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Menü à la Sarrazin

mauerblick

Wer nicht arbeitet, der hat auch keinen großen Hunger. Das dachte sich wohl Thilo Sarrazin, als er einst zum Wohle der Berliner Senatskasse einen Speiseplan für Hartz IV-Empfänger austüftelte, der diesen vor Augen führen sollte, wie leicht sich mit dem vom Staate gespendeten Tagessätzen anständig haushalten ließe, wenn man nur wirklich wolle. In der realen Lebenswelt nach Sarrazins Vorstellungen verwirklicht, könnte der Plan dem Alltag der Angesprochenen in etwa folgende Struktur verleihen:

Den Tag begrüßt Hartzi mit zwei Aufbackbrötchen, auf die er jeweils zwei Gramm Butter schmiert; zwischen die ersten beiden Hälften klemmt er dann eine Scheibe Käse, während er auf den anderen beiden 5 Gramm Marmelade verteilt – dabei trinkt er seine erste Tasse Pfefferminztee.

Falls der Magen nach diesem Morgenmenü wider Erwarten noch immer sanft grummeln sollte, zaubert Hartzi die sarrazinschen Joker aus dem Frühstückskorb: einen Apfel aus dem 2-Kilo-Sack sowie ein Glas Orangensaft aus Orangenkonzentrat. Eine zweite Tasse Tee darf er sich ebenfalls gönnen (bei Bedarf zur Abwechslung gern auch einen Schwarzen Tee); Kaffee gibt’s jedoch erst am Nachmittag, damit Hartzi was hat, auf das er sich den ganzen Tag freuen kann.

Nach dem Frühstück packt Hartzi seine kleine, einst auf dem Flohmarkt ergatterte Taschenwaage ein und begibt sich auf einen Verdauungsspaziergang zum Aldi (man hat ja Zeit). Dort füllt er seine mitgebrachten Tupperdöschen mit 100 Gramm Hack für 38 Cent, 125 Gramm Spaghetti für 15 Cent sowie 200 Gramm Tomatensoße für 40 Cent. Anschließend schlendert er mit seinen exakt abgewogenen Nahrungsmittelmengen an den Spirituosen- und Süßwaren-Regalen vorbei zur Kasse, um die genau berechneten 1,03 Euro fürs Mittagessen zu zahlen, das er zu Hause eigenhändig in der Pantryküchennische zubereitet und sich schließlich zu einem Glas Leitungswasser munden lässt.

Anschließend studiert er die Werbeblätter von Aldi, Lidl und Penny, um zu gucken, ob nicht vielleicht irgendwo Butter oder Marmelade im Angebot ist, denn das liebste Hobby unseres Hartzis ist das Kostenreduzierungsspiel, auch „Schlag den Sarrazin“ genannt. Ziel ist es, noch unter den veranschlagten sarrazinschen Tagessatz zu bleiben, damit ein paar Cent für Luxusartikel wie eine Tafel Schokolade übrig bleiben, die sich Hartzi dann am Wochenende genehmigen darf.

Nachmittags kocht er sich endlich seine wohlverdiente Tasse Kaffee und holt einen 29-Cent-Joghurt aus dem Kühlschrank. Da klingelt es. Unangekündigter Besuch vom Thilo, der mit leeren Händen vor der Tür steht und grinst. Hartzi heißt ihn willkommen und bietet ihm eine halbe Tasse schwarzen Kaffee sowie fünf Löffel Joghurt an. Gemeinsam lassen sich die beiden ihren Nachmittagssnack schmecken und diskutieren dabei heiter über die aktuellen Aldi- und Lidl-Schnäppchen.

Gegen 19 Uhr will Hartzi sein Abendbrot zubereiten und schaut leicht verlegen seinen Freund Thilo an, der keine Anstalten macht, wieder nach Hause zu gehen. Also lädt unser Hartzi ihn auch zum Abendbrot ein, serviert ihm ein Viertel Gurke, 50 Gramm Kartoffelsalat sowie 47,5 Gramm Leberkäse.

