Die Strunk-Show

Heinz Strunk ist wieder auf Lesereise. Sicherlich ein Erlebnis, wenn auch manchmal ein recht fragwürdiges – so wie im vergangenen Jahr, als er seinen eigentlich beeindruckenden Roman „Der goldene Handschuh“ in einer Ulk-Performance verhunzt hat.

Verwandlung eines Romans

Hey, Fleisch ist mein Gemüse“, so habe ihn vor Kurzem irgendein Fremder in der Kneipe angequatscht. Ohne Begrüßung oder Anrede habe der ihm einfach nur den Titel seines Erfolgsromans an den Kopf geworfen, erzählt Heinz Strunk zu Beginn seines Auftritts im Bremer Schlachthof. Ihm selbst behagt das nicht, auf ein Buch reduziert zu werden, dessen Veröffentlichung bereits zwölf Jahre zurückliegt. Allerdings war sein stark autobiografisch gefärbtes Debüt ein Besteller, der sich eine halbe Million Mal verkauft hat und 2008 verfilmt wurde. Dieses Buch ist der Ausgangspunkt für die Erfolge des Musikers, Entertainers und Schriftsellers, der mit bürgerlichem Namen Mathias Halfpape heißt. Mittlerweile kennen ihn viele auch durch seine Auftritte bei Extra 3, die Telefonstreiche mit Studio Braun oder aus der Fake-Dokumentation „Fraktus“.

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Eingeordnet unter Bücher 2016

Schrulliger Wuselkopf

Äußerst gewitzt erzählt Anne Weber von einem modernen Taugenichts

Jemand, der bevorzugt auf seinen Händen in der Öffentlichkeit herumspaziert, seine Miete mit Muscheln bezahlen will und sich liebend gern mit Schwalben, Akazien oder Briefkästen unterhält – so jemand darf sich nicht wundern, wenn man ihn als schrägen Vogel bezeichnet. Genau solch ein schräger Vogel ist Kirio, der äußerst eigentümliche Held in Anne Webers gleichnamigen Roman, der in diesem Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Den Preis hat zwar wer anders bekommen, aber Kirio würde das ganz sicher nicht kratzen, denn Auszeichnungen sind ihm vermutlich so schnuppe wie Geld, Karriere oder Schulterklopfer des Präsidenten höchstpersönlich. Als das Staatsoberhaupt ihm die Schulter tätschelt, ist Kirio allerdings auch just mit Tischfußball beschäftigt, hat also Besseres zu tun – auch wenn er sich zu jenem Zeitpunkt gerade in der Psychiatrie aufhält. Freilich ist der Aufenthalt bloß temporär, denn so einen Wuselkopf, den hält es nirgends lange. Mal lebt er in der freien Natur in einer Höhle, mal in einer Achtquadratmeter-Dachgeschosskammer in der Stadt und dann eben eine Weile in einer staatlichen Einrichtung.

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Eingeordnet unter Bücher 2017

Illegale Lebenszeichen

Der deutsch-irakische Autor Abbas Khider schickt in seinem Episodenroman „Brief in die Auberginenrepublik“ eine geheime Botschaft durch die arabische Welt des Jahres 1999.

Mit dem Arabischen Frühling blühte die Hoffnung auf, die arabische Welt könnte ihre Despoten abschütteln und sich Richtung Demokratie bewegen. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt, der eine oder andere Diktator wurde zwar aus seinem Palast gejagt, doch statt Demokratie folgte Instabilität: Tunesien ringt um eine Verfassung, Libyen kämpft mit Milizen, in Ägypten herrscht das Militär und in Syrien wehrt sich Assad mit allen ihm zur Verfügung stehenden Waffen gegen den drohenden Machtverlust. Ob ihn ein ähnliches Schicksal ereilen wird wie Ben Ali, Gaddafi, Mubarak oder Saddam Hussein, wird sich noch zeigen.

Von einer Zeit, in der diese Tyrannen noch sicher im Sattel sitzen, erzählt der deutsch-irakische Autor Abbas Khider in seinem Roman „Brief in die Auberginenrepublik“. Der Titel des Buches bezieht sich auf den Spottnamen, der Ende der 90er Jahre im Irak die Runde macht. Zu dieser Zeit ächzt das Land unter dem verhängten Handelsembargo. Wie so oft leidet vor allem die einfache Bevölkerung – Essbares ist rar, allein Auberginen gibt es en masse. Die Ehefrauen bemühen sich daher, aus dieser Eierfrucht diverse Gerichte zu kreieren: „Auberginen-Bällchen, Auberginen-Suppe, Auberginen gekocht, gegrillt oder gebraten.“

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Eingeordnet unter ältere Bücher

Anekdoten-Potpourri

 

Tex Rubinowitz hat nichts zu erzählen und macht das zum Thema seines Romans

Autoren, die nichts mehr zu erzählen haben, sind arme Würstchen. Wer nichts zu erzählen hat, kann das Veröffentlichen von Büchern vergessen. Sollte man zumindest meinen. Dass man es dennoch versuchen kann, zeigt aktuell der 1961 in Hannover geborene Zeichner, Musiker und Schriftsteller Tex Rubinowitz in seinem Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“. Bereits sein letzter Roman „Irma“ ist vielmehr ein munteres Anekdoten-Potpourri als tatsächlich Roman (zudem soll Rubinowitz angeblich einige Passagen nahezu wortgleich aus Wikipedia-Artikeln stibitzt haben). Die Kunst des Abschweifens und der Anekdotenaneinanderreihung hat der Bachmannpreisträger des Jahres 2014 nun geradezu perfektioniert. Offen gesteht er (beziehungsweise sein Icherzähler) ein, dass er mit seinem Lektor im Clinch liege, da er nichts mehr zu erzählen habe – und macht dies zum Thema seines Buches. Er berichtet von Streitgesprächen über seine Exposés, schweift in sexuelle Fantasien ab, schwadroniert über ABBA und andere Bands, streut einen Schwank aus seiner Kindheit ein und verheddert sich in teils larmoyanten Selbstreflektionen. Und dann gibt es da ja noch die Schauspielerin Anja Kruse, für die der Icherzähler eine Obsession entwickelt, weil sie quasi seinen Roman retten soll, indem er sie zur Hauptfigur seiner bisher nicht vorhandenen Geschichte machen will. Eine Schnapsidee, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist und auch seinen Lektor nicht überzeugt.

