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Menschen im Wartemodus

Erpenbeck - gehen

Jenny Erpenbeck schreibt über Flüchtlingsschicksale in Berlin

Aktueller geht es kaum. In ihrem neuen Roman „Gehen, ging, gegangen“ setzt sich Jenny Erpenbeck mit genau dem Thema auseinander, das seit Wochen die öffentlichen Debatten beherrscht – der Flüchtlingsfrage. Ausgangspunkt ihres Romans ist das Protestcamp, mit denen Geflüchtete zwischen 2012 und 2014 auf dem Berliner Oranienplatz gegen das Asylverfahrensgesetz demonstrierten. Die 1967 in Berlin geborene Autorin hat mit einigen von ihnen Gespräche geführt, recherchiert und alles zu einer Art Tatsachenroman verarbeitet.

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Aura mit Nebenwirkungen

Setz Indigo

Es gibt Bücher, die wirken wie ein einziges großes Fragezeichen – so mysteriös, labyrinthisch und verwirrend sind sie. „Indigo“, das knapp 500 Seiten starke Werk des österreichischen Schriftstellers Clemens J. Setz, ist ein solches Buch, und zwar ein derart fein geschnitztes, dass man es dem Autor nicht übel nehmen mag, dass er mehr Fragen als Antworten in die Hirnwindungen des Lesers streut. Der Titel des Romans bezieht sich auf eine esoterische Theorie, dass es Kinder gebe, von denen eine indigofarbene Aura ausgehe. Aus diesem spirituellen Mumpitz spinnt Setz das Fundament seines Romans, in dessen Zentrum jene sogenannten Indigo-Kinder stehen. Allerdings haftet diesen keineswegs eine sanft sphärische Aura an, sondern sie umgibt vielmehr ein radioaktiver Radius, der alle Menschen, die sich zu lange in diesen hineinwagen, verstrahlt. Die „Opfer“ werden von Migräne, Übelkeit oder Schwindel geplagt, weshalb die Eltern ihre Sprösslinge auf die Helianau, eine spezielle Internatsschule für Indigo-Kinder, abschieben.

In diesem Internat tritt im Jahr 2006 ein junger Mathematiklehrer sein Praktikum an. Dieser Lehrer heißt Clemens J. Setz. Neben dem Namen gibt es auch äußerliche sowie biografische Übereinstimmungen zwischen dem Schriftsteller Setz und dem Icherzähler Setz. Diese Jonglage mit seinem Namen sowie der eigenen Identität dient dem Autor, um ein Verwirrspiel mit Fiktion und Realität zu treiben. Mithilfe diverser in das Buch eingewebter Dokumente, Anekdoten und Fotos fingiert Setz eine Authentizität, die Irritationen hinterlässt.

Parallel zur Geschichte des Lehrers verläuft ein zweiter Erzählstrang, der im Jahr 2021 spielt und sich dem ehemaligen Internatszögling Robert Tätzel widmet. Tätzel hat während des Erwachsenwerdens nach und nach seine fatale Aura eingebüßt, ist aber dennoch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Er bleibt ein aggressiver Außenseiter, der kaum Empathie oder Liebe für andere Menschen aufzubringen vermag. Die beiden Erzählstränge verweben sich mit der Zeit immer stärker und laufen schließlich zusammen – was jedoch nicht bedeutet, dass sich damit alle Fragen klären.

Der vor fast genau drei Jahren veröffentlichte Roman hat es im Gegensatz zu Setz‘ aktuellem Tausendseitenwälzer („Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“) im September 2012 von der Longlist auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, ihn aber letztlich nicht gewonnen, was unter anderem daran liegen dürfte, dass „Indigo“ keine fluffige Lektüre ist, die ein breites Publikum auf dem Sofa wegschmökert. Es ist ein Buch, das seine Leser fordert. Die vielen Rätsel verwirren und locken gleichzeitig. Lust zum Weiterlesen macht neben der Rätselhaftigkeit die stilsichere Sprache, mit der Setz sein Werk zubereitet hat; insbesondere verzaubern vereinzelte Formulierungen, die wie Leuchttürme hervorragen – so originell oder schön sind sie. Und so sitzt man nach dem Umblättern der letzten Seite da und fragt sich, ob das Fragezeichen, das sich einem während des Lesens in die Gesichtszüge gebrannt hat, nicht genauso gut ein Lächeln sein könnte?