Und jetzt noch ein schönes Bier!“, sagt der Thilo, und unser Hartzi nickt, schenkt jedoch Leitungswasser ein, denn eine Flasche Bier steht erst am Wochenende auf dem Speiseplan. In der Woche ist das eh Unfug, denn wer nicht arbeitet, hat auch keinen Feierabend, und wer keinen Feierabend hat, der braucht auch kein Feierabendbier. Basta!

Gegen 21 Uhr verabschiedet sich der Thilo von seinem Freund, um in irgendeiner Kneipe noch seinen Bier-Brand zu stillen. Hartzi hingegen bleibt zu Hause. Wieder allein in seiner Einzimmerwohnung setzt er sich auf seinen Lieblingsstuhl ans Fenster, schaut auf die Hochstraße, zählt die Audis, BMWs und Mercedesse und freut sich auf den nächsten Tag – denn da erwarten ihn eine Banane, eine Gemüsesuppe, zwei Scheiben Brot und sogar zwei Tassen Filterkaffee. Sarrazin sei Dank!

Anmerkung der Redaktion: Alle im Text verwendeten Klischees wurden bewusst gewählt, in der Hoffnung, dadurch Sarrazins Vorstellungen möglichst nahezukommen. Wer sich dennoch daran stört, möge das bitte entschuldigen oder sich direkt bei Herrn Sarrazin beschweren.

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Gerollte Kinderwurstscheiben

Rübe ab

Die gerollte Scheibe Mortadella, die aus der Hand des Wurstfachverkäufers über den Tresen in die Kinderhand wandert („Na Kleiner, willst du eine Scheibe Kinderwurst?“). Gibt es das eigentlich noch? Bin in meiner Kindheit deswegen früher gern zum Metzger gegangen, auch wenn mir das Wort Mortadella fremd war – wir nannten das immer Kinderwurst, die Wurst für Kinder (später lächelte von diesen Wurstscheiben gar, vollkommen „kindergerecht“, ein drolliges Gesichtchen). Neben den üblichen Metzgereien gab es in unserem Ort noch einen speziellen Schlachter, der Pferdewürste verkaufte – das waren aber keine Würste für Pferde … Sprachkuriosa:-)

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Genialer Bart mit Witz

Harry2

Eines Tages wird man sich für jeden Kalauer, den man ausgelassen hat, verantworten müssen.“ Der Penner aus der Lindenstraße hat das mal gesagt. Natürlich nicht in dieser nicht totzukriegenden Sonntagabendserie, wo er eben den liebenswürdigen Tippelbruder mimte, sondern im „echten Leben“, in dem er zwar zuweilen mit einem Clochard verwechselt wurde, aber vor allem in ganz anderen Rollen glänzte: als famoser Erzähler, kongenialer Übersetzer und hammermäßiger Rezitator, der mal eben so ganz lässig die prall gefüllte Kesselhalle des Bremer Schlachthofs in eine Ein-Mann-Arena verwandelt.

Habe das vor ein paar Jahren live erlebt, wie der wandelnde Bart auf der Bühne im Rampenlicht hinter einem Tisch hockt, eine Geschichte vorzulesen beginnt und sich abrupt mitten im Satz selbst unterbricht, indem er eine Anekdote einschiebt, die er en passant über eine Strecke von vier oder fünf Minuten gemächlich entspinnt, als wäre er gerade nicht mitten in einem anderen Text gewesen, den er dann allerdings nach Abschluss der Anekdote exakt dort fortsetzt, wo er sich selbst ins Wort gefallen war. Spätestens da habe ich begriffen, dass da eine ganze Menge Genialität hinter dem Graubart steckt, auch wenn ich Harry Rowohlt immer nur mit Bart denken kann. Sein Kollege F. W. Bernstein hat diese Bartaura in einem Interview zu Rowohlts Siebzigsten auf den Punkt gebracht: „Wie die meisten Menschen bin auch ich Harrys Bart begegnet, bevor ich Harry begegnet bin.“

Der Bart war natürlich auch das Erste, was ins Auge stach, als er damals auf die Bühne trat, aber seine Stimme und sein Witz übernahmen dann schnell die Hauptrollen. Die Lesung an dem Abend war zwar nicht mehr das legendäre „Schausaufen mit Betonung“, weil er zu dieser Zeit schon keinen Alkohol mehr trank, doch seiner Stimme wollte ich die Enthaltsamkeit gar nicht so recht abnehmen, denn da klangen immer noch die endlosen Liter Whiskey mit, die über all die Jahre die Kehle hinabgerauscht waren. Diese tief grollende Seebärstimme, die ohne Ende Kalauer und Anekdoten raushaute – zum Beispiel eben jene von einer Lesung in einem Theater, in das ihn der Türsteher nicht reinlassen wollte, weil er ihn für einen Penner hielt und nicht für den geladenen Schriftsteller, der an diesem Abend im Theater lesen sollte.

