Oh mein Utopia

Pirandello1

In feiner Regelmäßigkeit keimt eine gewisse Sehnsucht in mir auf – und zwar immer dann, wenn meine diversen Mailpostfächer überquellen, meine To-do-Liste trotz 60-Stunden-Woche Tag für Tag weiter wild auswuchert und mein so liebgewonnenes Smartphone in der Hosentasche mit einem sanften Brummen dauervibriert, während sich meine Facebook-Freunde in Rage reden, die BILD-Titelseiten meinen Puls hochtreiben und ich bei meinen Radtouren durch die Stadt tagtäglich ein gutes Dutzend Mal überdimensionierten Blechkarossen ausweichen muss, um nicht auf direktem Wege von einer Stoßstange ins Nirwana katapultiert zu werden.

Wenn all das zusammenkommt, dann ist es wieder so weit, dann sehne ich mich nach einer von mir selbst zusammengezimmerten Hütte auf einem Hügel irgendwo im Niemandsland, mit Blick auf einen See und eine Blumenwiese. Weit und breit keine Menschenseele, keine Asphaltrennstrecken für SUVs, kein Internet, kein Facebook, kein Mobiltelefon!

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Eingeordnet unter Bremen, Glossen

Der Fallensteller von Fürstenfelde

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Sein Debüt wurde 2006 vielfach bejubelt und sogleich mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichnet, sein zweiter Roman vor zwei Jahren mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämiert – jetzt legt Saša Stanišić mit einem Erzählungsband („Fallensteller“) nach, in dem der 38-Jährige erneut untermauert, dass er erzähltechnisch einiges drauf hat.

VON JENS LALOIRE

Plötzlich ist er da, dieser sonderbare Fremde, steht in seiner altmodischen Kluft vor Ullis Garage, in der sich die Pilstrinker von Fürstenfelde ihr Feierabendbier genehmigen. Die Garage ersetzt die Kneipe, weil in dem Dorf „nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist“. Dafür, dass es nicht zu schön ist, sorgen unter anderem die Ratten, die sich gelegentlich in der Garage blicken lassen und derentwegen der Fremde nun mit Koffer und Käfig vor den argwöhnisch dreinblickenden Männern dasteht. Obwohl ihn niemand darum gebeten hat, verspricht der Fremde, der sich als Fallensteller vorstellt, die Lösung des Rattenproblems. Aller anfänglichen Skepsis zum Trotz lassen die Fürstenfelder den leicht antiquiert daherpalavernden Kerl gewähren und werden dafür sogleich mit dem ersten Rattenfang belohnt. Vor ihren Augen schlüpft eine Ratte aus ihrem Versteck und rennt schnurstracks in die Falle, die der Fremde gerade erst aufgestellt hat. Die Männer staunen und der Rattenfänger verabschiedet sich, ohne einen Lohn zu verlangen, samt Beute in den Abend – und steht wenige Minuten später bei der Bäckerin Angela Zieschke vor der Tür, um sich in ihrer Einliegerwohnung als Untermieter einzuquartieren.

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Eingeordnet unter Bücher 2016

Ernie auf Speed

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Das euphorische Lachen eines kleinen Jungen, der auf dem

Ledersofa im Café von seinem Vater durchgekitzelt wird.

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Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Die Kraft der Poesie

Goethe

Am Freitagabend – vor drei Jahren – startete das 14. internationale Literaturfestival „poetry on the road“ im Bremer Theater mit acht Dichterinnen und Dichtern.

Der Zauber eines internationalen Literaturfestivals geht nicht zuletzt von der Vielzahl der Sprachen aus, in denen die vertretenen Schriftsteller ihre Texte dem Publikum präsentieren. Am Eröffnungsabend der 14. Auflage von „poetry on the road“ war am Freitag im Bremer Theater der Klang von gleich sieben verschiedenen Sprachen zu vernehmen: Hebräisch, Russisch, Spanisch, Schwedisch, Englisch und Deutsch. Da passte es sehr gut, dass der Autor und Rundfunkredakteur Michael Augustin zu Beginn in seinem Poem auf Englisch ein paar grundsätzliche Fragen zu Gedichten stellte: Wie viel wiegt ein Gedicht, wo findet sich dessen Haltbarkeitsdatum und wie lange kann ein Mensch ohne Gedichte überleben?

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Eingeordnet unter Bremen, Zusatzstoffe

Durchgeknallte Wiener Melange

Stein-sw

Die Weltgeschichte hat in Hannes Steins aberwitzigem Debütroman „Der Komet“ eine vollkommen andere Richtung eingeschlagen und den Europäern somit manches erspart.