Clemens J. Setz: Indigo. Suhrkamp, Berlin. 479 Seiten, 22,95 €.

(September 2012)

Ein Kommentar

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Gramsci auf den Fersen

Bossong

Anfang Juli rückte die 1982 in Bremen geborene und in Berlin lebende Nora Bossong ohne ihr Zutun beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in den Fokus der literarischen Öffentlichkeit. Die Autorin selbst war zwar gar nicht beim Wettlesen in Klagenfurt dabei, doch die Schriftstellerkollegin Nora Gomringer hatte sie zur Protagonistin ihres (später mit dem Bachmannpreis prämierten) Textes gemacht. So schnell kann es gehen, dass man als real existierendes Individuum zur literarischen Figur wird. In der Umwandlung realer Personen zu literarischen steht Nora Bossong ihrer Namensvetterin allerdings in nichts nach – in ihrem aktuellen Roman spielt ebenfalls eine aus der Realität entliehene Person die zentrale Rolle.

„36,9°“ ist der inzwischen vierte Roman der Absolventin des Leipziger Literaturinstituts, die 2001 mit dem Bremer Autorenstipendium, 2007 mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis, 2011 mit dem Kunstpreis Berlin und 2012 für ihren zweiten Gedichtband „Sommer vor den Mauern“ mit dem renommierten Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet worden ist. Bossong ist also nicht bloß Gegenstand der Literatur (im Text ihrer Kollegin), sondern mischt selber munter mit im Kulturbetrieb – im Gegensatz zu der historischen Hauptfigur ihres Romans, die das Mit- und Einmischen bedauerlicherweise schon hinter sich hat. Die Rede ist vom bereits vor knapp 80 Jahren verstorben Philosophen, Autor und Politiker Antonio Gramsci (1891-1937), dessen Gefängnishefte nach wie vor als bedeutende Dokumente marxistischer Theorie gelten.

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Mann in der Krise

peltzer

In Ulrich Peltzers Roman „Das bessere Leben“ gibt die Krise den Ton an und lässt die erfolgsverwöhnten Protagonisten darüber sinnieren, ob ihr Leben nicht auch komplett anders hätte verlaufen können.

Als Teenager in den 70ern war Jochen Brockmann das, was manche damals einen Halbstarken nannten – Schule schwänzen, Dope in Venlo kaufen und in fetten Joints verarbeitet durchziehen, bekifft in der Stadt abhängen, öffentlich billigen Wein trinken und die aufgerauchten Kippenstummel lässig in hohem Bogen auf den Bürgersteig schnippen und damit auf das Spießbürgertum spucken. Das war früher! Mittlerweile arbeitet der 51-Jährige seit 14 Jahren als Sales Manager für die italienische Maschinenbaufirma Basaldella, jettet durch die Welt, nächtigt in edlen Hotels, handelt Millionenverträge aus und verdient dabei so gut, dass er sein Schwarzgeldkonto in Zürich fleißig füttern und seine Sammlung von Hockney-Zeichnungen Stück für Stück erweitern kann.

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Bedingungsloses Begehren

timm

Mit seinem Roman „Vogelweide“ knüpft der Heinrich-Böll-Preisträger Uwe Timm thematisch an sein Meisterwerk „Rot“ an: Ein Mann in den Fünfzigern und eine bedeutend jüngere Frau verstricken sich in einer unheilbringenden Liaison.

Liebe ist kein Zufall!“ Mit diesem Slogan wirbt eine Internetpartnerbörse für ihre Dienste. Die Idee hinter dem Reklamevers ist so schlicht wie einleuchtend: Irgendwo dort draußen wartet eine Frau oder ein Mann auf Sie, die oder der aufgrund ähnlicher Interessen, Vorlieben und Lebensvorstellungen perfekt zu Ihnen passt. Sie jedoch wissen nichts voneinander und werden einander wahrscheinlich niemals begegnen. Es sei denn, Sie verlassen sich nicht auf den Zufall, sondern vertrauen sich der Partnerbörse an. Diese füttert dann ihre emsig rechnenden Computer mit Ihren Daten, und siehe da: Mit Hilfe von Algorithmen finden Sie Ihren idealen Lebensgefährten! Doch damit nicht genug: Aktuellen Studien zufolge sollen derart zustande gekommene Beziehungen länger halten als die herkömmlichen. Also, alles prima dank des Internets! Oder doch nicht? Klingt Ihnen das alles zu mathematisch? Vermissen Sie die Romantik in diesem durchkalkulierten System? Bevorzugen Sie Zufallsbegegnungen im Zugabteil, Buchladen oder Café, bei denen man ganz unerwartet auf die Liebe stößt?

