Archiv der Kategorie: Schnipsel

The Holy Bob in der Stadthalle

 

Gerade hat er sein linkes Bein bewegt. Das fiel sofort auf im gleißenden Licht. Dort steht er ganz allein, dort oben im Spotlight auf der Bühne in der Stadthalle. Er allein mit seiner Gitarre und seiner Mundharmonika, so wie man ihn kennt von den Plattencovern und Postern, steht er da in echt und spielt die Lieder, die längst Klassiker sind. Und die Steine rollen und der Wind weht und ein schwerer Regen fällt, doch er steht einfach nur da, spielt auf seiner Gitarre und singt.

So wie vor ein paar Wochen Joe Cocker auf der gleichen Bühne stand und sang und doch alles anders war. Cocker fuchtelte mit seinen Armen herum, wie man das von ihm kennt, begleitet von einer Band, Backgroundsängerinnen, Lichtshow, Videoprojektionen und dem ganzen Tralla. Nicht so Dylan. Der braucht keine Hilfe von irgendwem. Der kriegt’s allein hin. Cocker ist halt nicht Dylan. Niemand ist wie Dylan, manchmal nicht einmal Dylan.

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Die Zeit zwischen Molenturm & Landmarktower

Molenturm

Sie sitzt im Molenturm, schaut durch eins der kleinen Fenster hinaus. Über der Weser kreisen kreischende Möwen, zanken sich um etwas, das sie nicht erkennen kann. Das ist nun ihr Arbeitsplatz als offizielle Schreiberin der fantastischen Republik Utopistan, die ein Künstlerkollektiv für einen Monat auf der Brache im Europahafen ausgerufen hat. Zwei Wochen lang darf sie schreiben, darf schreiben, was immer sie will – in Utopistan sage einem niemand, was man zu tun oder zu lassen habe, hieß es in der Ausschreibung. An der Kaimauer sitzt ein Angler und raucht eine Zigarette. Am gegenüberliegenden Ufer steigen ein paar Leute vom Anleger auf die Fähre. Sie hatte die Ausschreibung gelesen und gedacht, warum nicht. Zwei Wochen lang im Molenturm sitzen und schreiben. Klang wie ein Traum. Heute ist erst der dritte Tag, die ersten beiden Nächte waren kalt, ihr Rücken schmerzt, der Instantkaffee schmeckt genau so, wie er aussieht. Sie stellt die Tasse auf dem einzigen Stuhl ab, streckt sich, stößt sich den Kopf an der niedrigen Decke, flucht, greift sich einen Kugelschreiber und ihr Notizbuch, in das sie gestern nur ein paar Sätze gekritzelt, die sie später wieder durchgestrichen hat. Sie steckt beides in die linke Manteltasche, öffnet die Tür.

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Tage am Ufer

Notre Dame2

Tagebuchnotiz 12, Paris, Juli 2010

Morgens am Seine-Ufer gegenüber von Notre-Dame unter dem schattenspendenden Geäst der Bäume. Ein Frachter und ein Touristenboot ziehen vorüber, die Schiffsmotoren brummen beruhigend monoton, Wellen klatschen an die Quaimauer, dann wieder Stille, nur aus der Ferne der Klang einer Trompete, jemand spielt „When the Saints go marching in“, während am gegenüberliegenden Ufer ein Mann in den Fünfzigern mit freiem Oberkörper und mehr Haaren auf der Brust als auf dem Kopf skurrile Gymnastikübungen macht, seine hautenge rote Shorts leuchtet dabei in der Sonne, zieht die Blicke der vorüberspazierenden Touristen auf sich, die den Sporttreibenden wie ein seltenes Insekt bestaunen; und wieder schiebt sich ein Frachter ins Bild, erneut ein Boot mit Touristen, die ihre Kameras in die Höhe strecken, aus der Ferne klingt immer noch „When the saints go marching in“ herüber, Wind kommt auf, Blätter segeln in die Seine hinab, Möwen stürzen sich kreischend auf ein Stück Brot, das im Wasser treibt, irgendwo heult eine Alarmsirene auf, Autos hupen, und plötzlich wird alles übertönt von Notre-Dames Glocken, deren Klang anschwillt und für eine Weile alle anderen Geräusche beiseitewischt … dann wieder das Brummen eines Schiffsmotors, das Kreischen einer Möwe, die Hupe eines Autos, das Rascheln der Blätter über mir …

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Zu Besuch bei der alten Dame

Notre Dame1

Tagebuchnotiz 6, Paris, Juli 2010

Auf der Île de la Cité. Vor mir: Notre-Dame mit ihren beiden Türmen. Imposant!. Auch die Schlange vor dem Hauptportal. Reihe mich trotzdem ein. Notre-Dame muss sein! Denken vermutlich auch all die anderen. Drinnen im riesigen Kirchenschiff erhabene Schönheit, viel Altehrwürdiges, Kunstschätze und Reliquien, riesige Fensterrosetten. Geschichte pur in jeder Pore, aber kein Ort der Stille. Eine ruhelose Kathedrale. Alles verstopft mit diesen elenden, vor sich hinmurmelnden, mit Mobiltelefonen bewaffneten Touristen. Ich gehöre natürlich nicht dazu (bin schließlich ein kulturinteressierter Flaneur, der sogar ein analoges Notizbuch aus Papier – ja, Papier! – besitzt; außerdem recherchiere ich selbstredend für meinen fulminanten Parisroman beziehungsweise für eine Erzählung, in der Paris … bla, bla, bla … ). Ein Dilemma. Alles. War schon in Sacré-Cœur so. Überall Trubel. Am liebsten ist mir Paris abseits der populären Plätze – in den kleinen Seitenstraßen, auf dem Trottoir vor einem Café, an einer leicht abseitigen Stelle am Seine-Ufer, auf den Stufen einer versteckten Treppe in Montmartre … Weit, weit über mir, das Gewölbe! Dieser Raum! Diese Weite! Gigantisch!

