Archiv der Kategorie: Schnipsel

Jonglier-Intervention

Straßenszene. Breitenweg, Ecke Hillmannstraße. Als die Ampel auf Rot springt und die Autos, die aus Richtung Utbremen herangerauscht kommen, halten müssen, rennen drei junge Männer auf die zweispurige Straße, positionieren sich vor den Autos und jonglieren für einige Sekunden – der eine mit Bällen, der zweite mit Keulen und der dritte mit einem Diabolo.

Eine knappe, präzise Choreografie auf dem Asphalt unter der Hochstraße; dann verbeugen sich die drei kurz, nehmen ihre Mütze ab und huschen damit rasch zwischen die Autos, um sie den Fahrern wie Klingelbeutel hinzuhalten. Einige kurbeln ihre Fenster runter, lassen Münzen in die Mützen fallen, andere zucken nur mit den Schultern oder hupen.

Als die Ampel auf Grün springt, hechten die drei zur Seite, zählen rasch ihre Einnahmen, stecken die Münzen in ihre Hosentaschen, ziehen sich die Mützen wieder über und springen erneut auf die Straße, als die nächsten Autos vor der Ampel halten …

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Buchte-Boogie

Agitpop-Nächte in der Buchte. Tanzen bis es im Jugendhaus bei den Naturfreunden im Keller von der Decke tropft. Nie vor elf da sein, an der Kasse einen Soli zahlen und im Sommer so lange bleiben, bis es draußen wieder hell wird. Dazwischen abzappeln, trinken, kickern, palavern, vor den Klos Schlange stehen und draußen vor dem Amtsgericht Zigaretten rauchen und über Politik oder Musik diskutieren. Oft die gleichen Gesichter, viele Trainingsjacken und Kapuzenpullis, die immer selben Leute, die einen am Kickertisch abfertigen und manchmal stundenlang am Tisch stehen – als gäbe es hier nichts anderes zu tun. Zwischendurch mit Freunden auf der Treppe sitzen, den anderen beim Tanzen zuschauen, in den Beamerprojektionen versinken oder sich bei aufgedrehter Mucke gegenseitig anschreien und das Geschrei Gespräch nennen. Irgendwann kein Bier oder Wein mehr bestellen, sondern in den Morgen hinaustorkeln, mit etwas Glück an der Domsheide die Nachtlinie Richtung Huckelriede erwischen, in der Bahn die Augen schließen und erst wieder in Arsten öffnen, wenn der Fahrer einem auf die Schulter klopft, „Endhaltestelle!“ sagt und auf die am gegenüberliegenden Gleis wartende Straßenbahn zeigt: „Damit geht´s zurück!“

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Schwarzer Radmarschierer am See

Ohne Fahrrad, aber in voller Montur – mit schwarzem Helm auf dem kahlen Schädel, schwarzer Sonnenbrille und schwarzem Fahrraddress, der sich hauteng um den vielleicht fünfzigjährigen, bereits leicht in die Breite gegangenen Körper spannt – marschiert ein Fahrradfahrer mit dem metallenen Klackern seiner Radschuhe zielstrebig wie ein Soldat über die Promenade Richtung Bodensee – Bicycle-Man in Black, nur der winzige Rucksack leuchtet in der Mittagssonne rot auf seinem Rücken und dient der, ebenfalls in voller Fahrradmontur, mit einigen Metern Abstand hinter ihm herklackernden Frau als Fixpunkt.

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Bahnhofs-Beat-Master

Am Hauptbahnhof steige ich aus der Linie 4 und ströme mit den anderen Fahrgästen im Stechschritt über den Vorplatz Richtung Bahnhofshalle, während von irgendwoher Techno-Mucke mit heftigen Wumms über den Platz schallt; die Musikquelle kann ich nirgends entdecken, also halte ich ein paar Meter vor dem Haupteingang inne, lasse meinen Blick schweifen und entdecke einen Typen, der ganz allein auf dem Rasenstreifen vor dem Überseemuseum steht und sich die Morgensonne ins Gesicht scheinen lässt, während die bierkastengroße Verstärkerbox, die er sich auf seinen Rücken geschnallt hat, den Bahnhofsplatz mit Beats versorgt.

 

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Wiener Hofgespräche

 

Am späten Abend im Wiener Hofcafé ist selbst die Dame hinterm Tresen voll – die zwei Gäste vor dem Tresen sowieso. Ein Vollbärtiger mit rot leuchtender Kartoffelnase philosophiert mit schwungvoller Brummbärstimme über Sinn und Unsinn von Flaschenbier im Glas, zieht sein T-Shirt am Bund ein paar Zentimeter in die Höhe und präsentiert seiner Sitznachbarin auf dem Barhocker neben ihm seine nackte Wampe mit einem Grinsen, das zwei oder drei Zahnlücken preisgibt. Die Frau, die bestimmt zehn oder fünfzehn Jahre jünger als der vermutlich schon sechzigjährige Bauchbesitzer sein dürfte, nickt anerkennend.

Da steckt wohl ein Kleinwagen drin.“

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Butterkuchenforscher mit Wespe

Ein Mann, der an einem Tisch vor einer Bäckerei mit einer Kuchengabel in der Hand dasitzt und seit über einer Minute sein etwa 20 Zentimeter vor ihm auf einem Teller ruhendes Butterkuchenstück betrachtet – mal leicht nach links, mal leicht nach rechts gebeugt –, ohne es anzurühren. Als wäre der Kuchen ein sonderbares, erforschenswertes Objekt, dem man sich mit gebotener Vorsicht anzunähern habe; und so wirkt der Mann in seiner Butterkuchenbetrachtung für Außenstehende ebenso sonderbar wie für ihn selbst offenbar das vor ihm stehende Gebäck – bis ein schwarz-gelbes Insekt ins Blickfeld krabbelt, noch einen Augenblick auf dem Kuchen verweilt und schließlich davonfliegt, vielleicht um seinen Wespenfreunden von dem äußerst schmackhaften Berg zu berichten, an dem man ungestört knabbern darf …

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Urlaubsstillleben in Zeitlupe

In der Morgensonne auf einem Korbstuhl am See sitzen und zum Butterkipferl einen Milchkaffee schlürfen, während die Spatzen auf Krümel hoffend zwischen den Stuhlbeinen herumhopsen und südostasiatisch anmutende Touristinnen auf der Seepromenade mit ihren Smartphones Selfies von sich knipsen.

 

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