So zumindest geht es Eschenbach, dem Protagonisten in Uwe Timms Roman „Vogelweide“. Er glaubt weiterhin an die reale Begegnung, an das Glück des Augenblicks, in dem zwei Menschen zufällig aufeinandertreffen, sich anblicken und sogleich zueinander hingezogen fühlen. Er selbst hat eine solch schicksalhafte Begegnung hinter sich: Bei einem Vortrag über Stadtplanung trifft er Anna und ist unmittelbar magnetisiert. Die Frau ist allerdings verheiratet, hat zwei Kinder und ist an einer Affäre nicht interessiert. Auch Eschenbach ist fest liiert, und zwar keineswegs unglücklich; dennoch packt ihn eine maßlose Leidenschaft, die ihn dazu antreibt, so lange um Anna zu werben, bis sie sich in eine Affäre verstricken lässt.

Zu Beginn des Romans liegt jene Liebschaft bereits weit zurück. Eschenbach führt inzwischen als Vogelwart auf einer kleinen Insel in der Nähe von Neuwerk ein ruhiges Dasein. Inmitten dieser Ruhe klingelt das Telefon und die Verflossene kündigt nach sechs Jahren Funkstille ihren Besuch auf der Insel an. Grund genug für einen Rückblick auf Eschenbachs bedingungsloses Begehren, das zum Auseinanderbrechen zweier bis dahin gut funktionierender Partnerschaften geführt hat. In der Rückschau entfaltet sich eine Liebesgeschichte, die an einen anderen Roman von Timm erinnert – an „Rot“, dem wahrscheinlich besten Buch aus der Feder des inzwischen 75-Jährigen, dessen literarisches Lebenswerk 2009 mit dem Heinrich-Böll-Preis geehrt wurde.

Die Parallelen zwischen „Vogelweide“ und „Rot“ sind evident: In einem Berlin der besseren Kreise beginnt ein Mann in den Fünfzigern eine Liaison mit einer deutlich jüngeren Frau, die beim Fremdgehen von ihrem Gewissen geplagt wird, da sie einen liebenswerten Partner an ihrer Seite weiß. Doch der ältere Mann fasziniert die Umworbene mit seiner Andersartigkeit, seinem Intellekt sowie geschickt präsentierten Zitaten aus Philosophie und Literatur. Schließlich treffen sie sich regelmäßig zum erotischen Rendezvous in einem Hotel. Timm scheinen diese Analogien nicht zu stören, im Gegenteil: In seinem neuen Roman hat er gar explizit Verweise auf „Rot“ eingebaut – bereits bekannte Orte und Figuren tauchen hier und da erneut auf.

Wer nun hofft, Timm könnte mit „Vogelweide“ ein weiteres Glanzstück à la „Rot“ gelungen sein, dürfte bei voranschreitender Lesedauer indes ein wenig enttäuscht werden. Während der Roman aus dem Jahr 2001 eine geradezu lebensphilosophische Wucht entfaltet, mangelt es Timms aktuellem Werk an vergleichbarer Kraft; zum Ende hin scheint ihm gar die Puste auszugehen. Auffällig ist darüber hinaus, dass Timms Beschreibungen blass bleiben, wenn es um den Beruf der Hauptfigur geht: Eschenbach ist zu jener Zeit, in der die Affäre mit Anna spielt, der Chef einer Software-Firma, „die auf Optimierung spezialisiert“ ist. Das klingt zwar zeitgemäß, allerdings auch äußerst vage – als hätte Timm selbst keine genauen Vorstellungen von der Tätigkeit. Hinzu kommt, dass sich dieses Mal die vielen Verweise auf Geistesgrößen wie Platon, Niklas Luhmann, Pierre Bourdieu oder Arno Schmidt nicht annähernd so geschmeidig einfügen, wie es 12 Jahre zuvor beim Vorgängerwerk der Fall war.

