Monatsarchiv: Dezember 2015

17 – Tarantino-Twist

beatlessimpson

Let´s twist again‹ röhrte Chubby Checker 1961 auf dem Höhepunkt der Twist-Bewegung. Ein Jahr zuvor hatte Checker Arme, Becken und Zehenspitzen drehend mit ›The Twist‹ einen Hit gelandet und mit rhythmischer Musik und Körperverdrehung eine Twist-Welle ausgelöst; denn die Jugend der Sechziger ließ sich nicht lange bitten, sondern drehte sich in den Tanzhallen mit. Selbst ins Land der Krauts schwappte der Twist, wo er auch gleich eingedeutscht wurde (von Caterina Valente im Westen und von Manfred Krug im Osten).

Die Jugend ließ beim Twist im 4/4tel-Takt die Becken kreisen, und die Erwachsenen schüttelten dazu die Köpfe, denn trotz des fehlenden Körperkontakts der Tanzenden, glaubten die dauergewellten Damen und frisch gescheitelten Herren im Twist eine gewisse Ähnlichkeit zu jenen Bewegungen zu erspähen, die sie sich selbst nur hinter verschlossener Schlafzimmertür im Ehebett erlaubten, nachdem die Hornbrille auf dem Nachtschränkchen zur Seite gelegt worden war.

Checker und der Twist wurden Mitte der Sechziger von den Beatles überrollt. Erst in den 1990ern löste Tarantinos ›Pulp Fiction‹ ein Twist-Revival aus: Die Kinogänger wollten wie Uma Thurman und John Travolta stylish bar- oder sockfuß über die Tanzflächen dieser Welt twistern, so wie es die beiden Filmstars zu Chuck Berrys ›You never can tell‹ vorgeturnt hatten. Eine Kultszene, der wir die Arterhaltung hüftschwingender Zehenspitzentänzer verdanken; und eine Szene, die in knapp zwei Minuten alle elementaren Grundlagen des Twist-Tanzes vermittelt – der je nach Bedarf vor oder hinter verschlossenen Schlafzimmertüren getanzt werden darf.

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16 – Brennende Ärsche

Fluss

Eine mit Brennnesseln überwucherte Sitzbank am Fluss, die als Naturinstallation die Fantasie belebt …

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15 – Sylt-Festland-Schnipsel – Raucherpause im Nebel

wattenmeer

Noch einmal mit dem Zug an allem vorüberrauschen, am Meer, am Deich, an den Schafen, den Möwen, den Reetdachhäusern; danach über den Bahndamm durchs Wattenmeer gen Festland, wo sich alles im Nebel versteckt – vielmehr als die tristen Kleinstadtbahnhöfe lässt sich dort draußen jenseits der schmuddeligen Scheiben nicht erkennen.

In Heide hat man Zeit, sich das Wenige, was sichtbar ist, in Ruhe anzuschauen – die Regionalbahn legt ganz offiziell eine 6-minütige Raucherpause ein.

Bitte benutzen Sie die dafür vorgesehenen Aschenbecher am Bahnsteig!

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14 – Wort der Woche

fernrohr

 

 

Honigkuchenpferd

 

 

 

 

 

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13 – Auf den Spuren der Schönheit

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Ein Schönheitswettbewerb war der Ausgangspunkt für den Trojanischen Krieg. Die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite lagen im Streite darüber, wer die Schönste von ihnen sei. Um den Wettstreit zu entscheiden, beriefen sie den trojanischen Königssohn Paris zum Schiedsrichter. Diesem gefiel Aphrodite am besten und er überreichte ihr den goldenen Apfel mit der Aufschrift „der Schönsten“. Als Lohn versprach die Göttin dem Jüngling die schönste Frau der Welt – die Griechin Helena, welche jedoch die Gattin des griechischen Fürsten Menelaos war. In Menelaos Abwesenheit entführte Paris Helena, was den Griechen missfiel und sie gen Troja zum Krieg aufbrechen ließ.

Streitereien darüber, wer oder was am schönsten ist, haben eine lange Tradition und werden auch im 21. Jahrhundert fleißig fortgeführt: Ob „Germanys next Topmodel“, diverse Miss-Wahlen oder Ranglisten über die weltschönsten Filmstars, Modekollektionen, Städte oder Parkanlagen – es scheint eine Sehnsucht zu geben, über Schönheit zu diskutieren sowie sie zu prämieren. Über Schönheit lässt sich vortrefflich streiten, da sie keine Eigenschaft ist, die an bestimmte allgemein verbindliche Merkmale gekoppelt ist. Alle Menschen haben eine vergleichbare Vorstellung davon, was „gelb“ oder „rund“ ist, aber viele unterschiedliche Vorstellungen davon, was schön ist. Einige finden sauber sanierte Stadtviertel schön, andere hingegen erkennen in alten bröckelnden Fassaden eine morbide Schönheit.