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Eingeordnet unter Bücher 2017

Himmel oder Hölle

Zwischen einem Wunder und Dante bewegt sich Sibylle Lewitscharoffs Roman

Was soll man von einem Literaturwissenschaftler halten, der behauptet, alle seine Kollegen seien während eines Kongresses zum Himmel aufgefahren? Vermutlich hielte man ihn für verrückt – auch er selbst schwankt hin und her, ob er die Himmelfahrt tatsächlich miterlebt hat oder nicht doch übergeschnappt ist. Und so sitzt Professor Gottlieb Elsheimer nun in seiner Frankfurter Wohnung und rekapituliert in einem inneren Monolog die Ereignisse jenes Mai 2013. An diesem Pfingstwochenende hat sich der Dante-Experte mit anderen internationalen Größen seiner Zunft im Saal der Villa Malta auf dem Römer Aventin versammelt, um sich ausgiebig Dantes „Göttlicher Komödie“ zu widmen.

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Eingeordnet unter Bücher 2016

Junge Leute, viel Frust

Noemi Schneider, Flurin Jecker und Fatma Aydemir legen ihre literarischen Debüts vor

Inmitten der Flut an Neuerscheinungen bereits etablierter Autoren gehen Debütanten manchmal komplett unter. Diesem Schicksal wollen die 34-jährige Noemi Schneider, der 26-jährige Flurin Jecker und die 30-jährige Fatma Aydemir möglichst entgehen – alle drei müssen sich in diesem Frühjahr erstmals auf dem Buchmarkt behaupten.

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Eingeordnet unter Bücher 2017

Möchtegern-Weltverbesserer

In Andreas Stichmanns zweitem Roman werkelt eine schrullige Truppe an neuen Utopien

Der Sonnenhof in Hamburg-Osdorf ist eine Art verblichener Utopie. Anfang der 80er als Kommune am Rande der Großstadt gegründet – von Ingrid, ihrem tunesischen Lebenspartner und ihren Hippie-Freunden. Mittlerweile ist von den Gründungsmitgliedern nur noch Ingrid übrig, die sich allerdings nicht mehr besonders um das Schicksal des Hofs schert. Das hat stattdessen ihr 35-jähriger Sohn Ramafelene übernommen, der als Sozialarbeiter den Laden mehr schlecht als recht am Laufen hält und sich um die beeinträchtigten Bewohner kümmert. Sein alter Kumpel Küwi ist ihm dabei kaum noch ein Hilfe, dafür neuerdings die 17-jährigen Bibi, die ihre Sozialstunden auf dem Hof ableistet und Ramafelene den Kopf verdreht.

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Eingeordnet unter Bücher 2017

Bin ein Schreiberling

Einer der Höhepunkte auf der Buchmesse: Peter Wawerzinek in Aktion – lesend, labernd, gestikulierend. Ein goldiges Original, gefüllt mit Witz, Verve und Poesie. „Bin ein Schreiberling“ – so der programmatische Titel seines neuen Buchs. Und was für einer!

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Im Schatten

In seinem Erzählungsband bewegt sich Clemens Meyer erneut am Rand der Gesellschaft

Als „Türsteher der neuen sozialen Literatur“ wurde der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer bezeichnet. Das liegt zum einen an den Milieus, in denen seine Geschichten spielen, und zum anderen an seinem nüchternen bis harten Ton. Ob in seinem Debüt „Als wir träumten“, seinem (2008 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten) ersten Erzählungsband „Die Nacht, die Lichter“ oder seinem (2014 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichneten) Roman „Im Stein“ – stets rückt Meyer Figuren ins Rampenlicht, die sonst auf der Schattenseite leben.

So gesehen bleibt sich der 39-Jährige in seinem zweiten Erzählungsband „Die stillen Trabanten“ treu. Dieses Mal sind es zwar keine Arbeitslosen, Kriminellen oder Prostituierten, denen sich Meyer zuwendet, aber es sind jene, die sich in meist schlecht bezahlten Jobs abmühen und dennoch auf keinen grünen Zweig kommen. Da ist zum Beispiel ein Wachmann, der seit vielen Jahren seine Runden um das Ausländerwohnheim dreht und an die Zeit zurückdenkt, als sich eine zarte Romanze mit einer der Bewohnerinnen zu entwickeln begann – bis sie plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Oder der Imbissbudenbesitzer, der eine Freundschaft mit seinem streng muslimischen Nachbarn pflegt und sich zugleich in dessen Freundin verliebt.

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Nein danke, ich lese nicht

Schönster Satz, direkt nach der Ankunft in Leipzig – vor dem Bahnhof, wo eine Studentin kostenlos Bücher verteilt, antwortet ein Mann auf das Angebot: „Nein danke, ich lese nicht!“

Klare Ansage und ein feiner Auftakt zur Buchmesse. Erinnere mich, dass Clemens Meyer bei einer Lesung genau so eine Szene geschildert hat, als er über Leipzig geredet hat. Da kam gleich Vorfreude auf.

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