Dennoch hat Timm keinen schlechten Roman geschrieben, dafür ist er ein viel zu begnadeter Erzähler und versierter Stilist. Wieder einmal zeigt er sich als feinsinniger Betrachter, der seine Beobachtungen präzise in Worte zu fassen versteht und ihnen durch Details Plastizität verleiht. Ebenso versteht er es, interessante Charaktere zu zeichnen und Szenen wie Dialogen eine Authentizität zu verleihen. Hinzu kommen gelungene Wechsel zwischen den Szenerien und Zeitebenen sowie eine gewohnt souveräne Satzführung. Und selbst wenn „Vogelweide“ dem Vergleich mit dem famosen „Rot“ nicht standhält, hat Timm erneut allerlei Geistreiches zum Thema Liebe mitzuteilen und spart dabei auch nicht die neuen Formen der Partnersuche aus. An einer Stelle kommt es im Buch zu einer Diskussion zwischen Eschenbach und einer Grande Dame der Demoskopie, die dem Begehren auf den Grund gehen will, um mithilfe des Internets eine „neue Form der Wunscherfüllung“ zu ermöglichen, die den Menschen die Option bieten soll, „sich dem Glück systematisch zu nähern“, statt „auf den Zufall an der Haltestelle oder im Zugabteil zu warten“. Eschenbach hingegen vertraut auf das Abenteuer der Begegnung und verweist auf einen Schwachpunkt der Zusammenführung von Menschen auf der Basis computergesteuerter Datenerhebungen: „Es fehlt der Körper. Die Erscheinung, Geruch, Haut, der Blick. […] Wir haben tief eingeprägt eine Idee vom anderen. Plötzlich begegnet uns jemand, und wir wissen, dieser Jemand ist unser Schicksal.“

Uwe Timm: Vogelweide. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 336 Seiten, 19.99 €. (erschienen im Sommer 2013)

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Gestrandet am Rande eines Kuhdorfs

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Doris Knecht erzählt von der Flucht einer gescheiterten Geschäftsfrau

Die Weltwirtschaftskrise hat seit 2007 manche Erfolgsstory in ihre Einzelteile zerlegt. Auch für Marian Malin, der Protagonistin in Doris Knechts neuem Roman „Wald“, geht es plötzlich nicht mehr wie bisher steil bergauf, sondern rasant bergab. Als Modedesignerin hat die Selfmade-Frau Kleider für die besser betuchten Damen entworfen und genäht; doch dann kracht die Krise in ihre kühl kalkulierte Karriere, und zwar dummerweise zu einem Zeitpunkt, als die ehrgeizige Geschäftsfrau gerade dabei ist zu expandieren und ihr potenzieller Gatte sich von ihr verabschiedet.

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Ein Rennwagen gegen sinnlose Gewalt

dea loher

In Dea Lohers Romandebüt „Bugatti taucht auf“ verbinden sich drei Handlungsstränge zu einer großen Reflexion über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns.

Als Dramatikerin hat sich Dea Loher in den vergangen zwanzig Jahren nicht nur deutschlandweit, sondern international einen Namen gemacht. Ihre achtzehn bisher veröffentlichten Theaterstücke wurden mit etlichen Preisen ausgezeichnet, in 31 Ländern übersetzt und in mehr als 300 Inszenierungen auf den Bühnen dieser Welt gespielt. Während die studierte Philosophin und Germanistin eine der weltweit erfolgreichsten und meistgespielten deutschen Dramatikerinnen ist, hat sie als Prosaautorin hingegen bisher nur wenig von sich Reden gemacht. Die Veröffentlichung ihres schmalen Erzählungsbandes „Hundskopf“ lag bereits sieben Jahre zurück, als die 1964 in Traunstein geborene Autorin Ende 2012 im Metier der erzählenden Literatur endlich nachgelegte und mit „Bugatti taucht auf“ ein gelungenes Romandebüt feierte, mit dem ihr sogleich der Sprung auf die Longlist des deutschen Buchpreises gelang.