Das 20. Jahrhundert war für Europa äußerst angenehm. Weder gab es nennenswerte Kriege oder Revolutionen, noch größenwahnsinnige Diktatoren, die den kompletten Kontinent zu unterwerfen anstrebten. Stattdessen lebten die verschiedenen Monarchien und die Republik Frankreich friedlich nebeneinander. Während die k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn sich weiterhin als Nabel der Welt verstand und eine Vielzahl von Nationen unter seinem Dach vereinte, gingen aus dem friedfertigen wie kulturliebenden Deutschen Reich so ziemlich alle technischen Innovationen der Moderne hervor. Jenseits des Atlantiks passierte hingegen wenig: Amerika blieb ein „Land der Kuhhirten und Indianer (…), das in weltpolitischen Fragen strikte Neutralität wahrte“.

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Eingeordnet unter ältere Bücher

Waschmaschinengalaxien

Lampenballons

Sonntagabend im Waschsalon. Allein mit 34 dickbäuchigen Maschinen, die alle schweigen, bis auf einen sanft vor sich hinsurrenden Trockner, in dessen Trommel mein frisch gewaschenes Bettzeug tanzt, während am Kassenautomaten mir gegenüber die Metallklappe des Münzfaches beharrlich vor- und zurückschwingt, ein Millimeter vor, ein Millimeter zurück – ein unaufhaltsames Perpetuum mobile, dem niemand die verdiente Aufmerksamkeit schenkt, weshalb ich beim Abschied ein Fünfcentstück ins Fach lege und danke sage.

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Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Kohlköniginnen

Deichschartbrücke

Zwei mit Schnapsgläsern behängte Frauen, die beide mit einem Piccolo-Fläschchen ausgestattet gemeinsam einen Bollerwagen hinter sich herziehen und dabei vor Freude strahlen – am späten Freitagmittag, auf dem Bürgersteig des Buntentorsteinwegs, kurz vorm Werdersee …

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Eingeordnet unter Bremen, Schnipsel

Liebe statt Koks

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Alkohol, Koks und Sex gibt es jede Menge im neuen Roman des Österreichers Thomas Glavinic. Zum Glück jedoch bietet „Der Jonas-Komplex“ neben den Drogeneskapaden eines taumelnden Egozentrikers auch noch eine Adoleszenz-, eine Liebes- und eine Abenteuergeschichte, die zusammen für ausgefallenere Unterhaltung sorgen.

Von Schreib- und Identitätskrisen geplagte Schriftsteller, die deutlich mehr Flaschen leeren als Seiten mit Text füllen, finden sich zuhauf in der Literaturgeschichte. Liegt ja auch nahe, die eigene Krise zu einem literarischen Stoff zu verarbeiten. Originell ist das indes nicht unbedingt und auf Dauer meist ziemlich öde, weshalb sich nach den ersten 100 der insgesamt 750 Seiten von Thomas Glavinics Roman „Der Jonas-Komplex“ die Sorge einschleicht, dass es endlos weitergehen könnte mit Linien ziehen, Schnäpse kippen und Potenzproblemen. Geht es dann zum Teil auch, allerdings nur auf jener einen Handlungsebene, in der die Story des Berufsliteraten erzählt wird, der durchaus das Alter Ego von Glavinic sein könnte, denn die beiden haben über Beruf, Alter und Herkunft hinaus noch einiges gemein (schließlich gilt der 43-jährige Wiener als Enfant terrible der Literaturszene).

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Eingeordnet unter Bücher 2016

Allwetterleser

NapoliHeiligennische

Der ältere, bärtige Obdachlose, der auch bei Regen, Schnee oder Graupelschauern unter der Mini-Möchtegern-Arkade der Sparkasse auf seiner Decke hockt, ein Buch in den Händen hält und vollständig in seiner Lektüre versunken scheint, jedoch stets kurz aufschaut, um sich zu bedanken, wenn ein paar Münzen in seinem Pappbecher gelandet sind. Was er da gerade lese, frage ich ihn, woraufhin er das Taschenbuch zuklappt, damit ich das Cover sehen kann, auf dem ein bebrillter Junge einen flauschigen Hundewelpen umarmt, was mir ein Lächeln entlockt – nicht weil es ein kitschiges Foto ist, sondern das Titelbild eines Romans, den ich sehr mag und von dem ich bereits weiß, dass ich ihn in Kürze für einen Vortrag über den Autor ein weiteres Mal lesen werde: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff.

Auch der Bärtige mag das Buch, schwärmt auf Nachfrage von einzelnen Szenen, von denen ich einige bereits vergessen hatte, und sagt, dass er von dem Schriftsteller auf jeden Fall noch mehr lesen wolle. Ich erzähle ihm, dass erst vor wenigen Wochen Meyerhoffs dritter Roman erschienen sei und bei mir zuhause auf dem Schreibtisch liege. Das werde er sich auch besorgen, sagt er. Als ich zu bedenken gebe, dass man den Roman noch nicht als Taschenbuch kaufen könne, er also recht teuer sein dürfte, erwidert der Bärtige, dass das kein Problem sei, da er noch einen Thalia-Gutschein habe. Den werde er für das Buch einlösen, sagt er und grinst. Ich nicke, verabschiede mich und radel rasch nach Hause, um meine Meyerhoff-Lektüre fortzusetzen.

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Wort der Woche

fernrohr

 

 

Lenz?

 

 

 

 

 

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