rang indes tatsächlich einen Urgroßvater, der mit diesen Geistesgrößen rege verkehrt hat. Was läge da näher, als hinabzutauchen in die Familiengeschichte, um zu ergründen, wer genau dieser Mann war?

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Irre Rasierklinge

fingerzeig

Alles so 80er im Jahre 1983 in Klagenfurt, im ORF, auf der Bühne, auf dem Kopf von Rainald Goetz; doch nicht im Kopf von Goetz: erst der Schnitt mit der Rasierklinge durch die Haut auf der Stirn – & kein Bachmannpreis dafür, aber Lob von MRR, und später dann den Georg-Büchner-Preis. So geht das also. Irre!

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Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

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Im Gewirr der Erinnerungsfäden

BodrozicIn Marica Bodrožićs Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ blickt eine Frau wider Willen auf ihr Leben zurück und fragt sich, ob sie es wirklich gelebt oder vorbeiziehen lassen hat.

Über die Nachrichten erfahren wir fast täglich von Menschen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. Ob aktuell in Syrien, dem Kongo oder in den Neunzigerjahren im ehemaligen Jugoslawien – immer wieder fliehen Menschen ins Exil, um dem Krieg zu entkommen. Auch Arjeta Filipo ist eine Heimatlose. Zwar hatte sie sich bereits vor dem Ausbruch des Krieges in ihrer dalmatischen Heimat für ein Studium in Paris entschieden, doch der Krieg lässt sie zu einer Exilantin wider Willen werden. Während sie in der Stadt der Liebe Philosophie studiert, Milchkaffee schlürft und sich auf eine Affäre mit einem Maler einlässt, muss ihre Familie in der belagerten Heimatstadt ausharren. „Meine Mutter und mein Vater sind in der Stadt geblieben. Keller. Ängste. Granaten. Hunger. Feuer. Flammen. Überall Flammen. Fensterlose Häuser. Ich hingegen darf in Paris spazieren gehen (…) Ich esse Croissants. Sie schmecken gut. Ich kann sie nicht mit Mutter und Vater teilen.“

Arjeta ist die Protagonistin in „Kirschholz und alte Gefühle“, dem neuen Roman der deutsch-kroatischen Schriftstellerin Marica Bodrožić. Sowohl das Aufwachsen in Dalmatien als auch das Leben in der Fremde teilt Bodrožić mit der Hauptfigur ihres Romans. Sie wurde 1973 im ehemaligen Jugoslawien geboren und lebte bis zum zehnten Lebensjahr mit ihrem Großvater in dem Dorf Svib nahe der kroatischen Küstenstadt Split. 1983 siedelte sie nach Hessen um, besuchte dort die Schule und lernte die deutsche Sprache, in der sie ihre Gedichte, Erzählungen, Essays und Romane schreibt.

Die Landschaft ihrer Kindheit sowie ihr besonderes Verhältnis zur deutschen Sprache – ihrer „zweiten Muttersprache“ wie sie selbst sagt – prägen ihr bisheriges Werk. Insbesondere ihre frühen literarischen Arbeiten sind in Dalmatien angesiedelt, aber auch in „Kirschholz“ spielen die Adria wie das Hinterland jener Region eine wesentliche Rolle. Ihre Beziehung zur deutschen Sprache lotet sie in „Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern“ aus. In diesem autobiografischen, 2007 erschienen Prosaband beschreibt sie, wie sich die klaffenden Sprachlücken nach und nach mit Wörtern füllen. Für dieses Buch wurde sie mit dem „Initiativpreis Deutsche Sprache“ ausgezeichnet. Ebenso erhielt sie für andere literarische Arbeiten mehr als ein Dutzend weiterer Preise wie Stipendien.