Wie bereits zuvor bei vielen ihrer Dramen hat sich Loher bei ihrem Roman von einem realen Ereignis inspirieren lassen. Im Zentrum ihres Buches stehen eine Gewalttat des Jahres 2008 und deren Folgen: Während die Bürger des schweizerischen Ascona in einer Februarnacht den Tessiner Karneval feierten, prügelten drei Jugendliche einen jungen Mann zu Tode. Die Familie des Opfers rief daraufhin eine Stiftung gegen Jugendgewalt ins Leben; anderthalb Jahre nach dem Mord zog man einen siebzig Jahre zuvor versenkten Bugatti aus dem Lago Maggiore und versteigerte das einigermaßen gut erhaltene Wrack für 230.000 Euro an einen Sammler. Der Betrag floss in die neu gegründete Stiftung.

Das sind die Fakten, die Loher zu einem dreigeteilten Werk über Sinn und Sinnlosigkeit menschlichen Handelns verwebt. Die drei Teile unterscheiden sich sehr stark in ihrer Länge, dem Sujet sowie der Erzählweise.

Bevor Loher mit der eigentlichen Geschichte des Mordes und der Auto-Bergung beginnt, schildert sie in fiktionalen Tagebuchnotizen der Jahre 1913 bis 1916 die Gefühlswelt des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti (eines Bruders des Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti). In den authentisch wirkenden Notizen bekommt der Leser ein Gefühl für die Zweifel des Bildhauers, der zwar für seine Kunst lebt, jedoch weder mit seiner Kunst noch mit seinem Leben glücklich wird und diesem deshalb im Alter von einunddreißig Jahren ein Ende setzt. Die Tagebucheinträge Bugattis fungieren wie ein Prolog – Rembrandt Bugatti reflektiert die Dürftigkeit seines eigenen Seins sowie das geschäftige Treiben seines Bruders Ettore, der in der Konstruktion von Luxuswagen aufgeht. Während Ettore seinem Leben einen Sinn gegeben hat, verzweifelt Rembrandt an der Sinnlosigkeit und entscheidet sich für den Selbstmord. Damit deutet Loher bereits auf den ersten Seiten eine zentrale Frage ihres Buches an: Soll man sich der Sinnlosigkeit beugen oder ihr etwas entgegensetzen?

Der Ermordung des Studenten Luca schildert Loher im zweiten Teil ihres Romans in einer nüchternen Sprache, die zuweilen an den Ton von Polizeiberichten erinnert. Die Dramatikerin dramatisiert nichts, sondern beschreibt den Tathergang aus einer distanzierten Außenperspektive, indem sie die Aussagen der Zeugen sowie der drei Täter (Branko, Ilija, Valon) in indirekter Rede einander gegenüberstellt: „Ilija wird sagen, er könne sich nicht erinnern, was passiert sei, nachdem Luca auf den Boden gefallen war. (…) Valon wird abstreiten, dass er den am Boden liegenden Luca in den Körper getreten habe. Er wird behaupten, dass er Luca einen Faustschlag versetzt habe, als dieser noch stand, und später einen Fußtritt gegen den Kopf, als Luca am Boden lag. (…) Valon wird sagen, er habe gesehen, wie Ilija dem am Boden liegenden Luca Tritte in den Brustkorb versetzt habe, oder in den Bauch, und einen Tritt gegen den Kopf.“

In dieser Form geht das über viele Seiten. Durch die verschiedenen Aussagen bekommt der Leser unterschiedliche Versionen geboten, die alle detailreich und minutiös schildern, wer das Opfer auf welche Art geschubst, geschlagen und getreten hat. Als Leser ist diese emotionslose Härte auf Dauer nur schwer zu ertragen, weshalb man ein wenig aufatmet, wenn der zweite Teil zu Ende geht und der dritte und längste beginnt. Dieser Teil erzählt die Geschichte der Bugatti-Bergung, die Jordi Polar veranlasst. Er ist ein Freund der Familie des Opfers und als Unternehmer für Schweißarbeiten unter Wasser bestens gewappnet für die Aktion. Hinzu kommt, dass er zwar einerseits – ähnlich wie Rembrandt Bugatti – ein Außenseiter und Zweifler ist, doch anderseits ebenso ein Trotzkopf, der sich nicht der Sinnlosigkeit der Tat beugen, sondern ihr etwas entgegensetzen will: „etwas Schwerwiegendes, das man nicht ignorieren, nicht wegmessen, nicht verwerfen konnte; etwas gutartig Schönes, dessen Kraft einen Teil der Gewalttat überstrahlen könnte; etwas, das dem Schrecken und der Hysterie, die diesen Mord umgaben, trotzen konnte“.