Ich wünsche Harry Rowohlt, dass ihm die Türsteher jetzt keinen Ärger bereiten, sondern ihn reinlassen in die Literaturkneipe, in der er dann hoffentlich mit Ernest Hemingway, Flann O’Brian, Dylan Thomas und all den anderen Größen, die er übersetzt hat, mit einem Glas Whiskey anstoßen, die Köpfe zusammenstecken und über Literatur schwadronieren darf. In diesem Sinne: Prost!

Anmerkung:

Sorry, die letzte Szene ist natürlich Kitsch, doch was soll man schreiben – ist halt scheiße, dass der Mann jetzt schon tot ist, wo so viele andere Nasen doch inzwischen neunzig oder noch älter werden …

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Mit Nietzsche auf einem Tiger in Träumen hängend

Kran

Vorgestern mit Nietzsche stumm auf meinem Sofa gesessen. Er fingerte minutenlang in seinem Walrossschnauzbart herum, bis er endlich eine Papierrolle zwischen den Schnurbarthaaren hervorzog, sie entrollte und einige Minuten (vor sich hinbrummend) studierte (während ich vergeblich versuchte, einen Blick auf das Geschriebene zu erhaschen); dann nickte Nietzsche und murmelte: „Hm, ach ja … das hätte ich durchaus zu Lebzeiten veröffentlichen können.“

„Was denn?“, fragte ich.

„Diesen Aufsatz über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn.“

Ich nickte eifrig. „Ja, wunderbarer Aufsatz, ist aber tatsächlich noch erschienen, bevor Sie das Zeitliche gesegnet haben“, sagte ich, und Nietzsche feuerte einen feurig bösen Blick in meine Richtung und sagte: „Wer hat Sie denn gefragt!“

Da verstummte ich sogleich, obwohl wir ja auf meinem Sofa saßen … aber hey: Das war nicht irgendwer neben mir, das war Friedrich Wilhelm Nietzsche!

Nachdem er erneut einige Minuten stumm da gesessen hatte, sah er mich wieder an (dieses Mal ganz milde) und fragte: „Was halten Sie von dieser Stelle? Was weiss der Mensch eigentlich von sich selbst! Ja, vermöchte er auch nur sich einmal vollständig, hingelegt wie in einen erleuchteten Glaskasten, zu percipiren? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, selbst über seinen Körper, um ihn, abseits von den Windungen der Gedärme, dem raschen Fluss der Blutströme, den verwickelten Faserzitterungen, in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg: und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte und die jetzt ahnte, dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seine Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend.“

Ich nickte wieder eifrig: „Ja, genau diese Stelle! Genau diese Stelle!“, sagte ich und steigerte mich hinein in einen Monolog über die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens nach absoluten Wahrheiten sowie die Fähigkeit des Menschen, sich mit Selbsttäuschungen über seine eigene Beschränktheit hinwegzutrösten; und während ein Wortschwall unaufhaltsam aus meinem Munde schwappte, saß der große Friedrich Wilhelm Nietzsche neben mir auf meinem Sofa … und Nietzsche, Nietzsche schnarchte.

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Bunter Schlüpfer im Terrarium

Dublin

Sommertag mit Wind, der Wolken vor sich hertreibt und durch das offene Fenster in meine Dachkammer pustet und Schreibblätter aufwirbelt. Auf dem Sofa genieße ich die Stille, die an diesen Nachmittag nur ein einziges Mal durchbrochen wird. Die Nachbarn im Haus gegenüber stehen im sechsten Stock hinter der Glasfront in der Küche ihres Appartments und schreien sich gegenseitig an – Pärchenzwist im Terrarium.

