Courtoisie

Ohne Fahrrad, aber in voller Montur – mit schwarzem Helm auf dem kahlen Schädel, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Fahrraddress, der sich hauteng um den vielleicht fünfzigjährigen, bereits leicht in die Breite gegangenen Körper spannt – marschiert ein Fahrradfahrer mit dem metallenen Klackern seiner Radschuhe zielstrebig wie ein Soldat über die Promenade Richtung Bodensee – Bicycle-Man in Black, nur der winzige Rucksack leuchtet in der Mittagssonne rot auf seinem Rücken und dient der, ebenfalls in voller Fahrradmontur, mit einigen Metern Abstand hinter ihm herklackernden Frau als Fixpunkt.
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„Immer die gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder.“
[Wolfgang Herrndorf, Arbeit & Struktur, S. 94]
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„Nicht seine Absicht bestimmte das Geschehen, er brauchte keine Entscheidungen zu treffen. Das erleichterte ihn auf eine Weise. Er war da. Mehr brauchte er nicht zu tun, und er verstand, warum darin das Glück lag. Er war vereint mit seinem Atem, denn schnell hatte er bemerkt, wie wenig hilfreich es war, sich aufzuregen, sich Sorgen zu machen, weiter als an den nächsten Schritt zu denken. All dies hinderte ihn daran, im Moment aufzugehen. Und er sah, was er noch nie gesehen hatte. Die Welt voller Zeichen, die er lesen konnte.“
aus: Lukas Bärfuss: Hagard
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Am Hauptbahnhof steige ich aus der Linie 4 und ströme mit den anderen Fahrgästen im Stechschritt über den Vorplatz Richtung Bahnhofshalle, während von irgendwoher Techno-Mucke mit heftigen Wumms über den Platz schallt; die Musikquelle kann ich nirgends entdecken, also halte ich ein paar Meter vor dem Haupteingang inne, lasse meinen Blick schweifen und entdecke einen Typen, der ganz allein auf dem Rasenstreifen vor dem Überseemuseum steht und sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen lässt, während die bierkastengroße Verstärkerbox, die er sich auf seinen Rücken geschnallt hat, den Bahnhofsplatz mit Beats versorgt.

Am späten Abend im Wiener Hofcafé ist selbst die Dame hinterm Tresen voll – die zwei Gäste vor dem Tresen sowieso. Ein Vollbärtiger mit rot leuchtender Kartoffelnase philosophiert mit schwungvoller Brummbärstimme über Sinn und Unsinn von Flaschenbier im Glas, zieht sein T-Shirt am Bund ein paar Zentimeter in die Höhe und präsentiert seiner Sitznachbarin auf dem Barhocker neben ihm seine nackte Wampe mit einem Grinsen, das zwei oder drei Zahnlücken preisgibt. Die Frau, die bestimmt zehn oder fünfzehn Jahre jünger als der vermutlich schon sechzigjährige Bauchbesitzer sein dürfte, nickt anerkennend.
„Da steckt wohl ein Kleinwagen drin.“

Ein Mann, der an einem Tisch vor einer Bäckerei mit einer Kuchengabel in der Hand dasitzt und seit über einer Minute sein etwa 20 Zentimeter vor ihm auf einem Teller ruhendes Butterkuchenstück betrachtet – mal leicht nach links, mal leicht nach rechts gebeugt –, ohne es anzurühren. Als wäre der Kuchen ein sonderbares, erforschenswertes Objekt, dem man sich mit gebotener Vorsicht anzunähern habe; und so wirkt der Mann in seiner Butterkuchenbetrachtung für Außenstehende ebenso sonderbar wie für ihn selbst offenbar das vor ihm stehende Gebäck – bis ein schwarz-gelbes Insekt ins Blickfeld krabbelt, noch einen Augenblick auf dem Kuchen verweilt und schließlich davonfliegt, vielleicht um seinen Wespenfreunden von dem äußerst schmackhaften Berg zu berichten, an dem man ungestört knabbern darf …
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Zum vierjährigen Todestag von Wolfgang Herrndorf erinnere ich am 25. 8. mit Vortrag & Lesung im Bremer Kukoon an den Maler & Schriftsteller, der vor allem durch seinen Jugendroman „Tschick“ zum Kultautor geworden ist.
Als Herrndorf 2010 mit „Tschick“ der Durchbruch als Schriftsteller gelingt, leidet er bereits unter einem Gehirntumor. Er weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und stürzt sich in die Arbeit. Neben „Tschick“ vollendet er innerhalb weniger Monate den Agententhriller „Sand“ und arbeitet an einer Fortsetzung zu „Tschick“, die 2014 (als unvollendeter Roman) unter dem Titel „Bilder deiner großen Liebe“ erscheint.
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