Wieder draußen vor der Kathedrale der mühselige Versuch, mit meiner alten Knipse die kolossale Dame ins Bild zu rücken, möglichst ohne Menschen, die dazwischenlatschen. Könntet ihr mal alle zur Seite gehen, bitte!

Am Ende ein Foto aus der Halbdistanz, geschossen unter den Blättern eines freundlichen Baumes.

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Milchbartänze

Blumenthal18

Kurz nach der Jahrtausendwende steigt ein Punk mit grün-blauem Irokesenschnitt und Nieten-Lederjacke im Bermudadreieck auf den Tresen der Milchbar, wo heute das Urlaub ist, und tanzt zu den Sex Pistols. Eine Punkerin schreit vom anderen Ende des Tresens „Ausziehen!“ und der Punk lässt sich nicht zweimal bitten, streift die Lederjacke ab, öffnet den Nietengürtel, zerrt sich das T-Shirt vom Leib, öffnet Knopf und Reißverschluss seiner löchrigen Jeans. Alle Punks grölen, feuern ihn an, der Barkeeper – selbst Punk – dreht die Musik lauter. Die Hose hängt in den Kniekehlen, dann über den Doc Martens, die der Punk noch nicht ausgezogen hat, vielleicht auch gar nicht ausziehen will, vielleicht niemals auszieht (nicht einmal im Bett oder unter der Dusche).

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Unreparierbare Jahressplitter – XII

Eine Schnipsel-Melange – Dezember

Abschlusslesung – Die Widerborstigkeit der Wörter

Noch eine Lesung. Noch ein Text. Ein Jahresrückblick wäre schön. Gern unterhaltsam. Ein bisschen witzig wäre auch toll. Aber der Text sollte natürlich zudem dem gehobenen Anspruch des durchaus kritischen Fachpublikums genügen.

Nichts leichter als das, denke ich und beginne sogleich erste Ideen und mögliche Handlungsfäden zu entwickeln, spinne Tag für Tag meinen Text fort, wäge im Gedanken diese oder jene Wendung ab. Schließlich gelingt es mir im Laufe der Wochen durch intensivste Kopfarbeit den Text am Abend vor der Lesung zu vollenden – zumindest in meinem Hirn. Dass ich noch keinen einzigen Satz zu Papier gebracht habe, empfinde ich als nebensächlich.

Kein Grund zur Panik, sage ich mir, der Text ist ja schon in deinem Kopf, da kann nichts mehr schiefgehen, das Ganze muss bloß noch runtergeschrieben werden.

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Unreparierbare Jahressplitter – XI

Eine Schnipsel-Melange – November

Heimweg – Satzwürmer im Kopf

Heute Abend erst in einer Kneipe einen Essay von Bärfuss gelesen und dann auf einer Art Party gewesen. Beim Lesen in der Kneipe musste ich zwischendurch mehrmals an einen Wolfgang Herrndorf-Text über Scham und Ekel denken*, auf der Irgendwie-so-etwas-wie-eine-Party ständig an den Essay von Bärfuss**. Zwischendurch habe ich mich in Konversation versucht, an Salzstangen geknabbert und Rotwein getrunken.

Nun, weit nach Mitternacht, bin ich auf dem Heimweg, überquere die Weser und schalte die Aufnahmefunktion ein: Das gedämmte Licht im Papp, in dem sich eine Handvoll Silhouetten hinter der Schaufensterscheibe abzeichnen; sieben oder acht Raucher vorm Panama, zwei Weintrinker am Tresen im Charlotte Gainsbourg; ein Dutzend Modernes-Gäste im Dönereck; die Leute vom Kukoon, die am Tresen stehen und mir zuwinken, als ich beim Vorbeispazieren einen Blick durch die Scheibe werfe; der menschenleere Buntentorsteinweg; das im Dunkeln schlummernde Radieschen; das Licht im Filosofen, das die unbesetzten Stühle betont; zwei Männer, die auf der Schwankhallenseite im Haltestellen-Unterstand auf der Bank nebeneinander vor sich hinschlummern; eine Gruppe Studenten, die vor Annas Welt auf dem Bürgersteig hocken und Bier aus Flaschen trinken; die Straßenbahn, die Richtung Arsten an mir vorüberrauscht; ein Mann, der im Kuß Rosa mit einem Glas Wein und einem Buch vor sich allein am Fenster sitzt, und eine Frau, die ein paar Meter hinter ihm am Kickertisch jubelnd ihre Arme in die Höhe reißt …

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