Sie im rosafarbenen Shirt und bunten Schlüpfer, er in mondänem Schwarz zwischen dem froschgrünen Plastikmobiliar, das mit Schaffellen bespannt ist. Monoton fuchtelt er mit seinen Händen in der Luft herum und brüllt so laut, dass sich seine Stimme überschlägt.

Nach Minuten des Brüllens und Fuchtelns verzieht er sich auf die Dachterrasse, brüllt ein letztes Mal in die Wohnung hinein und lehnt sich dann mit seinen Armen aufs Holzgeländer, an dem ein von ihm angebrachtes olivfarbenes Transparent hängt, das in weißen Großbuchstaben verkündet: LIEBE WIE DU LEBST.DE

 

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Zuhörerverachtung versus Publikumskopfschütteln

weserhausflur

Kein Bock auf Lesen vor Publikum scheint Helmut Krausser zu haben. Lustlos fläzt er sich auf den Stuhl, blättert in seinem Gedichtband, murmelt irgendwas vor sich hin. Zum Lesen im Stehen scheint die Energie nicht auszureichen.

„Ich lese lieber im Sitzen.“

Oder noch lieber – gar nicht?

Der nächste Gedichtband wird gut“, soll er mal gesagt haben, „aber Gedichte liest ja kein Mensch.“

Scheint er aber nicht gern zu hören, Zitate aus seiner Vergangenheit zur Begrüßung aus dem Munde der Moderatorin.

Tja, was soll ich dazu sagen.“ Das ist seine Begrüßung des Publikums, dem er dann ein Zorngedicht vorliest. Danach ist er wieder am Blättern.

Diese Gedichte kann ich euch nicht zumuten, aber welche aus der U-12-Abteilung. Kindergedichte.“

Davon liest er dann drei, vier, und noch ein Zorngedicht zum Abschluss, in dem das lyrische Ich einer Frau aus Eifersucht gern den Schädel spalten würde.

Eine Zuhörerin mit weißem Haar und grauer Strickjacke schüttelt zu jedem Vers dieses Gedichts den Kopf und hält auch dann noch die Arme vor der Brust verschränkt, als alle anderen Schlussapplaus spenden und Krausser sich auf der Bühne zweimal verbeugt vor seinem Publikum …

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Wurstgulasch im Wok – Let´s dance

weserhausfesnterblick

Jenseits der Glasfront des Weserhauses winken die Blätter der Bäume, dahinter kräuselt sich das Wasser der Weser und vorne im Raum steht eine australische Lyrikerin am Sonntagmorgen auf der Bühne und liest ein Gedicht über mexikanische Sturmwolken (oder habe ich das Gedicht später bloß in ihrem Buch Aria gelesen und im Nachhinein in meine Erinnerung reingeschmuggelt, weil es zum dauerbedeckten Bremer Himmel passt?).

Draußen, zwei Stockwerke tiefer, braucht ein Smart gefühlte fünf Minuten, um in einer Lücke einzuparken, in der vorher ein doppelt so langer BMW-Kombi stand. Erwarte gespannt, wer da aussteigen wird (es gibt da ja so Geschlechterklischees, denen man selbst schnell zu erliegen droht). Die Türen öffnen sich: Eine Frau um die fünfzig steigt aus – auf der Beifahrerseite. Ein Mann um die fünfzig, mit Käppi auf dem Kopf, auf der Fahrerseite.

Auf der Bühne jetzt Personenwechsel. Zwei deutsche Phrasen kennt der vielfach preisgekrönte Lyriker aus Costa Rica:

1) „Wie viel kostet das?“

2) „Eine Tüte, bitte.“

Das genügt doch eigentlich auch. Erst bezahlen, dann eintüten – zum Beispiel einen Band mit diesen kurzen Poemen, die von Bierflaschen auf Tischen, angeketteten Nachbarshunden oder Essensreste im Wok erzählen, oder vom Brummen der Kühlschränke, das ganze Familien einzulullen vermag. Oder einen der sechszehn Lyrikbände des derzeitigen Präsidenten des Litauischen Schriftstellerverbandes, der ein „Peitschenlachen“ in seinen sanften Versen aufknallen lässt.