Für ihren 2010 erschienenen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“ erhielt sie außerdem viel Lob vom Feuilleton. Das Buch bildete den Auftakt einer Trilogie. „Kirschholz“ ist nun der zweite Teil, der jedoch ganz losgelöst vom ersten gelesen werden kann (in dem Arjetas Freundin Nadeshda von ihrer Amour fou mit dem Serben Ilja erzählt). In „Kirschholz“ hingegen tritt uns Arjeta als Icherzählerin gegenüber. In ihrer frisch bezogenen Dachgeschosswohnung in Berlin-Charlottenburg beugt sie sich über den massiven Kirschholztisch ihrer Großmutter und wühlt in einem Stapel unsortierter Fotos, die ihre Mutter zuvor in Plastiktüten gestopft und bei ihr abgeliefert hat. Arjeta hatte nicht um die Fotos gebeten und genauso wenig hat sie sich die Erinnerungen gewünscht, die nun ihren Kopf überfluten. Das Chaos der Fotos auf dem Tisch entspricht dem Chaos ihres Gedächtnisses – und ebenso chaotisch assoziativ erzählt Arjeta ihre Geschichte. Sie folgt dabei keiner Chronologie, sondern springt hin und her zwischen Ereignissen ihrer Kindheit und Erlebnissen in Paris oder Berlin. Misstrauisch gegenüber der Zeit verabschiedet sich Arjeta von einem zeitlich geordneten Erzählen: „Der Sinn der Linearität, unerfragt, ist unter dem Asphalt begraben worden.“

Arjetas Erzählung besteht aus einer Vielzahl winziger Wirklichkeitssplitter, die sich allmählich zu einem Mosaik zusammenfügen – das jedoch unvollständig bleiben muss. Die assoziative, lückenhafte Erzählform ist ein angemessener Ausdruck für die sprunghafte wie unvollkommene Art des Erinnerns. Auch der Sprachstil unterstützt das Mäandernde des Erinnerungsstroms und variiert zwischen mal poetisch hingegossenen, mal knappen Sätzen, die wie Hammerschläge in die Gedankenfäden knallen.

Inmitten des Gewirrs gibt es mehrere Orientierungspunkte. Da ist zum einen die Familie der Erzählerin. Arjeta berichtet von ihrem Onkel Milan, der antifaschistische Denkmäler baut und schließlich wegen einer russischen Zeitung mit seiner Frau Sofia nach Paris fliehen muss; sie schildert, wie ihre Brüder beim Fußballspiel auf eine Mine treten und wie ihre Mutter versucht, die Zivilisation gegen den Krieg zu verteidigen. Zum anderen sind da Arjetas Freundinnen Hiromi und Nadeshda, mit denen sie in Paris eine Wohnung teilt, oder ihr viel älterer Freund Mischa Weisband, mit dem sie eine Leidenschaft für Vögel und Bäume verbindet. Und da ist Arik, ein Fotograf und Maler, in den sich Arjeta in Paris verliebt, der jedoch nie für einen längeren Zeitraum für sie da zu sein vermag.

Von ihren Beziehungen zu diesen Menschen erzählt Arjeta als knapp Vierzigjährige an den ersten sieben Tagen in ihrer neuen Wohnung in Berlin. Sie sitzt an ihrem Tisch, ihrer „kleinen Sonnenstation“, und blickt leicht widerstrebend zurück. Doch bei aller anfänglichen Gegenwehr versteht sie schließlich, dass das Erinnern ein notwendiger Akt ist, um sich zu lösen und neu zu beginnen. „Ein neues Leben“, sagt sie, „ist immer die Summe eines alten“.

Während sie ihre Vergangenheit betrachtet, begreift Arjeta, dass sie ihrem eigentlichen Leben stets ausgewichen ist, indem sie sich ein ideales erträumt hat. So steht gegen Ende des Romans die entscheidende Frage im Raum, ob man als Mensch nicht allzu häufig das Hier und Jetzt vorbeiziehen lässt, weil man auf ein anderes, ein besseres Leben hofft: „Welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes ersehnen?“

Marica Bodrožić: Kirschholz und alte Gefühle. Luchterhand, München. 224 Seiten, 19.99 €.

(Januar 2013)

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