Dieses gutartig Schöne soll der Bugatti sein, den Jordi mit Hilfe von Freunden bergen und im Rahmen eines Sommerfestes aus dem Wasser auftauchen lassen will – zum Gedenken an den ermordeten Luca.

Vor allem im dritten Teil, dem Hauptteil ihres Debüts, stellt die Dramatikerin Loher ihre Fähigkeiten als Prosaautorin unter Beweis. Stil- und gefühlvoll zeichnet sie ihren Protagonisten, dessen Familie und leicht kuriose Figuren wie den Bugatti-Experten Matteo Bronski. So liest man mit Genuss diesen Roman, der gleich der realen Bugatti-Bergung der sinnlosen Gewalttat ein sinnvolles Kunstwerk entgegensetzt.

Dea Loher: Bugatti taucht auf. Wallstein Verlag, Göttingen. 208 Seiten, 19.90 €.

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Jugend ohne Staat

Peter Richter

Peter Richter erzählt von einer DDR-Jugend während der Wendejahre

Wenn dir ein paar Neonazis die Fresse polieren, ist es dir wahrscheinlich egal, dass du gerade mittendrin bist in einer historischen Epochenwende. So zumindest ergeht es dem namenlosen Erzähler in Peter Richters Roman „89/90“ am Silvesterabend des Jahres 1989. Gerade noch hat er einen desaströsen Auftritt mit seiner Punkband „Die Faschisten“ hinter sich gebracht, als echte Faschos die Silvesterparty in der „Pisse“, einem besetzen Haus im Dresdner Stadtteil Pieschen, stürmen und für Prellungen, blaue Augen und blutende Nasen sorgen.

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Ein Freund Benjamins

Anne Weber

Anne Weber spürt ihrem Urgroßvater nach

Nicht jeder vermag, wenn er seinen Stammbaum entfaltet, auf einen Vorfahren verweisen, der mit Walter Benjamin, Martin Buber und Hugo von Hofmannsthal befreundet war. Die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber hat mit Florens Christian Rang indes tatsächlich einen Urgroßvater, der mit diesen Geistesgrößen rege verkehrt hat. Was läge da näher, als hinabzutauchen in die Familiengeschichte, um zu ergründen, wer genau dieser Mann war?

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Spuren von Schönheit

Rothmann

Es sind immer noch überraschend wenige Leser, denen der Name Ralf Rothmann ein Begriff zu sein scheint, dabei ist der 62-Jährige einer der begnadetsten Erzähler, den die deutsche Literatur zu bieten hat. Das beweist er erneut in seinem aktuellen Roman „Im Frühling sterben“. Darin erzählt er die dramatische Geschichte einer Freundschaft während der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.

Kein Krieg ohne Milch!“ lautet die Parole von Klaas Thamling, wobei der Milchbauer selbst wohl gut auf den Krieg verzichten könnte. Wie so einige aus der Zivilbevölkerung hofft er im Frühjahr 1945 insgeheim auf die Ankunft der Alliierten und ein Ende des Krieges. Da ihm selbst noch das letzte große Gemetzel in den Knochen steckt, würde er seinen Melkergesellen Walter und Fiete gerne dergleichen ersparen. Doch auf einer Tanzveranstaltung im Dorflokal werden die beiden 17-jährigen Freunde zwangsrekrutiert und nach einer dreiwöchigen Express-Grundausbildung aus der norddeutschen Provinz Richtung Süden geschickt, nach Ungarn, an die Front. Dort wird Walter als Fahrer einer Versorgungseinheit der Waffen-SS eingesetzt. Obwohl alles andere als ein überzeugter Nazi oder begeisterter Soldat, geht er gewissenhaft seiner Arbeit nach, in der Hoffnung, das Ganze heil durchzustehen. „Davonkommen wollte ich“, erzählt er später, nach seiner Heimkehr, seiner Freundin Elisabeth. „Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn.“

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