Vor der Pause ein schlecht gelaunter Schriftsteller, der zuletzt eine Gebrauchsanweisung für den FC Bayern geschrieben hat. Nach der Pause schmettert der Festivalgitarrist ein Ringelnatzlied und animiert das Publikum zum Mitsingen.

„Oh hey, oh ha“, singen alle … na ja, fast alle.

Danach die vom BDI ausgezeichnete Poesiepreisträgerin 2015, die in ihren Gedichten Wolken wäscht, Wurstgulasch auftischt und Homer, Beatles und Holden Caulfield durch ihre Verse huschen lässt, während die Förderpreisträgerin des Bremer Literaturpreises 2015 in ihren Poemen den Wind Schwalben vom Draht reißen lässt und die jüngste Dichterin des Festivals mit dem Klang des Finnlandschwedischen einen neuen Sound in den Mittag mischt.

Zum Abschluss tritt der „Rockstar des Dialekts“ auf die Bühne. Ein Schweizer Riese, der mit Schwyzerdeutsch und Französisch den Klang der Sprache erforscht und über die Maulfaulheit seiner Landsleute sinniert („Stumm, aber effizient.“), und zwar zu den Bluesakkorden des Festivalgitarristen, der gemeinsam mit dem Mundartdichter zum Ende hin derart die Lyrik rockt, dass man geradezu mittanzen könnte. Bluesrockpoems. Schlussapplaus.

Im Treppenhaus wieder die Fotografin, die eine Dichterin dirigiert. Draußen ein Männertrio mit bunten Helmen und Radlerhosen auf Citybikes, an dessen Lenker Fahrradtaschen und eine Stadtkarte geklemmt sind. Einer zeigt auf die Gastro im Erdgeschoss des Weserhauses.

„Pause, hier können wir ein Bier trinken.“

Prost.

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Wie ein Hollywoodstar vor Beton

shakeshof

In der Pause des zweiten Poesiemarathons ein wenig abseits: Fotosession mit dem Mitbegründer der Wiener Gruppe auf dem Schulhof vor dem Theater. Der Poet im Maiabend vor der Schulhausfassade, während die Vögel zwitschern – was aber niemand, der später die Fotos sieht, wissen wird, aber die Vögel wissen ja auch nichts von den radikalen Sprachexperimenten des Mannes, der sich von der Fotografin dirigieren lässt, während die anderen Dichter*innen & ihre Zuhörer*innen vor den Türen stehen und nach Luft oder Nikotin schnappen, drinnen vor der Theke oder den Toiletten Schlange stehen, den Büchertisch belagern oder mit dem Stift in der Hand von den Protagonist*innen des Poesie-Events Unterschriften verlangen.

(Zwischenspiel: Zwischenstand zur gleichen Zeit in einer anderen Stadt, die auch mit B beginnt: 3 zu 1 auf dem Grün, 3 zu 1 für die Volkswagentruppe gegen die Klopp-Elf. Kein Pokal auf dem Borsigplatz zum Abschied).

Stellen Sie sich doch mal so hin.“ Die Fotografin gibt Regieanweisungen. „Sie wissen schon, so wie die Hollywoodschauspieler.“ Sagt sie zu dem 85-jährigen Wiener Preisträger des Großen Österreichischen Staatspreises für Literatur (Thomas Bernhard hingegen hat nur den Kleinen Staatspreis bekommen – was er damals mit Ende dreißig als „Demütigung“ durch lauter „katholische und nationalsozialistische Arschlöcher“ empfunden habe; doch angenommen hat er den Preis dennoch, da er kein Aufsehen habe machen wollen und zudem nicht gewillt gewesen sei 25.000 Schilling abzulehnen. „Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein“, so Bernhard, der aber ja schon längst tot ist, viel länger, als es poetry on the road gibt und der hier, in diesem Text über das Festival, dementsprechend eigentlich gar nichts zu suchen hat – aber wenn man über Literatur spricht, sollte man dann nicht immer zumindest eine kleine Thomas Bernhard-Anekdote aus der Tasche ziehen?).

So wie die Hollywoodschauspieler. Klick. Klick. Klick. Das eine Digitalkamera so laut klickt, wer hätte das gedacht.