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12 – Champagner-Revoluzzer

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DMD KIU LIDT

Letztendlich hab ich meine Koffer gepackt
Hab ein Ticket gelöst und bin weit gefahrn
Ich habe aufgeschrieben was ich lang vergessen hab
Auf der Suche nach ein paar verlorenen Jahren
Unterm Strich war ich nicht öfter oben als unten
Aber ja, ich war nie mittendrin
Ich bin ausgezogen in Sachen Liebe und Hass
Ich kann nicht sagen, dass ich wieder gut heimgekommen binAnd now there is nothing where I used to sing
But DMD KIU LIDTWas da jetzt kommt wird mich nicht mehr verlassen
Das weiß ich, und ich weiß noch viel mehr
Oh, ich hab verprasst was es gab zu verprassen
Die Tage die kommen werden lang sein und leer
Oh, ich werd erst mal meine Tür fest verriegeln
Und die Fenster am besten gleich auch
Und dann werd ich mich schrecklich lang niederlegen
Ich spür schon was Kaltes, einen eisigen Hauch

I’m afraid this is nothing but your dirty trick
You know DMD KIU LIDT

Vielleicht schau ich mal rüber zur Grand Dame gegenüber
Vielleicht kommt manchmal Hanky vorbei
Ich werd sagen: »Hanky, wie geht’s der Welt da draußen?«
Und Hanky wird lügen, wird sagen: »Alles ok.«
Wenn’s dunkel ist werd ich dann meine Boots rausholen
Und selbst schaun was da draußen so geht
Ich werd schnell merken sie haben uns mehr als die Straße gestohlen
Und das sagt da jemand der on the road klebt

This is no adventure not even a trick
This is DMD KIU LIDT

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11 – Unterkühlter Abschied von der Zivilisation

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Heinz Helle schickt eine Männerclique in eine postapokalyptische Landschaft

Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ – das ist der kuriose Titel von Heinz Helles exzellentem Debüt, dem 2014 sogleich der Sprung auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises gelang. In diesem Jahr legte der 37-Jährige rasch mit einem zweiten Kurzroman nach, der es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffte und ebenfalls mit einem originellen Titel aufwartet: „Eigentlich müssten wir tanzen“. Während Helle in seinem Erstling mit einem eigenwilligen Sound von einem Philosophie-Doktoranden erzählt, der in New York mit seinen Gedanken und seiner Liebesunfähigkeit ringt, rückt er dieses Mal eine Männerclique ins Zentrum seiner Geschichte.

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10 – Dinge & Gedichte

agrigento

Heute auf dem Sofa gesessen, aus dem Fenster geschaut und den Spruch beherzigt, der auf dem Teebeuteletikett meines morgendlichen Green-Balance-Yogi-Tees abgedruckt war: Lass die Dinge zu dir kommen.

Während draußen der Herbstwind die Wolken vor sich hertrieb und mir die Äste der Birken, Kiefern und Robinien aus den Hintergärten hektisch zuwinkten, wartete ich drinnen auf die Dinge, die nicht kommen wollten.

Nach drei Stunden stand ich auf, ging in die Küche, nahm die Schachtel mit den Teebeuteln und strich mit einem schwarzen Edding sorgfältig jeden einzelnen Yogi-Tee-Spruch durch.

Danach durchströmte mich für einen Moment ein Glücksgefühl und ich dachte an die letzte Zeile meines allerersten Gedichts, das ich mit 17 für eine Klassenkameradin geschrieben habe:

Das Leben, was wird´s am Ende bloß ergeben.

PS: Auch allererste Gedichte sollte man mit einem schwarzen Edding sorgfältig durchstreichen!

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9 – Verlust = Raucherlunge

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Das kleine O, das jemand dem an der Glastür klebenden Schild mit der Aufschrift Raucherlounge geklaut hat.

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8 – In love with a book

Setz1

Natalie liebte alles, was weltumspannend war, wie Live-Sendungen, Mondphasen oder die Romane von Stephen King. All die Dinge, die in jedem beliebigen Augenblick von möglichst vielen Menschen wahrgenommen und gemocht wurden.“

Was tun, wenn man merkt, dass man in einer Phase, in der man doch eigentlich überhaupt keine Zeit für rein gar nichts hat, gerade dabei ist, sich in einen 1000-Wälzer zu verlieben?

Drei infrage kommende Reaktionsoptionen

Bitte die richtige Antwort ankreuzen

  1. Das Fenster öffnen und aus dem dritten Stock den Wälzer direkt auf die Frontscheibe des SUV plumpsen lassen, der immer den Fußweg zuparkt.
  2. Zum nächsten öffentlichen Bücherschrank laufen und mit dem Teufelswerk eine Lücke zwischen Rosamunde Pilcher und Johannes Mario Simmel stopfen, und anschließend – um einer Kehrtwende zuvorzukommen – rasch mit der Straßenbahn bis zum Stadtrand fahren und dort in einer Pommesbude die Wörter in der BILD zählen.
  3. Sich zu Hause einschließen, alle Telefone abschalten, die Internetverbindung kappen und eine Tüte mit Keksen sowie eine Kanne mit Tee neben das Sofa stellen und einfach weiterlesen, Seite für Seite, bis die 1019 erreicht ist.

Folgen Sie diesem Heißluftballon!“

Der neue Spitzenreiter auf meiner Top Ten der ersten Sätze.

Natalie verwendete nachts das Internet nur dann, wenn nirgends eine Live-Sendung zu finden war. Das Internet war auch live, aber es fühlte sich gleichzeitig an wie etwas Riesiges, das meistens tief schlief und nur punktweise geweckt werden konnte. Es tat so wenig von allein und wurde mit unvorstellbar riesigen Datenmengen vollgestopft, jeden Tag. Das Internet sprach immer mit vollem Mund.“

[Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre]

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