Ach, das haben Sie doch gar nicht nötig“, sagt sie jetzt, die Fotografin. „Sie haben so viel Ausstrahlung, Herr Rühm“, legt sie nach und lenkt den Dichter, der den Anweisungen höflich Folge leistet.

Schön, sehr schön!“, sagt sie, hält inne, schaut auf den Kamerabildschirm. „Hm, nein, das gefällt mir noch nicht. Das ist zu düster. Gehen Sie doch mal da hin. Vor die Wand, mit dem schreibenden Herrn im Hintergrund.“

Plötzlich bin ich im Bild, habe den Rühm im Rücken, der abgeknipst wird, mit mir als Kulisse sozusagen, zumindest für ein paar Fotos, dann steht die Fotografin hinter mir, spricht zu mir: „Könnten Sie woanders hingehen. Ich möchte vor der Wand ein Foto machen von Herrn Rühm.“

Also, raus aus dem Bild, Platz für ein Hollywoodfoto vom berühmten Dichter, der jetzt ein wenig steif dasteht in seinem grauen Anzug vor dem grauen Beton, auf dem jemand in Schwarz das Wort „kritisch“ gesprüht hat.

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Famose Poesieüberdosis

shakesbühne

1 Ralf Benesch ringt mit den Saiten seiner roten E-Gitarre,

2 Nora Gomringer kündigt an, „Erstaunliches zu machen“ mit der Sprache, was

3 Brian Turner sogleich umsetzt mit Gedichten über Kriegsschauplätze, woraufhin

4 Julien Delmaire ein Poem über die Favela singt,

5 Mario Bojórquez sich mit seiner mexikanischen Hochgeschwindigkeitspoesie auch nicht vom Übersetzungsausfall auf der Leinwand aufhalten lässt, worauf

6 Marion Poschmann mit einem Zyklus antwortet, in dem sie „Schattengeneratoren“, „schlafwandelndes Laub“, „Rabattaktionen an der Autobahnraststätte“ sowie „Wiedehopf auf Truppenübungsplätzen“ miteinander verwebt, was

7 Nii Parkes anschließend nicht davon abhält, zum Einstieg mit dem Publikum zu scherzen (warum auch?) und einen Prolog zu summen für

8 Jan Wagner, den „Poetry-Champion“, der nach der Pause auf der Bühne den Giersch und Mückenschwärme ins Rampenlicht rückt, während

9 Philip Casey als Dichter aus Dublin eine Hamburger Kriegsgeschichte poetisch entspinnt,

10 Maya Kuperman den Nahostkonflikt mit ihren Versen aufflackern lässt,

11 Ricardo Domeneck ein 8-Sprachen-Poem abmixt und

12 Heike Fiedler direkt daran anknüpft und mit Laptop sowie Loopmaschine lautpoetisch Lyrik visualisiert.

„Vielleicht kommt etwas dazwischen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht … ein Gedicht.“

Oder Dutzende in diversen Sprachen an einem Abend in einem Saal dicht beieinander …

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Einsame Sessel hinterm Buchstabenbeat

gebiss

Die zwei roten Sessel auf der Bühne, auf die sich während der gesamten Lesung niemand setzt, weil die ersten drei Sprechkünstler*innen alle zum Stehpult gehen und dort ihre Gedichte lesen.

Nur der kleine Tisch, der mit Gläsern (und einer Wasserflasche auf seiner runden Platte) vor den Sesseln steht, wird einmal bewegt, weil er im Weg steht, als der vierte Dichter Platz braucht, um seine Lyrik frei zu performen.

Und der Platz wird genutzt: Julien Delmaire verdeutlicht, was das ist, ein Spoken Word Poet. Ein Rhythmus, ein Beat, der die Füße mitwippen und einen vergessen lässt, auf den Zettel zu schauen, auf dem die französischen Verse übersetzt werden.

Da vorne, da zelebriert jemand seine Poesie mit so viel Energie, dass daraus Musik wird – und tatsächlich erinnert das alles manchmal an Hip-Hop, manchmal an Reggae.

„Poesie ist Performance“, meint der brasilianische Spoken Word-Kollege. Yep.

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